Monat für Monat präsentieren wir Ihnen in unserer Dauerausstellung ein Objekt des Monats. Dabei handelt es sich um neue, unbekannte oder womöglich zu wenig beachtete Objekte und deren Geschichte. Der Schwerpunkt des Jahres 2026 liegt auf Neuzugängen zu unseren Sammlungen.

Handgeschnitzte Figuren aus der „Fluchtstube“ von Emmerich Grünwald
Signatur: DÖW M 1003
In den 1940er und 1950er Jahren waren profane Holzschnitzereien wie etwa von Musikant*innen in Tracht in Österreich und Süddeutschland weit verbreitet. Sie spiegeln eine volkskundlich geprägte Bildwelt der Nachkriegszeit wider, die ein Gefühl von Kontinuität und Normalität vermittelte. Die hier gezeigten Figuren sind zwei von sechs Schnitzereien, mit denen der Holocaust-Überlebende Emmerich Grünwald seinen persönlichen Rückzugsort ausgestaltete.
Grünwald wurde am 4. März 1896 in eine jüdische Familie in Budapest geboren, die im Ersten Weltkrieg nach Wien übersiedelte. Der im Krieg verwundete Emmerich Grünwald kam nach Wien zurück und wurde Radioingenieur. Die Familie betrieb an ihrer Wohnadresse in der Schlickgasse 5 in Wien-Alsergrund ab 1926 ein Radiogeschäft, das später an die gegenüberliegende Straßenseite übersiedelte und ab Mai 1937 von Emmerich Grünwalds Mutter Olga als Einzelfirma betrieben wurde.
Emmerich Grünwald engagierte sich in der Sozialdemokratischen Partei und verteilte auch nach 1934 illegale sozialdemokratische Schriften. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich „erwarben“ Franz Hiesleitner und Kamillo Kus das Geschäft, aus dem Olga Grünwald mit Antrag vom 20. April 1938 ausschied. Olga Grünwald und ihrer Tochter Ilona gelang die Flucht vor der Verfolgung, sie überlebten den Holocaust in Ungarn bzw. in Shanghai. Emmerich Grünwald wurde Ende 1941 in eine Sammelwohnung in der Nickelgasse 5 in Wien-Leopoldstadt zwangsumgesiedelt. Im September 1942 wurde er in die Seegasse 9 gebracht und von dort drei Tage später, am 24. September 1942, nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto arbeitete er in der Wirtschaftsabteilung der „Jüdischen Selbstverwaltung“ und blieb auch nach der Befreiung im Mai 1945 bis zum 26. Juli 1945 freiwillig auf diesem Posten. Im Sommer 1945 gelangte er mit einem Rückkehrertransport nach Wien und kam erneut in der Seegasse 9 – im „Rückkehrerheim“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien – unter. Auch seine Mutter Olga und seine Schwester Ilona Grünwald kehrten Ende der 1940er Jahre nach Wien zurück. Die Familie verlor 14 Verwandte im Holocaust, darunter zwei Geschwister von Olga.

Emmerich Grünwald wurde 1946 als Opfer der politischen Verfolgung anerkannt und erhielt eine Opferfürsorgeentschädigung für seine Haft in Theresienstadt – für Holocaust-Opfer sah das Opferfürsorgegesetz damals noch keine Entschädigung vor, als Opfer „rassischer Verfolgung“ wurde er erst 1953 anerkannt. Im Juli 1946 wurde Emmerich Grünwald zum öffentlichen Verwalter des Radiogeschäfts Höndl & Co. bestellt, ein Rückstellungsverfahren, das er gegen Kamillo Kus, den Besitzer des Radiogeschäftes zwischen 1938 und 1946, wegen zur Verwahrung übergebenen, aber nicht zurückgegebenen Wertgegenstände anstrebte, wurde 1951 abgewiesen – das Gericht sah sich in der Angelegenheit nicht zuständig.
Zwischen seiner Wohnung und dem Radiogeschäft richtete Grünwald eine Stube ein, die von seiner Schwester und seinem Nachmieter, Leslie Zech, als „Fluchtstube“ bezeichnet wurde. Dieser wandte sich 2025 an das DÖW, weil er die Konstruktion aus feuerpolizeilichen Gründen abbauen musste. Der Abgang zu dieser Stube verbarg sich hinter einer Schranktür im Schlafzimmer. Wozu Grünwald die holzvertäfelte Stube eingerichtet hatte, bleibt unklar – es kann jedoch vermutet werden, dass sie sowohl ein Rückzugsort als auch ein mögliches Versteck war. Das legen auch die Erfahrungen aus dem sozialen Umfeld nahe: Eine Angehörige überlebte den Holocaust als U-Boot in Wien.
Die bäuerliche Stube und die Holzfiguren musizierender Männer und Frauen in Trachten, die Grünwald dort nebeneinander aufreihte, stehen für die Zeit, die er in der Stube verbrachte, für die österreichischen Traditionen, denen er sich verbunden fühlte, und für die Gefahr, dass – in den Worten Primo Levis – wieder geschehen könnte, was einmal geschehen ist, die die nach Wien zurückgekehrten Jüd*innen nach dem Holocaust in ihrem „weiter leben“ (Ruth Klüger) spürten.
Emmerich Grünwald nahm sich 1958 das Leben, er wurde am 1. März 1958 neben seiner Mutter bestattet.
Weiterführende Literatur:
Elisabeth Anthony, The Compromise of Return. Viennese Jews after the Holocaust, Wayne State University Pres 2021.
Brigitte Ungar-Klein, Schattenexistenz, Jüdische U-Boote in Wien 1938–1945, Wien 2019.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Forschungen zu Vertreibung und Holocaust (Jahrbuch 2018), Wien 2018.
Signatur: DÖW M 1003
Autoren: Andreas Kranebitter, Wissenschaftlicher Leiter, Wolfgang Schellenbacher, Historiker
Fotos: Michael Bigus (Objekt), Daniel Shaked (Porträt)





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