Stephan Roth

Die Rezeption der Widerstandsforschung durch Jugendliche und junge Erwachsene im Spannungsfeld zwischen Gleichgültigkeit, Überfütterung und Interesse

Referat im Rahmen der Tagung "Widerstand in Österreich 1938-1945" im Parlament,
Wien, 19. Jänner 2005



Das Thema meines Vortrages fällt - im engeren Sinn dieser Veranstaltung - ein wenig aus dem Rahmen, da ich mich nicht mit dem Widerstand in der Zeit zwischen 1938 und 1945 auseinander setze. Vielmehr geht es mir um die Frage, wie und wo Erkenntnisse aus der NS-Forschung und als Teil davon der Widerstandsforschung Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute vermittelt werden, welche Möglichkeiten für junge Menschen bestehen, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus kritisch und gegenwartsbezogen auseinander zu setzen. Ich bin mir nicht sicher, ob Jugendliche heute den Begriff Widerstand nicht vorrangig mit Ereignissen wie der Regierungsbildung 2000 und - um ein aktuelleres Beispiel zu bringen - mit den jetzigen Entwicklungen in der Ukraine in Verbindung setzen und weniger der NS-Zeit zuordnen.

Gerade Gedenkjahre, wie das eben angebrochene, beinhalten die Möglichkeit sich der Vergangenheit bewusst zu werden, innezuhalten und über das Geschehene zu reflektieren. Dabei aber stellt die Auseinandersetzung mit der Zeit des NS-Regimes keinen pädagogischen Selbstzweck dar, da sie einen wichtigen Beitrag zur Demokratie- und Menschenrechtserziehung von Jugendlichen leisten kann. Die Schulen erfüllen in diesem Zusammenhang eine besonders wichtige Aufgabe. Den Schwerpunkt meiner Ausführungen möchte ich allerdings auf außerschulische Initiativen legen, will heißen Projekte, Ideen, Aktionen, an denen Schülerinnen und Schüler partizipieren können. Ich gehe exemplarisch auf zwei Initiativen ein, mit denen ich in den letzten Jahren intensiven Kontakt hatte und die in ihrer Qualität und ihren Intentionen nicht unterschiedlicher sein könnten: Zuerst möchte ich aber einige Fragen zum Zugang Jugendlicher zum Thema Zeitgeschichte aufwerfen:
  • Warum sollen Jugendliche Interesse an der Zeit des NS-Regimes haben und haben sie dieses Interesse überhaupt?
  • Was wissen Jugendliche über diese Zeit und woher?
  • Ab welchem Alter und wie sollen Schüler und Schülerinnen mit der NS-Zeit konfrontiert werden und wie gehen die Familien und Schulen mit dieser Frage um?
Ich glaube, dass es möglich ist, Schülerinnen und Schüler für Geschichte zu interessieren und sie soweit zu bringen, den Geschichtsunterricht nicht als reine Vermittlung von Daten, Fakten und Zahlen zu erleben. Dass sie darin nicht nur den so genannten "Lernstoff" sehen, der für eine Prüfung erarbeitet und danach - weil scheinbar für das Leben unbrauchbar - wieder vergessen wird. Geschichte soll vielmehr zum Fragen anregen, etwa nach der Funktion, die die Erzeugung von Geschichtsbildern hat, oder welche Identität und Zugehörigkeit damit erzeugt werden kann oder wie wir in Zukunft unser Zusammenleben, unsere Demokratie gestalten können.

Warnen möchte ich in diesem Zusammenhang allerdings vor zwei Phänomenen, die die Beschäftigung mit der Vergangenheit seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten begleiten:
  • Erinnern und Gedenken in Form von rituellen Pflichtübungen und sinnentlehrten Zeremonien. Damit werden junge Menschen definitiv nicht erreicht. Ich meine sogar, dass damit dem Verdrängen und Vergessen Vorschub geleistet wird.
  • Die Forderung, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Diese Forderung ist mit einem Verzicht zum Nachdenken, einer Ablehnung von Mündigkeit und einem Verbot Fragen zu stellen gleichzusetzen.
Das führt mich zur zweiten Frage: Was wissen Schülerinnen und Schüler über die NS-Zeit und woher beziehen sie ihr Wissen?
Bis in die 80er Jahre hinein war es für Jugendliche zumindest potentiell möglich, die Großelterngeneration zu den Ereignissen der NS-Zeit zu befragen. Gesamtgesellschaftlich wurde das Thema aber verschwiegen und verdrängt. Erst mit dem rund um die Waldheimaffäre langsam einsetzenden Paradigmenwechsel wurde dieses Schweigen aufgebrochen.

Einer 1995 vom Institut für Konfliktforschung durchgeführten Untersuchung zum Thema "Spielfilme als Instrument politischer Bildung an österreichischen Schulen" zufolge beziehen über 90 % der befragten Schülerinnen und Schüler ihre Informationen zum Thema NS-Zeit aus dem Geschichtsunterricht, gut die Hälfte von ihnen aus Büchern, Filmen bzw. dem Fernsehen und etwa 40-45 % durch die Großeltern bzw. Eltern. Es ist anzunehmen, dass die Familie als Ort der Informationsweitergabe vermehrt an Bedeutung verlieren wird.

Bleibt die Frage offen, was österreichische Schülerinnen und Schüler über die NS-Zeit wissen? Der Familie sollte als Ort der Geschichtsvermittlung eine wichtige Rolle zukommen, oft aber wird vieles emotional und unreflektiert tradiert und legt so erst die Basis für Vorurteile. Ich meine damit eine selektive Geschichtsvermittlung, die Jugendlichen in Österreich den Eindruck vermitteln könnte, dass es immer nur Opfer und nie Täter gegeben hat.

Die bereits erwähnte Studie des Instituts für Konfliktforschung stellt den Jugendlichen (und damit aber auch den Eltern und Lehrern) bezüglich der Kenntnis grundlegender Begriffe wie Antisemitismus, Faschismus oder Nationalsozialismus kein gutes Zeugnis aus und ortet massiven Nachhilfebedarf. Auch aus meiner Erfahrung - ich mache seit Jahren immer wieder einschlägige Führungen mit Schul- und Jugendgruppen - kann ich mich der Kritik des Instituts für Konfliktforschung anschließen. Das soll aber nicht heißen, dass alle Schülerinnen und Schüler schlecht informiert sind - die Unterschiede und die daraus resultierende Wissensbandbreite ist sehr groß. Laut IKF-Studie sind etwa 20 % der 14-jährigen noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen. Auf der einen Seite finden sich Wissenslücken, Vorurteile und Fehleinschätzungen, auf der anderen Seite finden sich aber auch einige Jugendliche, die ein sehr umfassendes und differenziertes Bild der NS-Zeit zeichnen können.

Bleibt zuletzt offen, ab welchem Alter und wie Schülerinnen und Schüler mit der NS-Zeit konfrontiert werden sollen und wie Familie und Schule mit dieser Frage umgehen?
Zeitgeschichte scheint im Lehrplan der achten Schulstufe zum ersten Mal auf. Ob dies der richtige Zeitpunkt ist, bleibt fraglich. Bedenken wir, dass es in Österreich neun Jahre Schulpflicht gibt und viele Jugendliche danach ins Berufsleben eintreten. Zwei Schuljahre halte ich für nicht ausreichend, um sich einer derart wichtigen Thematik zu widmen. Ich wurde einmal von einer Volksschullehrerin gefragt, ob es vertretbar wäre, mit einer 4. Volksschulklasse die Gedenkstätte für Opfer der NS-Medizin am "Steinhof" zu besuchen. Ich glaube wohl, dass diese Lehrerin mit besten Absichten handelte, nur ist es - nach meinem Dafürhalten - ein wenig früh, 9-jährige mit dem Bereich NS-Euthanasie zu konfrontieren. Dieses Beispiel zeigt, wie schwer es ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Diskussionen darüber sind seit der Ausstrahlung der TV-Serie "Holocaust" 1979, aber auch später produzierter Filme wie "Hasenjagd" oder "Schindlers Liste" (beide 1994) bekannt.

Die Gefahr, der kindlichen Psyche durch eine zu frühe Konfrontation mit Menschenverfolgung, Folter, Krieg und Massenmord nachhaltigen Schaden beizufügen, darf nicht außer Acht gelassen werden. Ich glaube, dass gerade bei dieser Frage das Fingerspitzengefühl von Eltern und Lehrern enorm gefordert ist. Früher oder später beginnen Kinder Fragen zu stellen, dann gilt es, mit der entsprechenden Behutsamkeit und Rücksicht auf das Alter Antworten zu finden.


A Letter to the Stars

"A Letter to the Stars" gilt als das größte schulische Forschungsprojekt zum Thema Zeitgeschichte, das jemals in Österreich durchgeführt wurde. Initiatoren dieses Projektes waren die beiden Journalisten Andreas Kuba und Josef Neumayer. Worum ging es inhaltlich? Basierend auf der vom DÖW herausgegebenen CD-ROM zur "Namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer" wählten sich Schülerinnen und Schüler nach eigenen Kriterien eine Person aus und recherchierten deren Lebensgeschichte. Die Projektidee wurde im Geschichtsunterricht umgesetzt. Es stellte sich schnell heraus, dass "Letter to the Stars" jegliches pädagogische Konzept fehlte. Wie das Projekt im Unterricht genau realisiert werden sollte, wurde seitens der Initiatoren nicht berücksichtigt - die Lehrerinnen und Lehrer wurden damit allein gelassen bzw. wurde es ihnen freigestellt, wie sie mit der Aufgabenstellung des Projekts umgehen. Die Qualität der Rechercheergebnisse war deshalb auch sehr unterschiedlich. Einige Lehrer und Lehrerinnen haben die Aufgabenstellung geschickt aufgegriffen und sie erweitert, indem korrespondierende Themenkreise wie der "Anschluss", der Novemberpogrom 1938 oder die "Arisierungen" in die Recherchearbeit integriert wurden. Von einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Lehrern wurde diese Möglichkeit aber nicht wahrgenommen.

Kuba und Neumayer fielen durch befremdliche, der Thematik nicht angemessene und unsensible Aussagen auf. So z. B. in einem Interview: "Bei unserem Projekt geht es ganz bewusst nicht um Antisemitismus. Das Projekt ist nicht dazu da, Antisemitismus zu bekämpfen. Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas."

"Letter to the Stars" wurde medial perfekt vermarktet, es verging so gut wie keine Woche ohne einen Bericht in Zeitungen oder Magazinen. Es wurden höchst potente Sponsoren gefunden, die für die entsprechende finanzielle Bedeckung des Projektes sorgten. Dass darunter auch Firmen waren, die während der NS-Zeit ZwangsarbeiterInnen beschäftigten, wurde aber nicht thematisiert.

Seinen Abschluss erreichte "Letter to the Stars" am 5. Mai 2003 bei einer - von einer Eventagentur organisierten - "Gedenkveranstaltung" am Heldenplatz, bei der 15.000 Schülerinnen und Schüler aus ganz Österreich teilnahmen. Präsentiert wurden Lebensgeschichten einiger Holocaustopfer, Zeitzeugen aus allen Opfergruppen und Prominente hielten kurze Statements und auch Bundespräsident Klestil war anwesend und ließ einen weißen Luftballon in den Himmel steigen.
Es wurde aber auch für leichte Unterhaltung gesorgt. Für die Jugendlichen war der Auftritt der Teilnehmer der ersten Starmania-Staffel definitiv der Höhepunkt der Veranstaltung und Hunderte von ihnen versuchten im Anschluss im Backstagebereich Autogramme zu ergattern. Zeitgleich legten Holocaustüberlebende auf dem Balkon der Hofburg, auf dem Hitler 1938 den "Anschluss" Österreichs ans "Dritte Reich" verkündete, Steine für ihre ermordeten Eltern, Geschwister, Verwandten und Freunde nieder - das Zusammenspiel dieser beiden Szenarien konnte unpassender nicht sein.
Bei mir blieb der Eindruck haften, dass die Zeitzeugen und Überlebenden zeitweise instrumentalisiert wurden und dass die beiden Initiatoren ihnen gegenüber im Rahmen der Veranstaltung respektlos entgegentraten. Leon Askin hielt am Beginn der Veranstaltung ein kurzes Statement und wurde nach zwei Minuten - für den gesamten Heldenplatz hörbar - aufgefordert zum Ende zu kommen, da er seine Redezeit überzogen habe. Im Gegensatz dazu konnte einer der Sponsoren sich zielgruppengerecht präsentieren, ohne dass dabei auf die Stoppuhr geschaut wurde.

Zusammenfassend ist aus meiner Sicht zum Projekt "Letter to the Stars" Folgendendes zu sagen:
Dass sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Schicksal der Opfer auseinander setzten, Fakten zu deren Leben aus Archiven zusammentrugen, ist sinnvoll. Die ausschließliche Konzentration auf die Gruppe der NS-Opfer blendet die Täterseite aber vollkommen aus. Die Aufgabe, einen Brief an eine vor über 60 Jahren ermordete Person zu schreiben, gaukelt das Herstellen einer persönlichen Beziehung vor und erzeugt Identifikation mit dem Opfer. Das führte in vielen Fällen zu Betroffenheit, mit der die Jugendlichen allein gelassen wurden. Betroffenheit aber ist eine Kategorie, mit der nichts anzufangen ist. Der Blick auf die Täter, Mitläufer und Zuschauer - deren Nachkommen die Jugendlichen größtenteils sind -, wurde bei "Letter to the Stars" vermieden. Fragen gesellschaftlicher Verantwortung wurden schon in der Konzeption des Projekts vernachlässigt und deshalb nicht gestellt. Dieses Ausklammern von Themen machte "Letter to the Stars" zu einem leicht konsumierbaren Produkt, das der Konfrontation mit der eigenen Familienbiographie aus dem Weg ging und tendenziell dem Verdrängen und Vergessen Vorschub leistet.


GEDENKDIENST

"GEDENKDIENST" ist einer interessierten Öffentlichkeit vor allem als Auslandszivildienst-Trägerorganisation bekannt. Seit 1992 leisten pro Jahr ca. 20 junge Männer und Frauen an Holocaust-Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen in der ganzen Welt ihren Gedenkdienst - der zum Teil von einem im Innenministerium angesiedelten Förderverein bzw. der EU finanziell unterstützt wird. Einrichtungen, an denen Gedenkdienst geleistet werden kann, sind unter anderem das US Holocaust Memorial Museum in Washington, Yad Vashem in Jerusalem, die Jugendbegegnungsstätte Auschwitz oder die Anne Frank Stichting in Amsterdam.

GEDENKDIENST ist ein Verein der von ehemaligen und zukünftigen Gedenkdienstleistenden in jeglicher Hinsicht selbst getragen wird. Von Beginn an ging es dem Verein darum, über die Dauer des 14-monatigen Auslandseinsatzes hinaus zu wirken. GEDENKDIENST will als junge Generation seinen Teil an der kollektiven Verantwortung wahrnehmen, gegen das Verdrängen und Vergessen arbeiten und so zum Entstehen einer offenen Gesprächs- und Gedächtniskultur in Österreich beitragen. Durch diese Arbeit unterstützt GEDENKDIENST die Schaffung eines breiteren und tieferen Bewusstseins über die NS-Zeit und damit auch das Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Große Bedeutung kommt der Ausbildung der zukünftigen Gedenkdienstleistenden zu. Interessenten treten in der 7. Klasse erstmals mit GEDENKDIENST in Kontakt und durchlaufen eine etwa einjährige Vorbereitungszeit. Neben wöchentlichen Treffen werden jährlich Studienfahrten zu den Gedenkstätten Theresienstadt und Auschwitz durchgeführt und Tagungen zu spezifischen Themen - wie etwa Verfolgung, Exil, Widerstand, Gedenken und Erinnern oder Wiedergutmachung - organisiert. Zusätzlich gibt es für jeden Jahrgang spezielle Vor- und Nachbereitungsseminare, die die Qualität der Arbeit von GEDENKDIENST sichern. Seit 1998 bringt GEDENKDIENST eine viermal jährlich erscheinende gleichnamige Zeitung heraus, die sich in jeder Ausgabe mit einem Thema schwerpunktmäßig auseinander setzt. Mit Themen wie "Rechtsextremismus heute", oder "Asyl - einst und jetzt" wird ganz bewusst auf die Gegenwartsrelevanz von NS-Themata hingewiesen.

Jeder Gedenkdienstleistende entwickelt mit seinem Auslandseinsatz einen eigenen Zugang im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit Überlebenden spielt da eine ganz besonders wichtige Rolle. Die weitgehend vorenthaltenen Geschichten dieser Menschen werden von den Gedenkdienstleistenden nach ihrem Dienst sozusagen wieder zurückgebracht und schaffen so eine Alternative, die es ermöglicht, die österreichische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, ohne Ausblendung ihrer "dunklen Seiten", zu hinterfragen.

GEDENKDIENST ist in seiner Breitenwirkung sicher nicht so effizient wie "Letter to the Stars" - das liegt vielleicht auch an den unterschiedlich hohen finanziellen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Die Tätigkeit von GEDENKDIENST ist aber nachhaltiger und ehemalige Gedenkdienstleistende sind oftmals Multiplikatoren. So findet man einige von ihnen heute als Lehrer in Schulen, Mitarbeiter von Museen, Journalisten oder in wissenschaftlichen Einrichtungen.


Abschließend möchte ich noch eines festhalten: Um ein nachhaltiges Verständnis für die Zeit des Nationalsozialismus bei der Jugend zu gewährleisten, muss verstärkt in die LehererInnenfortbildung investiert werden. Mangel an Verständnis, Vorurteile und Klischees sind oft "nur" das Resultat von Informationsdefiziten. Es sollte in unser aller Interesse sein, dagegen etwas zu unternehmen.


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