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Franz Hahn: Theresienstadt

Franz Hahn, geb. 1913 in Nové-Zámky (Slowakei), in Wien aufgewachsen, Arzt. Als Jugendlicher Mitglied des Republikanischen Schutzbunds und der Roten Falken. Oktober 1942 gemeinsam mit seiner Mutter Deportation in das Ghetto Theresienstadt, von dort am 23. Oktober 1944 nach Auschwitz, wenige Tage später in das KZ Oranienburg und weiter in eines der Kauferinger Lager (Außenlager von Dachau). Während des "Evakuierungstransports" Befreiung durch amerikanische Truppen in der Nähe von München.

Rückkehr nach Wien.

Verstorben 2000.

 

 

Theresienstadt wurde als Festung unter Maria Theresia gebaut, um den Zusammenfluss von Elbe und Eger zu schützen, und bestand aus der großen Festung und der so genannten kleinen Festung. Die große Festung, also das eigentliche Theresienstadt, war unerhört einfach zu bewachen, und deswegen wurde es wahrscheinlich für ein Ghetto ausgesucht. Es hatte nach der alten Baumethode enorm hohe Wälle und tiefe Gräben. Man konnte das Lager nur durch die Tore verlassen. Die waren bewacht. Dadurch konnte man sich innerhalb des Bezirkes Theresienstadt frei bewegen. Man konnte auf der Straße gehen, man konnte spazieren gehen, man konnte Freunde besuchen. Als ehemalige Festung war der Hauptteil der Gebäude große Kasernen, auch mit riesigen, seinerzeitigen Stallungen, die später umgebaut worden waren, und in diesen Riesenräumen wurden die Leute jetzt untergebracht. Ein kleiner Teil Theresienstadts bestand aus normalen kleinen Zivilhäusern. [...] In diesem Ort hat man zur Zeit, als ich hinausgekommen bin, circa 60.000 Menschen zusammengepfercht. Ich habe meine zwei Jahre in Theresienstadt in einer ehemaligen Stallung verbracht. Da waren hölzerne Drei-Stock-Betten aufgestellt, da habe ich im dritten Stock neben einem Freund gewohnt, und in dem ganzen Stall waren ungefähr 50, 60 Leute. [...]

 

Gekocht wurde in großen Gemeinschaftsküchen und das Essen wurde pro Kopf ausgegeben. Gekochtes Essen gab es zu Mittag, manchmal auch zum Nachtmahl, in der Früh Kaffee, Brot im Block für den ganzen Tag. Satt ist man davon sehr selten geworden, aber jedenfalls ist man nicht verhungert. Es war, wie der Wiener sagt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Aber man konnte existieren unter mäßigem Gewichtsverlust, wenn man nicht krank geworden ist. Und das war dann das Problem. Gerade die alten Menschen, wie es in jedem Lager und in jedem Zusammenleben auf engem Raum und bei Gemeinschaftsverpflegung mit vielleicht nicht ganz sauberen Küchen immer wieder vorkommt, sind an Durchfallserkrankungen erkrankt. Nun, ein alter Mensch, ein paar Tage Durchfall, keine Möglichkeit zur Diät, der Rest ist sehr leicht auszudenken. Also die Sterblichkeit war enorm groß damals und betraf vorwiegend alte Menschen.

 

Die ärztliche Versorgung war sehr gut organisiert, wir haben Ärzte genug gehabt. [...] Wir hatten Fachleute von allen Gebieten, wir hatten eine Ärztegesellschaft mit regelmäßigen Sitzungen und Vorträgen, wir hatten eine Gesellschaft der Internisten, der Präsident war ein deutscher Nierenspezialist, Geheimrat Professor Strauss aus Berlin, wir hatten auch ausgezeichnete Chirurgen. Ich hab das Glück gehabt, im Garnisonsspital zu arbeiten, also da stand ja ein fertiges Spital, mit Röntgen, mit Operationssaal, natürlich nicht letzte Stufe der Modernität der damaligen Zeit, aber saubere Sterilisationsvorrichtungen. Wir hatten einen normalen klinischen Betrieb. Die Interne hatte ungefähr zweihundert Betten, der Chef war ein junger Prager Internist. Die Mannschaft bestand aus neun oder zehn Tschechen, und ich war der einzige Nichttscheche. [...]

 

Die medizinische wissenschaftliche Gesellschaft Theresienstadt war eine Freude. Man hat sich einmal in der Woche getroffen, debattiert, und wir haben noch etwas gemacht, zumindest die Mediziner. Jeder Neuankömmling, Arzt, der also nach uns gekommen ist, wurde sofort gebeten, komm, erzähl uns, gibt 's irgendetwas Neues draußen? Gibt 's neue Behandlungsmethoden, gibt 's neue Medikamente, erst recht, wenn jemand gekommen ist, z. B. aus Holland. Ein holländischer Kollege, er kam im Jahr 1944, knapp vor der Großevakuierung von Theresienstadt, nach Auschwitz ins Gas, der hat auf irgendwelchen Umwegen einen Sonderdruck einer Schweizer medizinischen Zeitschrift über Penicillin mitgebracht. Ich werde das nie vergessen, wir saßen im Sommer 1944, die interne Abteilung mit dem Chef, im Dienstzimmer, und einer hat das vorgelesen. [...]

 

Wir hatten eine Typhusepidemie, die wir zum Erlöschen gebracht haben. Wir haben die Hygienemaßnahmen verstärkt, Typhus ist ja eine Hygienefrage. Doch viele haben nicht überlebt. [...] Dann kam eine Epidemie infektiöser Gelbsucht. Die hat mich auch erwischt. Also bin ich auf meiner eigenen Station als Patient gelegen. [...] Behandeln konnten wir sie nicht, nur mit Diät. Nachdem ich von der infektiösen Gelbsucht geheilt war, ist eine Epidemie mit infektiöser Gehirnentzündung losgegangen, Enzephalitis. [...]

 

Kurz nachdem die Kommission des Internationalen Roten Kreuzes den Besuch in Theresienstadt beendet hatte, kam die Anordnung: Es müssen Transporte zur Arbeit ins "Reich" zusammengestellt werden. Plötzlich pickten, überall affichiert, große Plakate in ganz Theresienstadt: "Die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt im Reich bringt es mit sich, dass auch die jüdische Selbstverwaltung" - wie wir geheißen haben - "Theresienstadt ihren Beitrag im totalen Kriegseinsatz leistet. Aus diesem Grunde wird verfügt: Am ..., um ... geht ein Transport von 2000 Mann zur Arbeit ins Reich." Die 2000 Mann wurden peinlichst gesundheitlich gesiebt. Alter von 18 bis 22, oder von 17 ... Also die Spitze der gesunden jungen Männer, mit denen man irgendetwas machen konnte. Die wurden peinlich genau untersucht. Wenn einer gesagt hat: "Ich habe einen Leistenbruch und Schmerzen", ist er zurückgestellt worden. Diese Leute wurden ausgestattet mit besserer Kleidung, mit guten Schuhen. Es wurden mitgeschickt mit dem Transport: zwei Ärzte mit Medikamenten, ein Zahnarzt mit einer zahnärztlichen Ausrüstung etc. etc. Es gab großes Heulen und Wehklagen. Die verschiedenen Eltern wollten mit ihren jüngeren Söhnen mit oder die Bräute oder Freundinnen oder Frauen, wenn sie verheiratet waren. Nein! Da hat es nichts gegeben. Aber das Ganze hat vollständig seriös ausgeschaut. Dann kam plötzlich noch ein Transport. Da hat es geheißen: Die Frauen und Bräute der mit dem Transport bereits Abgegangenen können sich freiwillig melden. Da haben sich Prügelszenen abgespielt unter den Mädeln, damit sie ja zu ihrem Freund kommen. Dann ist langsam die Altersgrenze hinaufgerutscht. Dann hat es wieder geheißen: Eltern und sonstige Verwandte von denen, die bereits abgegangen sind ... Also das war auch noch irgendwo vernünftig. Dann hat es plötzlich geheißen: Jetzt sind aber soundso viele Ärzte und Pflegepersonal überzählig. Also auch die ... Und dann hat es geheißen: Kranke. Da haben wir begonnen, die Ohren zurückzulegen. Was heißt das? Wenn die Arbeitslager aufbauen ... Man mustert zuerst die Gesündesten, man staffiert sie aus und man schickt Ärzte mit etc. Man schickt ihnen von mir aus die Eltern mit, dass die Mutter, die Alten vielleicht die Küche führen und die Jungen arbeiten ... Aber was machen die mit Kranken? Wozu brauchen die Kranke? Kranke haben wir ja sowieso im Lager. Da waren zum ersten Mal bei den Nicht-Eingeweihten Zweifel. Ich war auch ein Nicht-Eingeweihter. Mein Chef war ein Eingeweihter, der hat bis zum Schluss den Mund gehalten. Da stimmt was nicht. Irgendwas ist da faul. Das ist kein Arbeitslager. [...]

 

Mein Chef hat natürlich mit all den Leuten, die in den Leitungen gesessen sind, viel Kontakt gehabt. Er muss etwas gewusst haben, aber er hat nie darüber gesprochen. Und langsam sind dann Sachen durchgesickert. Es sind Postkarten gekommen von den Abtransportierten. Und da hat einer geschrieben, er hat - was weiß ich - den Onkel Poldi getroffen. Und jeder hat gewusst, der Onkel Poldi ist schon tot. Also was soll das heißen? Man hat also probiert, den Leuten in Theresienstadt irgendwelche Hinweise zu geben. Wir haben sie aber nicht verstanden. Wir haben sie nicht begriffen.

 

Wir kamen nach Auschwitz. Die paar, die übergeblieben sind, mussten sofort Postkarten schreiben nach Theresienstadt. Meine ist gar nicht angekommen. Es war schon besprochen mit meiner Mutter, die zurückgeblieben war, was ich wie schreibe, wenn irgendwas schief ist. Aber soundso viele sind am Anfang angekommen, da hat man den Eindruck gehabt: Da schau, schreiben können sie auch ... Dann hat man langsam den Eindruck bekommen, da stimmt was nicht. Erst recht wie es geheißen hat: Kranke. Dann hat man schon gewusst, da ist was. Aber dass es ins Gas geht, davon hat keiner eine Ahnung gehabt. Nur, wie gesagt, mein Chef muss davon gewusst haben, er hat nie ein Wort gesprochen. Wir waren im selben Transport. Seine Gattin war ganz aufgeregt: Jetzt geht er auf Transport und er hat nicht einmal Spritzen usw. Und ich habe gesagt: "Ich hab so viele Spritzen, ich bringe ihm welche." Sie hat sich schrecklich gefreut, hat sich auch noch bedankt. Und wie sie dann aus dem Zimmer gegangen ist, hat er mich angeschaut und hat gesagt: "Herr Hahn, glauben Sie denn, dass ich das jemals brauchen werde?" Und da habe ich gemerkt: Er hat genau gewusst, wohin wir gehen. [...]

 

Wir sind nach Auschwitz nur zum Vergasen gekommen. Man hat Zug um Zug, Wochen hindurch, von Theresienstadt nach Auschwitz gebracht und 90 % oder noch mehr von den Leuten vergast. Und das war alles. Denn Auschwitz war damals, im Herbst 1944, schon zur Auflösung bestimmt, man hat gewusst, das kann sich nicht lang halten, aber die Gasanlagen und die Krematorien haben funktioniert, also hat man noch schnell Theresienstadt "ausgeputzt". [...]

 

Mich hat 's erwischt im Oktober. Ich hatte das Glück, nur zwei oder drei Tage in Auschwitz zu sein, ich hab sie nicht gezählt, es war genug. Es war das große Wunder, dass ich hineingekommen und nicht gleich von der Rampe weg ins Gas marschiert bin. Denn ich habe Ihnen vorhin erzählt, dass ich im Sommer in Theresienstadt einen kleinen Lungenherd TB [Tuberkulose] gehabt habe. Wir sind ausgestiegen in Auschwitz: Aufstellen zu fünf. Da stand irgendein SSler und hat immer mit dem Daumen gedeutet - oftmal nach rechts, einmal nach links, wieder nach rechts. Ich bin dagestanden, angezogen für alle Eventualitäten, die Brille auf der Nase. Ein junger tschechischer Kollege neben mir, ein Sportler, war schon drüben, ich habe ja nicht gewusst, was das heißt. Und dann bin ich drangekommen. Ich bin frech und war immer ein Raufbold, also habe ich mit dem Kopf so einen "Deuter" gemacht und ihm ins Gesicht geschaut, so wie einer sagt: "So, und was ist mit mir, wohin soll ich gehen?" Gesprochen habe ich nicht. Na, und da hat der SSler mit mir geredet, mit sonst keinem. Ich habe mein Alter gesagt. "Gesund?" - "Jawohl!" [...] Und ich sage der Wahrheit entsprechend so in einem lockerem Gesprächston - ich habe ja nicht gewusst, dass der ein Arzt ist: "Jetzt habe ich grade in Theresienstadt einen kleinen Lungenprozess hinter mir gehabt, ist schon wieder gut." Und wie ich gesagt habe, einen Lungenprozess, hat er gesagt: "Ja, Arzt, andere Seite Ärzte." [...]

 

Wir waren 55 Mann von 1950, glaube ich, die übrig geblieben sind. Von allen Frauen, Männern und Kindern sind bei der ersten Selektierung 55 Männer und 200 Frauen übergeblieben. Ich war einer von 55. Und wie wir dann im richtigen Bad nackt unter der Dusche gestanden sind, ist der SSler noch einmal nachschauen gekommen, ob alle wirklich gut ausschauen, dabei hat er einen gefunden, der eine frische Operationsnarbe gehabt hat. Er hat den Chef des Gesundheitswesens Theresienstadt gefunden, der einen Buckel hatte. Dann sagte er sehr höflich: "Ach, Sie sind operiert worden? Na, Sie kommen ins Krankenhaus, stellen Sie sich auf die Seite. Sie schauen nicht gut aus, waren Sie krank?" - "Ja, ich habe Gelbsucht gehabt." - "Stellen Sie sich mit auf die Seite, sie kommen mit dem ins Krankenhaus." Und die fünf, die er sich herausgesucht hat, sind als "Nachschub ins Krankenhaus" gekommen, also ins Gas. Denn einen Mann mit einem Buckel kann man nicht brauchen. Und einen Frischoperierten kann man auch nicht für den Arbeitseinsatz brauchen. Also sind wir 50 übrig geblieben, von 55. Ich war 2 oder 3 Tage in Auschwitz. Wir waren so vor den Kopf gestoßen und haben nur geschaut, was werden wird.

 

Nach ein paar Tagen hieß es: "Alles antreten, alles ausziehen." Man musste sich nackt ausziehen. Besonders Ausgemergelte sind nicht mitgenommen worden. Also sind wir wieder selektiert und dann in einen Viehwaggon gesetzt worden und fuhren von Auschwitz weg, kein Mensch hat gewusst, wohin. Und so brachte man uns über Berlin nach Oranienburg. Das KZ Oranienburg war auch schon im Auflösen. Und dort hat man uns sechs Wochen in so genannter Quarantäne gehalten, d. h. wahrscheinlich hat man nicht gewusst, was man mit den 1000 Mann anfangen soll. Also hat man uns sechs Wochen in Quarantäne gehalten ohne Arbeit mit recht wenig Essen, jede Nacht oder jede zweite Nacht Fliegeralarm: "Hinaus!" Nach sechs Wochen kamen wir für eine Nacht ins Nachbarlager Sachsenhausen und von Sachsenhausen hat man uns dann bis Bayern gebracht. [...]

 

Ich bin dann in eines der Kauferinger Lager [Außenlager des KZ Dachau], in Lager 11, gekommen. Dort haben wir enormes Glück gehabt. Es war noch nicht ganz fertig, und es ist in einer gewissen Beziehung nie fertig geworden, d. h. der Strom, um den Stacheldrahtzaun elektrisch zu laden, hat nie funktioniert, dank zweier Wiener Elektromonteure, Vater und Sohn, die die Aufgabe hatten, das fertig zu machen, und die es nie zustande gebracht haben. Entweder es hat ihnen was gefehlt an Material oder es war wieder ein Kurzschluss. Dazu kam noch ein unwahrscheinlicher Zufall, dass ein tschechischer Kollege, den ich aus Theresienstadt gekannt habe, zum Lagerarzt bestimmt worden ist. Der dortige Hauptsturmführer erkennt ihn, denn beide waren Reiter, die sich von soundso vielen Reitturnieren gekannt haben. Der Hauptsturmführer hat zu ihm gesagt: "Und passen Sie auf, wenn Sie ins Lager zurückkommen, hab ich schon euren Kommandanten angerufen und ihm alles gesagt, sie unterstehen mir, nicht ihm!" Der Hauptsturmführer sorgte sich darum, bessere Verhältnisse zu schaffen. [...]

 

Einer der SS-Posten war unerhört anständig - besonders zu den paar Österreichern, die im Lager waren. Einmal hat er uns einen kleinen Rucksack voller Erdäpfel übern Zaun geschmissen. Aber dann hat er rennen müssen, denn er wurde gesehen. Da war bei der SS ein Riesenwirbel, man hatte ihn nicht erkannt.

 

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