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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Objekt des Monats September 2026

Objekte erzählen Geschichte

Monat für Monat präsentieren wir Ihnen in unserer Dauerausstellung ein Objekt des Monats. Dabei handelt es sich um neue, unbekannte oder womöglich zu wenig beachtete Objekte und deren Geschichte. Der Schwerpunkt des Jahres 2026 liegt auf Neuzugängen zu unseren Sammlungen.

Foto: Michael Bigus

 

 

Mineralien Auf- und Entladeset aus dem Webshop von AUF1

Signatur: DÖW-Rechtsextremismussammlung

 

Ein Sackerl mit glitzernden Steinen soll dabei helfen, Energien ins Gleichgewicht zu bringen und Gegenstände zu „reinigen und aufzuladen“. Das Set selbst müsse dafür regelmäßig aufgeladen werden, etwa unter einem tropfenden Wasserhahn oder im Licht des Vollmonds. Die Anleitung vermittelt damit eine Vorstellung von unsichtbaren Kräften, die Gegenstände und ihre Umgebung beeinflussen können. Energie kann demnach entfernt oder durch neue Energie ersetzt werden. Auf den ersten Blick wirken die Kristalle wie ein unscheinbares esoterisches Produkt. In der Sammlung des DÖW stehen sie jedoch für eine Verbindung, die weniger offensichtlich ist: jene zwischen Esoterik, Verschwörungsglauben und Rechtsextremismus.

 

Das „Mineralien-Auf- und Entladeset“ wurde um den Preis von 14,90 Euro im Webshop des rechtsextremen und verschwörungsideologischen Mediums AUF1 angeboten. Hinter der spirituellen Oberfläche verbirgt sich ein ertragreiches Geschäftsmodell. Rechtsextreme Verschwörungserzählungen schüren Ängste vor unsichtbaren Gefahren und schädlichen Einflüssen, für die anschließend konkrete Produkte eine Lösung versprechen. Die Produkte sollen dem Einzelnen ein Gefühl der Kontrolle über die zuvor durch Bedrohungsszenarien geschürten Ängste vermitteln. Für AUF1 bietet das Geschäft mit esoterischen Artikeln eine willkommene Einnahmequelle, die die Verbreitung rechtsextremer Inhalte mitfinanziert.

 

Esoterik ist kein einheitliches Phänomen und keineswegs grundsätzlich rechtsextrem. Historisch wie gegenwärtig gibt es jedoch eine rechtsextreme Spielart der Esoterik. Zugleich können bestimmte esoterische Vorstellungen und Denkmuster Anknüpfungspunkte für verschwörungsideologisches und rechtsextremes Denken bieten. Ein dualistisches Weltbild, Anspruch auf einen besonderen Zugang zur Wahrheit und das Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Medien und Institutionen können dabei ideologische Nähe schaffen. Wer davon ausgeht, dass hinter der sichtbaren Welt unsichtbare Kräfte wirken, kann auch für die Vorstellung empfänglich sein, dass hinter politischen und gesellschaftlichen Ereignissen geheime Mächte stehen. In verschwörungsideologischen Erzählungen wird die Welt häufig als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Dunkelheit“ oder zwischen „Erwachten“ und „Schlafenden“ dargestellt. Diejenigen, die sich selbst als „aufgewacht“ verstehen, beanspruchen dabei einen besonderen Zugang zur Wahrheit. Wissenschaft, Medien und staatliche Institutionen erscheinen dagegen als Teil eines Systems, das die tatsächlichen Zusammenhänge verschleiert.

 

 

Foto: Daniel Shaked

 

Auch Vorstellungen von „Natürlichkeit“ und „Reinheit“ können in beiden Bereichen eine Rolle spielen. Die dem Objekt zugeschriebenen Energien verweisen dabei auf die esoterische Vorstellung, dass hinter der sichtbaren Welt verborgene Kräfte wirken. In rechtsextremen Weltbildern wird die Vorstellung von „Reinheit“ dagegen auf Gesellschaft und rassistisch definierte Gruppen übertragen. Die Vorstellung einer natürlichen, ursprünglichen Ordnung kann so mit der Ablehnung einer als künstlich, verdorben oder von außen beeinflusst dargestellten Gesellschaft verbunden werden.

 

Die spezifisch rechtsextreme Esoterik hat dabei eine lange Geschichte. Ihre Wurzeln reichen auch in die Ariosophie des späten 19. Jahrhunderts zurück. Diese verband esoterische Vorstellungen mit rassistischen Lehren und der Annahme einer Überlegenheit sogenannter Wurzelrassen. In neuer Form finden sich rechtsesoterische Vorstellungen heute auch in sozialen Medien, etwa als Memes und musikunterlegte Kurzvideos.

 

Doch was hat das mit dem unscheinbaren Sackerl mit den glitzernden Steinen zu tun? Für sich genommen sind die Steine harmlos. Ihre Bedeutung entsteht im Zusammenhang, in dem sie angeboten werden. Das Objekt steht damit nicht für eine Gleichsetzung von Esoterik und Rechtsextremismus. Es zeigt vielmehr, wie ein scheinbar harmloses esoterisches Produkt Teil eines rechtsextremen Resonanzraums werden kann – und damit Aufschluss über die Verbindungen zwischen Esoterik, Verschwörungsglauben und Rechtsextremismus gibt.

 

Weiterführende Literatur:

 

Autor: Florian Zeller, Rechtsextremismusforscher

Fotos: Michael Bigus (Objekt), Daniel Shaked (Porträt)

 

 

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