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Thekla Merwin (1887 - 1944)

Herbert Exenberger

 

 

Die Schriftstellerin, Tochter von Chaje Sarah und Iwo Blech, kam am 25. April 1887 in Riga auf die Welt. Am 27. Dezember 1908 verehelichte sich die Autorin mit dem am 29. März 1881 in Lemberg geborenen Dr. jur. et phil. Emil Merwin, Sohn von Eduard und Roza, geborene Fränkel. Die Hochzeit fand in der "polnischen Schule" im 2. Bezirk, Leopoldsgasse 29, statt. Die Trauung vollzog der über Jahrzehnte in dieser Synagoge wirkende Rabbiner Meier Mayersohn. Als Trauzeugen waren die Rechtsanwälte Dr. Leopold Blech und Dr. Carl Lifcis anwesend. Bei beiden Rechtsanwälten absolvierte Emil Merwin seine Praxisjahre, ehe er am 18. Juli 1913 in die Verteidigerliste eingetragen wurde. Das Ehepaar Merwin wohnte zur Zeit der Geburt ihrer Tochter am 7. April 1911 im 9. Wiener Bezirk, Glasergasse 5. Thekla Merwin sandte im August dieses Jahres ihre Skizze "Der Causeur" der Monatsschrift zur Pflege schöngeistiger und künstlerischer Bestrebungen Wir leben zum Abdruck ein. Vom literarischen Werk Thekla Merwins gibt es keine selbständigen Publikationen, man kann es nur in mehreren Zeitschriften und Zeitungen - Der Merker, Neue Freie Presse, März, Neues Wiener Tagblatt, Arbeiter-Zeitung, Arbeiterwille, Neues Wiener Abendblatt, Der Sozialdemokrat, Die Frau, Der jugendliche Arbeiter, Neuer Vorwärts, Unser Kalender 1934 - aufspüren. Die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen sind es, die in den vor allem in der sozialdemokratischen Presse veröffentlichten Gedichten konkrete Gestalt annahmen und auch konkrete Forderungen für ihre Zukunft fanden. Nicht unerwähnt sollen auch die kulturpolitischen und literaturhistorischen Beiträge von Thekla Merwin bleiben. Gerade mit solchen Beiträgen begann sie ihre schriftstellerische Tätigkeit. Sie schrieb etwa Abhandlungen über die Schriftsteller Oscar Wilde, Georg Herwegh, Heinrich Jung oder über die österreichische Dichterin Betti Paoli, die eigentlich Elisabeth Glück hieß. Hierher gehören auch die fundierten Rezensionen von Thekla Merwin.


Die Schriftstellerin, die mit ihrer Familie im 1. Stock des Hauses Reithlegasse 5 im 19. Bezirk eine Wohnung gefunden hatte, litt seit dem Ersten Weltkrieg an Diabetes und mußte wegen ihrer Krankheit immer wieder Kuraufenthalte einplanen. Um wieder eine notwendige Kur in Karlsbad durchführen zu können, schrieb sie am 4. Mai 1922 an den Kulturredakteur der Arbeiter-Zeitung, Otto Koenig:


"Infolge der wahnsinnigen Entwertung unserer Krone habe ich zwei Jahre mit der Kur ausgesetzt. Der Befehl meines Arztes zwingt mich jedoch, heuer wieder hinzufahren. Wenn es Ihnen, Herr Doktor, nicht unangenehm ist, bitte ich Sie um eine Bestätigung, daß ich Mitarbeiterin der 'AZ' bin. Diese Bestätigung sichert mir Befreiung von Kurtaxe und Bäderzahlung, was für heutige Verhältnisse eine so namhafte Summe ausmacht, daß ich mich gegen meine Gewohnheit mit einer Privatangelegenheit an Sie wende."

 

Otto Koenig entsprach ihrem Wunsch und sandte Thekla Merwin die gewünschte Legitimation.


Die Tochter Magda besuchte das Bundesgymnasium im 19. Bezirk, Gymnasiumstraße 83, an dem sie 1929 maturierte. Sie inskribierte 1929 als ordentliche Hörerin an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und schloß ihr Studium mit dem Doktorat ab. Am 12. August 1934 starb Rechtsanwalt Emil Merwin. Neben seiner Anwaltspraxis war er noch als Rechtskonsulent der holländischen Gesandtschaft tätig und verfaßte auch einschlägige Abhandlungen, wie etwa im Juli 1925 Gedanken "Zur Frage der Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft". Im Dezember 1936 zog Thekla Merwin in eine Wohnung im 1. Bezirk, Ebendorferstraße 3/Tür 14. Nach dem März 1938 wurden Thekla und Magda Opfer des NS-Rassismus. Von ihrer letzen Wohnadresse (Thekla: Marc Aurelstraße 3/Tür 14, Magda: Marc Aurelstraße 5/Tür 9 im 1. Bezirk), wo sie einen knappen Monat Unterkunft fanden, wurden sie am 24. September 1942 mit dem 11. Transport vom Wiener Aspangbahnhof nach Theresienstadt deportiert. Nach zwei entsetzlichen Jahren in Theresienstadt mußten sie am 19. Oktober 1944 ihren letzten Weg nach Auschwitz antreten. Danuta Czech notierte am 20. Oktober 1944 im "Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945":


"Mit einem Transport des RSHA werden 1.500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Ghetto in Theresienstadt eingeliefert. Nach der Selektion werden 169 Frauen in das Durchgangslager und 173 Männer als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Die Männer erhalten die Nummern B-13307 bis B-13479. Die übrigen 1.158 Menschen werden in der Gaskammer des Krematoriums III getötet."


Unter ihnen Magda und Thekla Merwin.

 

Dieser Text wurde veröffentlicht in: Herbert Exenberger (Hrsg.), Als stünd' die Welt in Flammen. Eine Anthologie ermordeter sozialistischer SchriftstellerInnen. Wien: Mandelbaum Verlag 2000.

 

 

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