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Gedenken an Herbert Steiner

Dr. Heinz Fischer, Erster Präsident des Nationalrats

Ansprache im Rahmen der Gedenkveranstaltung für Herbert Steiner (1923-2001), Wien, 18. Juni 2001

 

 

Nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung standen linken Jugendlichen keine legalen Formen zur politischen Betätigung zur Verfügung. Aber es gab doch Möglichkeiten, welche die vom Dollfuß-Schuschnigg-Regime zugelassenen Vereine wie Jugend in Not oder Jung Urania boten, die auch Herbert Steiner nützte. Das Lokal der Alsergrunder Bezirksgruppe der Jung Urania in der Liechtensteinstraße war so ein getarnter Treffpunkt des illegalen Kommunistischen Jugendverbandes, und mit 14 Jahren begann auch Herbert Steiner dort regelmäßig zu verkehren. Einige der antifaschistischen Jugendfreunde von damals haben ihn sein ganzes Leben begleitet - sie sind heute unter uns.
In den Wochen vor dem deutschen Einmarsch im März 1938 engagierte er sich mit Begeisterung für die Aufrechterhaltung der österreichischen Unabhängigkeit - umso größer war die Enttäuschung nach der Kapitulation Schuschniggs und der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Einige seiner engsten Freunde und Genossen wurden später von der NS-Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet, seine Eltern wurden Opfer des Holocaust.

Schon im Exil in Großbritannien zählte er zu jenen, die die Parteipolitik und das Räsonnieren über die Gründe für den Untergang Österreichs zurückstellten zugunsten der Anstrengungen für ein neues, demokratisches Österreich.
Für dieses Ziel wollte er sowohl Politiker und Öffentlichkeit des Gastlandes als auch die Exilantinnen und Exilanten selbst gewinnen; er sprach über die deutschsprachigen Sendungen der BBC zu den Österreicherinnen und Österreichern unter nationalsozialistischer Herrschaft und er knüpfte Kontakte in die Kriegsgefangenenlager.
Schon damals wurden bei dem noch nicht 20-jährigen politische und persönliche Eigenheiten sichtbar, die Herbert Steiner Zeit seines Lebens auszeichneten: Er grenzte nicht aus, sondern integrierte. Und ohne aus seiner eigenen Überzeugung ein Hehl zu machen, versuchte er, Andersdenkende auf einen möglichst großen gemeinsamen Nenner zu verpflichten, und dieser Nenner hieß: ein demokratisches, antifaschistisches Österreich.

Herbert Steiners zweifellos bedeutendste Leistung war die Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes - eine durch ihre überparteiliche Struktur und die Verbindung von Wissenschaft und Politik nicht nur in Österreich einmalige Einrichtung.

Durch die Einrichtung des DÖW wurde die Erinnerung an den Terror des Nationalsozialismus - einschließlich der Beteiligung österreichischer Täter an diesen Verbrechen -, vor allem aber an den Widerstand Tausender Österreicherinnen und Österreicher gegen die Barbarei gewissermaßen institutionalisiert. Dabei war es stets Herbert Steiners Anliegen, alle politischen Richtungen des Widerstands zu berücksichtigen, unabhängig von tagespolitischen Opportunitäts-Erwägungen. Die Würdigung des katholisch- konservativen Widerstandes, die ihm stets ein Anliegen war, die Herausarbeitung des barbarischen Charakters und der Einmaligkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus im Vergleich zu allen anderen diktatorischen Regimes bedeutete für ihn aber nicht, den undemokratischen Charakter des 1933/34 in Österreich errichteten Regimes zu verleugnen. Die Dokumentationen des DÖW zu Widerstand und Verfolgung in Österreich beginnen daher konsequenterweise nicht 1938, sondern 1934.
Herbert Steiner wollte keine Wissenschaft im Elfenbeinturm, das DÖW sollte kein Veteranenverein sein, sondern in die Tagespolitik eingreifen - aus der Verantwortung heraus, die die Kenntnis der Barbarei des Nationalsozialismus auferlegt. Daher warnte er vor jeder Form nationalsozialistischer Wiederbetätigung und Verharmlosung oder gar Leugnung der Verbrechen des NS-Regimes. Sein Leitmotiv war: "Wehret den Anfängen!" Er bewahrte die Erinnerung an das Vergangene, doch er lebte in der Gegenwart und für die Zukunft, mischte sich ein und gestaltete mit.

Dabei zeichnete ihn eine Internationalität des Denkens aus, wie sie in Österreich nur selten anzutreffen ist. Das Netz seiner persönlichen Bekanntschaften umspannte den ganzen Globus. Eine der wichtigsten Maximen seines Lebens war, dass politische Probleme auch politisch gelöst werden müssen. Aus dieser Überzeugung heraus setzte er sich für die österreichisch-nordkoreanische Freundschaftsgesellschaft ein. Man muss politische oder ideologische Auffassungen nicht teilen, um sich für ein friedliches Miteinander zu engagieren; aber man sollte sie kennen.

Seine charakterliche Integrität, seine Vitalität, seine menschliche Wärme haben Herbert Steiner Anerkennung weit über die Grenzen Österreichs hinaus verschafft.
Seine Verbindlichkeit im persönlichen Umgang war gepaart mit einer gefestigten Überzeugung, für die er auch zu werben wusste. Doch selbst in kontroversiellen Diskussionen verletzte er nicht, sondern stellte das Gemeinsame in den Vordergrund.

Ich verliere mit ihm einen anregenden, originellen Gesprächspartner und einen persönlichen Freund. Österreich verliert mit ihm einen Menschen, der mehr und - weil ohne Schönfärberei - wirkungsvoller als viele andere für das Ansehen unseres Landes in der Welt geworben hat.

Wir gedenken heute Herbert Steiners, der am eigenen Leib erfahren hat, was Faschismus und was Nationalsozialismus bedeutet. Als 11-jähriger hat er den Bürgerkrieg des Februar 1934 erlebt. Als noch nicht 16-jähriger musste er vor den Nationalsozialisten aus Österreich flüchten. Seine Eltern wurden im KZ ermordet.

Herbert Steiner hat sein ganzes Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet, für das in diesen Tagen von prominenten Wissenschaftern unseres Landes plädiert wird.

 

 

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