Die Widerstandskämpferin Mélanie Berger-Volle ist in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober 2026 im 106. Lebensjahr verstorben. Ein Nachruf von Linda Erker.
„Mélanie, du läufst deinem Gehstock davon, warte auf ihn,“ das habe ich diesen Sommer Mélanie Berger-Volle in ihrer Wohnung in Saint-Etienne nachgerufen. Ich fand es lustig und sie, die damals 104-jährige Widerstandskämpferin, zum Glück auch. Und daran erinnere ich mich gerne: Mélanies Humor in Verbindung mit ihrer verschmitzten Herzlichkeit, auf die man nach kurzem Kennenlernen schon vertrauen konnte. Aber falsche Dinge sagen, das durfte man nicht, da war schnell Schluss mit lustig. Auch das hat sie mir deutlich gemacht – vor zwei Jahren, vor über 50 Schüler*innen bei ihrem Besuch im DÖW, auf Video und ganz direkt: Sie ist als politische Gegnerin vor dem Nationalsozialismus geflüchtet und nicht als Jüdin, sie mag es nicht, dass das anders dargestellt wird. Aber sogar das konnte sie: Dich ohne Pardon korrigieren, ohne dich vorzuführen und mit nur einem Ziel: Dass du die Dinge ein bisschen besser verstehst und nachdenkst. Und darum machte sie das alles, die Gespräche mit jungen Menschen in Frankreich und Österreich, die Buchpräsentationen, die Interviews.
Ihre Erzählungen handeln von einer Frau, die Wien verlassen musste, sich auf der Flucht gegen sexualisierte Gewaltandrohungen erfolgreich wehrte, sich als Mann verkleidet in der Masse der Tagelöhner über die belgisch-französische Grenze schmuggelte, in zwei Diktaturen im Untergrund Flugblätter verteilte, Kurierdienste absolvierte und niemanden verriet. Letzteres war ihr sehr wichtig. Als sie davon erzählt, wie sie in Frankreich von der Gestapo verhört wurde, kommt die nächste spitze Pointe: Schon im Verhörraum habe es ihr geholfen, „dass ich mir einfach keine Namen merke“. Und da ist es wieder: Das kichernde Lachen, weil sie weiß, wie der Witz wirkt und wie unendlich cool sie dabei ist. Aber das genoss sie dann nur ganz kurz, um dann wieder von der politischen Arbeit zu erzählen, die sie für das Ende der NS-Diktatur leistete – und zwar für alle, nicht nur für sich. Sie war nie der Mittelpunkt der Geschichte, sie hat sie nur bis zum Schluss am Beispiel ihrer Biografie vermittelt.
In der vergangenen Nacht starb Mélanie Berger-Volle im 106. Lebensjahr, ab heute werden Nachrufe auf sie veröffentlicht. Sie werden – ganz richtig – ihre Leistungen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten feiern und uns erinnern, wie wichtig es ist, Nein zu sagen und danach zu handeln. Der Autor Nils Klawitter hat das in einem außerordentlichen Buch und mit einer Mélanie so große Freude bereitender Zuneigung und Professionalität getan. Allen hier möchte ich das Buch „Die kleine Sache Widerstand“ (Czernin, 2024) ans Herz legen, so möge es einmal das Gratisbuch der Stadt Wien werden! Mélanie, deine Stadt soll dich ehren, indem sie von dir und deinem Mut liest und erzählt. Das ist die beste Nachrede, die man haben kann.
Lachen und von sich zu erzählen, ohne dabei der Nabel der Widerstandswelt sein zu wollen, beides konnte Mélanie gut. Sie war einnehmend und dabei manchmal sogar ergreifend. So auch bei unserem letzten Treffen. Wir saßen eng nebeneinander, sie hat meine Hand genommen und uns von ihren Erinnerungen im Wiener Prater der 1920er Jahre erzählt, dass ihr Vater sie gemeinsam mit ihrer Schwester auf einer Rodel durch den Schnee gezogen hat und dass Lucien nicht „ihr“ Mann war – denn er gehörte ihr ja nicht. Es war eben Lucien, die Liebe ihres Lebens, ihr Tandemradfahrpartner ohne nur je einen Streit mit ihm zu haben. Unvorstellbar, zwei Widerstandskämpfer*innen, ein Lenker und keine drei Meinungen. Ich glaube es ihr.
Mélanie ist so viel, sie ist auch die Geschichte ihrer mutigen, beängstigenden und vor allem hoffnungsvollen Widerstandshandlungen und -haltungen. Die Geschichte von Freundschaft, Freund*innen, politischer Solidarität und Verachtung für Hass und Hetze. „Angst hast du erst danach“, hat sie gesagt. Mélanie war Schülerin am Sterneckplatz in der Wiener Leopoldstadt, das erzählte sie gerne und merkte sich ungern, dass er heute Max-Winter-Platz hieß. „Ja, ja genau“, sagte sie.
Mélanie Berger-Volle starb als 105 Jahre alte Frau, die zurecht stolz darauf war, ihren Gefängnisausbruch in Marseille 1943 geplant und durchgezogen zu haben – als einer ihrer Genossen beim getarnten Verhör aus Schillers „Die Räuber“ zitierte, musste sie sich das Lachen verkneifen. Neben der humoristischen Szene blieben von der Haft schwere gesundheitliche Folgen, mit denen sie mehr als 80 Jahre lebte. Sie starb als eine Frau, die die Bedeutung des Widerstandes immer hochgehalten hat – als olympische Fackelträgerin, als hochdekorierte Volksbildnerin, als DÖW-Ehrenmitglied – und das am liebsten vor Jugendlichen.
Mélanie, danke, dass du getan hast, was du tun musstest und viel zu wenige gewagt haben. Und danke, dass du uns davon erzählt hast. Ich werde heute zu deinem Gemeindebau gehen, mich an den Baum davor lehnen und an dich denken.

Mélanie Berger-Volle
(8.10.1921–21./22.10.2026)



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