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Die "Aktion Brandt" am Steinhof

Aus: Peter Schwarz: Mord durch Hunger. "Wilde Euthanasie" und "Aktion Brandt" am Steinhof in der NS-Zeit, Vortrag im Rahmen des Symposions "Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien", Wien, Mai 2000

 

 

Zur vorrangigen Zielgruppe des Massensterbens am Steinhof zählten v. a. jene Pfleglinge, die in Sammeltransporten im Zuge der so genannten "Aktion Brandt" 1943 nach Steinhof gelangten. Die Ausweitung und Intensivierung des Luft- und Bombenkrieges diente als Anlass, um Heil- und Pflegeanstalten aus dem Einzugsbereich luftgefährdeter Gebiete zu räumen. Bei der Evakuierung dieser Anstalten ging es aber nicht um den Schutz der Patienten, wie gelegentlich heuchlerisch begründet wurde, sondern um die Schaffung von Ausweichkrankenhäusern für die vor Ort verbleibende arbeitende Bevölkerung und von Lazarettraum für die Verwundeten des Ostfeld zuges. (71) Die Transporte boten die Gelegenheit, die Euthanasie wieder in großem Maßstab fortzusetzen, und eigneten sich zur Verschleierung des raschen Sterbenlassens sowie zur Beschleunigung des Todes. (72) Organisiert wurden die Transporte zentral unter der Verantwortung des mittlerweile zum Generalkommissar für Sanitäts- und Gesundheitswesen ernannten Dr. Karl Brandt, einem der beiden von Hitler Beauftragten der Aktion "T4".

 

Auf Basis einer Auswertung der übereinstimmenden Aufnahmetermine in den Patienten-Indexbüchern lässt sich nachweisen, dass 1943 drei große Transporte im Rahmen der "Aktion Brandt" den Steinhof erreichten: (73) Der erste traf am 8. Mai ein und umfasste 106 Mädchen und Frauen aus den Diakonieanstalten in Bad Kreuznach (Niederreidenbacher-Hof, Hüttenberg-Sobernheim, Asbacher Hütte). Danach kamen vom 19. bis 21. Mai drei Transporte mit insgesamt 144 Knaben und Männern aus dem St. Josefshaus Hardt bei München-Gladbach. Diesen "Rheinland-Transporten" folgte am 17. August eine Transferierung aus Hamburg, nämlich 228 Mädchen und Frauen aus den Alstersdorfer Anstalten und 72 aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn. Dank der Untersuchungen von Michael Wunder ist das Schicksal der Hamburger Frauen besonders gut dokumentiert, mit akribischer Genauigkeit hat er ihr Sterben an Hunger nachgezeichnet. Bis Ende 1945 sollen 257 der 300 transferierten Hamburger Patientinnen, das sind mehr als 80 %, ums Leben kommen. (74) Zu einer ebensolchen traurigen Bilanz gelangt man bei dem Frauentransport aus den Bad Kreuznach-Anstalten: 79 Frauen sterben bis Ende 1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof, zusätzlich mindestens fünf Mädchen in der Städtischen Nervenklinik für Kinder Am Spiegelgrund. (75) Auf das Schicksal der aus München-Gladbach transferierten Patienten komme ich noch detailliert zu sprechen.

 

Interessant ist, dass für die gesamte Kostenabrechnung der aus dem Rheinland und aus Hamburg verschickten PatientInnen nicht die Aufnahmeanstalt Am Steinhof zuständig war, sondern direkt die Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Bereits am 14. Mai 1943 war es am Steinhof zu einer Amtsbesprechung wegen der Unterbringung und Verpflegskostenverrechnung der "Rheinland-Patienten" gekommen, bei der auch der Leiter der Zentralverrechnungsstelle, Hans-Joachim Becker, anwesend war. (76) Bei dieser Sitzung beschäftigte man sich sehr ausführlich mit den Maßnahmen, die im Fall des Todes von Patienten zu ergreifen wären, so wurde u. a. auch festgelegt, dass Angehörige nur noch mittels Telegramm vom Ableben ihres Pfleglings zu verständigen seien. (77) Offenbar rechneten die Sitzungsteilnehmer mit einem extremen Anstieg der Sterbefälle. Mittels Rundschreiben der Zentralverrechnungsstelle vom 10. Juli 1943 wurden sämtliche Belange der Patienten - von der Entlassungsmöglichkeit über die Besuchserlaubnis bis hin zur Leichenüberführung - penibel geregelt. Nach diesen Bestimmungen musste sowohl wertvoller Nachlass als auch das auf Sonderkonten verbliebene Bargeld der Verstorbenen der Zentralverrechnungsstelle abgeführt werden. (78) Einem Schreiben der Zentralverrechnungsstelle an die Anstalt Steinhof ist zu entnehmen, dass bei der Abrechnung der Patientenkosten Manipulationen vorgenommen wurden: Beträchtliche Einnahmengewinne wurden dadurch erzielt, dass die kostenpflichtige Anstaltsaufenthaltsdauer der ermordeten Opfer im nachhinein durch Fälschung der Sterbedaten gestreckt wurde. (79) Im konkreten Fall führte ein Angehöriger einer auf den Steinhof transferierten Alstersdorfer Patientin Beschwerde darüber, warum er den höheren Verpflegskostensatz von 4 RM der Alstersdorfer Anstalten weiter zu zahlen habe, wo doch der Steinhof-Kostensatz lediglich bei 2,80 RM liege. Entrüstet wandte sich der Leiter der Zentralverrechnungsstelle, Hans-Joachim Becker (der den Spitznamen "Millionen-Becker" trug), an die Anstalt Steinhof: "Wie [...] aus der Einleitung zu meinem Rundschreiben [...] hervorgeht, erhebe ich grundsätzlich Pflegekosten in der bisherigen Höhe weiter. Es ist natürlich unzweckmäßig, Angehörige oder Pfleger von Kranken über die Höhe des jetzt gültigen Pflegesatzes zu unterrichten. Ich bitte deshalb darauf zu achten, dass in Zukunft in solchen Fällen lediglich gesagt wird, dass die Kostenabrechnung der Zentralverrechnungsstelle obliegt und dass man sich mit dieser Stelle darüber unterhalten müsse." (80)

 

Am Ende meines Beitrages habe ich eine Übersicht über alle weiteren am Steinhof 1943 bis 1945 eintreffenden Patiententransporte, die bisher von mir ermittelt werden konnten, zusammengestellt. Sie dürften zwar nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der "Aktion Brandt" stehen, nicht zuletzt weil die Verrechnung der Verpflegskosten nicht über die Zentralverrechnungsstelle lief. Soweit rekonstruierbar, sind diese Transferierungen auch nicht zentral organisiert worden, sondern dürften infolge regionaler Entscheidungsprozesse auf der Ebene von Gauleitungen, Gaugesundheitsämtern und Anstaltsleitungen zustande gekommen sein. Hingegen teilen sie Gemeinsamkeiten mit den "Aktion-Brandt"-Transporten hinsichtlich ihrer hohen Sterblichkeitsrate und hinsichtlich ihres vordergründigen Zwecks, Anstaltsraum und Bettenkapazitäten für Ausweich- bzw. Hilfskrankenhäuser zur Verfügung zu stellen.

 

 

Anmerkungen

 

71) Faulstich, a. a. O., S. 304 ff.

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72) Neugebauer, Wiener Psychiatrie und NS-Verbrechen, a. a. O., S. 144.

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73) Zusammenstellung nach den PatientInnen-Indizes 1943, Archiv PKH Baumgartner Höhe.

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74) Michael Wunder/Ingrid Genkel/Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1987; Michael Wunder, Die Euthanasie-Morde im "Steinhof" am Beispiel der Hamburger Mädchen und Frauen, in: Eberhard Gabriel/Wolfgang Neugebauer, NS-Euthanasie in Wien, Wien-Köln-Weimar 2000, S. 93-105.

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75) Auswertung PatientInnen-Indizes 1943-1945, Archiv PKH Baumgartner Höhe.

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76) Schreiben von Direktor Hofrat Dr. Mauczka und Verwalter Posch an die Abt. E 8, Verwaltungsabteilung des Anstaltenamtes vom 22. 5. 1943 betr. Unterbringung von Patienten aus dem Rheinland, beiliegend Amtsvermerk über die Amtsbesprechung vom 14. 5. 1943 wegen Unterbringung und Verpflegskostenverrechnung von 250 Patienten aus dem Rheinland, Direktionsregistratur 1382/43, M. Abt. 209, WstLA.

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77) Ebd.

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78) Der Leiter der Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten, Rundschreiben vom 10. 7. 1943, B. Ru 5, "Merkblatt für die Aufnahmeanstalten von Geisteskranken aus anderen Reichsgebieten", Direktionsregistratur 1382/43, M. Abt. 209, WstLA.

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79) Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin 1997, S. 437 ff., S. 443 ff.; Klee, a. a. O., S. 259 ff.

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80) Schreiben des Leiters der Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten, Zl.: A/13b, an die Wagner von Jauregg Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien vom 29. 10. 1943, Direktionsregistratur 2767/43, M. Abt. 209, WstLA.

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