DÖW Logo
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Innenansichten von der „Operation Radetzky“

Carl Szokoll war an den Attentatsplänen auf Hitler beteiligt und leitete eine Operation
zur kampflosen Übergabe Wiens an die Rote Armee. Sein „Tätigkeitsbericht“ zählt zu
den wertvollsten Werken in der DÖW-Bibliothek.

 

„Die dramatische Situation strebte ihrem Höhepunkt zu. Während die Russen weiter durch den Wienerwald durchstießen und die letzten Vorbereitungen für die Besatzung der Stadt trafen […], führte ich meine Verhandlungen mit den zivilen Widerstandsorganisationen.“ Carl Szokoll verfasste 1946 einen 24-seitigen „Tätigkeitsbericht über die militärischen Planungen und den Einsatz von Österreichern zur Beschleunigung der Befreiung vom Nazismus“. Darin beschreibt der ehemalige Wehrmachtsmajor des Wehrkreiskommando XVII die „Operation Radetzky“. Das Kriegsende vor Augen bestand das Ziel seiner militärischen Widerstandsgruppe darin, Wien am 6. April 1945 kampflos an die Rote Armee zu übergeben. So sollten Zerstörungen und zivile Verluste verhindert werden.

 

Szokoll war es gelungen, Kontakt mit der Roten Armee herzustellen, die geplante Operation wurde jedoch verraten. Drei Offiziere – Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke – wurden verhaftet und am 8. April in Floridsdorf öffentlich hingerichtet. Szokoll, der schon an Stauffenbergs Attentatsplänen auf Adolf Hitler beteiligt gewesen und als einer von wenigen unerkannt geblieben war, wurde rechtzeitig gewarnt. Er konnte sich in Sicherheit bringen. Seinen „Tätigkeitsbericht“ verfasste er 1946 für Bundeskanzler Leopold Figl, dem er ein Exemplar persönlich übergab. In einem Privatdruck hatte er nur 50 Stück produzieren lassen, jenes mit der Nummer 31 befindet sich seit Anbeginn des Bestehens 1963 in der Bibliothek des DÖW. Auch wenn nicht alle darin beschriebenen Details mit heutigen Quellenzugängen einer historischen Überprüfung standhalten, ist der auch auf der DÖW-Webseite abrufbare „Tätigkeitsbericht“ eine wichtige zeitnahe Schilderung der „Operation Radetzky“ durch einen Beteiligten.

 

Publikationen wie diese nehmen einen besonderen Platz in der DÖW-Bibliothek ein. Sie sind kurz nach Kriegsende erschienen und legen Zeugnis über Widerstand ab. Zumeist handelt es sich dabei um Bücher, Broschüren und Berichte, die privat in kleinen Auflagen produziert wurden und längst in Vergessenheit geraten sind. Vergessen oder vielmehr verdrängt wurden lange auch die Leistungen von Carl Szokoll. Nach Kriegsende erhielt er wie viele Widerstandskämpfer*innen fast keine Anerkennung. Im Gegenteil: Er wurde diskreditiert und als Verräter bezeichnet. Erst ab den 1980er Jahren wurden seine Taten öffentlich gewürdigt. 2005 wurde der Innenhof des Verteidigungsministeriums nach ihm benannt, seit 2008 heißt der Platz zwischen Rossauer Kaserne und Lände Carl-Szokoll-Platz.

(Text: Stephan Roth)

 

Autor Carl Szokoll
Titel „Tätigkeitsbericht“
Jahr 1946
Verlag Privatdruck
Signatur 3527 (Rarissima-Sammlung)

 

<< Zurück zu den Mitteilungen 255

Downloads

Tätigkeitsbericht über die militärischen Planungen und den Einsatz von Österreichern zur Beschleunigung der Befreiung vom Nazismus

(4,2 MB)
Unterstützt von: