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Carl Szokoll (1915 - 2004)

 

Major a. D. Carl Szokoll, einer der wenigen unentdeckt gebliebenen Akteure des 20. Juli 1944 auf österreichischer Seite, versuchte gegen Kriegsende 1945 als Leiter einer militärischen Widerstandsgruppe in Wien, die Stadt kampflos der Roten Armee zu übergeben und damit zivile Verluste und Zerstörungen zu verhindern.

Carl Szokoll 

 

 

Carl Szokoll , ca. 1943/44

DÖW Foto 4364

 

 

 

 

 

Auch österreichische Offiziere waren in die Pläne der Verschwörer des 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg eingebunden, Szokoll war einer der Verbindungsleute im Wehrkreis XVII, dessen Kommando seinen Sitz in Wien hatte. Im Zuge der Operation "Walküre" sollte Hitler beseitigt und die vollziehende Gewalt durch die Wehrmacht übernommen werden. Grundlage war ein bereits ausgearbeiteter Generalstabsplan für den Fall von Unruhen im Deutschen Reich, wobei die Widerstandskämpfer die militärische Befehlsstruktur - von oben nach unten - ausnützen und damit auch nicht Eingeweihte für ihre Zwecke einsetzen wollten. Trotz des nicht geglückten Attentats auf Hitler lief Operation "Walküre" in Wien am Abend des 20. Juli 1944 zunächst erfolgreich an, leitende NS-Funktionäre und Gestapobeamte wurden festgenommen. Als aber in Wien bekannt wurde, dass Hitler überlebt hatte und der Umsturz in Berlin gescheitert war, musste die Widerstandsaktion abgebrochen werden. Fast alle am 20. Juli beteiligten Offiziere wurden festgenommen, in Schauprozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Gleichzeitig wurden tausende NS-GegnerInnen verhaftet.

 

Szokoll hatte Glück, seine Beteiligung an den Plänen zum Sturz des NS-Regimes wurde nicht aufgedeckt. So konnte er in der Endphase der NS-Herrschaft neue Verbindungen in seinem militärischen Umfeld, aber auch zur Widerstandsorganisation 05 aufbauen. Ziel war es, die von Hitler angesichts des Näherrückens der alliierten Truppen angeordneten Zerstörungen ("Nerobefehle") zu verhindern: In Wien sollten u. a. Bahnhöfe, Donaubrücken, Wasserleitungen und die Öltanks in der Lobau gesprengt werden. Szokolls Pläne (Operation "Radetzky") sahen vor, durch Zusammenarbeit mit den sowjetischen Truppen, die bereits im Nahgebiet von Wien operierten, und die gleichzeitige Entfesselung eines Aufstands in Wien die Kämpfe abzukürzen und die Zivilbevölkerung zu schonen. Zwar gelang die Kontaktaufnahme mit der Roten Armee - der von Szokoll als Unterhändler entsandte Oberfeldwebel Ferdinand Käs erreichte am 3. April 1945 das Hauptquartier der 3. ukrainischen Front in Hochwolkersdorf -, durch Verrat kam es aber nicht mehr zu den für den 6. April 1945 geplanten Aktionen. Drei beteiligte Offiziere wurden standgerichtlich zum Tode verurteilt (Major Karl Biedermann am 6. April, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke am 8. April), sie wurden am 8. April 1945 in Floridsdorf öffentlich durch den Strang hingerichtet. Szokoll, der rechtzeitig gewarnt worden war, konnte sich der Verhaftung entziehen.

 

Nach Kriegsende erfuhr Szokoll allerdings kaum Anerkennung; wie auch andere Widerstandskämpfer wurde er mehrfach als "Verräter" und "Eidbrecher" (die Angehörigen der Wehrmacht waren auf Adolf Hitler vereidigt worden) diffamiert. 1946 legte er einen Tätigkeitsbericht über die militärischen Planungen und den Einsatz von Österreichern zur Beschleunigung der Befreiung vom Nazismus vor, von dem 50 Stück gedruckt wurden. (DÖW Bibliothek 2527, Rarissima-Sammlung, nicht entlehnbar) Wenngleich nicht alle Details - etwa die Angaben zur operativen Ausgangslage der sowjetischen Truppen im April 1945 - einer historischen Überprüfung standhalten (Szokoll stützte sich dabei auf das damals vorliegende spärliche Quellenmaterial), ist der Bericht doch eine zeitnahe Schilderung der Operation "Radetzky" durch einen maßgeblich Beteiligten.

 

1985 veröffentlichte Szokoll, der seit den frühen Nachkriegsjahren als Filmproduzent tätig war, den Roman Der gebrochene Eid. Seine Erinnerungen erschienen 2001 unter dem Titel Die Rettung Wiens 1945. Mein Leben, mein Anteil an der Verschwörung gegen Hitler und an der Befreiung Österreichs. Erst spät wurde die Leistung Szokolls, der dem Kuratorium des DÖW angehörte, gewürdigt, neben anderen Ehrungen wurde er 2003 zum Bürger der Stadt Wien ernannt. Carl Szokoll starb am 25. August 2004 im Alter von 88 Jahren. Er wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.

 

 

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über die militärischen Planungen und den Einsatz von Österreichern zur Beschleunigung der Befreiung vom Nazismus

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Barbara Stelzl-Marx
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