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Vernichtungsort Maly Trostinec

 

Sofort nach dem Angriff der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) setzte in den eroberten sowjetischen Gebieten die systematische Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung ein. Dieser Gewalteskalation fielen auch die Juden und Jüdinnen aus West- und Mitteleuropa, die ab Herbst 1941 in das "Reichskommissariat Ostland" deportiert wurden, zum Opfer.

 

Das "Reichskommissariat Ostland" war eine im Juli 1941 gebildete Verwaltungseinheit des Deutschen Reichs, die die früheren baltischen Staaten sowie den größten Teil des westlichen Weißrussland umfasste. Nahezu 15.000 jüdische ÖsterreicherInnen kamen dort in Ghettos und Vernichtungsstätten ums Leben. Eine zentrale Hinrichtungsstätte war Maly Trostinec bei Minsk (Weißrussland): Zwischen Mai und Oktober 1942 trafen insgesamt 16 Deportationszüge aus Wien, Königsberg, Theresienstadt und Köln in Minsk ein. Entsprechend einer Anordnung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich wurden die Deportierten bis auf wenige Ausnahmen nach der Ankunft ermordet. Ort der Massenexekutionen war das Waldgebiet von Blagowschtschina, unweit des Zwangsarbeitslagers Maly Trostinec, einer ehemaligen Kolchose, die der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Weißruthenien (KdS) im April 1942 übernommen hatte. Von den 1942 knapp unter 8700 nach Maly Trostinec verschleppten österreichischen Juden und Jüdinnen – rund 8500 aus Wien Deportierte, dazu kamen 136 jüdische ÖsterreicherInnen, die mit den Transporten aus dem Ghetto Theresienstadt nach Maly Trostinec überstellt wurden – sind 17 Überlebende bekannt. Auch viele der 1000 bereits am 28. November 1941 von Wien in das Ghetto Minsk deportierten Männer, Frauen und Kinder wurden vermutlich bei Maly Trostinec getötet (von ihnen sind drei Überlebende bekannt).

 

Die Ende November 1941 wegen Transportproblemen der Wehrmacht abgebrochenen Deportationen nach Minsk wurden in Wien am 6. Mai 1942 wieder aufgenommen (weitere Transporte sollten am 20. und 27. Mai, 2. und 9. Juni, 17. und 31. August, 14. September sowie 5. Oktober 1942 folgen). Nach zweitägiger Fahrt wurden die rund 1000 Menschen, die am 6. Mai verschleppt wurden, in Wolkowitz (Wolkowysk/Waukawysk, Weißrussland) in Viehwaggons umwaggoniert, in Kojdanow (Dsjarschynsk/Dserschinsk, ca. 40 km von Minsk entfernt) wurden am 9. Mai die ersten Toten aus dem Zug geholt. Dort blieben die versiegelten Waggons fast zwei volle Tage lang stehen:

 

 

 

 

 

 

"Bis Wolkowisk fuhren wir in Personenzügen. Dort mussten wir bei gänzlich verdunkeltem Bahnhof, mitten in der Nacht den Zug verlassen und in Viehwaggon umsteigen. Viele, die sich nicht so schnell zurechtfinden konnten[,] bekamen die Stiefel der SS zu spüren, und alte Gebrechliche blieben unter den Knüppelschlägen auf dem Bahnsteig liegen. – In dieser Nacht hatten viele den Verstand verloren – waren irrsinnig geworden. Die Transportleitung gab den Auftrag sämtliche irrsinnig Gewordene in einen separaten Waggon zu sperren. Was sich in diesem Waggon abspielte ist nahezu unbeschreiblich."

 

Bericht eines Wiener Überlebenden,

o. D.
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Bericht

Der – nur unvollständig erhaltene – Bericht aus der Nachkriegszeit stammt vermutlich von Wolf Seiler (geboren am 19. Dezember 1895) und umfasst den Zeitraum vom Mai 1942 bis zur Ermordung der letzten Häftlinge in Maly Trostinec Ende Juni 1944. Der Wiener Kaufmann wurde gemeinsam mit seiner Frau Chaje (Klara, Jg. 1896) und den Kindern Alfred (Jg. 1926) und Mary (Jg. 1923) am 6. Mai 1942 nach Maly Trostinec deportiert. Im Rahmen der von den Nationalsozialisten eingerichteten jüdischen "Selbstverwaltung" in Maly Trostinec war Wolf Seiler "Lagerältester". Ihm und seiner Familie gelang Ende Juni 1944 gemeinsam mit einigen anderen österreichischen Deportierten die Flucht. Nach der Befreiung von Minsk durch die Rote Armee Anfang Juli 1944 wurden sie aufgegriffen und in ein Lager nach Karaganda überstellt. 1946 kehrte die Familie Seiler nach Österreich zurück, später wanderte sie in die USA aus. Seilers Sohn Alfred reiste im Herbst 2007 von Florida über Wien nach Minsk, begleitet wurde er vom Dokumentarfilmer Andreas Gruber. Dabei entstand die Dokumentation "Alfred Seiler – 'Aus dem Paradies zurück in die Hölle ...'".

 

 

 

 

"Ankunft in Wolkowitz am 8. 5. 1942 um 23,00 Uhr. Hier wurde der Zug von Personenwagen in Viehwagen umgeladen. Die Umwaggonierung dauerte bis 02,00 Uhr nachts. Am 9. 5. 1942 um 02,45 Uhr wurde die Fahrt über Baranowitze nach Minsk fortgesetzt. In Kojdanow, wo der Transport am 9. 5. 1942 um 14,30 Uhr einlangte, blieb der Zug über Weisung des SD von Minsk bis 11. 5. 1942 stehen. Beim Eintreffen in Kojdanow wurden 8 verstorbene Juden (3 Männer und 5 Frauen) festgestellt und am dortigen Bahnhof beerdigt. Abfahrt des Transportzuges am 11. 5. 1942 um 09,00 Uhr von Kojdanow nach Minsk. Ankunft in Minsk am 11. 5. 1942 um 10,30 Uhr."

 

Erfahrungsbericht der Bewachungsmannschaft (Schutzpolizei, 95. Polizeirevier),

Erfahrungsbericht Bewachungsmannschaft

 

 

Der Ablauf nach dem Eintreffen auf dem Minsker Güterbahnhof – bzw. ab August 1942 näher bei Maly Trostinec, in Kolodisze – folgte einem gleich bleibenden Schema, wobei in der Regel einschließlich der Schutzpolizisten und Waffen-SS-Angehörigen 80 bis 100 Mann zum Einsatz kamen. Nach der Ausladung wurden die Deportierten zu einem nahe gelegenen Sammelplatz getrieben, wo ihnen Geld- und Wertsachen abgenommen wurden. Hier wurden von Angehörigen der Dienststelle des KdS auch jene wenigen Personen – beim ersten Transport rund 80, später pro Transport zwischen 20 und 50 – ausgewählt, die in das Zwangsarbeitslager Maly Trostinec eingewiesen werden sollten. Alle anderen wurden auf Lastkraftwagen nach Blagowschtschina zu den bereits vorbereiteten Gruben gefahren:

 

 

 

 

"Am 4. 5. gingen wir bereits wieder daran neue Gruben, in der Nähe des Gutes vom Kdr. [Kommandeur], selbst auszuheben. Auch diese Arbeiten nahmen 4 Tage in Anspruch.
Am 11. 5. traf ein Transport mit Juden (1000 Stück) aus Wien in Minsk ein, und wurden gleich vom Bahnhof zur obengenannten Grube geschafft. Dazu war der Zug direkt an der Grube eingesetzt.
Am 13. 5. beaufsichtigten 8 Mann die Ausgrabung einer weiteren Grube, da in nächster Zeit abermals ein Transport mit Juden aus dem Reich hier eintreffen soll."

 

Tätigkeitsbericht des II. Zugs des Bataillons der Waffen-SS z. b. V. (Gruppe Arlt) in Minsk, (1)

17. Mai 1942
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Die Deportierten der ersten Transporte wurden an den Gruben durch Genickschuss getötet, etwa ab Anfang Juni 1942 wurden auch "Gaswagen" eingesetzt:

 

"Entlang des Grubenrandes war das Erschießungskommando aufgestellt. Je nach Länge der Grube waren bis zu 20 Schützen eingeteilt, die im Laufe einer Exekution wiederholt mit Leuten des Absperrkommandos ausgetauscht wurden. Die Juden mussten am Grubenrand vor den Schützen entlanglaufen und wurden schließlich von einem der hinter ihnen stehenden Schützen erschossen. Die Erschießung erfolgte mittels Pistole durch Genickschuss."
Anklageschrift des Oberstaatsanwalts Koblenz gegen Georg Albert Wilhelm Heuser u. a., 15. Jänner 1962, S. 205 f. (DÖW 20.913)

 

"Die Wagen hatten einen großen Kastenaufbau, der mit Flügeltüren luftdicht verschlossen werden konnte. In dem Aufbau fanden etwa fünfzig bis sechzig Personen Platz. Die Vergasung der im Wagen befindlichen Personen wurde erst an der Grube bei stehendem Fahrzeug eingeleitet. Durch einen Schlauch, den der Fahrer an der Exekutionsstelle anschloß, wurden die Motorgase in das Wageninnere geleitet. Der Vergasungsvorgang dauerte etwa 15 Minuten, der Motor lief dabei mit geringem Handgas. Nach Abschluß des Vergasungsvorganges wurden die Leichen durch ein Kommando Juden oder russischer Häftlinge aus dem Wagen ausgeladen und in die Grube gelegt. Nach Beendigung einer solchen Vergasungsaktion wurde das Entladekommando erschossen."
Anklageschrift des Oberstaatsanwalts Koblenz gegen Georg Albert Wilhelm Heuser u. a., 15. Jänner 1962, S. 207 (DÖW 20.913)

 

Das Urteil des Schwurgerichts beim Landgericht Koblenz vom 21. Mai 1963 gegen den Gestapoleiter des KdS Minsk, Georg Heuser, und zehn weitere Angeklagte ist abgedruckt in: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Amsterdam 1978, Bd. XIX, S. 165–317. Georg Heuser (1913–1989), der ab 1954 wieder im Kriminalpolizeidienst und 1958–1962 Leiter des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz war, wurde u. a. wegen mehrerer Verbrechen der gemeinschaftlichen Beihilfe zum Mord zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1969 wurde er aus der Haft entlassen. Auch gegen die übrigen Angeklagten wurden mehrjährige Zuchthausstrafen verhängt.

 

Die zur Zwangsarbeit ausgewählten Häftlinge wurden zum Aufbau des Lagers und in der Landwirtschaft eingesetzt, mussten aber auch das Gepäck der ermordeten Juden und Jüdinnen sortieren und wurden zur Reinigung der Gaswagen abkommandiert. Drakonische Strafen, Misshandlungen und Morde bestimmten den Lageralltag.

 

"Nun zu unserem Lagerkommando. Dies bestand jeweils aus ganz besonderen 'feinen Herrn'. SS-Oberscharführer [Heinrich] Eiche, ein Lette, der in Lodz ein Elektrowarengeschäft besaß, war wohl einer der kaltblütigsten und hinterlistigsten Mörder. […] Er suchte jeweils die Leute aus, die das Arbeitstempo nicht einhalten konnten[,] und schickte sie auf 'andere Güter'. Auf seinen Befehl hin wurden 4 junge Burschen vor den angetretenen Juden erschossen, weil sie, da sie Hunger hatten, ihr Hemd für ein Stückchen Brot eingetauscht hatten. […] Bald wurden einige Männer erschossen[,] weil sie einen Brief aus dem Lager nachhause schicken wollten. Diese Erschiessungen wurden von Dr. Heuser geleitet. Bald wurde ein Bursch, weil er zu spät, ein Russe[,] weil er zu früh aus der Baracke ging, ein Mädel auf dem Heimweg von der Arbeit, Russen[,] weil sie in der Arbeitszeit nach Essen suchten, erschossen. Weitere Russen, weil sie Esswaren aus der Mistgrube suchten. Eine Zeitlang traute man sich nicht einzeln auf die Straße, man ging gruppenweise von und zu den Arbeitsplätzen. – Eines Tages hatte man 2 Frauen aus unserem Lager nach Minsk zum Verhör (Abteilung Dr. Heuser) gebracht. Nach 2 Tagen brachte man die beiden zurück, um sie vor den angetretenen Juden aufzuhängen. 3 Tage mussten die Leichen der Frauen auf den Lichtleitungsmasten hängen […]."
Bericht eines Wiener Überlebenden (Wolf Seiler), o. D. (Hervorhebungen im Original)

 

Um die Spuren der Verbrechen zu verwischen, wurden vom Oktober bis Dezember 1943 unter Aufsicht des Sonderkommandos 1005-Mitte die Massengräber in Blagowschtschina geöffnet und die Leichen verbrannt. Die weißrussischen Häftlinge, die diese Arbeiten ausführen mussten, wurden Mitte Dezember 1943 in einem Gaswagen getötet. Auch weil es immer wieder zu Angriffen durch Partisanen kam, wurden die Exekutionen 1944 in unmittelbarer Nähe von Maly Trostinec – im Wald von Schaschkowa – durchgeführt:

 

"Nachdem jede Spur des Geschehens getilgt war und die Herrn bei ihrer Beschäftigung öfter von Partisanen gestört wurden – wurde Gut 16 [interne Tarnbezeichnung für die Hinrichtungsstätte Blagowschtschina] verlegt und zwar zu uns ins Lager. Unweit der Baracken, im Wald, befand sich der deutsche Heldenfriedhof. Eines Tages begann man links des deutschen Heldenfriedhofs eine Grube zu graben, angeblich für einen Bunker. Doch bald zeigten die 1. Kastenwagen den wahren Zweck der Grube."
Bericht eines Wiener Überlebenden (Wolf Seiler), o. D.

 

Die letzten Tötungsaktionen in Maly Trostinec wurden vom 28. bis 30. Juni 1944 durchgeführt. Am 3. Juli wurde Minsk durch die Rote Armee befreit.

 

 

Literatur zum Thema

 

Petra Rentrop, Maly Trostinez, in: Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 9: Arbeitserziehungslager, Durchgangslager, Ghettos, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeitslager, München 2009, S. 573–587

Petra Rentrop, Tatorte der "Endlösung". Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez, Berlin 2011

Waltraud Barton (Hrsg.), Maly Trostinec - Das Totenbuch. Den Toten ihre Namen geben. Die Deportationslisten Wien – Minsk / Maly Trostinec 1941/1942, Wien–Ohlsdorf 2015

Waltraut Barton / IM-Mer (Hrsg.), Ermordet in Maly Trostinec. Die österreichischen Opfer der Shoa in Weißrussland. Beiträge zur Konferenz "Maly Trostinec erinnern", 28. – 29. November 2011, Wien Museum, Berlin 2011

Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung. Eine deutsch-belarussische Wanderausstellung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks gGmbH (IBB Dortmund) sowie der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte "Johannes Rau" Minsk (IBB Minsk), in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, o. O., o. J. (2016)

 

 

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Themen

Deportation

Downloads

o. D. (DÖW 854, Transkript mit Erläuterungen beigefügt)
(1,7 MB)

16. 5. 1942 (Yad Vashem / DÖW Mikrofilm 58)
(2,9 MB)

17. 5. 1942 (DÖW 17.062)
(139,8 KB)

23. 5. 1942 (Yad Vashem / DÖW Mikrofilm 58)
(199,4 KB)

12. 8. 1942 (Yad Vashem / DÖW Mikrofilm 58)
(133,3 KB)

9. 9. 1942 (Yad Vashem / DÖW Mikrofilm 58)
(981,4 KB)

19. 10. 1942 (Yad Vashem / DÖW Mikrofilm 58)
(1,3 MB)
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