Das DÖW hat sich im Zeitraum von März 2025 bis Juni 2026 an dem Forschungs- und Vermittlungsprojekt „Yvette, 1943, Travailleuse civile sous l‘Occupation (Son destin de France en Autriche)“ beteiligt. Das Projekt wurde von der Europäischen Union im Rahmen der Förderschiene „Europäisches Geschichtsbewusstsein“ des Programmes „Bürgerinnen und Bürger, Gleichstellung, Rechte und Werte“ (CERV) gefördert und unter der Leitung des französischen Theater- und Kulturvereins Compagnie Moradi (Nantes) gemeinsam mit dem Maison de l‘Europe in Nantes, der Stadt Nantes, der Gemeinde Rouans, dem Museum Mémorial de Falaise, dem für französische Kriegsgräber und Kriegsdenkmäler zuständigen Verein Le Souvenir Français, dem Französischen Kulturinstitut in Österreich und dem DÖW durchgeführt.
Das Projekt widmete sich den unterforschten Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen, die Frankreich vermeintlich „freiwillig“ verließen, um in NS-Deutschland und den von den Nazis annektierten und besetzten Gebieten zu arbeiten. Ab Herbst 1942 wurden über unterschiedliche Maßnahmen des Vichy-Regimes zur Dienstverpflichtung – ab Februar 1943 durch den Service du Travail Obligatoire (STO) – rund 650.000 französische Männer zur Zwangsarbeit für den NS-Staat gezwungen. Frauen waren von diesem Zwangsarbeitsdienst zwar nicht unmittelbar betroffen, aber im Zeitraum von 1940-1944 verließen dennoch fast 80.000 Frauen – oft aus materieller Not – Frankreich, um in NS-Deutschland und den von den Nazis annektierten und besetzten Gebieten zu arbeiten.
Im Zuge der Reparationsverhandlungen Frankreichs mit Deutschland nach der Befreiung wurde in Frankreich versucht, die Anzahl an „freiwilligen Arbeiter*innen“ in Abgrenzung zu Zwangsarbeiter*innen zu schätzen. Der Begriff der „Freiwilligkeit“ ist also eine Kategorisierung der französischen Behörden im Kontext der Reparationsforderungen an Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dennoch wurden die „freiwilligen“ Arbeiter*innen nach ihrer Rückkehr nach Frankreich nach Ende des NS-Regimes großteils als Kollaborateur*innen stigmatisiert; Frauen galten pauschal als „Freiwillige“. Mitunter deshalb blieben ihre Lebensgeschichten über lange Zeit unerforscht. Camille Fauroux, die auch an diesem Projekt beteiligt war, war eine der ersten Historiker*innen, die sich umfangreich mit französischen Arbeiterinnen in NS-Deutschland beschäftigte („Produire la guerre, produire le genre: Des travailleuses françaises dans l‘Allemagne nationale-socialiste, 1940-1945“).
Ziel des Projekts war, das Schicksal von französischen Frauen, die in NS-Deutschland arbeiteten, anhand der Lebensgeschichte von Yvette Paré-Moison – einer jungen Frau aus dem Arbeiter*innenmilieu von Nantes, die 1943 „freiwillig“ aus dem besetzten Frankreich nach Wien zum Arbeiten kam und am 1. Jänner 1944 in Wien starb – einer breiteren Öffentlichkeit, insbesondere in Frankreich und Österreich, näher zu bringen. Das DÖW beteiligte sich bereits im Vorfeld des Projektstarts an der Rekonstruktion der Lebensgeschichte von Paré-Moison in Wien. Während des Projektes hielt Winfried R. Garscha einen Workshop für Schüler*innen des Lycée Français de Vienne über die Geschichte von Zwangsarbeiter*innen und Arbeiter*innen, die (vermeintlich) „freiwillig“ in NS-Deutschland und in den von den Nazis besetzten und annektierten Gebieten unter besonderer Berücksichtigung von Arbeiter*innen aus Frankreich. Zentrales Argument von Garscha in Hinblick auf ausländische Arbeiter*innen in NS-Deutschland war weniger die Unterscheidung von Zwangsarbeiter*innen und Arbeiter*innen, die nicht aufgrund unmittelbaren Zwanges arbeiteten, sondern die von den Nazis etablierten rassifizierten Hierarchien, wodurch Menschen aus westeuropäischen Ländern weniger schlecht behandelt wurden als Jüd*innen und Menschen aus Osteuropa.
Darüber hinaus beteiligte sich das DÖW auch an der feierlichen Enthüllung einer Gedenktafel für Yvette Paré-Moison im französischen Teil der Gruppe 88 am Wiener Zentralfriedhof im Rahmen der Gedenkfeiern anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung Österreichs am 8. Mai 2025. Die Feier fand unter Beteiligung von Annick Soret (Tochter von Yvette Paré-Moison), Matthieu Peyraud (Botschafter der Republik Frankreich in Österreich), Stephan Mlczoch (Leiter der Abteilung Historische Angelegenheiten des Bundesministeriums für Inneres) und Patrick Lhôte (Delegierter von Le Souvenir Français für Österreich) statt.
weiterführende Links
- Beschreibung des Projektes (auf Französisch)
- Lebensgeschichte von Yvette Paré-Moison (auf Englisch)

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