Der Identitären-Chef bedient sich mit seinem „Institut für Remigration“ wissenschaftlicher Sprache, um völkisches Denken und rassistische Erzählungen zu normalisieren.
Mit Jahresende 2025 kündigte Martin Sellner, Anführer der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) [https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/identitaere-bewegung-oesterreich-iboe], die Schaffung des „Instituts für Remigration“ an. Die Einrichtung soll seinen Aktivismus bündeln, professionalisieren und ihm zugleich einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen. Tatsächlich handelt es sich um eine Lobbyorganisation für eine völkische Migrationspolitik.
Zu den bisherigen Aktivitäten des „Instituts“ zählt die Herausgabe von „Policy Papers“, darunter ein rund 50-seitiges Strategiepapier für die Verwandlung Sachsen-Anhalts – wo die Alternative für Deutschland (AfD) im September einen Erdrutschsieg bei den Landtagswahlen verzeichnete – in ein „Remigrationsmusterland“. In der dortigen Landeshauptstadt Magdeburg befindet sich – zumindest auf dem Papier – auch der Sitz des von Sellner gegründeten Unternehmens „Institut für Remigration Martin Sellner (NGO) UG“.
Ein weiteres kürzlich auf den Weg gebrachtes Projekt der Einrichtung besteht in einem online zugänglichen „Demography Dashboard“. Laut einer englischsprachigen Videobotschaft von Sellner soll dieses Bewusstsein für einen ihm zufolge im Gang befindlichen „großen Austausch“ („great replacement“) der europäischen Bevölkerung als Problem und für „Remigration“ als dessen vorgeschlagene Lösung schaffen.[1]
Das interaktive Dashboard will für 15 europäische Länder anzeigen, wann der „Kipppunkt“ erreicht sein wird, ab dem Personen mit Migrationshintergrund die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Weiters wird dargestellt, wie schnell angeblich eine politisch umgesetzte „Remigration“ den Migrant*innenanteil in den jeweiligen Ländern unter einen Zielwert von fünf Prozent senken könnte – ein Wert, der die Dimension des ethnischen Säuberungsprojekts „Remigration“ deutlich macht, weist das Dashboard doch etwa für Österreich ein Ausgangsniveau von 29,1 Prozent aus. Die angestrebte drastische Reduktion unter fünf Prozent wird auf der Website des Dashboards als „demografische Normalisierung“ bezeichnet.
Wie schon auf der eigentlichen Website des „Instituts“ [2] wird auch im Fall des Dashboards mit ansehnlich gestalteten Datenvisualisierungen Seriosität und Wissenschaftlichkeit suggeriert, hinter denen sich eine ganze Reihe fragwürdiger bis schlicht manipulativer methodologischer Entscheidungen verbergen.
Die Zahlen, die im „Dashboard“ verwendet werden, sind eine Mischung aus willkürlich ausgewählten Daten und unseriösen Projektionen. Migrationshintergrund wird, einer völkischen Logik entsprechend, in der Sellnerschen Modellierung nie abgelegt, sondern matrilinear immer weiter vererbt Die angenommenen Fertilitätsraten werden konstant gehalten und bis ins 22. Jahrhundert gerechnet–eine vollkommen realitätsferne Annahme. Für die Berechnung des Zuwanderungsvolumens wird der Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2024 herangezogen – ein Zeitraum mit durch den syrischen Bürgerkrieg und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine außergewöhnlich hohen Zuwanderungsraten, die im Modell nun konstant fortgeschrieben werden.
Die Annahmen des Modells – also die willkürliche bzw. im Dienste einer möglichst dramatischen Darstellung stehende Szenario- und Parameterwahl, die normative Definition von Zugehörigkeit, die damit de-facto unterstellte Unmöglichkeit von Integration sowie konstante Fertilitätsraten – werden immerhin offengelegt, ihre Konsequenzen aber nicht diskutiert. Das Modell versteift sich auf das Extrem eines Szenarios, die Auswirkungen der getroffenen Entscheidungen werden nicht transparent gemacht.
Die plakative und irreführende Darstellung ist Selbstzweck. Dass es um Schockwert für sein Publikum geht, gesteht Sellner offen ein: „Hier seht ihr den ständigen Zufluss, das Ganze soll schockierend sein, aber wenn die Remigration startet […], sieht man, wie das Ganze sich erholen könnte“.[3]
In einem Video vom 27. Oktober kündigt Sellner zudem die anstehende Veröffentlichung eines „White Papers“ zu „Remigration“ an, in dem er auf die juristischen Einwände gegen sein Konzept und die Frage seiner Kompatibilität mit dem deutschen Grundgesetz eingehen will. Erklärtes Ziel bleibe es, „[d]en Hype des Schlagworts“ zu nutzen und die Parole in ein „seriöse[s] wissenschaftliche[s] […] Konzept“ zu transformieren.[4]
Das „Institut für Remigration“ bleibt damit seiner Linie treu. Es soll den Anschein empirischer Evidenz erwecken, um eine rassistische Grunderzählung zu legitimieren.
[1] Martin Sellner, Videobotschaft, o. D., https://media.remigration-institute.com/demography-dashboard/founder-video-crf20.mp4.
[2] Vgl. zur Kritik dieser Manipulationen Sabrina Dorn/Bernhard Weidinger, Statistik als Propaganda: Bunte Grafiken für ein weißes Europa, derstandard.at, 17.6.2026, https://www.derstandard.at/story/3000000327459/statistik-als-propaganda-bunte-grafiken-fuer-ein-weisses-europa.
[3] Martin Sellner, Telegram (Video), 19.10.2026, https://t.me/martinsellnervideos/3037.



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