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Annika Padoan: Das französische Holocaust- und Kolonialgedächtnis im Spiegel des Barbie-Prozesses 1987

Masterarbeit (Abstract)

 

Diese Arbeit wurde mit dem Herbert-Steiner-Preis-Anerkennungspreis 2023 ausgezeichnet.

 

In der Verteidigung des NS-Verbrechers Klaus Barbies im ersten französischen Prozess wegen
Verbrechen gegen die Menschheit 1987 griffen dessen Anwalt Jacques Vergès und seine
Kollegen das Holocaustgedächtnis im Namen des Antirassismus an. Vergès war früh
kommunistisch politisiert worden und hatte sich während des Algerienkrieges (1954–1962)
einen Namen als antikolonialer Anwalt gemacht. Im Barbie-Prozess wandte er Strategien des
gerichtlichen Gegenangriffs (seine stratégie de rupture) an, die er dreißig Jahre zuvor in
Rückgriff auf historische, linke Anwaltspraktiken entwickelt hatte, um die Kolonialmacht
Frankreich zu diskreditieren. Nun nutzte er in einer laut Zeitgenossen „unerklärlichen Allianz“
mit Barbie diese Strategie jedoch, um das sich erst etablierende Holocaustgedächtnis in
Frankreich zu delegitimieren.


Gedächtnisgeschichtlich rekonstruiert die Masterarbeit auf Basis der Gerichtstranskriptionen
von 1987 sowie vorheriger theoretischer, politischer und biografischer Publikationen von
Vergès dessen Werdegang im Kontext der Dekolonisierung und zeigt Brüche wie Kontinuitäten
zu seinen im Barbie-Prozess vorgetragenen Argumenten auf. Diesen Prozess verstand er als
Gelegenheit, eine aufsehenerregende, nachholende Debatte über die Universalität des
Völkerrechts anzustoßen, die er in Bezug auf die Nürnberger Prozesse bereits zur Zeit des
Algerienkrieges eingefordert hatte. Während jüdische Zeugen im Prozess die Singularität des
Holocaust betonten, subsumierten Barbies Anwälte in Bezugnahme auf antikoloniale Vordenker
die Vernichtung der europäischen Juden unter eine europäische Gewaltgeschichte, nivellierten
die Spezifik unterschiedlicher historischer Verbrechen und äußerten sich teils selbst
antisemitisch. Damit waren sie linke Vertreter einer Nebenströmung des französischen,
klassischerweise rechten Revisionismus geworden. Die Untersuchung trägt dazu bei, sie als
historische Vorläufer derzeit verstärkt geführter Gedächtnisdebatten um Holocaust und
Kolonialgewalt, auch als „neuer Historikerstreik“ bezeichnet, zu verstehen.

 

 

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