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Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand. Die Strafdivision 999 - 1942 bis 1945

Buchrezension von Peter Steinbach

Käppner - Soldaten im Widerstand "Zwangssoldaten" oder auch "Strafsoldaten" dienten in speziellen Strafbataillonen, die sich schon durch die Ordnungsnummer 999 von anderen Wehrmachtseinheiten unterschieden. Sie sind nicht zu verwechseln mit der aus straffälligen Wehrmachtsangehörigen zusammengesetzten Strafeinheit 500 oder mit der Einheit Dirlewanger, die mehrheitlich aus Wilderern bestand. Die Strafbataillone mit der Ziffer 999 sind in gewisser Weise eine Folge der nationalsozialistischen Terrorjustiz. Hitler hatte zu Beginn des vierten „Kriegswinterhilfswerks“ 1942 erklärt, „kein Gewohnheitsverbrecher“ solle sich „einbilden, dass er durch ein neues Verbrechen über diesen Krieg hinweggerettet werde.“ Er persönlich werde „dafür sorgen, dass nicht nur der Anständige an der Front stirbt, sondern dass der Verbrecher oder Unanständige zuhause unter keinen Umständen diese Zeit überleben“ werde.

„Unter keinen Umständen…?“ Was dies bedeutete,
erfuhren die Zwangsrekrutierten in den weniger Kriegsschrecken als den Terror des „Barras“ verbreitenden „Bewährungseinheiten“. Die Einheiten wurden aus „Politischen“ und Straftätern gebildet, ein unglaublich hoher Anteil wurde aber wegen angeblicher politischer Vergehen zugewiesen. Sie waren seit 1943 aufgestellt worden und vermittelten vielen Gegnern des NS-Regimes das Gefühl, aufs Neue militärischer Regimewillkür auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein. Bis dahin galten verurteilte Häftlinge als „wehrunwürdig“. Die angeblich Wehrunwürdigen wurden zunächst umdeklariert, sie galten nun als „wehrwürdig“, und wurden auf besonders intensive und abstoßende Weise kontrolliert, schikaniert und Kriegs- und Kampfgefahren ausgesetzt. An der Front sollten sie als „Menschenmaterial“ ohne Rücksicht auf Verluste gleichsam „verheizt“ werden. Dass „999er“, ursprünglich Regimegegner, in den letzten Kriegsjahren sogar bewaffnet wurden, empfanden sie oft als moralischen Tiefpunkt und als eine besondere Art ihrer Entehrung.

Käppner verbindet die Lebensgeschichten einiger überlebender „999er“ mit der Zeit- und Kriegsgeschichte. Viele der Zwangsrekrutierten nahmen sich bei ihrer Gestellung vor, bei erster Gelegenheit zu desertieren. Aber ihre „Schleifer“ machten ihnen klar, dass sie beim geringsten Widerstand oder im Falle von Flucht mit dem Tod zu rechnen hätten. Dennoch konnte ihr Wille nicht immer gebrochen werden, so hart die „Ausbildung“ im Lager Heuberg bei Ulm und später in Baumholder auch war. Manchen in die Uniform gezwungenen „999ern“ gelang es, sich der Schikane und dem Terror durch Desertion zu entziehen, einige schlossen sich der Résistance oder griechischen Partisanenverbänden an. Sie setzten sich neuen Gefahren aus, entgingen aber dem Nazi- und Wehrmachtsterror. Denn fast alle, die sich in den Zwangseinheiten als radikale Kriegsdienstgegner zu erkennen gaben, Befehle verweigerten oder vor der Flucht entdeckt oder verraten wurden, wurden in der Regel im Beisein ihrer Kameraden standrechtlich erschossen. Besonders große Opfer hatten hier die „Zeugen Jehovas“, zu beklagen, die den „Dienst mit der Waffe“ verweigerten.

Die Würdigung der „999er“, die in Nordafrika, in Russland, in Italien und auf dem Balkan
eingesetzt wurden, integriert die Geschichte der Strafbataillone endgültig in die Geschichte des Gesamtwiderstands. Käppner nützt historische Vorarbeiten und relativiert indirekt seinen Anspruch, einen entscheidenden Beitrag zur Entdeckungsgeschichte dieser Regimegegner zu leisten. Sie waren sozialistisch, kommunistisch und anarchistisch geprägt, gehörten also zu den NS-Gegnern der ersten Stunde, zu den gleichsam „geborenen“ Regimegegnern, denen die Nationalsozialisten bis in die letzten Kriegstage keine Schonung gewährten. Das Buch erinnert an acht überlebende „Zwangssoldaten“, von denen einige Schriftsteller, andere Politiker wurden. Falk Harnack wurde ein gefeierter Filmregisseur. Egon Franke brachte es im Kabinett Brandt zum Vizekanzler. So selten diese laut eigenen Angaben über ihre Zeit als „999er“ sprachen, so wenig kann bezweifelt werden, dass sie sich auch unter diesem Zwangsregime ihr Gefühl für Freiheit und Würde nicht hatten nehmen lassen.

Peter Steinbach ist wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in  Berlin.

Joachim Käppner: Soldaten im Widerstand. Die Strafdivision 999 - 1942 bis 1945, München: Piper Verlag 2022, 409 S.

 

 

 

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