Monat für Monat präsentieren wir Ihnen in unserer Daueraustellung ein Objekt des Monats. Dabei handelt es sich um neue, unbekannte oder womöglich zu wenig beachtete Objekte und deren Geschichte. Der Schwerpunkt des Jahres 2026 liegt auf Neuzugängen zu unseren Sammlungen.

Tespih (Gebetskette) mit Symbolen der Ülkücü-Bewegung („Graue Wölfe“)
Signatur: DÖW-Rechtsextremismussammlung
Seit dem Jahr 2022 erfasst das DÖW rechtsextreme Aktivitäten auch in migrantischen Communitys. Die türkeistämmige Ülkücü-Bewegung stellt in Österreich die sichtbarste derartige Organisation dar – im deutschsprachigen Raum ist sie vor allem unter dem Namen „Graue Wölfe“ bekannt. Prägend für die Bewegung sind ritualisierte visuelle und gestische Inszenierungen, die Zugehörigkeiten markieren und kollektive Identitäten performativ erzeugen sollen. Zentral ist dafür das mythisch aufgeladene Symbol des „Grauen Wolfs“, der als identitätsstiftender Marker und Distinktionszeichen fungiert. Die in Europa wahrscheinlich bekannteste Zugehörigkeitsgeste ist der „Wolfsgruß“, der häufig bei Fußballspielen und Demonstrationen gezeigt wird.
Die Ülkücü-Bewegung bildete sich seit den 1960er Jahren heraus. Der Begriff „Ülkücü“ heißt wörtlich übersetzt „Idealist“. In der Türkei wird er jedoch aufgrund seiner starken politischen Konnotation kaum mehr in diesem neutralen Sinn verwendet, sondern bezeichnet mittlerweile die rechtsextreme Bewegung. Seit den 1990er Jahren gewinnen Elemente der Ülkücü-Ideologie zunehmend an Bedeutung in der türkischen Populärkultur. Hypermaskuline, mafiös gerahmte Figuren und mythisch-nationalistische Elemente gehören etwa zu den dominanten ästhetischen und erzählerischen Motiven zahlreicher Fernsehserien. Zudem finden sich Symbole wie der Wolf vermehrt auf Alltagsobjekten – von T-Shirts über Babykleidung bis hin zu Schmuckstücken.
Auch der hier gezeigte Tespih, eine Gebetskette, repräsentiert diese ästhetische und ideologische Aufladung. Die Kette besteht aus mattschwarzen Perlen und einem Anhänger, der einen heulenden Wolf ebenso abbildet wie die Symbole der türkischen Flagge: Halbmond und Stern. Am Hals des Wolfs befindet sich zudem das Emblem der drei Halbmonde, das als Parteisymbol der rechtsextremen MHP (Milliyetçi Hareket Partisi, deutsch: Partei der Nationalistischen Bewegung) dient. In dieser ikonografischen Konstellation werden staatliche Nationalembleme mit parteipolitischen Symbolen des türkischen Ultranationalismus verbunden.

Der Tespih ist zudem sowohl in der Türkei als auch der Diaspora ein Werkzeug performativer Männlichkeitspraktiken. Ursprünglich ein religiöses Gebrauchsobjekt, wurde der Tespih insbesondere in alten türkischen Filmen als Accessoire männlich inszenierter Gangsterfiguren verwendet und entwickelte sich in der Türkei außerhalb seines religiösen Gebrauchs zu einem Symbol einer konservativ geprägten Männlichkeit. Das Objekt verschränkt auf engstem Raum also zentrale Elemente der Ülkücü-Ideologie: die ultranationalistische Symbolik, den männlichkeitsbezogenen Habitus und religiöse Referenzen, die seit den 1980er Jahren Bestandteil des türkischen Ultranationalismus sind. Die mattschwarze Farbgebung ist zudem charakteristisch für die Ästhetik der Ülkücü-Maskulinität. Sie signalisiert Härte und Kontrolle und steht für ein heroisiertes Männlichkeitsideal.
Objekte wie dieser Tespih sind online verfügbar, zirkulieren transnational und finden sich im alltäglichen Gebrauch. Gerade in der Diaspora wie hier in Österreich dienen sie als identitätsstiftende Marker, die Gruppenzugehörigkeiten signalisieren und soziale Grenzen ziehen. So wie sie Zugehörigkeit auf der einen Seite schaffen, dienen sie auf der anderen auch dem Ausschluss: Für von der Ülkücü-Ideologie als Feindgruppen markierte Gemeinschaften wirken sie als bedrohliche Codes.
Weiterführende Literatur:
- Kemal Bozay, Geschichte und Aktualität des Antisemitismus der rechtsextremen Grauen Wölfe, in: Corry Guttstadt/Sonja Galler (Hg.), Antisemitismus in und aus der Türkei, Hamburg 2023, 433–456.
- Emre Arslan, Männlichkeitsvorstellung der „Grauen Wölfe“, in: Yaşar Aydın/Jamal Lobna (Hg.), Graue Wölfe. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland, Bonn 2022, 147–162.
- Thomas Rammerstorfer, Die Welt der Wölfe Symbole, Verschwörungstheorien und Musik des türkisch-islamistischen Ultranationalismus, in: Yaşar Aydın/Jamal Lobna (Hg.), Graue Wölfe. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland, Bonn 2022, 163–180.
Autorin: Evrim Erşan Akkılıç, Soziologin und Rechtsextremismusforscherin
Fotos: Michael Bigus (Objekt), Daniel Shaked (Porträt)





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