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Sophie Szécsi, Siegfried Rosenkranz: "Päcklach"

Deportation Wien – Kielce, 19. Februar 1941

 

Sophie (Sofie) Szécsi geb. Polanyi, geb. 18. 9. 1888
Siegfried Rosenkranz, geb. 5. 5. 1897

 

"[…] hier gibt es nur eine Sorge, sich am Leben zu erhalten, durchhalten, nicht untergehen. Viele alte Leute sind schon über alles hinweg", beschrieb Sophie Szécsi am 19. 6. 1941 in einem Brief an ihre Tochter Marika ihr Leben nach der Deportation, das sie mehr und mehr als bloßen Existenzkampf empfand.

 

Im März 1938 lebte sie mit ihrem Ehemann Egon (geb. 31. 3. 1882) und den Kindern Karl (geb. 5. 7. 1919) und Edith (1912–1944, ab 1939 im britischen Exil) in der Lainzerstraße 74 in Wien-Hietzing gewohnt; ihre Tochter Marika (1914–1984) – eine Jugendfreundin des kommunistischen Schriftstellers Jura Soyfer (1912–1939) – lebte seit 1937 in den USA. In der Lainzerstraße 87, also unweit ihrer Wohnung, betrieb Sophie Szécsi eine Leihbücherei und Buchhandlung (liquidiert im Mai 1939). Egon Szécsi war Inhaber einer kleinen Filmverleihgesellschaft in Wien-Neubau. Er wurde nach der Annexion Österreichs festgenommen und war in den KZ Dachau und Buchenwald in Haft; am 7. 4. 1941 kam er in Dachau um.

 

Postkarte aus Kielce 

 

 

 

Die hier veröffentlichten Postkarten und Briefe sind Teil des Nachlasses von Marika Szécsi(-März) im DÖW.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Festnahme ihres Mannes versuchte Sophie Szécsi (zuletzt wohnhaft in der Wattmanngasse 19/2, Wien-Hietzing) vergeblich, die Ausreise der Familie voranzutreiben, ein schwieriges Unterfangen, da ihr Sohn Karl aus gesundheitlichen Gründen kaum Aussicht auf ein Visum hatte. Zum Zeitpunkt ihrer Deportation glaubte sie Karl in Sicherheit, wie sie ihrer Tochter Marika am 28. 2. 1941 aus Kielce berichtete:

 

"Du wirst dich sicher sehr wundern eine[n] Brief von mir aus diesem Orte zu erhalten. Wahrlich ich hätte mir das auch nicht erträumt! Wir sind jetzt hierher evakui[e]rt worden – immer zu je 1000 Personen in irgend eine kleine Kreisstadt. Du kannst Dir vorstellen wie so ein kleiner Ort auf die Aufnahme von 1000 Personen vorbereitet sein kann, dabei tun sie hier das allerbest möglichste um uns für die erste Zeit wenigstens hinwegzuhelfen: Wir wurden sehr freundlich empfangen, es haben noch viele viele kein Quartier weil ja dort kein Platz ist. […]
Karli habe ich leider oder Gottseidank nicht mit. Er wird wa[h]rscheinlich wenn alles gut geht jetzt doch nach St. Domingo [in der Dominikanischen Republik] kommen, ihr müßt Euch dann informieren ob er ankommen wird. Die Schwedische Mission hat mir versprochen alles für ihn zu tun[,] was nur menschenmöglich[,] da jetzt diese Ausreise erleichtert ist. Er war zu der Zeit in Arbeit in der Nähe von Linz in Minichholz [Münichholz] und hat von seinen Vorgesetzten Urlaub gehabt um sich von mir zu verabschieden. […] Die Schwedische Mission hat mir versprochen alles für ihn zu tun (trotzdem er kath ist.) Er bleibt am Arbeitsplatz bis zu seiner Abfahrt. Das hat der Vorgesetzte versprochen."

 

Karl Szécsi war allerdings in Wien geblieben, er wurde am 5.3. 1941 nach Modliborzyce deportiert. Noch im März erfuhr Sophie Szécsi von seiner Deportation, im Lauf des Mai 1941 von seinem Tod.

 

Materielle Hilfe von außerhalb des Ghettos in Form von Lebensmittelpaketen, Geldüberweisungen oder Zusendung von Kleidung und Dingen des täglichen Gebrauchs, die verkauft werden konnten, war für die Deportierten von existenzieller Bedeutung. Auch in den Briefen Szécsis geht es immer wieder um die Bestätigung angekommener oder die Sorge wegen ausgebliebener Sendungen:

 

"Meine teuere Marika, vor allem berichte ich Dir daß gestern die von Dir avisierten 300 Zl. [Zloty] hier angekommen sind was mich sehr gefreut hat, da ich sie schon sehr notwendig gebraucht habe. Die Lebensmittelsendungen [...] sind wieder eingesickert und hier ist nicht leicht ohne diesen auszukommen. Es ist zu befürchten daß dieselben jetzt zufolge der veränderten Lage auch ganz ausbleiben werden. 'Päcklach' wie sie hier allgemein genannt werden, sind für alle der einzige Lichtblick und auf diese ist alles Bestreben konzentriert." (3. 7. 1941)

 

Die Hoffnungen Szécsis, nach dem Tod ihres Mannes durch Heirat des ebenfalls nach Kielce deportierten rumänischen Staatsangehörigen Siegfried Rosenkranz das Ghetto verlassen zu können und zumindest nach Ungarn oder Rumänien zu kommen, erwiesen sich zunehmend als brüchig:

 

"Wie gesagt[,] was unsere weiteren Pläne für die Zukunft anbelangt, kann ich Dir leider nichts positives sagen, die Lage heute ist immerfort veränderlich und was man heute beschlossen hat kann morgen eine Unmöglichkeit sein! – Leider nützt auch die regeste Phantasie in unserer Lage nicht viel, um sich die Zukunft auszumalen. [...]
Marika liebe teuere[,] wenn nur schon der Tag käme – der lang ersehnte, der immer weiter in die Ferne schwindende erhoffte Tag – an dem wir endlich wieder beisammen sein werden, und uns etwas Ruhe und Freude gegönnt sein wird, nach diesen schweren gewitterreichen Jahren – mit wenig Freude und viel Biterniß [Bitternis]! Siegfried und ich haben nur diesen einen sehnlichen Wunsch, – und dieses eine Bestreben, darüber zerbrechen wir uns den Kopf – wenn nicht über das Problem essen." (17. 10. 1941)

 

Die letzte Postkarte Szécsis an ihre Tochter Marika ist vom 14. 11. 1941. Über das weitere Schicksal von ihr und Siegfried Rosenkranz ist nichts bekannt.

 

Sophie Szécsi entstammte der großbürgerlichen Budapester Familie Polanyi (Pollacsek). Ihre Brüder Michael Polanyi (1891–1976, Chemiker und Philosoph, 1933 von Berlin nach Großbritannien), Karl Polanyi (1886–1964, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, 1933 von Wien nach Großbritannien, 1940 in die USA) und Adolf Polanyi (1883–1966, Wirtschaftspolitiker, 1939 von Italien nach Großbritannien, von dort nach Brasilien) überlebten die NS-Zeit im Exil ebenso wie ihre Schwester, die Frauenaktivistin Laura Stricker (1882–1959, nach einigen Wochen Haft 1938 in Wien im September 1938 nach Großbritannien, von dort im Sommer 1939 in die USA).

 

 

Literatur:
Judit Szapor, The Possibilities And Impossibilities of This Semi-Century: The Life of Laura Polanyi, 1882–1959, Thesis York University Toronto 2001

 

 

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Kielce, 28. 2. 1941
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Kielce, o. D. (Poststempel: 22. 3. 1941)
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Kielce, 28. 3. 1941
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