30 Jahre nach der letzten Auflage hat das DÖW wieder ein „Handbuch Rechtsextremismus“ herausgegeben. Es handelt von Akteur*innen auf der Straße wie im Parlament, von rechtsextremen Ideologien, Strategien und Kampffeldern.
Siegmar Schlagers Einleitung beginnt mit Anekdoten von inhaltlichen und anderen Auseinandersetzungen auf der Unirampe mit der Aktion Neue Rechte in den 1970er Jahren und endet mit einer Mahnung. „Niemand kann sagen, er hätte nicht davon gewusst, was sich in dem Land abspielt“, sagt der Geschäftsführer des Falter-Verlags am 19. Mai 2026 bei der Präsentation der jüngsten Neuerscheinung aus dem Verlagsprogramm, dem „Handbuch Rechtsextremismus in Österreich“ des DÖW. Herausgegeben haben es Andreas Kranebitter, Isolde Vogel und Bernhard Weidinger, sie sitzen bei der Präsentation im Wien Museum gemeinsam mit Direktor Matti Bunzl auf der Bühne. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, unter den Gästen finden sich die meisten der 22 Autor*innen sowie Journalist*innen, Politiker*innen, allgemein Interessierte – und ein stadtbekannter Neonazi, der siebenmal im Buch genannt wird. Abgesehen von ein paar Sticheleien am Rande der Veranstaltung bleibt er aber unauffällig, eine Bühne für Provokationen bietet sich ihm nicht.
Die ist den Herausgeber*innen und Bunzl vorbehalten, der in seiner Moderation launige Bemerkungen ebenso wenig scheut wie persönliche Einordnungen, das Publikum wird unterhalten und informiert. Kranebitter nennt das neue „Handbuch“ gleich zu Beginn eine Art Flaggschiff des DÖW, er erzählt vom ersten Vorläufer des „Handbuchs“ 1979 und der Ausgabe 1993, gegen die der damalige FPÖ-Obmann Jörg Haider juristisch vorgegangen ist. „Er hat aber nicht wegen des Inhalts geklagt, sondern weil sein Gesicht auf dem Cover zu sehen war“, sagt Kranebitter. Das Handbuch wurde womöglich auch dank dieser unfreiwilligen Werbung in all seinen Auflagen zum Bestseller, sogar die Buchgemeinschaft Donauland hat eine eigene Edition produziert. „Es war damals schon klar, dass das DÖW die Institution ist, die sagt, was zu sagen ist, und offen ausspricht, was auszusprechen ist. Die Institution, die Rechtsextremismus in all seinen Erscheinungsformen klar benennt.“
Wien-Museum-Direktor Matti Bunzl befragt Andreas Kranebitter, Isolde Vogel und Bernhard Weidinger, Herausgeber*innen des „Handbuch Rechtsextremismus in Österreich“;
Foto: Samuel Winter
Das ist 30 Jahre nach Erscheinen der letzten Ausgabe auch der Anspruch des neuen „Handbuchs“, das den Rechtsextremismus in Österreich in fünf Abschnitten seziert. Das Buch beginnt mit den Grundlagen, die eine Begriffsdefinition ebenso beinhalten wie einen Abriss der Geschichte des Verbotsgesetzes sowie eine Auflistung rechtsextremer Codes und Symbole. Und es geht um Zahlen, die den Rechtsextremismus nicht nur in der Auswertung einer repräsentativen Umfrage zu den Einstellungen von Menschen in Österreich messbar machen, sondern auch in Kriminalstatistiken zu rechtsextrem motivierten Tathandlungen. „Das sind Fakten, die man nicht vom Tisch wischen kann“, sagt Kranebitter. „Wenn man sie vom Tisch wischen will, ist das schon spannend. Da muss man fragen: Was denn der Hintergrund ist, wenn man sagt ‚Alles gefälscht‘?“. Auf wen er damit anspielt, ist nicht schwer zu verstehen, schließlich lassen hochrangige Vertreter*innen der FPÖ zuletzt kaum eine Gelegenheit aus, um den starken Anstieg rechtsextremer Tathandlungen kleinzureden. Während des Wahlkampfs 2024 behauptete FPÖ-Obmann Herbert Kickl in einem Interview sogar, keine Organisation oder Person zu kennen, die er als rechtsextrem klassifizieren würde. Dabei müsste er danach gar nicht lange suchen, wie Brigitte Bailer und Andreas Kranebitter in ihrem „Handbuch“-Beitrag zur FPÖ zeigen. Auf 35 Seiten beschreiben sie Eckpunkte der Parteigeschichte, analysieren das Programm und zeichnen Verbindungen mit der außerparlamentarischen extremen Rechten nach, ehe sie zu dem Schluss kommen, dass die FPÖ im Kern „derzeit nicht (nur) tagespolitisch und taktisch als ‚rechtspopulistisch‘, sondern auch in ihrer Ideologie als ‚rechtsextrem‘ zu charakterisieren ist“.
Die FPÖ ist im „Handbuch“ im dritten Kapitel zu finden, das sich mit rechtsextremen Akteur*innen beschäftigt. Unter ihnen spielt die selbsternannte Neue Rechte eine zentrale Rolle, ihre bekanntesten Vertreter*innen sind die Identitären. „Sie haben nie angestrebt, eine Massenbewegung zu werden“, sagt Bernhard Weidinger im Wien Museum. „Sie haben sich immer als Avantgarde verstanden, die strategisch denkt, die taktische Ansätze vorgibt, die Begriffe vorgibt, die Erzählungen vorgibt.“ Wie das trotz ihrer bescheidenen Größe funktioniert, zeigen etwa der Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“ und Forderungen wie jene nach einer allumfassenden „Remigration“. Identitären-Chef Martin Sellner hat in zahlreichen öffentlichen Auftritten und in einem eigenen Buch zu dem Thema offen kommuniziert, welche Fantasie er damit verbindet: die Deportation von zehntausenden Menschen zur Wahrung einer vermeintlichen ethnischen Homogenität. „Sie wenden die Rhetorik stärker ins Positive, also sie sagen nicht ‚Wir sind gegen Ausländer‘, sondern ‚Wir sind für die Bewahrung unserer kulturellen Identität‘“, sagt Weidinger. Mit dem Versuch, anschlussfähiger zu klingen, gelänge auch die Normalisierung rechtsextremer Positionen besser, die als gesundes Nationalbewusstsein verniedlicht würden. Dass die Strategie aufgeht, zeigt sich etwa darin, wie die FPÖ den Begriff „Remigration“ in ihrer täglichen Arbeit einsetzt. Kurz nachdem einige Abgeordnete im Nationalrat für dessen Verwendung im Mai 2026 Ordnungsrufe erhielten, lancierte die FPÖ ihre Sommerkampagne mit eigenem „Remigrationssong“ und Plüschdeportationsflugzeugen namens „Airbert One“.
Die Integrationskraft der Neuen Rechten wirkt aber nicht nur in die Richtung der stimmenstärksten Parlamentspartei. „Die Identitären sind stilbildend geworden“, sagt Weidinger, sogar für Neonazis, die sie eigentlich ablehnen müssten. Schließlich handle es sich um Aktivisten, die „die biologistische Weltanschauung verworfen haben, die sich um ein Bekenntnis zum nationalsozialistischen Erbe drücken, die dieses Erbe verleugnen und die die ganze Zeit um Spenden werben“.
Moderator Bunzl bohrt bei dem Thema immer wieder nach, denn zu den ideologischen Differenzen kämen weitere hinzu: das Verständnis von Österreich bzw. einem Großdeutschland, die Positionierung zu Russland bzw. der Ukraine, das Verhältnis von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus am Beispiel des Nahostkonflikts, die mögliche Konkurrenz zu anderen Nationalismen. Kranebitter, Weidinger und Vogel erklären das am Podium mit dem Pragmatismus innerhalb der extremen Rechten, der den meisten Protagonist*innen wichtiger sei als eine ideologische Festigkeit.
Der Antisemitismus nimmt in ihren Strategien jedoch eine spezielle Stellung ein, wie Isolde Vogel erklärt. Einerseits bestehe eine deutliche Kontinuität, sagt sie, „aber wir dürfen auch nicht ignorieren, dass der Antisemitismus sehr wandelbar ist und auch in der extremen Rechten eine Transformation durchgemacht hat“. Neben offenen Angriffen auf Jüd*innen, die es nach wie vor gebe, seien es oft Codewörter wie „Globalisten“, die verwendet würden. Der Gebrauch von Codes hat einen doppelten Effekt: Er schützt vor strafrechtlicher Verfolgung ebenso wie vor medialer Verurteilung, Eingeweihte wissen aber dennoch, wer gemeint ist: Jüd*innen.
Warum der Antisemitismus nach wie vor so stark verbreitet ist, erklärt Vogel mit dessen Funktion: „Er bietet die Möglichkeit einer Welterklärung an, in der sich Widersprüche auflösen und die eine Antwort auf Krisen und ein gewisses Erlösungsversprechen gibt.“ Ihre Analyse findet sich im „Handbuch“ im vierten Kapitel, das den Namen „Aspekte“ trägt. Was auf den ersten Blick etwas schwammig wirken könnte, ist vielmehr der theoretische Kern des Buchs, denn darin untersuchen die Autor*innen unterschiedlichste Dimensionen des Rechtsextremismus mitunter szeneübergreifend. Es geht um die Gamingszene ebenso wie den religiösen Fundamentalismus, um Antifeminismus wie um globalisierten Antiglobalismus. Ein Beitrag widmet sich rechtsextremen Parallelmedien wie AUF1 und RTV, die als Bindeglied zwischen unterschiedlichen Akteur*innen dienen und rechtsextreme Positionen popularisieren. Ruth Wodak untersucht zudem in ihrem Beitrag die Bedeutung von Sprache: „Dabei vertreten rechtsextreme Parteien und Politiker*innen anachronistische Visionen, ‚Retrotopien‘, und versprechen eine Rückkehr zu einem Status quo ante, der ‚guten alten Zeit‘, als alles scheinbar noch überschaubar und eindeutig definierbar war.“ Derartige Sprachbilder werden nicht zufällig genutzt, sie sind ein niederschwelliger Teil einer Strategie zur Diskursverschiebung und damit Normalisierung von rechtsextremen Inhalten.
Isolde Vogel signiert nach der Präsentation ein „Handbuch Rechtsextremismus“;
Foto: Samuel Winter
Das „Handbuch“ beschreibt jedoch nicht nur rechtsextreme Akteur*innen, Ideologien und Strategien, sondern es zeigt im letzten Abschnitt „Ressourcen“ auch, welchen Stellenwert Präventionsarbeit mit Jugendlichen hat. Für den Fall von rechtsextremen Vorfällen listet es die wichtigsten Anlaufstellen mitsamt einer kurzen Einordnung auf. Danach endet es mit fast 70 Seiten voller lexikalischer Einträge zu rechtsextremen Akteur*innen, die von A wie der Zeitschrift Abendland bis zu Z wie die Zeitung Zur Zeit reichen. Dazwischen finden sich die identitäre Aktion 451 ebenso wie die neonazistische VAPO, die deutschnationale Dachorganisation Deutsche Burschenschaft wie die türkischen „Grauen Wölfe“ der ATF.
„Das Handbuch heißt aus gutem Grund so: Es soll auch wirklich etwas an die Hand geben, nämlich ein verbindliches Überblickswissen über Phänomene, die man erst einmal verstehen muss, bevor man etwas dagegen tut“, sagt Kranebitter am Ende der Präsentation im Wien Museum. „Leute sollen es lesen, sie sollen dann auch wirklich die Zusammenhänge – aber auch Unterschiede – sehen und daraus Schlüsse ziehen.“ An Interesse am „Handbuch“ mangelt es weder an dem Abend, als sich mitunter lange Schlangen am kleinen Verkaufsstand des Wien Museum bilden, noch in den Wochen darauf. Keine zwei Monate nach der Präsentation gibt der Falter-Verlag bekannt, dass die erste Auflage von 2.500 Stück so gut wie vergriffen ist, eine Neuauflage wird in Druck geschickt.
(Text: Jakob Rosenberg)
Andreas Kranebitter, Isolde Vogel &
Bernhard Weidinger (Hg.)
„Handbuch Rechtsextremismus
in Österreich“
Falter-Verlag 2026
Der 544 Seiten starke Band ist im gut sortierten Buchhandel sowie auf der Website des Falter-Verlags um 39,90 Euro erhältlich.



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