DÖW Logo
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

„Die Angehörigen haben jetzt einen konkreten Ort, an dem sie trauern können“

Am 2. Oktober 2026 wurde ein Gedenkort für die Opfer der nationalsozialistischen Medizinverbrechen im Landesklinikum Mauer offiziell eröffnet. DÖW-Historiker Stephan Roth hielt folgende Rede: 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!


Die heutige Eröffnung des Gedenkortes im Landesklinikum Mauer steht im Zeichen der Erinnerung an die Opfer der NS- „Euthanasie“. Das Gedenken an diese Opfergruppe hatte über viele Jahrzehnte keinen Platz in der österreichischen Öffentlichkeit. Der Mord an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurde auch wissenschaftlich erst spät aufgearbeitet. Sprechen wir von NS- „Euthanasie“ müssen wir uns aller verschiedenen Aspekte dieses Mordens bewusst sein:

  • Der Ermordung in einer staatlich institutionalisierten Form im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“.
  • Der dezentralen Ermordung in den Anstalten selbst, auch hier in Mauer 
  • NS-Euthanasie bedeutete auch das bewusste Herbeiführen des Todes durch Hunger und Krankheiten.
  • Und: Die gezielte Ermordung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in so genannten Kinderfachabteilungen. 

All das direkt vor den Augen der Bevölkerung.

 

Wenn wir über Opfer der NS- „Euthanasie“ sprechen, dann müssen wir auch über alle Menschen sprechen, die von der NS-Gesundheitspolitik in den Heil- und Pflegeanstalten und darüber hinaus betroffen waren. Wir müssen unseren Blickwinkel und damit auch unseren Opferbegriff bewusst weit fassen. Dabei denke ich beispielsweise an die hunderttausenden Opfer von Zwangssterilisationen, generell an alle jene, die damals in Gesundheitseinrichtungen herabgewürdigt, gequält und missbraucht wurden – vor dem Hintergrund eines pervertierten Menschenbildes, dessen willfährige Umsetzungsgehilfen zahlreiche Ärzte, Ärztinnen und medizinisches Fachpersonal waren. 


Für Opfer politischer und rassistischer Verfolgung gab es in der Zweiten Republik zumindest eine eigene Gesetzgebung wie z.B. das Opferfürsorgegesetz. Es gab – wenn auch verspätet und keineswegs umfassende – Restitutionsleistungen und – auch das wiederum viel zu spät – gesellschaftliche Anerkennung. Gesten, die die Opfer und ihre Angehörigen annehmen konnten. Die Opfer der NS- „Euthanasie“ hingegen wurden über Jahrzehnte verschwiegen. 


Diese Leerstelle im kollektiven Gedächtnis machte es auch für die Familien von Opfern schwer, einen Umgang mit der Ermordung, dem Missbrauch und dem Leid ihrer Angehörigen zu finden. Beispielhaft sei hier auf die in der Landesausstellung gezeigte Lebensgeschichte von Maria Bauer hingewiesen.

 

Maria Bauer wurde 1915 als zweites Kind eines Eisenbahners und seiner Frau in Amstetten geboren. Als sie vier Jahre alt war, überlebte sie eine schwere Gehirnhautentzündung. Maria blieb danach Epileptikerin und geistig behindert. Als sie 15 Jahre alt war, wurde die Situation für die Familie, die mittlerweile zu siebt in zwei Räumen mit Toilette am Gang lebte, untragbar. Der Schulbesuch war für Maria unmöglich geworden. Besserung brachte ihr nur eine als „graue Flüssigkeit“ bezeichnete Medizin aus der Apotheke, die je nach finanzieller Möglichkeit besorgt werden konnte oder auch nicht. Die epileptischen Anfälle wurden mit zunehmendem Alter immer mehr. Die Eltern entschlossen sich daraufhin, Maria in Anstaltspflege zu geben. Zuerst in die Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien später allerdings wurde sie nach Mauer verlegt. Die Eltern hatten darum gebeten – denn das Kind sollte in ihrer Nähe bleiben. In den 1930er-Jahren erhielt Maria regelmäßig Besuch von ihrer Familie. Die Geschwister erinnerten sich an gemeinsam verbrachte Sonntage. Wenn das Geld gereicht hatte, wurde sogar Kuchen mitgebracht. Maria blieb also, soweit es möglich war, weiterhin Bestandteil der Familie. Während sie sich anfangs recht gut in der Anstalt eingelebt hatte, wurde ihr Verhalten rasch immer unzugänglicher. Sie musste oftmals „angehalten“ werden und galt als schwierige Patientin. Maria wurde mit dem dritten Transport im Juni 1940 aus Mauer nach Hartheim gebracht und dort noch am selben Tag ermordet. Die Todesnachricht erging nur mehr an die Mutter, da der Vater bereits Anfang 1938 tragisch verstorben war. Darin stand – wie üblich, dass die Urne mit der Asche gegen entsprechendes Entgelt übermittelt werden könnte. Marias Mutter lehnte das ab. Überlieft ist ihre Aussage: „Das ist nicht mein Kind.“ Sie wusste oder ahnte zumindest, was passiert war. Den Geschwistern war all das ebenso bewusst. 


Jahrzehnte war man sich in der Familie also im Klaren darüber, dass die Tochter, Schwester und Tante ermordet worden war, belegtes Wissen durch die Krankengeschichte gab es aber erst nach der Opfererfassung in Mauer durch den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim im Jahr 2004/2005. Über Jahrzehnte wurde in der Familie auch darüber gesprochen, wie mit dem Andenken an Maria umzugehen sei.:

  • Sollte man die Geschichte überhaupt offen besprechen? 
  • Würden andere annehmen, dass psychische Erkrankungen genetisch in der Familie vorkommen würden? 

 

Scham, Unsicherheit, Schmerz und Trauer vermischten sich:

  • Auch im Vorfeld der Landesausstellung gab es innerfamiliär Diskussionen: Dürfen wir ein Bild von Maria weitergeben, dass so offensichtlich einen zerstörten Menschen zeigt? 
  • Ein Bild, wo ihr Leid so augenscheinlich ist? Möchten wir die Krankengeschichte öffentlich machen? 
  • Wen müssen wir in der Familie vorab fragen, wen informieren?


Ein weiterer Aspekt der Geschichte von Maria Bauer ist bemerkenswert: Ihre Familie steht prototypisch für hunderttausende Familien in den 1920er- und 1930er-Jahren. Kein Detail ist besonders, herausragend oder bemerkenswert. Und genau darin liegt eine tiefe Wahrheit: Maria Bauer war in ihrer Familie so lange es möglich war, sie wurde geliebt, um dieses Kind wurde sich gesorgt. Die Nachbarn werden Maria gekannt haben, in der Anstalt werden die Pflegerinnen und Pfleger gewusst haben, wer ihre Eltern und Geschwister sind. Und dennoch. Dennoch ist niemand zu Hilfe gekommen, als der Tag der Deportation kam. Hannah Arendt schreibt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“: „Es gibt nicht wenige, besonders unter den Gebildeten, die heute noch öffentlich die Tatsache beklagen, dass Deutschland Einstein aus dem Lande gejagt hat – ohne zu begreifen, ein wie viel größeres Verbrechen es war, Hänschen Cohn von nebenan zu töten, auch wenn er kein Genie war.“ Maria Bauer war so ein Hänschen Cohn.


Und auch wir heute sollten uns fragen, wie es dazu kommen konnte, dass ihre Tötung so unwidersprochen möglich war. Die Geschichte der NS- „Euthanasie“ ist mittlerweile breit wissenschaftlich aufgearbeitet. Maßgeblich zur Vermittlung des Themas haben unter anderen der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, das DÖW mit der Gedenkstätte Am Steinhof in Wien und jetzt die aktuelle NÖ Landesausstellung beigetragen.


Gesamtgesellschaftliches Wissen über das Thema und ein offener Umgang damit sind allerdings nicht überall vorhanden. Das Land Niederösterreich trägt mit der dauerhaften Einrichtung des Lernortes im Haus 18 und des Gedenkortes hier neben dem Anstaltsfriedhof in Zukunft entscheidend dazu bei. Das Haus 18 und der Gedenkort sollen ein offener Ort des Dialogs und des respektvollen Miteinanders werden – zugänglich für Angehörige, für Interessierte, für die Schülerinnen, Schüler und die Lehrenden der Krankenpflegeschule hier am Areal und auch und gerade für die Mitarbeitenden des Klinikums. Der Austausch über die Zeit des Nationalsozialismus, basierend auf Fakten, und das Lernen darüber sind zentrale Eckpfeiler für ein gelungenes Miteinander heute. 


Für manche mag es so sein, dass dieser Lern- und Gedenkort doch nur den Blickwinkel einiger weniger Jahre in der insgesamt so beeindruckenden und in vielen Bereichen herausragenden Geschichte des Landesklinikums Mauer wiedergibt. Dieser Sichtweise gilt es entgegenzuhalten, dass diese wenigen Jahre doch Jahrzehnte danach prägten und weiterhin prägen. Und dass in diesen wenigen Jahren ein Zivilisationsbruch passierte – eine institutionalisierte, verstaatlichte Unmenschlichkeit, wie wir sie davor und danach in unserer Geschichte nicht wiederfinden. Dieser Sichtweise gilt es entgegenzuhalten, dass für jene, deren Angehörige ermordet und misshandelt wurden, das Leid und der Schmerz keinen Endpunkt hat. Schmerz darüber, wie grausam und unmenschlich das System der NS- „Euthanasie“ Menschen zu Tode gequält hat. Schmerz darüber, welche Qualen und welche Angst die Opfer in ihren letzten Minuten durchleiden mussten. 


Die Trauer der Angehörigen darf nun endlich auch hier am Gelände des Landesklinikums Platz haben– in würdiger, respektvoller Form. Die Angehörigen haben einen konkreten Ort, an dem sie trauern können. Sie können hierher kommen, wie zu einem Grabstein. Und noch ein Punkt ist mir wichtig zu betonen. Lassen Sie mich nochmals auf Maria Bauer zurückkommen. Sie kam hier aus der Gegend, war hier eingebettet, ist hier groß geworden. Gleiches gilt für Ärzte und Pflegepersonal. Menschen hier aus der Gegend wurden von Menschen hier aus der Gegend für den Transport vorbereitet. Im Wissen darum, was die Pfleglinge erwarten würde – der Tod. Menschen hier aus der Gegend wurden von Menschen hier aus der Gegend im Rahmen der dezentralen Anstaltstötungen ermordet. Verwoben sind die Geschichte von Opfern und von Tätern.

 

Heute sind all jene, die von den damaligen Geschehnissen betroffen waren, an ihnen beteiligt waren oder sie bezeugen können, tot. Heute können und dürfen wir uns fragen, welche Rolle unsere eigenen Familienangehörigen in dieser Zeit hatten, auf welcher Seite sie gestanden sind. Und wir werden feststellen: in vielen Familien gab es nicht nur eine Seite, es gab vielleicht Opfer, Täter, Mitläufer und Zuschauer – alles zugleich. Dieses Wissen soll aber nicht dazu dienen, diese damaligen Rollen bis ins Heute zu prolongieren. Heute sind wir alle immer wieder dazu aufgefordert, uns – im Bewusstsein um unsere Geschichte – für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen. Hier in einem Landesklinikum gilt dies noch viel mehr: der Einsatz für Menschen, Nächstenliebe, Menschlichkeit, Sorge füreinander – all das wird hier täglich mit großem Einsatz in der Arbeit gelebt. 


Der Blick zurück ist es, der uns mahnt, der uns zeigt, wie rasch, wie einfach und wie unwidersprochen ein vermeintlich stabiles System sich wandeln kann. Das ist die entscheidende Lehre aus der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus: das Versprechen an die Opfer, niemals wieder so etwas zuzulassen.  Dieses Versprechen einzulösen, liegt an uns.

 

Foto: NLK Burchhart

Mathias Vogl, Christian Korbel, Johanna Mikl-Leitner, Bernhard Kadlec, Herwig Czech, Stephan Roth und Regina Bauer bei der Eröffnung des Gedenkorts im Landesklinikum Mauer; Foto: NLK/Burchhart

 

<< Weitere Beiträge aus der Rubrik „Neues“

Unterstützt von: