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Kinder- und Jugendbücher in der Bibliothek des DÖW

Buchgeschichten von Stephan Roth

Die Bibliothek des DÖW als wissenschaftliche Fachbibliothek beherbergt Literatur zu allen Aspekten des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Gewaltherrschaft. Darüber hinaus umfasst der Bestand auch Belletristik vor allem von SchriftstellerInnen des Exils, aber auch von jenen, die sich nach 1945 mit der Zeit des NS-Regimes literarisch befasst haben. Insofern mag es verwundern, dass sich im Bibliotheksbestand auch eine nicht geringe Anzahl von Kinder- und Jugendbüchern findet. All diesen ist gemein, dass sie sich mit unterschiedlichen Aspekten des Nationalsozialismus auseinandersetzen.

Grund genug, zwischen dem internationalen Kinder- und Jugendbuchtag am 2. April – dem Geburtstag von Hans Christian Andersen, in Österreich auch als Andersentag bezeichnet – und den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen rund um den 5. Mai, diesem Bestand eine Buchgeschichte zu widmen.

 

Öffentliche Diskussionen darüber, welche Literatur für Kinder und Jugendliche geeignet, sinnvoll und zumutbar wäre, gibt es schon lange. So erschien beispielsweise ab den 1890er Jahren in Deutschland mit der Jugendschriften-Warte eine Zeitschrift, die sich mit der Beurteilung von Kinder- und Jugendbuch-Novitäten befasste. Ihr Ziel war es, lesenswerte Literatur von „verderblichem Schund“ unterscheidbar zu machen. Jugendliteratur sollte nicht nur ein Unterhaltungsbedürfnis befriedigen, sondern durch ästhetisch anspruchsvolle Texte eine künstlerische Erziehung der Jugend fördern. Die Kriterien dafür sind immer auch im Spiegel vorherrschender politischer Verhältnisse zu sehen, so wurde die Jugendschriften-Warte 1933 dem NS-Lehrerbund gleichgeschaltet. Kinder- und Jugendliteratur wurde ganz allgemein bis 1945 propagandistisch in den Dienst des NS-Regimes gestellt.

 

 Der Giftpilz, 1938

HIEMER, Ernst: Der Giftpilz – ein Stürmerbuch für Jung und Alt
Bilder von Fips (d.i. Philipp Rupprecht). Nürnberg: Stürmer-Verlag, 1938, 62 S. (Signatur: 3510-15 // Nazistica)

 

Das von Ernst Hiemer geschriebene und von Philipp Rupprecht illustrierte antisemitische Kinderbuch wurde 1938 im von Julius Streicher betriebenen Stürmer-Verlag herausgegeben. In 15 kurzen Geschichten werden Hass und Vorurteile gegen Juden geschürt. Die kindlichen LeserInnen sollten im Sinne nationalsozialistischer Propaganda Abscheu, Angst und Ekel gegen Jüdinnen und Juden empfinden. Dabei werden gängige antisemitische Stereotype wie der Vorwurf des Gottesmordes, der Wucherei, der Verführung „arischer“ Mädchen, oder der Zusammenhang von Judentum und Kommunismus bedient. Das Buch erreichte eine Auflage von 70.000 Exemplaren. Julius Streicher wurde im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess zum Tod verurteilt und hingerichtet, Ernst Hiemer und Philipp Rupprecht verbüßten nach 1945 nur kurze Internierungs- bzw. Haftstrafen, beide starben Mitte der 1970er Jahre in Bayern.

 

 Trau keinem Fuchs, 1936

BAUER, Elvira:
Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid

Nürnberg: Stürmer-Verlag, 1936, 44 ungezählte S.
(Signatur: Rarissima Sammlung // Nazistica)

 

Die Verfasserin Elvira Bauer, 1915 in Nürnberg geboren, war ausgebildete Kindergärtnerin und später Kunststudentin. Ihr Buch wurde zunächst von mehreren Verlagen, darunter auch der NS-eigene Franz Eher Verlag, als ungeeignet abgelehnt, bevor es 1936 im Stürmer-Verlag von Julius Streicher veröffentlicht wurde. Das Kinderbuch ist voll mit antisemitischen Stereotypen und zielt darauf ab, die NS-Rassenideologie bereits LeseanfängerInnen in der Volksschule „niederschwellig“ zu vermitteln. Der Titel Trau keinem Fuchs auf grüner Heide ist die Paraphrase eines Spruches von Martin Luther aus dessen 1543 veröffentlichter Schrift Von den Juden und ihren Lügen. Das Buch erreichte mit Unterstützung von NS-Parteigliederungen eine Auflage von etwa 100.000 Exemplaren. Über das Leben von Elvira Bauer gibt es für die Zeit nach 1943 keine weitere Evidenz.

 

 Mutter erzähl von Adolf Hitler

HAARER, Johanna: „Mutter, erzähl von Adolf Hitler!“
Ein Buch zum Vorlesen, Nacherzählen und Selbstlesen für kleinere und größere Kinder. Berlin: Lehmann, 1941, 248 S. mit 57 Strichzeichnungen von Rolf Winkler (Signatur: 4225-7 // Nazistica)

 

Das Buch erschien erstmals 1939 im NS-affinen rassenideologischen Lehmann-Verlag und wurde direkt von der NSDAP als Propagandabuch in Auftrag gegeben. Das Buch ist in Form eines Märchens gehalten, in dem eine Hausarbeit verrichtende Mutter ihren Kindern Geschichten erzählt. Adolf Hitler wird als rettender „Übervater“ stilisiert, der das deutsche Volk von allem Bösen, insbesondere vor „den Juden“ errettet. Die Kinder werden am Ende des Buches animiert der HJ bzw. dem BDM beizutreten. Bis 1945 wurden mehr als 500.000 Exemplare verkauft. Die Verfasserin Johanna Haarer war während der NS-Zeit als Ärztin und Autorin sehr erfolgreich, sie war auch Funktionärin der NS-Frauenschaft. Nach Kriegsende war Haarer für ein Jahr interniert, blieb aber sonst unbehelligt. Ihre zahlreichen Erziehungsbücher galten bis 1945 als Pflichtlektüre und verkauften sich auch in der BRD in bereinigter Form über eine Million Mal. Haarer verstarb 1988 hochbetagt, sie blieb bis zu ihrem Tod überzeugte Nationalsozialistin.

 


Nachkriegszeit

Nach 1945 blieb die Zeit des Nationalsozialismus in der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur weitgehend unbehandelt. Erwachsene meinten offensichtlich, dass es besser wäre das eben erst Geschehene zu vergessen und in der Kinder- und Jugendliteratur das Bild einer heilen, im Fortschritt begriffenen Welt zu zeichnen. In dem Maß, mit dem Erwachsene nicht bereit waren sich mit ihrer eigenen unmittelbaren Vergangenheit auseinanderzusetzen, waren sie auch nicht gewillt, den Kindern diese Auseinandersetzung zu gestatten, um so einer möglichen Konfrontation aus dem Weg zu gehen. In der ohnehin schmalen historischen Jugendliteratur der 1950er Jahre wurde zur Etablierung eines positiven Österreich-Bewusstseins auf die Thematisierung der NS-Vergangenheit verzichtet, Fragen nach Verantwortung oder gar Schuld wurden nicht gestellt. Den wenigen zu diesem Thema erschienenen Titeln wurde nur geringe Aufmerksamkeit entgegengebracht.

 

 Die heimliche Fahne

WENNINGER, Heribert: Die heimliche Fahne
Kampf und Bewährung einer Gemeinschaft junger Menschen aus den Jahren 1938-1945. Linz: Oberösterreichischer Landesverlag, 1957, 180 S. (Signatur: 3948-23)

 

Heribert Wenninger kam 1953 30-jährig bei einem Bergunfall am Traunstein ums Leben. Er hinterließ ein autobiografisches Romanfragment, das den Widerstand einer Gruppe junger oberösterreichischer KatholikInnen gegen den Nationalsozialismus beschreibt. Was 1938 als Auflehnung gegen die Zerschlagung katholischer Jugendgruppen und das Verbot des schulischen Religionsunterrichts begann, setzte sich später als die gegenseitige Bestärkung, die eigene Überzeugung gegen die Regeln des Regimes trotzdem zu leben, fort. Wenningers Freunde und der Oberösterreichische Landesverlag wählten aus dem Fragment 13 Kapitel aus. Das Buch wurde 1957 veröffentlicht und 2007 anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Katholischen Jugend neu aufgelegt und um informative Rahmentexte ergänzt.

 

 Was geht das mich an?

Was geht das mich an?
Herausgegeben von der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. Für den Inhalt verantwortlich: Emma Mayerhofer. Wien: Verlag für Jugend und Volk, 1963, 36 S. (Signatur: 4308)

 

Diese von der Lagergemeinschaft Ravensbrück 1963 bei Jugend und Volk herausgegebene Broschüre wandte sich bewusst an ein junges Publikum. Der gelangweilte Blick des jungen Mädchens am Cover ist nicht nur die Illustration zum Titel, sondern auch zu einer damals breit aufkommenden Haltung (nicht nur) junger Menschen. Der Krieg war zum Zeitpunkt des Erscheinens der Broschüre 18 Jahre vorbei, die Verbrechen des NS-Regimes drohten in Vergessenheit zu geraten. In aller Kürze und altersgerechter Sprache wird ein Überblick zu den Verbrechen der Täter und zum Schicksal der Opfer und zu ihrem Versuch Widerstand zu leisten gegeben. 1976 wurde die Broschüre noch einmal aufgelegt.

 

 Die toten Engel

BRUCKNER, Winfried: Die toten Engel
Wien: Jungbrunnen, 1963, 183 S (Signatur: 499)

 

Anfang der 1960er Jahre kam schließlich ein wenig Bewegung in die österreichische Jugendliteratur und historisch bisher Verschwiegenes wurde vereinzelt thematisiert. Winfried Bruckners Die toten Engel war das erste österreichische Jugendbuch, das sich mit der Shoah auseinandersetzte und über das Leben jüdischer Menschen im Warschauer Ghetto erzählt. Über 450.000 Menschen waren zwischen 1940 und 1943 auf engstem Raum eingesperrt, Monat für Monat verhungerten Tausende oder wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Das Elend war unbeschreiblich und trotzdem widersetzten sich Menschen ihrem Schicksal und leisteten Widerstand. Die toten Engel erschien in annähernd 20 Auflagen, ist aber derzeit nur antiquarisch erhältlich.

 

 Mann ohne Waffen

BRUCKNER, Karl: Mann ohne Waffen
Wien: Jugend und Volk, 1967, 195 S. (Signatur: 5055)

 

Karl Bruckner (1906-1982) war in der Nachkriegszeit einer der erfolgreichsten österreichischen Kinder- und Jugendbuchautoren, der jedoch in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geriet. Sein über Generationen bekanntestes Buch ist der 1949 im kommunistischen Globus-Verlag erstmals erschienene sozialkritische Fußball-Jugendroman Die Spatzenelf, der eine Gesamtauflage von 130.000 Exemplaren erreichte. International erfolgreich war Sadako will leben über das Schicksal eines japanischen Mädchens, das den Atombombenabwurf in Hiroschima überlebte. Der 1967 bei Jugend und Volk erschienene Roman Mann ohne Waffen trägt stark autobiografische Züge und beschreibt die Rettung eines Mannes, der an Hitler-Deutschland ausgeliefert werden soll. Es ist ein Buch darüber, wie man ohne Waffen kämpfen und siegen kann.

 

 

Die 1970er Jahre

Ab den 1970er Jahren begann sich ein offenerer Umgang mit der österreichischen Zeitgeschichte zu etablieren. Inzwischen gab es in der öffentlichen Auseinandersetzung auch einige Diskursmomente, die als punktuelle Tiefenbohrungen in die eigene jüngste Vergangenheit zu bezeichnen waren: etwa die Borodajkewycz-Affäre 1965 oder die Kreisky-Wiesenthal-Peter-Affäre 1975. Dieser Entwicklung trug auch die österreichische Kinder- und vor allem Jugendliteratur Rechnung.

 

 Der Eisstoss

TAUSCHINSKI, Oskar Jan (Hrsg.): Der Eisstoss
Erzählungen aus den sieben verlorenen Jahren Österreichs.
Wien: Jungbrunnen, 1972, 136 S. (Signatur: 5499)

 

Der Herausgeber Oskar Jan Tauschinski (1914-1993) war Gefährte der Dichterin Alma Johanna Koenig, die 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet wurde. Neben seiner eigenen schriftstellerischen Tätigkeit war er von Anfang der 1950er bis Ende der 1970er Jahre Lektor im Österreichischen Buchklub der Jugend. Die von ihm 1972 herausgegebene Anthologie Der Eisstoss war ein Versuch, die Erinnerungen von 26 österreichischen AutorInnen an den Nationalsozialismus und die frühe Nachkriegszeit an die Generation der Nachgeborenen weiterzugeben. 1983 wurde das Buch neu aufgelegt, im Jahr darauf erfolgte eine Ergänzung, seither ist es vergriffen.

 

 Damals war ich vierzehn

Damals war ich vierzehn. Jugend im Dritten Reich.
Berichte und Erinnerungen [von 13 österreichischen AutorInnen]
Wien: Jugend und Volk, 1978, 124 S. (Signatur: 8746)

 

Diese Anthologie verfolgte ähnliche Ziele wie Der Eisstoss. Das Buch vereint autobiografische Erinnerungen von 13 österreichischen AutorInnen. Ergänzt wurden diese durch ein erklärendes Nachwort und ein Glossar, um den jungen LeserInnen ein besseres Verständnis der damaligen Zeit zu ermöglichen. Das Buch war sehr erfolgreich und erschien bis etwa 2005 in annähernd 20 Auflagen.

 



Maikäfer, flieg! Maikäfer, flieg!

 

NÖSTLINGER. Christine: Maikäfer flieg!
Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich, Weinheim: Beltz und Gelberg, 1973, 175 S. (Privat) bzw. Weinheim: Beltz Guliver, 2001, 220 S.
(Signatur: 41101)

Zwei Wochen im Mai Zwei Wochen im Mai

NÖSTLINGER. Christine: Zwei Wochen im Mai
Mein Vater, der Rudi, der Hansi und ich. Roman, Weinheim: Beltz und Gelberg, 1981, 203 S. (Privat) bzw. Weinheim Beltz Guliver, 2001, 203 S. (Signatur: 45058)

 

Rosa Riedl Schutzgespenst

NÖSTLINGER, Christine: Rosa Riedl Schutzgespenst
Wien: Jugend und Volk, 1979, 159 S. (privat)

 

Eine besondere Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hat für junge LeserInnen das Werk von Christine Nöstlinger (1936 – 2018).
Der Antifaschismus ist ein Leitmotiv, das sich durch viele ihrer Bücher zieht. Immer wieder begegnet man Figuren, die als kindliche Außenseiter die Welt der Gleichaltrigen und jene der Erwachsenen kritisch hinterfragen. In ihren autobiografischen Büchern Maikäfer flieg, oder Zwei Wochen im Mai thematisiert sie die eigenen Erinnerungen an Kriegsende und Nachkriegszeit. Aber auch in anderen ihrer zahlreichen Bücher findet man den Kampf gegen den Alltagsfaschismus wieder, etwa dann wenn das Schutzgespenst Rosa Riedl damit beschäftigt ist, während des Krieges Gauleiter zu ärgern, HJ-Buben zu zwicken und die NS-Frauenschaft durcheinanderzubringen. Neben vielen nationalen und internationalen Preisen (darunter der erste Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis) erhielt Nöstlinger 2009 den vom DÖW verliehenen Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis für antifaschistische österreichische Publizistik.

 


Die 1980er Jahre

Rund um das „Bedenkjahr 1988“ – den 50. Jahrestag des Anschlusses Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 – wurde neben einer Vielzahl von Sach- und Fachbüchern auch eine Reihe zeitgeschichtlicher Jugendbücher veröffentlicht. Die seit der Bundespräsidentenwahl 1986 schwelende Waldheim-Affäre hatte die gesamte Republik erfasst und die Frage, wie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen sei, war in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

 

 Martin Wimmer und der totale Krieg

NÖSTLINGER, Ernst: Martin Wimmer und der totale Krieg Fünfzehnjährige als Luftwaffenhelfer, Wien: Dachs-Verlag, 1985, 175 S. (Signatur: 14788)

 

Auch der Ehemann von Christine Nöstlinger, der Journalist Ernst Nöstlinger, beschäftigte sich in seinem Schaffen mit dem Nationalsozialismus. Der fünfzehnjährige Martin Wimmer wird mit seinen Klassenkameraden als Luftwaffenhelfer eingezogen. Die Ausbildung, das Leben an der Front, der Tod gleichaltriger Kameraden prägen nun seinen Alltag. Spannungen zwischen erwachsenen Vorgesetzten und Jugendlichen sind in einem diktatorischen Regime und im Krieg erbarmungsloser als in einer Demokratie und im Frieden. Das Buch wurde mit einem historisch kontextualisierenden Nachwort ergänzt. 1987 erfolgte eine 2. Auflage, seither ist das Buch vergriffen.

 

 Lena. Unser Dorf und der Krieg

RECHEIS, Käthe: Lena. Unser Dorf und der Krieg
Wien: Herder, 1987, 311 S. (Signatur:19811)

 

Käthe Recheis (1928 – 2015), eine der bekanntesten österreichischen Kinderbuchautorinnen, widmete eines ihrer Bücher dem Thema Nationalsozialismus. Die Protagonistin Lena ist gerade zehn Jahre alt, als sich mit dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 ihr Leben grundlegend verändert. Auch in ihrem Dorf übernehmen die Nazis das Kommando. Sie schwankt wie viele andere zwischen Begeisterung und Misstrauen und muss sich schließlich mit Krieg und Elend auseinandersetzen.

 

In die Waagschale geworfen. Österreicher im Widerstand In die Waagschale geworfen. Österreicher im Widerstand


WELSH, Renate: In die Waagschale geworfen
Österreicher im Widerstand. Wien: Jugend und Volk, 1987, 95 S. (Signatur 19813) bzw. Wien: Czernin, 2019, 103 S. (Signatur: 1597-18)

 

Angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus, wird oft die Frage gestellt: „Was hättest du getan? Hättest du Widerstand geleistet oder wärst du ZuschauerIn, MitläuferIn oder gar TäterIn geworden?“ Renate Welsh (geb. 1937), eine Doyenne der österreichischen Jugendbuchliteratur, erinnert in ihrem Buch In die Waagschale geworfen in acht Geschichten an außergewöhnliche Menschen, die mutig und menschlich handelten und für ihre Überzeugung einstanden. Eine von ihnen war die gefeierte Schauspielerin Dorothea Neff, die ihre jüdische Geliebte Lilli Wolff mehr als drei Jahre in ihrer Wohnung versteckte, mit ihr die Essensrationen teilte und ihr so das Leben rettete. Das Buch wurde 2019 im Czernin Verlag wieder aufgelegt.

 


Graphic Novels


Der Nationalsozialismus und die Shoah sind Themen, die eine seriöse, faktenbasierte und sensible Form der literarischen Umsetzung besonders für junge LeserInnen erfordern. Über Jahrzehnte war es undenkbar, sich dabei Ausdrucksformen der Populärkultur zu bedienen. Art Spiegelman, Cartoonist und Sohn von Holocaustüberlebenden war der erste, der den Holocaust als Comic darstellte und anfangs dafür scharf kritisiert wurde. Bereits 1989 erschien die deutsche Übersetzung des ersten Bandes, 1992 folgte der zweite Band, im selben Jahr erhielt Spiegelman den Pulitzerpreis für Maus. Die Geschichte eines Überlebenden. Die Erzählung der Geschichte eines Opfers entspricht der Geschichte von vielen tausenden Menschen, Spiegelman bricht aber mit gängigen Darstellungsweisen. Die bis dahin unbekannte Nutzung des Medium Comic wurde zusätzlich verfremdet, indem Täter und Opfer als Tiere dargestellt wurden. Inzwischen ist Maus ein Klassiker des Genres und Graphic Novels zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus sind nicht mehr außergewöhnlich, wie beispielsweise die gelobte Bearbeitung von Das Tagebuch der Anne Frank durch David Polonsky und Ari Folman beweist.

 

 Maus

SPIEGELMAN, Art: Maus.
Die Geschichte eines Überlebenden

Reinbeck: Rowohlt, 1989, 159 S.
(Signatur: J 0989)

 

 




 

 Das Tagebuch der Anne Frank

FRANK, Anne / Ari FOLMAN / David POLONSKY:
Das Tagebuch der Anne Frank.

Graphic Diary.
Übersetzt von Mirjam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Frankfurt/Main: S. Fischer, 2017, 145 S.
(Signatur: 1875-14)







In Österreich hat sich der 2011 in Wien gegründete, selbstverwaltete Verlag bahoe books besonders um die Darstellung des NS-Zeit in Form von Graphic Novels verdient gemacht.

 

 Der Fotograf von Mauthausen

COLOMBO, Pedro J. / Aintzane LANDA / Salva RUBIO:
Der Fotograf von Mauthausen (Francisco Boix)
Wien: bahoe books, 2019, 176 S., Illu. (Signatur: 2903-21)

 

Francisco Boix war einer jener mehr als 7.000 Spanier, die nach dem Sieg der Faschisten in Spanien nach Frankreich flüchteten, dort verhaftet und Anfang 1941 ins KZ Mauthausen deportiert wurden. Aufgrund seiner fotografischen Vorkenntnisse wurde er dem Erkennungsdienst, der fotografischen Dokumentation der ankommenden Häftlinge, zugeteilt. Boix und seine Mithäftlinge retteten eine Vielzahl von Fotos am Ende des Krieges vor der Vernichtung durch die SS. Sie wurden wichtige Beweismittel in den Nürnberger Prozessen und in den Dachauer Mauthausen-Prozessen. Boix starb 1951 knapp 31-jährig an Nierenversagen als Folge der KZ-Haft. Die Graphic Novel erzählt seine Geschichte in düsteren Bildern, ein umfangreicher Anhang gibt Auskunft über die historischen Fakten.

 

 Schwere Zeiten. Das Leben der Lili Grün

Fatzinek, Thomas: Schwere Zeiten. Das Leben der Lili Grün
Wien: bahoe books, 2016, 79 S.  (Signatur: 12274-16)

 

Die in Wien geborene Lili Grün (1904-1942) verlor früh ihre Eltern und startete in den 1920er Jahren eine Theater- und Kabarett-Karriere zunächst in Wien, später auch in Berlin. Wegen der Weltwirtschaftskrise musste sie nach einiger Zeit nach Wien zurückkehren. Im Zsolnay Verlag veröffentlichte sie 1933 mit einigem Erfolg ihren Romanerstling Herz über Bord, zwei weitere Romane folgten. Der Nationalsozialismus setzte ihrem literarischen Schaffen ein jähes Ende, sie wurde als Jüdin verfolgt und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Ihre Romane wurden in den letzten Jahren wieder aufgelegt.

 

Jüngste Veröffentlichungen

Kinder- und Jugendbücher zur NS-Zeit erscheinen nach wie vor. Gerade in den vergangenen Jahren gab es einige neue Publikationen österreichischer Verlage, zwei davon seien exemplarisch hier beleuchtet.

 

Held Hermann
LEITL, Leonore: Held Hermann. Als ich Hitler im Garten vergrub Innsbruck: Tyrolia, 2020, 256 S. Illu. (Signatur: 3714-16)

 

Die Geschichte des 12-jährigen Hermann, der mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern im oberösterreichischen Freistadt lebt, ist von den Kindheitserlebnissen des Großvaters der Autorin Leonore Leitl während des 2. Weltkrieges angeregt. Der Vater ist an der Front, die Mutter versucht die Familie im letzten Kriegsjahr über die Runden zu bringen. Einigermaßen unbeschwerte Kindertage mit Schwimmen und Abenteuern im Kirchturm gibt es noch, aber das bevorstehende Kriegsende macht die lokalen NS-Größen nervös und besonders aggressiv gegen Andersdenkende. Das spürt Hermann, der aus einer sozialdemokratischen Familie stammt, auch wenn er nicht immer alles versteht, was die Erwachsenen im Flüsterton miteinander reden. Kurz vor Kriegsende kommt es noch zu Verhaftungen und brutalen Hinrichtungen, mit Glück bleibt Hermanns Familie verschont. Die auch von der Autorin gestalteten ganzseitigen Illustrationen begleiten entlang der Jahreszeiten durch die Handlung. Das Buch wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet und macht sich besonders durch die Schilderung des Alltags in der NS-Zeit verdient.

 

 Einfach mehr Luft

Holmes, Alexandra: Einfach mehr Luft
Wien Jungbrunnen, 2023, 160 S. (Signatur: 27566-10)

 

Ben ist 15, kümmert sich sehr um Levin, sein krankes Pferd, und mit seiner guten Freundin Toni spielt er in einer Band. Bei seinen Übungsfahrten für den Führerschein besucht er regelmäßig seine Urgroßmutter, die ihm jedes Mal Geschichten aus dem Leben einzelner Familienmitglieder erzählt. Zum 100. Geburtstag der Urgroßmutter kommt die ganze Familie zusammen, da gibt es reichlich Spannungen und auch Vieles zu erzählen – besonders aus der Vergangenheit. So gibt das Buch einen guten Überblick zu vier Generationen österreichischer Zeitgeschichte. Es geht um die Suche eines heute 15-Jährigen nach einer eigenen Identität, um die Geschichte der Familie. Der Fokus liegt dabei auf dem heutigen Umgang Jugendlicher mit der österreichischen Zeitgeschichte. Die Entstehung des Buches wurde vom DÖW beratend begleitet.

 

 

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