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Julia Köstenberger: Die Geschichte der Internationalen Leninschule in Moskau (1926-1938)

Unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und österreichischen Sektors

Dissertation Universität Wien (Abstract)

 

Diese Arbeit wurde mit dem Herbert-Steiner-Preis 2011 ausgezeichnet.

 

 

Die Internationale Leninschule (ILS) in Moskau (1926-1938) war die prestigeträchtigste Ausbildungsstätte der Kommunistischen Internationale und hatte die "Bolschewisierung" der Kommunistischen Parteien zum Ziel. Innerhalb von zwölf Jahren erfuhren hier 3.200 bis 3.500 Mitglieder der "Bruderparteien" aus aller Welt eine politische Sozialisierung. Die vorliegende Arbeit untersucht detailliert die Institutionsgeschichte der ILS unter Berücksichtigung der Lebenswelt der KaderschülerInnen im Kontext des erstarkenden Stalinismus und diskutiert ihre Bedeutung. Zudem beleuchtet eine kollektivbiographische Skizze die Schicksale der ca. 140 österreichischen LeninschülerInnen bis in die frühe Nachkriegszeit. Als wichtigste Quellen dienten die Verwaltungsakten der ILS sowie der zuständigen Stellen des Kominternapparates im Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (RGASPI), Unterlagen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), Memoiren ehemaliger LeninschülerInnen und biographische Nachschlagewerke.

 

Die Arbeit zeigt, dass die Entwicklung der Leninschule stark vom Machtaufstieg Stalins, aber auch von der politischen Lage der kommunistischen Parteien in den jeweiligen Ländern und von unterschiedlichen Interessen der VKP(b) und der KPs geprägt war. Eine intensive bolschewistische Erziehung im Sinne des Stalinismus hatte für die VKP(b) gegenüber der von den "Bruderparteien" eingeforderten praktischen Anwendbarkeit einer möglichst kurzen Ausbildung absolute Priorität. Diese Faktoren erklären die auffälligen Diskontinuitäten und organisatorischen Probleme der ILS im Bereich der Unterrichtsorganisation sowie den schwankenden und in Hinblick auf die bisherige Parteiarbeitserfahrung sehr inhomogenen Schülerbestand.

 

Der Aufenthalt an der Leninschule war für die ausländischen KommunistInnen eine Zeit der Bewährung. Am Ende der mehrmonatigen oder zwei- bis dreijährigen Ausbildung sollten sie die stalinistische Denkweise verinnerlicht haben. Neben dem "akademischen" Unterricht zur Vermittlung der von stalinistischen Dogmen diktierten Parteitheorie und einem praktischen Teil (Exkursionen, Mitarbeit im Kominternapparat, militärische Ausbildung u. Ä.) stellten das Parteileben an der Schule und der Alltag in der UdSSR mit seiner omnipräsenten Propaganda die wichtigsten Elemente der Parteierziehung und politischen Disziplinierung dar. Im Zentrum stand die Internalisierung eines kommunistischen Verhaltenskodex, der insbesondere unbedingte Parteidisziplin, Wachsamkeit gegenüber Abweichungen und Feinden, "Klassenbewusstsein" und die Erlernung des stalinistischen Rituals der "Kritik und Selbstkritik" beinhaltete. Im Zuge des allgemeinen Stalinisierungsprozesses in der UdSSR wurden auch an der ILS die Toleranzgrenzen gegenüber abweichenden Auffassungen immer enger und die Folgen für nichtkonformes Verhalten drastischer. Neben Schulverweisen, Parteiausschlüssen, Kommandierungen zur Bewährungsarbeit (d. h. Fabriksarbeit) in der UdSSR kamen schließlich auch Verhaftungen sowie Exekutionen von Schulangehörigen vor, wie anhand zahlreicher Fallbeispiele dokumentiert wird. In den letzten Jahren beherrschte die Wachsamkeitshysterie vor Feinden das Leben an der Leninschule und führte 1938 zu deren Zusammenbruch.

 

Die Studie legt bei der Erarbeitung der Institutionsgeschichte der ILS einen Schwerpunkt auf den deutschen und den Anfang 1936 gebildeten österreichischen Sektor, der aufgrund des gestiegenen Bedarfs der KPÖ notwendig geworden war. Ehemalige Schutzbündler wie auch zahlreiche vor Polizeiverfolgung in Sicherheit gebrachte erfahrene FunktionärInnen wurden an die ILS delegiert, sodass die österreichische Abteilung zu einer der größten der Schule anwuchs. Hier erarbeitete Alfred Klahr als Sektorleiter 1936 die Theorie von der österreichischen Nation. Die Analyse der Möglichkeiten der Verwendung der ILS-AbsolventInnen macht deutlich, dass viele Faktoren wie innerparteiliche Machtstrukturen, Bedeutung und Lage der jeweiligen KP, innen- und außenpolitische Entwicklungen oder bisherige Parteifunktionen die weitere Parteikarriere der LeninschülerInnen beeinflussten. In der Regel stiegen sie in der Parteihierarchie auf und erhielten Aufgaben an strategisch wichtigen Stellen (z. B. als InstrukteurIn oder GebietsleiterIn) als MultiplikatorInnen für die stalinistische Sichtweise. Manche schafften es sogar bis an die höchste Parteispitze und sorgten dort für die Stalinisierung der KP. Abgesehen davon gab es aber auch Fälle von DissidentInnen oder Inaktiven. Am Beispiel der ÖsterreicherInnen zeigt sich, dass sich aus der Gruppe der ILS-AbsolventInnen über die Jahre ein Kreis von bewährten FunktionärInnen herausbildete, die sich durch Kampfbereitschaft, z. B. im Spanischen Bürgerkrieg und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sowie durch langjährige starke Loyalität gegenüber der Kommunistischen Partei und der Sowjetunion auszeichneten.

 

 

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