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Lotte Brainin: 100 Jahre

Die jüdische Widerstandskämpferin und Shoah-Überlebende Lotte Brainin feierte am 12. November 2020 ihren 100. Geburtstag. Mit einer virtuellen Ausstellung und einem Festakt wurde die Jubilarin geehrt.

 

Der Festakt mit Grußbotschaften und Beiträgen u. a. von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Altbundespräsident Heinz Fischer, Elfriede Jelinek, der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures, Doron Rabinovici und Isabel Frey fand am 12. November 2020 statt und ist auf dem YouTube-Kanal des Bezirksmuseums Alsergrund zu sehen.

 

Die von der Künstlerin Marika Schmiedt gestaltete digitale Ausstellung Lotte Brainin. Eine Heldin des jüdischen Widerstands setzt sich anhand zahlreicher Text-, Bild- und Tondokumente mit dem Leben Brainins auseinander: www.brainin.at.

 

Lotte Brainin

 

 

 

Lotte Brainin, 1946

DÖW Foto 7696

 

 

 

 

Am 12. November 1920 in Wien als Charlotte Sontag geboren, lernte Lotte Brainin früh bittere Armut, aber ebenso die Bedeutung von Solidarität kennen. Wie hunderttausende andere waren ihre Eltern zu Beginn des Ersten Weltkriegs vor den Kriegshandlungen aus Galizien – heute Ukraine, damals österreichisches Kronland – geflüchtet. Über Budapest hatten sie schließlich Wien erreicht, wo die Mutter, Jetti (Ite Beile) Sontag, das Überleben mit einer Suppenküche für Flüchtlinge und mit Näharbeiten sicherte; der Vater, Mauricy (Maurice) Sontag, konnte nicht Fuß fassen und war meist arbeitslos. Lotte Brainin, die in einem sozialdemokratischen Umfeld aufwuchs und den Roten Falken angehörte, fand nach den Februarkämpfen 1934 Anschluss an den Kommunistischen Jugendverband (KJV). Aufgrund ihrer illegalen politischen Tätigkeit wurde die 15-Jährige 1935 bei einer illegalen Zusammenkunft verhaftet und mit drei Wochen Polizeiarrest bestraft.

 

Die Annexion Österreichs durch Hitlerdeutschland im März 1938 bedeutete für Brainin – als Jüdin und als kommunistische Aktivistin – eine doppelte Gefährdung. Die geplante Flucht aus Österreich war für die junge Frau, die in einer Schuhfabrik arbeitete, allerdings nicht zuletzt eine finanzielle Herausforderung. Wie sie später schilderte, verkauften zwei Freunde aus dem KJV – Friedrich Muzyka (geb. 1921) und Alfred Rabofsky (geb. 1919), beide wurden 1944 hingerichtet, weil sie am Versand der "wehrkraftzersetzenden" Flugschrift "Der Soldatenrat" beteiligt waren – diverse Habseligkeiten, um ihr die Zugfahrt bis Köln zu ermöglichen. Von Aachen aus überquerte sie illegal die Grenze nach Belgien und traf in Brüssel auf ihre Brüder Elias und Heinrich. Später konnte auch ihre Mutter zu ihnen stoßen. Mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Belgien am 10. Mai 1940 wurde die Familie neuerlich auseinandergerissen: Die beiden Brüder flüchteten nach Südfrankreich; ein Versuch Lotte Brainins, mit ihrer Mutter nach Dünkirchen zu gelangen, scheiterte, sie mussten nach Brüssel zurückkehren.

 

In Belgien war Lotte Brainin zunächst in einer antifaschistischen Jugendgruppe engagiert, später gehörte sie zu der Gruppe österreichischer und deutscher Kommunistinnen, die im Rahmen der TA (Travail Anti-Allemand bzw. Travail Allemand, einer Sektion der französischen Résistance) die sogenannte "Mädelarbeit" oder "Soldatenarbeit" durchführten, eine spezifisch weibliche Form des Widerstands: junge Frauen versuchten mit Angehörigen der Deutschen Wehrmacht ins Gespräch zu kommen, deren politische Einstellung zu erkunden und sie im antinationalsozialistischen Sinn zu beeinflussen; in weiterer Folge sollten die Soldaten illegale Druckschriften erhalten. "Mädelarbeit" war für die beteiligten Frauen gefährlich, viele wurden gefasst. Lotte Brainin wurde von einem Soldaten, dem sie Flugschriften übergeben hatte, verraten und im Juni 1943 festgenommen. Nach mehreren Monaten Haft und brutalen Verhören wurde sie im Jänner 1944 aus dem Sammellager Mechelen/Malines nach Auschwitz deportiert.

 

Lotte Brainin überlebte Auschwitz, wo sie für die Internationale Widerstandsorganisation (Kampfgruppe Auschwitz) tätig war, und den Todesmarsch von Auschwitz in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück im Jänner 1945. Im Zuge der "Evakuierung" von Ravensbrück gelang ihr Ende April 1945 die Flucht. Über Brüssel kehrte sie im Juli 1945 nach Wien zurück:

 

"Das Erste, was ich gemacht habe, war, dass ich in meine Wohnung gegangen bin. Also die Wohnung, wo meine Eltern, meine Geschwister und ich bis zum Schluss gewohnt haben. Ich gehe in die Gasse – das ist die Liechtensteinstraße –, die Erste, die mir entgegenkommt, ist von meiner liebsten Schulfreundin die Mutter, die mit dem Hund dort äußerln gegangen ist. Und das Erste, was sie gesagt hat: ‚Hearst, du kommst zurück? Du lebst? Wieso ist denn das?‘ Also das war für mich so ein Schlag ins Gesicht, dass ich nicht einmal in das Haus gegangen bin, wo unsere Wohnung war. […] Für sie war das arg, dass da noch ein Mensch zurückkommt. Und für mich war arg die Reaktion. Also nicht ein Wort des Empfanges. Ganz im Gegenteil. – Das ist etwas, das ich bis heute nicht verstehen kann."

Interview mit Lotte Brainin, DÖW-Projekt Erzählte Geschichte, 1985

 

Wie Lotte Brainin erlebten auch ihre vier Geschwister - in England bzw. in Südfrankreich - die Befreiung. Ihre Eltern wurden Opfer der Shoah: Jetti Sontag (geb. 2. 1. 1888) wurde am 4. April 1944 von Mechelen/Malines nach Auschwitz deportiert und dort nach der Ankunft ermordet. Mauricy Sontag (geb. 23. 2. 1891) war bereits 1939 in das KZ Buchenwald eingewiesen worden und dort am 19. Februar 1941 umgekommen.

 

Lotte Brainin arbeitete als Sekretärin in der Redaktion der Volksstimme, 1948 heiratete sie Hugo Brainin, der die NS-Zeit im englischen Exil überlebt hatte. Sie war Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück sowie der Lagergemeinschaft Auschwitz und im KZ-Verband aktiv. 1968 kam es zum Bruch mit der KPÖ. Solange es ihre Gesundheit erlaubte, trat Lotte Brainin als engagierte Zeitzeugin in Schulen und anderen Institutionen auf. 2009 erstellte Bernadette Dewald als Teil der Videoedition VISIBLE das Filmporträt Lotte Brainin: Leben mit Eigenwillen und Mut.

 

 

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