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Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

„Wir müssen hinschauen und achtsam sein“ – Gedenkrede von Claudia Kuretsidis-Haider

Am 10. Mai 2026 fand nach der Internationalen Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen auch in Ried in der Riedmark eine Gedenkfeier zur Erinnerung an die „Mühlviertler Menschenhatz“ statt. Claudia Kuretsidis-Haider, Leiterin der Historischen Sammlungen und Stv. DÖW-Leiterin, hielt dort folgende Rede:

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich bin nicht nur Stellvertretende Leiterin des DÖW, sondern leite auch die Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz. Das heurige Leitthema der Befreiungsfeier war „Täter und Täterinnen“. Ich habe im Zuge meiner Forschungstätigkeit sehr viele Gerichtsakten betreffend die Ahndung von NS-Verbrechen durchgesehen, darunter auch die Prozesse wegen Verbrechen während der sogenannten Mühlviertler Hasenjagd. Eines ist in all diesen Prozessen immer wieder hervorgekommen. Die Verbrechen konnten nur verübt werden, weil ordinary men and women – um mit Christopher Browning zu sprechen –, also ganz gewöhnliche, ganz normale Menschen, sie mit möglich gemacht haben. Indem sie sich noch fünf vor zwölf aktiv und bewusst entschieden haben, ausgemergelte Häftlinge auf der Flucht zu verraten und ihren Mördern auszuliefern. Und immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, weshalb so etwas möglich ist. Wieso schaden Menschen anderen Menschen, obwohl sie doch selbst gar keinen persönlichen Vorteil daraus ziehen können?

 

Claudia Kuretsidis-Haider bei Ihrer Rede; Fotos von Sabine Schatz Claudia Kuretsidis-Haider bei Ihrer Rede; Fotos von Sabine Schatz

 

Florian Scheuba hat es gestern bei der Befreiungsfeier in Ebensee auf den Punkt gebracht – und ich möchte diesen Gedanken heute aufgreifen: Manche – nein, viele – haben das Gefühl, dass es ihnen besser geht, wenn es anderen schlechter geht. Sie glauben, wenn man anderen Menschen etwas nimmt, und sei es im Extremfall bis hin zum Leben, dann wird die eigene Situation eine bessere sein. In einem der Nachkriegsprozesse wegen der „Todesmärsche“ ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter in das KZ Mauthausen sagte einer der Angeklagten, der als Wachmann Gefangene erschossen hat: „Wir haben den Triumph des Sieges in den Augen der Häftlinge gesehen. Und diesen Sieg wollten wir ihnen angesichts unseres eigenen Untergangs nicht gönnen.“ Der Glaube, dass es einem besser gehen würde, wenn man einem anderen Menschen schadet, das war zur Zeit des Nationalsozialismus ein gewaltiger Irrtum. Und es ist auch heute ein großer Irrtum. Und trotzdem funktioniert dieser Mechanismus damals wie heute.

 

Wir arbeiten im DÖW mit unseren Vermittlungsprogrammen sehr viel mit Jugendlichen, die oft die Frage stellen: „Was hat das von damals mit mir heute zu tun“? Dass damals bei der Mühlviertler Menschenhatz nur ganz wenige Menschen geholfen haben, so wie die hochverehrte Frau Hackl, ist die eine Sache. Darüber zu richten, maße ich mir als Nachgeborene nicht an. Aber was ganz viele Menschen nicht gemacht haben ist, hinzuschauen. Hinzuschauen auf das Leid der Menschen, das manche von ihnen sogar mit verursacht haben. Und das ist etwas, was jeder und jede machen kann, das verlangt von niemanden einen besonderen Heldenmut: hinschauen. Hinschauen, damit es nicht vergessen wird. Hinschauen, damit es nachfolgenden Generationen weitergegeben werden kann. Hinschauen und nicht verdrängen.

 

Das ist das mindeste, das wir den Opfern von damals schuldig sind. Und das gilt auch heute noch immer – und wieder. Das ist eine Lehre von damals: Hinschauen und achtsam sein. Niemals vergessen! Und: Niemals wieder. Aber nicht mehr nur als Bekenntnis, wie wir es früher getan haben, seit wir antifaschistisch aktiv sind. sondern als Aufforderung. Als Aufforderung an die Menschen abseits der Teilnehmer*innen an den Gedenkfeiern.

 

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat es sich zur Aufgabe gestellt, die Menschen aufzuklären, beim Hinschauen behilflich zu sein und legt den Finger auf gegenwärtige Entwicklungen, die dem „Niemals Wieder“ diametral entgegenstehen. Indem es beispielsweise sein Augenmerk auf den Rechtsextremismus legt. Neben dem jährlichen Rechtsextremismusbericht präsentieren wir daher am 19. Mai die Neuauflage des „Handbuchs Rechtsextremismus in Österreich“ im Wien Museum. Ich lade Sie sehr herzlich zu dieser Veranstaltung ein.

 

Teilnehmer*innen_Ried_26; Fotos von Sabine Schatz

Teilnehmer*innen der Gedenkveranstaltung; Fotos von Sabine Schatz

 

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