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Hermann Lein: Rosenkranzfeier 1938

Hermann Lein, geb. 1920 in Wien, Teilnehmer an der katholischen Jugenddemonstration am 7. Oktober 1938 im Anschluss an die Rosenkranzfeier im Wiener Stephansdom. kurz darauf verhaftet, KZ Dachau, ab September 1939 im KZ Mauthausen, Haftentlassung am 23. April 1940.

Nach Kriegsende 1945 Studium (Geschichte und Deutsch), Mittelschullehrer, zuletzt Sektionschef im Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Viele Jahre als Zeitzeuge sowie in diversen Gremien und Vereinigungen (u. a. als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau) aktiv, Mitglied des DÖW-Kuratoriums. Seine Haft beschrieb er u. a. in der Publikation "Als Innitzergardist in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen" (1997).

Verstorben 2006.

 

 

Wir sind eben in den Stephansdom und waren selber überrascht, dass so viele da waren, der Dom war wirklich voll bis zum letzten Platz. Der Kardinal hat eine Rede gehalten, die uns, wenn wir sie heute lesen, eher als harmlos erscheint. Aber damals in dieser Situation, in dieser sensiblen Situation, haben wir also viele Anspielungen, viele Dinge verstanden, und wir haben sie verstanden als klare, offizielle Absage des Kardinals an das nationalsozialistische Regime. [...] Und dieses offene Wort entsprach so dem Bewusstsein der dort anwesenden Jugendlichen, dass es danach zu einer nicht geplanten, zu einer spontanen Demonstration kam, zu einer Demonstration für den Kardinal Innitzer, wo in Veränderung und in Ironisierung die damals üblichen nationalsozialistischen Sprüche nun auf Innitzer angewendet wurden. So z. B.: "Bischof befiehl, wir folgen dir" und Ähnliches mehr. Also es hat sich eine wirkliche, möcht' ich fast sagen, Weihestimmung ergeben. An den Rändern haben sich schon Konfliktsituationen ergeben, aber in Wirklichkeit waren die damaligen Machthaber total überrumpelt, haben es überhaupt nicht für möglich gehalten, dass eine solche Manifestation überhaupt möglich ist. [...]

 

Die Rache folgte auf dem Fuß, Hitler-Jugend wurde dazu kommandiert, das [Erzbischöfliche] Palais zu stürmen. [...] Ich hab eigentlich von diesen Dingen nicht Kenntnis genommen, war am Sonntag unterwegs. Als ich nach Hause kam und zu meiner Gruppe stieß, meinten die, na ja, da in der Stadt, da ist irgendwas passiert, sie wissen nicht genau, was los ist. "Aber du hast ja ein Rad. Fahr einmal hinein, schau nach, was da passiert ist."

 

Und ich bin tatsächlich mit dem Rad hineingefahren. [...] Hab also die zerstörten Fenster gesehen, hab gesehen, wie die Polizei die Neugierigen dazu anhielt weiterzugehen. Bin also vorbeigefahren beim Heidentor [Hauptportal des Stephansdomes] Richtung Rotenturmstraße, und da ist eben bei mir eine Emotion losgebrochen. Ich war also irgendwie empört, erzürnt im Inneren und eben gar nimmer so ganz von der Vernunft her bestimmt - bin ich zurückgefahren und habe auf dem Stephansplatz laut gerufen: "Heil unserem Bischof!", was natürlich dann eine Verfolgungsjagd ausgelöst hat. Ich bin mit dem Rad damals als junger Mensch noch sehr schnell unterwegs gewesen, über den Graben, Kohlmarkt, dann fiel mir ein, einem Auto, das ich hinter mir schon spürte, kann ich nicht so ohne weiteres entkommen. Ich versuchte dann, Kurven zu fahren, Herrengasse, Strauchgasse. Und auf der Freyung gibt es eine leichte Steigung, die merkt man gar net, aber ich war eben so ausgepumpt, dass ich da das Wettrennen verloren hab.

 

Man hat mich also verhaftet, ein Gestapobeamter in Zivil. Ich hab die Dinge damals auch nicht so gefährlich eingeschätzt. Ich war der Meinung, na gut, ich komm jetzt auf die Polizei, man wird mich auf der Polizei befragen, man wird mir eine Ordnungsstrafe verpassen, Ähnliches mehr. Es hat sich dann anders abgespielt. Ich kam zwar auf die Polizei - zur Ehre der österreichischen Polizisten muss ich sagen, dass sie mitleidig den Kopf geschüttelt haben über meine Tat -, aber ich wurde dann eingeliefert in das polizeiliche Untersuchungsgefängnis. [...] Das hat sich dann gezogen. Ich kam zu einer einmaligen Vernehmung auf die Gestapo am Morzinplatz, aber ich fühlte mich als Bekenner, ich hab nix verschwiegen, ich hab ihnen dort ganz offen meine Meinung gesagt. Daher begnügte man sich mit dieser einmaligen Vernehmung, also ich wurde nicht bedroht, gar nichts, es war ja auch gar kein Grund, ich hab ja nichts verschwiegen. [...]

 

Es hat mich dann Anfang Dezember der berüchtigte Schutzhaftbefehl erreicht, der mir Volksaufwiegelei vorwarf und mir die Einweisung in Dachau kundtat. Am 10. Dezember 1938 habe ich das Konzentrationslager Dachau betreten.

 

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