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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Identitäre Kindesweglegung

In der Nacht auf den 18. Juni 2026 kam es am Rande des Stiftungsfests der örtlichen Burschenschaft Leder in Leoben zu einem gewalttätigen Vorfall: Ein Taxifahrer berichtete, einer Gruppe von im neonazistischen Sinn ausfällig gewordenen Festgästen die Mitfahrt verweigert zu haben und in weiterer Folge von mehreren Korporierten verprügelt worden zu sein. Am 5. Juli berichteten verschiedene Medien wie Der Standard, dass nun gegen mehrere Mitglieder der Burschenschaft Olympia Ermittlungen zu dem Vorfall geführt würden, darunter mit Yannick Wagemann und G.S. zwei Führungskader der Identitären Bewegung Österreich. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.

 

Noch am Sonntag erklärte die IBÖ in einer Stellungnahme, dass der Vorfall von Leoben „in keinem Zusammenhang“ mit ihr stehe. „Die beteiligten Personen sind seit knapp einem Jahr weder aktive Mitglieder noch Sprecher unserer Bewegung mehr.“ Damit bedient sich die IB einmal mehr eines Taschenspielertricks: Da sie gar keine formale Mitgliedschaft anbietet, kann die Mitgliedschaft zur Belastung gewordener Personen leicht in Abrede gestellt werden. Die Angabe, wonach die Aktivitäten beider für die IBÖ vor „knapp einem Jahr“ geendet hätten, verweist auf den Umstand, dass sie noch bei der identitären Sommerdemonstration im Juli 2025 als Anheizer agiert hatten. G.S. betätigte sich noch im Sommer 2025 als Ringrichter einer Boxveranstaltung im Wiener Identitären-Keller. Vor rund einem Jahr wurde bekannt, dass er im Freiheitlichen Parlamentsklub als Mitarbeiter beschäftigt ist bzw., nach Angaben des FPÖ-Abgeordneten Michael Oberlechner, bis zu den Ereignissen von Leoben beschäftigt war.

 

Wagemann posierte im Oktober 2025 für ein identitäres Rekrutierungssujet. Noch am 9. Juni 2026 veröffentlichte die IBÖ ein Mobilisierungsvideo für die heurige Auflage ihrer Demonstration, in dem sowohl Wagemann als auch G.S. zu sehen sind. Wagemann sei zudem noch vor drei Wochen „im Identitären-Keller in Wien als Rädelsführer aufgetreten“, berichtet Der Standard . Gelöscht wurde inzwischen etwa ein Video vom 9. Juli 2025, in dem IBÖ-Sprecher Martin Sellner Wagemann als Leiter der IB Wien präsentierte. In diesem Video gab Sellner an, Wagemann habe erstmals im März 2024 eine IB-Aktion – damals gegen die EU-Agentur für Grundrechte in Wien – organisiert.

 

Während die IB nun behauptet, mit Wagemann und G.S. nichts zu tun zu haben, agierten beide nicht nur als Aktivisten der Identitären, sondern als deren Gesichter, die Demonstrationen und sonstige Aktionen anmeldeten, organisierten und leiteten. Als Führungskader sind beide durch einen Selektionsprozess gegangen, der nach identitären Angaben sicherstellt, dass die Gesichter der Bewegung diese auch inhaltlich zu repräsentieren in der Lage sind. So erklärte Sellner nach der Sommerdemonstration 2025, wie immun die IB gegen Unterwanderung durch Extremisten sei: „Wir sind also wirklich sehr selektiv. Auslese. Ständige Auslese, wieder und wieder und wieder.“ Dank dieses strengen Ausleseprozesses, dem er „fast schon blind vertraue“ und der die IB gegenüber anderen rechten Gruppen einzigartig mache, hätten Extremisten dort „kein Leiberl“ und könne man sich darauf verlassen, dass der IB ausschließlich „großartige Leute“ angehörten. (Telegram, Audio, 5.8.2025)

 

Einige Monate zuvor hatte Sellner in einem Video zusammen mit Wagemann vor der Gefahr eingeschleuster Spitzel gewarnt: „Passt extrem auf! Wir sind Profis, wir machen das seit über 10 Jahren […], wir können glaub ich recht gut rausfiltern, wenn Leute Spinner sind. […] Wer ein Freak ist, wird rausgefiltert und rausgeschmissen.“ Interessenten würden gründlichen Backgroundchecks unterzogen. Es stellt sich somit die Frage, ob der vielbeschworene Ausleseprozess im Fall von G.S. und Wagemann eklatant versagt hat oder vielmehr eben jenen Typus an die Spitze brachte, der die Gruppierung treffend repräsentiert. „Im Endeffekt geben wir das nach außen, was wir auch nach innen sind“, erklärte Wagemann im selben Video. Sellner wiederum zeigte sich von seinem Protegé angetan: „Dieser Staat […] sollte sich freuen, dass es Patrioten, junge Menschen gibt wie dich, die ihr Gesicht zeigen.“ (Telegram, 26.3.2025)

 

Gewalttätiges Verhalten ist für identitäre Aktivisten in jedem Fall weniger selten, als die Selbstdarstellung als gewaltfreie „NGO von rechts“ vermuten ließe. So ging ein identitärer Kader 2016 mit einem Teleskopschlagstock gegen Linke vor. Auch er avancierte inzwischen zum Mitarbeiter des Freiheitlichen Parlamentsklubs. Eine Reihe von Straftaten (darunter Wiederbetätigung und Gewalthandeln) im identitären Umfeld listet die Plattform Stoppt die Rechten auf. Nicht zuletzt ist auch Wieland Kubitschek, der aktuelle Leiter der IB Wien und somit Nachfolger Wagemanns, 2023 bereits gewalttätig in Erscheinung getreten – für seinen Aufstieg innerhalb der Gruppierung war das offensichtlich mehr Empfehlung als Hindernis.

 

Sollten sich die aktuellen Verdächtigungen gegen Identitäre bewahrheiten, stünden die Vorfälle von Leoben im eklatanten Widerspruch zu zwei zentralen Behauptungen, die die IBÖ seit ihrer Gründung 2012 erhebt: Gewalt als Mittel der Politik abzulehnen und mit dem Nationalsozialismus gebrochen zu haben. In letzterer Hinsicht ließen beide Verdächtigen bereits in der Vergangenheit eine gewisse Ambivalenz erkennen. G.S. beschwor für die IBÖ ein Motto der Hitler-Jugend, betätigte sich auf Social Media wiederholt als Rassenkundler und wurde 2024 beim Absingen der Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ gefilmt. Wagemann kommentierte im September 2025 auf Twitter eine Gedenkrede von Friedrich Merz über den Holocaust mit „Hat er je für ein ermordetes deutsches Mädchen so geflennt?“ In Reaktion auf Kommentare führt er aus, dass Juden keine Deutschen seien.

 

Mit Blick auf die FPÖ stellt sich die Frage, ob diese ihr Verhältnis zur IBÖ ändert. 2020 hatte die Partei in Person ihres Generalsekretärs Michael Schnedlitz 2020 die „Distanziererei“ gegenüber rechtsextremen Gruppierungen für beendet erklärt. Unter Parteiobmann Herbert Kickl übernahm die FPÖ sowohl sprachliche („Remigration“) als auch strategische Vorgaben („Mosaik-Rechte“) der IB (vgl. zum symbiotischen Verhältnis von FPÖ und IBÖ Kapitel 6.3.2 des vom DÖW erstellten Rechtsextremismusberichts 2024). Als „rote Linien“ verblieben simultane Betätigung in einer Parteifunktion und in einer außerparlamentarischen Gruppierung, physische Gewaltakte und nationalsozialistische Wiederbetätigung. Die erste dieser Linien wurde mit dem Heranziehen exponierter identitärer Kader als parlamentarische Mitarbeiter bereits aufgeweicht. Die anderen beiden könnten anhand der Ereignisse von Leoben vor ihrer größten Bewährungsprobe seit Schnedlitz‘ Absage an Distanzierungen stehen.

 

 

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