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Leopold Sonnenfeld: Jetzt haben wir gewusst, was los ist

Leopold Sonnenfeld, geb. 1892 in Wien, Metallarbeiter. Sozialdemokratische Arbeiterpartei, auch nach dem Verbot 1934 politisch aktiv. März 1938 Verlust des Arbeitsplatzes aus rassistischen Gründen, danach Gelegenheitsarbeiten. Deportation mit dem ersten Nisko-Transport am 20. Oktober 1939. Er überlebte in sowjetischen Arbeitslagern.

Nach 1945 Rückkehr nach Wien.

Verstorben.

 

 

Inzwischen ist die G'schicht kommen mit dem Verschicken. Da sind wir in die Seitenstettengasse reingeholt worden, der Tempel war ja dann zu einem Lager umgearbeitet. Und es hat geheißen, im Oktober muss ich weg, muss ich Österreich verlassen. Wir müssen uns in Polen ansiedeln. Wir sind dann gesammelt worden, und am 20. Oktober 1939 sind wir weggefahren vom Aspangbahnhof.

 

Ich hab mir mein Werkzeug mitgenommen, das ich in dem kleinen Kastl gehabt hab. Da hab ich mir mitgenommen, was ich als Schlosser, als Metallarbeiter brauchen kann. Und die Ärzte haben sich ihre Sachen mitgenommen, Schneidermeister haben sich ihre Sachen in die Waggons verladen, um sich draußen neu anzusiedeln. Am Aspangbahnhof ist unsere österreichische Polizei zugestiegen. Wir haben nicht gewusst, was mit uns ist. In Mährisch-Ostrau ist die Polizei ausgestiegen und die Gestapo zugestiegen. Jetzt haben wir gewusst, was los ist. Sie haben uns alle Dokumente weggenommen, und wir sind weitergefahren und bis in die Nähe von Lublin gekommen. [Es handelte sich um die Gegend von Nisko.] Dort sind wir auswaggoniert worden. Unser Werkzeug haben wir nicht mehr gesehen. Die Schneider und die Schuster haben von ihrem Werkzeug nix mehr gesehen, das ist alles in den Waggons geblieben. Wir sind zu einem Zug formiert worden: marschieren! Da sind wir marschiert ein paar Kilometer bis zu einer Wiese. Dort haben wir uns alle im Kreis aufstellen müssen. Es ist unser Handgepäck auf einen Haufen gelegt worden, alles was wir gehabt haben, alles auf einen Haufen. Wir haben allerdings auf unseren Koffern einen Namen draufgehabt. Auch am Rucksack hat jeder den Namen draufgehabt. Zwei Rucksäcke und ein Kofferl hab ich gehabt, ich kann mich heut noch erinnern. Und wir haben uns im Kreis aufstellen müssen, alle miteinander, 1000 Menschen waren wir. Dann ist der Befehl gekommen: Jeder holt sich seine Sachen. 1000 Menschen stürzen auf den Haufen zu. Das ist in eine Rauferei gemündet. Jetzt hat man endlich ein Stückl gefunden. Das hat man dort auf dem Platz hingestellt. Bis wir das zweite geholt haben, haben die polnischen Banden das andere schon weggenommen gehabt, sodass einem jeden dann nur ein Packl übergeblieben ist, was er zumindest gehabt hat. Dann hat 's geheißen: "So, jetzt könnts gehen! Wer im Umkreis von fünf Kilometern innerhalb von drei Stunden angetroffen wird, wird sofort erschossen. Jetzt gehts zu euren Freunden!"

 

Uns ist nur der Weg geblieben nach Russland. Andere Wege waren ja nicht offen. Einer hat nicht wollen vom Platz gehen, den haben sie erschossen, einer von uns, ein junger Mensch mit 18, 19 Jahr. Der hat nicht wollen. "Ich will meine Sachen haben", hat er geschrien. Zuerst haben die ja in die Luft geschossen. Aber der ist dort geblieben. Was ist uns übergeblieben als marschieren! Jetzt waren natürlich auch gebrechlichere Menschen darunter. Da haben wir Offiziere gehabt, jüdische Offiziere, die den Ersten Weltkrieg mitgemacht haben. Darunter war auch der Jellinek, der war auch Offizier im Ersten Weltkrieg. Der hat im ganzen vier Züge gebildet zu 250 Mann. Der hat den Weg durch Russland, durch Galizien, gekannt, so halbwegs, hat gesagt, dort und dort sollen wir marschieren, und da sind wir marschiert. [...]

 

Jetzt waren Leute dabei, die haben halt ihren Koffer nicht tragen können, ältere Menschen. Da sind so polnische Fuhrwerker gewesen, die haben aufgeladen. Sie sind vielleicht einen Kilometer gefahren, dann haben die auf die Pferde eingedroschen als wie und sind davongefahren, weg waren sie, sind mit den Koffern und allem davongefahren. Die Leute haben geweint und geschrien. So sind wir halt sechs Tage marschiert, bis wir an die russische Grenze gekommen sind. Dort haben wir uns versteckt, weil hinter uns ist ja die SS gerannt. Wir sind ja um unser Leben gerannt, ein jeder. So sind wir gangen, bis wir an die russische Grenze gekommen sind, zum Fluss Bug. Dort haben wir uns in irgendwelchen Bauernhäusern, die verlassen waren - es war ja alles verlassen - versteckt. [Der Polenfeldzug der Deutschen Wehrmacht war erst am 6. Oktober, also kurz davor, beendet, Ostpolen von der Sowjetunion einverleibt worden.] Da waren Menschenschmuggler, die haben gegen Bezahlung die Leute über die Grenze rübergeschmuggelt nach Russland. Der Bug hat die Grenze gebildet. Aber wir haben dann nur mehr Zehnerschaften gemacht, nicht mehr große Gruppen, weil die Offiziere haben gesagt, 250 Mann bilden eine Angriffsfläche. Zehnerschaften können leichter durch die Wälder. Jetzt haben wir dann verhandelt mit den Menschenschmugglern. Die haben uns angeboten: in der Nacht um halb zwölf einer, einer um eins. Hab ich gesagt, in der Nacht gehen wir nicht, erst in der Früh, wenn 's im Morgengrauen ist. Ich trau denen nicht. Die Menschenschmuggler haben uns an den Bug geführt. Da war ein Baum, der hat von einem Ufer zum anderen rübergeragt. Und über den sind wir wie die Affen rübergeklettert, ans andere Ufer rübergekrochen. Da haben die Deutschen wieder einen erwischt. Der ist ins Wasser reingefallen, den haben wir zurücklassen müssen. Was können wir machen? Das war ein junger Mensch, dem haben sie nachgeschossen. Wir sind dann rüber und auf russischen Boden gekommen. Jetzt haben uns die Russen nicht reinlassen wollen. So haben wir dort gelagert eine Weile. Der Russe hat gesagt, er muss erst Erlaubnis holen, telefonieren. So sind wir gesessen vielleicht so zweieinhalb Stunden. Sie haben uns dann den Übertritt erlaubt, wir sind dirigiert worden zum nächsten Kommando. Die haben uns gesagt, wo wir hinmüssen. Sie haben uns einmal einquartiert in einer Schule, dort waren lauter Strohlager. In der Früh haben wir uns gemeldet bei dem Kommando. Inzwischen sind die anderen schon nachgekommen, die Zehnerschaften. Da waren wir schon mehr, vielleicht zwei-, dreihundert werden wir gewesen sein. Bei strömendem Regen sind wir draußen gestanden bis halb drei Uhr Nachmittag. Dann haben sie uns reingerufen, einen nach dem anderen, und haben uns weggenommen, was wir in den Taschen gehabt haben: Bleistift, Uhren, Ringe, alles. Und dann haben sie gesagt: "Und jetzt könnts gehen, marschierts!" So sind wir marschiert sechs Tage bis Lemberg. Gelebt haben wir vom Betteln. Da haben russische Militaristen so Lazarette gehabt. Dort sind wir immer um eine Suppe betteln gegangen. Ein Stückl Brot haben wir gekriegt oder so was. So sind wir gegangen und bis Lemberg gekommen. In der Nacht vom 30. zum 31. Oktober sind wir in Lemberg angekommen.

 

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