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Nationale Nostalgie bei rechtsextremem Generationentreffen

Die in Linz erscheinende rechtsextreme Zeitschrift Info-DIREKT lässt mit einem Bekenntnis zu ihren neonazistischen Wurzeln aufhorchen. In einer neuen Video-Reihe lässt sie „Patrioten“ ihren politischen Lebensweg erzählen. Man wolle damit „eine Alternative zu jenen Portraits schaffen, die uns die etablierten Medien tagtäglich vorsetzen. Darin werden nämlich fast ausschließlich Gutmenschen mit meist fragwürdigem Lebensstil als tolle Vorbilder verkauft.“

Ein Mensch nach dem Geschmack der Zeitschrift ist demnach Konrad Windisch, der für die Erstauflage des neuen Formats als Interviewpartner gewählt wurde. Bei dem 90-jährigen „Schriftsteller und Aktivisten der ersten Stunde“ (so seine Vorstellung durch Info-DIREKT) handelt es sich um eine Zentralgestalt des österreichischen Rechtsextremismus und Neonazismus nach 1945.1 Ab Mitte der 1950er Jahre betätigte er sich als Führungskader neonazistischer Jugendorganisationen. Sowohl seine Arbeitsgemeinschaft nationaler Jugendbünde Österreichs (ANJÖ), als auch sein Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) wurden aufgrund ihrer Ausrichtung behördlich aufgelöst (1958 bzw. 1959). Seit 1963 ist Windisch in der von ihm mitbegründeten Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AfP, ursprünglich Aktionsgemeinschaft für Politik) aktiv, die durch rege publizistische Tätigkeit und dichte Vernetzung mit Gruppen und Einzelpersonen im In- und Ausland schnell zu einer zentralen Drehscheibe des österreichischen Rechtsextremismus in der Zweiten Republik avancierte. Parallel betätigte Windisch sich in führender Funktion beim Neuen Institut für Zeitgeschehen (früherer, aussagekräftiger Name: Nationales Ideologiezentrum) sowie in einem Verein, der 1987 Gerd Honsiks „Freispruch für Hitler? 36 ungehörte Zeugen wider die Gaskammer“ verlegte.


Neben der ‚nationalen‘ Nachwuchsarbeit
war die Publizistik stets Windischs Hauptwirkungsfeld, beginnend mit Der Trommler – Kampfschrift der nationalen Jugend und der BHJ-Zeitung Der Angriff bis hin zu den Kommentaren zum Zeitgeschehen der AfP. Bis zu deren Einstellung Ende 2021 erschienen dort immer wieder Beiträge mit neonazistischer und ‚revisionistischer‘ Tendenz und wurde wiederholt für Holocaust-leugnende Schriften geworben. Weiterhin fungiert Windisch als Österreich-Kolumnist der Deutschen Stimme, Sprachrohr der neonazistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).


Windischs politische Karrierestationen werden im Begleittext zum Info-DIREKT-Interview ausgiebig gewürdigt. Auch seine Auszeichnungen durch den 1999 behördlich aufgelösten Verein Dichterstein Offenhausen und die Geschichtsfälscher-Vereinigung Gesellschaft für freie Publizistik finden Erwähnung. Eine Distanzierung vom neonazistischen Charakter im Video erwähnter Gruppen oder Aktivitäten – oder zumindest deren Benennung als solche – unterbleibt erwartungsgemäß. Auch Windischs Publikationen werden in Video und Begleittext breit und in höchsten Tönen beworben, darunter explizit auch eine gedichtförmige Liebeserklärung an „Deutschland“, in der es heißt: „Sie haben dich furchtbar verstümmelt und gefesselt / […] / Wir haben Dir nichts zu verzeihen, / verzeihe Du uns, daß wir zu schwach sind, / Deine Ketten zu sprengen.“


Kerker, Klotz, „KZler“.
Dass das eigene Volk selbstverständlich das deutsche sei, darüber herrscht zwischen Windisch und seinem Interviewer, Info-DIREKT-Schriftleiter Michael Scharfmüller, Einigkeit. Die beiden sind einander seit gut 20 Jahren verbunden, begann Scharfmüller seine eigene politische Laufbahn doch im neonazistischen Bund freier Jugend (BfJ), einem 2001 in Oberösterreich gegründeten Ableger der AfP, der vor allem jugendliche Neonazis rekrutierte. Im Gespräch bietet Scharfmüller seinem Mentor breiten Raum für dessen Märtyrererzählung über zweimalige Inhaftierung wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung als junger Mann (eine weiterer Verbotsgesetz-Prozess von 1996 bleibt unerwähnt; der Wahrspruch der Geschworenen hatte damals in Windischs Texten eine Glorifizierung der Person Adolf Hitlers, Verbreitung der ‚Auschwitzlüge‘ und Propagierung des Anschlussgedankens festgestellt2). Ein weiteres Thema sind Begegnungen mit führenden Nationalsozialisten der Zweiten Republik, wie Theodor Soucek und Fritz Stüber. Auch bekennt Windisch, eine Zeitlang Georg Klotz beherbergt zu haben – einen selbst unter sogenannten Südtiroler ‚Freiheitskämpfern‘ für seinen Fanatismus berüchtigten Terroristen, der sich in den frühen 1960ern jahrelang der Strafverfolgung entzog. Nostalgisch wird Windisch bei der Erinnerung an die „Frontgeneration“, bei der man als Neonazi „vollkommen angesehen“ war, während dieselben Leute für „KZler“ wenig übrighatten: anders als heute sei eine KZ-Internierung damals „keine Empfehlung“ gewesen, „sondern im Gegenteil“. Scharfmüller würdigt Windisch für dessen „großes und weiches Herz“ und beschließt das Gespräch mit dem Wunsch, dass der 90-Jährige „uns Jungen noch weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung“ stehen möge.


Zurück zu den Wurzeln.
Zur Verfügung steht Windisch bis auf weiteres der Deutschen Stimme, die vergangenen August eine Laudatio zu seinem 90. Geburtstag publizierte. Deren Autor, der österreichische Ex-‚Identitären‘-Kader Alexander Markovics, verabsäumte dabei nicht, die Bemühungen des Jubilars um die „Ausbildung künftiger nationaler Kader“ hervorzuheben. Explizite Erwähnung fand dabei Stefan Magnet, inzwischen Kopf der rechtsextremen Verschwörungsmythen-Fabrik AUF1. Auch Magnet begann seinen politischen Weg im BfJ. Neben wiederkehrenden Postings von Windisch-Gedichten und -Zitaten auf sozialen Medien legte er im Dezember 2022 auch Windischs Weihnachtsbüchlein neu auf. Scharfmüller ist damit nicht der einzige BfJ-Veteran, der seinem politischen Ziehvater in jüngster Vergangenheit die Ehre erwies – und sich damit entgegen ‚neurechter‘ Modernisierung und Mimikry zu den eigenen Wurzeln im Neonazismus bekennt.



1 Ausführlich zu Windischs politischer Biographie vgl. Wilhelm Lasek (2014): Funktionäre, Aktivisten und Ideologen der rechtsextremen Szene in Österreich, S. 172–177. (Online verfügbar als PDF)

2 Wiener Zeitung, 5.10.1996.

 

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