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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Übersetzung von Michael Pollaks „L’expérience concentrationnaire“

Im Jahr 1990 veröffentlichte der österreichisch-französische Soziologe Michael Pollak L’expérience concentrationnaire: Essai sur le maintien de l’identité sociale. Dieses Buch wurde zu einer wegweisenden Studie über jüdische Frauen, die Auschwitz überlebt haben, doch erst jetzt wird es in englischer Sprache einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

 

Basierend auf seinen einfühlsamen Interviews mit zwei Dutzend jüdischen Frauen, die aus Frankreich, Deutschland und Österreich deportiert worden waren, verlagerte Pollak in seinem Buch den Fokus von der Täterforschung zum Holocaust auf die Erfahrungen und Subjektivitäten von drei exemplarischen jüdischen Medizinerinnen, die von der SS zur Arbeit im Krankenrevier gezwungen worden waren, und darauf, wie sie 40 Jahre später von ihrem Überleben berichteten. 

 

Pollak verortet sich im theoretischem Rahmen seines Mentors, Pierre Bourdieu. Ihm geht es um ein Verständnis von Habitus und Klasse sowie die Anpassung an die Bedingungen eines Vernichtungslagers, sodass eine Häftlingsärztin etwa als „privilegierte“ Gefangene auftritt. Die interviewten Frauen sprachen mit Pollak über ihre Überlebensstrategien in Auschwitz, ihre Loyalitäten und Netzwerke, ihren Widerstand und ihre Verzweiflung sowie darüber, wie sie mit den Tätern umgingen.

 

Darüber hinaus gelang es Pollak, einem offen schwulen Mann, der 1992 an AIDS starb, mit diesen Frauen über Sexualität, Beziehungen, Verwandtschaft und Queerness zu sprechen. Pollak bietet nicht nur eine umfassende Beschreibung der Häftlingsgesellschaft in den Konzentrationslagern, sondern lenkt unsere Aufmerksamkeit auch darauf, wie sich Überlebende an ihre Gefangenschaft erinnerten und darüber sprachen und wo die Grenzen dessen lagen, was nach der Befreiung erzählt werden durfte – Themen, die sowohl die erzwungene Zusammenarbeit mit Tätern als auch gleichgeschlechtliches Verlangen berühren.

 

L’expérience concentrationnaire ist derzeit nur auf Französisch verfügbar. Dank der großzügigen Förderung durch die Claims Conference können wir Pollaks Studie nun einem breiten Publikum auf Englisch zugänglich machen. Unsere Ausgabe wird von einem Beitrag von Anna Hájková (University of Warwick) und Andreas Kranebitter (DÖW) begleitet, der sich mit der historiografischen Relevanz des Buchs, der Entstehung der Studie und weiteren Hintergründen zu den drei zentralen Frauenfiguren des Buchs befasst.

 

Da sich die Forschung in den letzten zehn Jahren intensiv mit der Geschichte des Holocaust, Gender, jüdischer Agency sowie der Geschichte von Medizin und Ethik im Holocaust auseinandergesetzt hat, ist die Veröffentlichung von Pollaks Monografie in englischer Sprache ein bedeutender Beitrag zur Holocaustforschung.

 


 

In 1990, the Austrian-French sociologist Michael Pollak published L’expérience concentrationnaire: Essai sur le maintien de l’identité sociale. This book was to become a legendary study of Jewish women survivors of Auschwitz but will only now become widely accessible in English.

 

Based on his empathetic interviews with two dozen of Jewish women deported from France, Germany and Austria, Pollak’s book turned the focus from perpetrator history of the Holocaust to the experiences and subjectivities of three exemplary Jewish medical professionals who were forced to work in the sickbay by the SS, and how they recounted their survival forty years later.

 

Pollak’s mentor was the French sociologist Pierre Bourdieu, and the book is closely embedded in Bourdieu’s theory: in understanding habitus and class and getting used to the conditions of an annihilation camp as a prisoner physician, that is a “privileged” prisoner. The interviewed women talked with Pollak about their survival strategies in Auschwitz, their loyalties and networks, their resistance and despair, and how they dealt with perpetrators.

 

Furthermore, Pollak, an out gay man who died of AIDS in 1992, was able to speak with these women about sexuality, relationships, kinship and queerness. In addition to offering a comprehensive description of the prisoner society of the concentration camps, Pollak draws our attention to how survivors remembered and spoke about their imprisonment and what were the boundaries of the narratable after liberation – themes touching on enforced cooperation with the perpetrators as well as same sex desire.

 

L’expérience concentrationnaire is only available in French. Now, thanks to generous funding by the Claims Conference, we will make Pollak’s study available in English to a wide audience. Our edition will be accompanied by an essay by Anna Hájková (University of Warwick) and Andreas Kranebitter (DÖW) on the book’s historiographical relevance, the emergence of the study and further context relating to the three key women in the book.

 

As the scholarship in the past ten years explores Jewish Holocaust history, gender, Jewish agency and history of medicine and ethics in the Holocaust, making Pollak’s monograph available in English is a huge contribution to Holocaust studies.

 

The translation of L’expérience concentrationnaire is edited by Anna Hájková and Andreas Kranebitter.

With Assistance from the Conference on Jewish Material Claims Against Germany. Supported by the German Federal Ministry of Finance.

 

claims conference 

 

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