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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Objekt des Monats

Objekte erzählen Geschichte

Monat für Monat präsentieren wir Ihnen in unserer Dauerausstellung ein Objekt des Monats. Dabei handelt es sich um neue, unbekannte oder womöglich zu wenig beachtete Objekte und deren Geschichte. Der Schwerpunkt des Jahres 2026 liegt auf Neuzugängen zu unseren Sammlungen.

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Taschenkalender von Josef Schicker aus dem englischen Exil
 

„Handy Diary“ steht in goldenen Großbuchstaben, umrahmt von dem Produktvermerk „Collins No. 161“, auf dem dunkelgrünen Kartonumschlag des kleinen Taschenkalenders für das Jahr 1940. Auch die Blätterränder sind goldfarben, mit einem Bändchen lässt sich eine Seite markieren. Erhalten geblieben ist auch der „Diary Blotter“, ein kleines Löschpapier voller schwarzer Tintenflecke.

 

Beim monatlichen Terminüberblick ist lediglich ein Datum handschriftlich kommentiert – Dienstag, 25. Juni 1940: „INTERNMENT“ – Internierung. Die persönlichen Daten nennen nur das Gewicht am 1. 7. 1940: „11 st, 5 lbs“ – 73 Kilo. Jeder Tag des Jahres 1940 hat eine Seite. Kurze Einträge berichten Anfang Jänner Alltägliches. „In Cambridge, Decken und 3 Teppiche gekauft“ beginnen die Aufzeichnungen, ansonsten bleibt das Büchlein monatelang leer – bis zum 25. Juni 1940: „Mit einem Schock hat unser Frühstück geendet: wir werden interniert.“

 

Der Schreiber berichtet in der Folge von der Internierung in verschiedenen Lagern, der Verpflegung und Unterbringung, von der beschäftigungslosen Zeit, den wechselnden Stimmungen zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnung auf Entlassung, von Ortswechseln und Freilassungen, von Ablenkungen mit Konzerten, Vorträgen, Spielen, Büchern, Zeitungen, Arbeit in der Küche. Er notiert Gedanken an seine Frau, an die Welt „draußen“, das Wetter, den Alltag, Diskussionen und Gerüchte. Schlagartig enden die Einträge mit 2. Dezember 1940 – dem Tag der Entlassung aus der Internierung.

 

Beim Schreiber handelt es sich um Josef („Sepp“) Schicker, geboren am 16. November 1911 in Wien, Sohn einer Arbeiterfamilie, der schon früh zum Familieneinkommen beitragen musste und eine Schlosser- und Tischlerlehre absolvierte. Es herrschte bittere Armut, es war aber auch die Zeit des blühenden Roten Wien mit einem umfassenden Sozialprogramm. Josef Schicker engagierte sich in der Sozialdemokratischen Partei und bei der Gewerkschaft, auch nachdem sie 1934 verboten wurden.

 

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Ab März 1933 wurde die junge Republik schrittweise in eine Diktatur umgewandelt. Im März 1938 wurde Österreich Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reichs und stürzte mit ihm ganz Europa in den Abgrund. Sepp Schicker floh im April 1938 nach England. Er hatte in einem karitativen Work-Camp der christlichen Quäkerbewegung in Österreich seine spätere Ehefrau Mary Campbell kennengelernt. Seine englische Gefährtin und gewerkschaftliche Kontakte erleichterten das Ankommen im fremden Land. Das junge Paar heiratete im Dezember 1939, wenige Monate nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.

 

Aus Sorge vor staatsfeindlicher Untergrundarbeit internierten die Briten Zivilpersonen aus den Ländern der Kriegsgegner, worüber Schicker in seinem „Diary“ berichtete. Übergeben wurde es dem DÖW – zusammen mit Kopien von persönlichen Dokumenten, die seine Nachfahr*innen sorgfältig aufbewahrt haben – von seinem Neffen Rudolf Schicker, ehemaliger Stadtrat in Wien und seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des DÖW.

 

Josef Schicker, Ehemann, Vater und Großvater, Stadt- und Bezirksrat der Labour Party in Großbritannien, Widerstandskämpfer, Flüchtling und Zeitzeuge, starb – wenige Monate nach seiner Ehefrau Mary – im Alter von 92 Jahren am 6. Dezember 2003 in Cambridge. Sein Nachlass, der im DÖW aufbewahrt wird, erzählt nachfolgenden Generationen von Engagement und Mut, Widerstandskraft und Solidarität.

 

Weiterführende Literatur:

  • Österreicher im Exil: Großbritannien 1938–1945. Eine Dokumentation, hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, bearb. v. Wolfgang Muchitsch, Wien 1992.
  • Sonja Frank (Hg.), Young Austria – ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947, für ein freies, demokratisches und unabhängiges Österreich, Wien 2014.

  

Signatur: DÖW 52217-E

Autorin:Christine Schindler, Leiterin der Administration

Fotos: Michael Bigus (Objekt), Daniel Shaked (Porträt)

 

 

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