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Transhumanismus: ein Verschwörungsmythos auf dem Vormarsch

Neues von ganz rechts - November 2022

Nach dem „Großen Austausch“ und dem „Great Reset“ setzt die extreme Rechte seit Kurzem auf einen weiteren Mythos zur Mobilisierung von Ängsten, den „Transhumanismus“. Dabei handelt
es sich nicht um die gleichnamige philosophisch-akademische Debatte über das Verhältnis von Mensch und Technologie, das seit jeher einem ständigen Wandel unterliegt und immer neue ethische Fragen aufwirft, sondern um die Schaffung eines Szenarios, in dem Maschinen die Menschheit beherrschen oder gar auslöschen.

Das Untergangsszenario

Die Behauptung einer solchen „transhumanistischen Agenda“ gehört heute zu den Stehsätzen extrem rechter Propaganda. Ein prominenter Vertreter dieses Verschwörungsmythos ist Stefan Magnet, der seine Vergangenheit im organisierten Neonazismus1 gerne verschweigt und auf seinem Desinformationssender AUF1 behauptet: „Tatsächlich führen die Globalisten und Transhumanisten einen Krieg, wie er in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie stattgefunden hat.“ Ein erster Schritt dieses teuflischen Plans sei die Corona-Impfung, womit Magnet nicht alleine ist – auch Martin Rutter, einer der zentralen Organisatoren der Corona-Proteste, verbreitet diesen Verschwörungsmythos. Jener behauptet, die „Zwangs-Gen-Spritze“ könnte unfruchtbar machen, was Menschen dazu zwingen könnte, ihre Kinder in künstlichen Gebärmüttern wie in der Filmreihe Matrix zu bekommen. „Ich kann es nicht oft genug
schreiben. Sie wollen uns zu digitalen und künstlichen Maschinensklaven machen.“2

Auch Magnet lässt sich in seiner Sendung zum „Transhumanismus“ von Matrix inspirieren:
„Der Mensch wird nur noch als Konsument benötigt […] und auch das sei nicht gesichert viel
mehr wie in der Matrix wird ihre Energie und Körperwärme angezapft. Produziert werden die Zukunftsmenschen größtenteils im Reagenzglas, im Labor von Computern.“3 Neben der Unterhaltungsindustrie dient Magnet die rechtsextrem verzerrte Wahrnehmung der Geschichte nach 1945, um den größeren Plan dahinter nachzuweisen: Der „Angriff“ habe „mit geistlicher und weltanschaulicher Umerziehung [begonnen], mit Verbildung, Propaganda und falschen Werten. Es ging weiter mit der Zerstörung und Zerschlagung der Sippe und der Familie […]. Dann wurden die Traditionen zerstört, die Kulturen, die Völker als solche. Der Geist und die Psyche sind dann für die wurzellos gemachten Opfer die letzten Angriffsfelder.“4

Antisemitismus

Der antisemitische Gehalt dieses Verschwörungsmythos zeigt sich auch und insbesondere darin, dass der israelischen Philosoph Yuval Noah Harari als zentrales Feindbild fungiert. Dieser wird von Magnet mit alten antisemitischen Attributen versehen und etwa als geldgierig und gottlos gezeichnet: „Harari glaubt an nichts, er glaubt nur an Zahlen und Zinseszins und an Berechnungen, es gibt keinen Gott.“5 Demgegenüber wollten Magnet und die Seinen „das Leben achten, die Kulturen schützen, unsere Identitäten erhalten, die Freuden und Lieben vertiefen und jeden bekämpfen, der uns all das rauben möchte, weil er an einer Geisteskrankheit leidet und weil er, warum auch immer, die Menschheit hasst.“6 Dass „die Juden“ dies tun würden, wissen Antisemit*innen seit Tacitus, der ihnen die hasserfüllte Feindschaft gegen alle anderen andichtete. Wenig verwunderlich wird der Begriff „Transhumanisten“ zunehmend synonym für „Globalisten“ verwendet, was das Repertoire antisemitischer Codierungen erweitert.

Transfeindlichkeit und Antifeminismus

Besonders in den USA, aber auch zunehmend hierzulande anzutreffen ist die Erzählung „Transhumanisten“ und „Globalisten“ würden Feminist*innen und Trans-Aktivist*innen finanzieren und für ihre Zerstörungspläne instrumentalisieren. Im deutschsprachigen Raum kursiert dazu vor allem das Buch von Wassilij A. Schipkow „Nach dem Menschen: Ideologie und Propaganda des Transhumanismus in der Postmoderne“. In einem Artikel im rechtsextremen Compact Magazin schreibt dieser: „Der Ausgangspunkt, an dem der Transhumanismus Teil des öffentlichen Lebens wurde, ist der Postgenderismus, ein ideologisches Konzept, das darauf abzielt, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auszulöschen.“7

In diesen Kanon stimmt auch der vormalige Identitäre in Graz und nunmehrige Kassier im Freiheitlichen Akademikerverband Steiermark, Sigfried Waschnig, ein, wenn er im Wochenblick schreibt: „Nach Genderwahn und >Abschaffung< des Geschlechts scheint nun ein Angriff auf die letzte Bastion stattzufinden: das Menschsein an sich. […] Wenn die transhumanistische Ideologie tatsächlich durchschlägt, dann landet der ganze Mensch in Form seiner Gedankenimpulse bei >Big Data< – und bei denjenigen, die Zugriff darauf haben.“8 In der transhumanistischen Verschwörungsphantasie werden Geschlechterpolitiken und Transrechte lediglich als ein erster Schritt einer „transhumanistischen Agenda“ imaginiert. Deutlich wird so, wie Transfeindlichkeit, Antisemitismus und Antifeminismus in einem Narrativ verbunden werden.

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1 https://www.belltower.news/stefan-magnet-npd-fpoe-und-russlandkontakte-von-auf1-139867
2 Telegram Martin Rutter 03.06.2022
3 Transhumanismus: Das Ende der Menschheit von Stefan Magnet, AUF1, 30.6.2022. Dieser hat seine Erkenntnisse jüngst auch in Buchform („Transhumanismus – Krieg gegen die Menschheit“) vorgelegt.
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Compact Nr. 32, S. 35
8 Die Transformation des Menschen durch Corona, Great Reset und Eliten, wochenblick.at, 18.7.2021

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