Martin Niklas

"... die schönste Stadt der Welt"

Neue DÖW-Publikation über österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt

Mehr als 17.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden während der NS-Herrschaft nach Theresienstadt deportiert, eine Kleinstadt in der Nähe von Prag, die zu einem "Altersghetto" bzw. Durchgangslager auf dem Weg in die Vernichtungslager umfunktioniert wurde. Martin Niklas stellt im Folgenden seine Publikation vor, in der er den Alltag dieser Menschen in der Theresienstädter "Zwangsgemeinschaft" - geprägt von Hunger, Krankheit und Tod, aber auch vom Versuch, sich durch kulturelle Tätigkeiten Würde und Menschsein zu bewahren - beleuchtet.

Martin Niklas, ehemaliger Mitarbeiter am Institut Theresienstädter Initiative in Prag, ist als Historiker beim Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus in Wien tätig. Sein Buch erscheint in der Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes zur Geschichte der NS-Gewaltverbrechen und ist ab November 2009 im DÖW erhältlich.


Mitteilungen 193

Cover

Martin Niklas
"... die schönste Stadt der Welt"
Österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt

Wien 2009, 232 Seiten
EUR 19,90

"Theresienstadt war ein Vakuum, ein Ort ohne Luft, ohne Licht, ohne Zeit. Durch die staubigen Straßen schlichen Menschen, die keine Menschen mehr waren, Menschen mit Augen, die nichts mehr sahen." (1)

Auf solche Weise beschreibt eine deutsche Holocaust-Überlebende das NS-Ghetto Theresienstadt; meist werden mit diesem Lager jedoch ganz andere Aspekte assoziiert: In der Nachkriegszeit oft als beinahe idyllischer Ort beschrieben, ist das nationalsozialistische "Musterghetto" Theresienstadt ein Ort, der der Öffentlichkeit vor allem durch das "Kunst- und Kulturleben" in Erinnerung ist: Kinderzeichnungen, wissenschaftliches Leben, Opern- und Konzertaufführungen, Literatur und Ähnliches haben sich in das öffentliche Gedächtnis eingeprägt; Theresienstadt wurde so zu einem Lager, in welchem privilegierte Jüdinnen und Juden in selbstverwalteter Gemeinschaft unter erträglichen Bedingungen lebten. Selbst in der Enzyklopädie des Holocaust wird im Eintrag zu Theresienstadt teilweise ein solches Bild vermittelt, wenn es heißt, dass "Theresienstadt in mancher Hinsicht den Charakter einer 'freien' Stadt" annahm, in der es aufgrund der "großen Zahl von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern" ein "umfassendes Programm kultureller Aktivitäten" gab. (2) Der deutsche Holocaust-Forscher Wolfgang Benz hingegen bezeichnet Theresienstadt als einen "Umschlagplatz zum Todeslager", warnt vor einer "Derealisierung des historischen Ortes Theresienstadts" und fordert, dass durch weitere Forschungen verhindert werden müsse, dass "das Bild von Theresienstadt als dem Zwangsaufenthalt und Deportationsort von 150.000 Menschen, als Vorstufe zum Mord an den meisten von ihnen, nicht zum Klischee erstarrt oder gar zur Idylle verharmlost werden kann". (3) Am Beispiel der mehr als 17.000 österreichischen Häftlinge, die nach Theresienstadt deportiert wurden, kann dieses Bild eines "besseren" Ghettos widerlegt werden.

Theresienstadt war zunächst als Sammellager für die Jüdinnen und Juden aus dem "Protektorat" gedacht: Am 10. Oktober 1941 teilte Reinhard Heydrich, stellvertretender "Reichsprotektor" für Böhmen und Mähren, seinem Prager Stab mit, dass in Theresienstadt ein Ghetto zu errichten sei: "Nach Evakuierung aus diesem vorübergehenden Sammellager (wobei die Juden ja schon stark dezimiert wurden) in die östlichen Gebiete könnte dann das gesamte Gelände zu einer vorbildlichen deutschen Siedlung ausgebaut werden." (4) Die Funktion Theresienstadts als Sammel- und zugleich "Dezimierungslager" war somit von Beginn an geplant.

Schon kurz darauf fiel Theresienstadt eine weitere Rolle zu: Bereits Ende Oktober 1941 wurde auf einer von Adolf Eichmann geleiteten Sitzung von Theresienstadt als einem eventuellen Bestimmungsort nicht nur für ältere deutsche und österreichische Jüdinnen und Juden gesprochen, sondern auch für solche mit "wichtigen Beziehungen". Am 1. November 1941 besprach Heinrich Himmler telefonisch mit Heydrich den "Aufenthalt d. über 60 Jahre alten Juden", (5) worauf sich am 18. November Joseph Goebbels in sein Tagebuch notierte: "Auch eine Reihe von alten Juden können [sic!] nicht mehr nach dem Osten abgeschoben werden. Für sie soll ein Judenghetto in einer kleinen Stadt im Protektorat eingerichtet werden." (6)

Auf der sogenannten Wannsee-Konferenz am 20. Jänner 1942 wurde die Stadt, in die bereits seit November 1941 Tausende von Jüdinnen und Juden aus dem "Protektorat" deportiert worden waren, auch "offiziell" als "Altersghetto" bezeichnet: "Es ist beabsichtigt, Juden im Alter von über 65 Jahren nicht zu evakuieren, sondern sie einem Altersghetto - vorgesehen ist Theresienstadt - zu überstellen. Neben diesen Altersklassen [...] finden in den jüdischen Altersghettos weiterhin die schwerkriegsbeschädigten Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen (EK I) Aufnahme." (7)

Das "Wannsee-Protokoll" liefert damit ein weiteres Argument für die Errichtung eines jüdischen Ghettos in Theresienstadt: das Vermeiden von Interventionen im Zuge der Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Vor allem die Deportationen im Herbst 1941 waren nicht spurlos an der "arischen" Bevölkerung im Deutschen Reich vorübergegangen. Besonders die "Evakuierung" von alten Menschen stieß - zumindest im "Altreich" - oft auf Unverständnis, was Goebbels in einem späteren Tagebucheintrag vermerkte: "Es haben sich da leider etwas unliebsame Szenen vor einem Altersheim abgespielt, wo die Bevölkerung sich in größerer Menge ansammelte und zum Teil sogar für die Juden etwas Partei ergriff." (8) Und auch die Deutsche Wehrmacht hatte sich immer wieder gegen die Deportation von verdienten jüdischen Veteranen des Ersten Weltkrieges in den Osten ausgesprochen.

Die Richtlinien für diejenigen Personen, die nach Theresienstadt deportiert werden sollten, wurden im Mai 1942 vom Leiter der Abteilung IV (Gestapo) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Heinrich Müller, konkretisiert: über 65 Jahre alte bzw. über 55 Jahre alte gebrechliche Juden; jüdische Ehegatten einer nicht mehr bestehenden deutsch-jüdischen "Mischehe"; jüdische "Mischlinge", die nach den "Nürnberger Gesetzen" von 1935 als Juden galten, sofern diese nicht noch mit einem Juden verheiratet sein sollten; schwerkriegsbeschädigte Juden oder solche mit Verwundetenabzeichen oder hohen Tapferkeitsauszeichnungen. Nun war laut Eichmann alles getan, um trotz der Deportationen "nach außen das Gesicht zu wahren" (9).

Am 20. Juni 1942 ging der erste Transport mit rund 1.000 österreichischen Jüdinnen und Juden von Wien ab, der am nächsten Tag in Theresienstadt eintraf. Bis zum 10. Oktober 1942 trafen aus Wien 13 "Großtransporte" mit 13.920 Personen in Theresienstadt ein. Das Durchschnittsalter dieser Deportierten lag bei 69 Jahren, wobei 337 Häftlinge jünger als 15 Jahre waren. Bis März 1945 sollten in kleinen Transporten noch 1.340 Menschen aus Österreich nach Theresienstadt deportiert werden. Insgesamt wurden aus Österreich 15.260 Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt deportiert. Dazu kamen noch über 2.000 Personen, die aus Österreich zunächst in andere europäische Länder geflohen waren und von dort nach Theresienstadt deportiert wurden.

Wie dramatisch sich die demographischen Verhältnisse in Theresienstadt, wohin bis zum Frühsommer 1942 Jüdinnen und Juden aus dem "Protektorat" - oft gesamte Familien - deportiert worden waren, mit der Ankunft der deutschen und österreichischen Deportierten änderten, zeigt ein Blick auf die Altersstatistik: Während zum 1. Juni 1942, vor den Deportationen aus Deutschland und Österreich, der Anteil von Häftlingen über 65 Jahre etwas über 21 % betrug, lag er am 15. September 1942 bei über 55 %. Die Wasser- und Stromversorgung brach mit Ankunft der Transporte aus dem "Altreich" und der "Ostmark" zusammen, die Essensausgabe war nicht mehr zu bewältigen, sanitäre Bedingungen und die Wohnverhältnisse verschlechterten sich rapide und Epidemien breiteten sich aus. Theresienstadt, ursprünglich als Garnisonsstadt für 7.000 Personen errichtet, erreichte nun einen Häftlingsstand von über 50.000 Menschen; der absolute Höchststand wurde am 18. September 1942 mit 58.491 Personen verzeichnet. Um das "Problem" der Überbevölkerung zu lösen, rollten das ganze Jahr 1942 bis Anfang 1943 Transporte mit Tausenden von Häftlingen in die östlichen Vernichtungslager. Darüber hinaus schnellte im Sommer 1942 die Sterblichkeitsrate rasant in die Höhe; waren in der Zeit von der Gründung des Lagers im November 1941 bis zur Ankunft der ersten Transporte aus Österreich und Deutschland im Juni 1942 rund 650 tschechische Häftlinge im Lager verstorben, so starben in nur drei Monaten von August bis September 1942 über 10.000 Menschen.

Das "Altersghetto" Theresienstadt nahm somit von Anfang an besonders für die ÖsterreicherInnen und Deutschen zugleich die Funktion eines "Dezimierungslagers" ein. Gerade diese - überwiegend älteren - Häftlinge starben entweder sehr rasch infolge der schrecklichen Lebensbedingungen im Lager oder wurden bald nach ihrer Ankunft weiterdeportiert und dann erschossen oder in Gaskammern ermordet: Von den über 7.600 aus Österreich nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden, die aus Theresienstadt nicht weiter in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden, starben über 80 % in Theresienstadt, davon fast zwei Drittel während der ersten sechs Monate nach der Ankunft. Von den rund 7.500 aus Österreich deportierten Menschen, die aus Theresienstadt nach dem Osten geschickt wurden - vor allem nach Treblinka und Auschwitz -, überlebten lediglich 263 namentlich bekannte Personen.

Ab dem Jahr 1943 rückte neben der Bedeutung als Sammellager und "Altersghetto" die propagandistische Funktion Theresienstadts immer mehr in den Vordergrund: Im Februar 1943 wollte Ernst Kaltenbrunner, nach dem tödlichen Attentat auf Reinhard Heydrich der neue Chef des RSHA, weitere 5.000 Häftlinge über 60 Jahre aus Theresienstadt nach Auschwitz verschicken. Himmler lehnte dieses Gesuch jedoch ab: "Der Reichsführer-SS wünscht die Abtransportierung von Juden aus Theresienstadt nicht, da sonst die Tendenz, dass die Juden im Altersghetto Theresienstadt in Ruhe leben und sterben können, damit gestört würde." (10)

Einen Hinweis auf den Grund dieses plötzlichen Meinungsumschwungs gibt Joseph Goebbels in einem Tagebucheintrag vom 18. Dezember 1942: "Die Judenfrage spielt eine außerordentliche Rolle, sowohl im feindlichen wie auch im neutralen Nachrichtendienst. Die Schweden empören sich scheinheilig gegen [sic!] unsere Behandlung der polnischen Juden [...]. Die Juden in Jerusalem veranstalten rauschende Protestkundgebungen gegen uns. [...] Sie [die Juden] suchen jetzt die ganze Welt zu alarmieren, bloß um Propaganda gegen das nationalsozialistische Reich und seine antisemitische Überzeugung zu machen." (11)

Im Zuge der Instrumentalisierung Theresienstadts für die Verschleierung der "Endlösung" wurde nun etwa der Begriff "Ghetto" verboten und das Lager nur noch als "Jüdisches Siedlungsgebiet" bezeichnet. Bereits im Dezember 1942 musste ein "Kaffeehaus" gegründet werden, in dem Vorträge gehalten und Konzerte veranstaltet wurden. All das änderte natürlich nichts an den Lebensbedingungen: Die in Theresienstadt inhaftierte junge Tschechin Eva Roubíčková schrieb in ihr Tagebuch: "Es gibt hier jeden Tag Konzerte, Vorträge, Theater, sogar eine Revue, und auf der anderen Seite sterben die deutschen Juden in den Blockhäusern Hungers." (12) Im Herbst 1942 war auch ein sogenannter Prominentenstatus eingeführt worden. Rund 200 "Prominente" lebten in den "Prominentenhäusern" mit besseren Wohn- und Ernährungsbedingungen; für die nationalsozialistischen Propagandazwecke waren diese Menschen von großer Bedeutung. Rund 40 österreichische "Prominente" ließen sich bisher eruieren, die in der vorliegenden Publikation in Kurzbiographien skizziert werden.

Im Juni 1944 gestattete Himmler dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) eine Besichtigung Theresienstadts. Um das Ghetto für den Besuch vorzubereiten, schickte die SS Tausende Häftlinge nach Auschwitz und ließ eine groß angelegte "Stadtverschönerung" durchführen. Nach der für die NS-Verantwortlichen erfolgreichen Visite des IKRK - der Delegationsleiter verfasste im Anschluss daran einen überaus beschönigenden Bericht - wurde auch ein Propagandafilm mit dem Titel Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet gedreht. Hunderte von Häftlingen mussten als Statisten mitwirken, darunter viele Angehörige des "Ältestenrats", der "jüdischen Selbstverwaltung" und der "Prominenten".

Als die Funktion Theresienstadts als "Alibighetto" erfüllt zu sein schien, wurden im Herbst 1944 in einer Serie von Transporten mehr als 18.000 Häftlinge nach Auschwitz deportiert. Auch bisher geschützte Häftlinge wie Mitglieder des "Ältestenrates" und höhere Funktionäre der "Selbstverwaltung", aber auch ehemalige Offiziere oder "prominente Persönlichkeiten" wurden nun verschickt. Nach den letzten Transporten im Oktober 1944 befanden sich nur noch rund 11.000 Menschen in Theresienstadt. Bis zur Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen am 8. Mai 1945 stieg durch kleinere Transporte die Zahl der Inhaftierten noch auf rund 17.000 an.

Das Leben in Theresienstadt selbst war für die österreichischen Häftlinge zunächst geprägt von Integrationsschwierigkeiten in die Theresienstädter "Zwangsgemeinschaft" - die vor allem von den tschechischen Häftlingen dominiert war -, von schlechten Unterkunfts- und Ernährungsvoraussetzungen und infolgedessen von großer Sterblichkeit im Lager und den ständigen Weitertransporten nach Osten. Von Seiten der "jüdischen Selbstverwaltung" wurde aber versucht, das Lagerleben erträglich zu gestalten. Viele ehemalige Mitglieder der aufgelösten Wiener Kultusgemeinde, die nach Theresienstadt deportiert worden waren, engagierten sich in der Verwaltung des Ghettos; auch auf deren Tätigkeit wird im Rahmen der Publikation näher eingegangen.

ÖsterreicherInnen waren auch im Theresienstädter "Kulturleben" führend beteiligt; die - von der Lagerkommandantur für ihre propagandistischen Zwecke gestattete - "Freizeitgestaltung" konnte den Häftlingen Beschäftigung und Ablenkung geben, bedeutete aber auch moralische Stütze und geistigen Widerstand gegen die Absichten der Nationalsozialisten. Österreichische Häftlinge waren in sämtlichen Bereichen des kulturellen Lebens vertreten, sei es bei Darbietungen von Kabaretts, Theater oder Literatur, bei musikalischen Veranstaltungen, als Bildhauer und bildnerische Künstler oder als Vortragende im Rahmen von verschiedenen Vortragsreihen.

Für einen Großteil der alten Häftlinge aus Österreich hatte die "Freizeitgestaltung" aufgrund ihres raschen Todes jedoch keine Bedeutung mehr. So war bereits Ende Jänner 1943, sieben Monate nach der Ankunft des ersten österreichischen Transports, mehr als die Hälfte der aus Österreich nach Theresienstadt Deportierten tot; im Ghetto umgekommen oder in den östlichen Vernichtungslagern ermordet. Überdies waren viele der betagten Inhaftierten krank oder bettlägerig und hatten dadurch keine Möglichkeit, Konzerte oder Vorträge zu besuchen, geschweige denn aktiv im kulturellen Leben tätig zu sein.

Nach Kriegsende wurden die Hauptverantwortlichen unter den Theresienstädter Tätern zur Rechenschaft gezogen; die drei Lagerkommandanten - die alle aus Niederösterreich stammten - wurden vor Gericht gestellt und zum Tod verurteilt; Siegfried Seidl und Karl Rahm wurden tatsächlich hingerichtet, Anton Burger entzog sich seiner Verantwortung durch Flucht. Aber auch gegen Funktionäre der Theresienstädter "jüdischen Selbstverwaltung", im Besonderen gegen den dritten "Judenältesten" Benjamin Murmelstein und dessen Assistenten Robert Prochnik, wurden Verfahren eingeleitet; trotz der Tatsache, dass sämtliche Vorwürfe gegen sie haltlos waren und alle Verfahren eingestellt wurden, hielt sich im Zuge der Debatten über die Zusammenarbeit zwischen jüdischen Gemeinden und nationalsozialistischen Behörden hartnäckig das Bild von "Kollaborateuren", obwohl sowohl Murmelstein als auch Prochnik im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht hatten zu helfen, sei es im Rahmen der Auswanderung in Wien oder im Zuge ihrer Tätigkeiten in Theresienstadt. Weit unverständlicher als diese Vorwürfe, die vor allem von betroffenen Überlebenden erhoben wurden, die oft ihre gesamten Familienangehörigen verloren hatten und nun Rechenschaft auch von jüdischen Funktionären forderten, bleibt die Art und Weise, wie die wenigen Rückkehrer aus den nationalsozialistischen Lagern, unter ihnen gerade ein paar Hundert Überlebende aus Theresienstadt, von den österreichischen politischen Repräsentanten und verschiedenen Behörden, aber auch von Teilen der österreichischen Bevölkerung behandelt wurden. Dieses Kapitel der österreichischen Nachkriegsgeschichte muss wohl besonders kritisch betrachtet werden.

Langsam etablierte sich auch in der österreichischen Öffentlichkeit ein Interesse an Theresienstadt, obgleich sich dieses erst nach Jahrzehnten zeigte und vor allem auf das "Kulturleben" reduzierte. In Anbetracht der Bedeutung Theresienstadts für die Geschichte des Holocaust an den österreichischen Jüdinnen und Juden - von über 17.000 Menschen, die dorthin deportiert worden waren, überlebten rund 15.000 die NS-Zeit nicht - kann abseits des öffentlichen Interesses auch ein Defizit in der wissenschaftlichen Betrachtung Theresienstadts aus österreichischer Sicht beobachtet werden. Nachdem 1971 die ersten Opferdaten publiziert worden waren und im Jahr 1987 erstmals eine nähere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Theresienstadt in Form eines Aufsatzes des österreichischen Historikers Jonny Moser stattgefunden hatte, erschien erst 2005 im Theresienstädter Gedenkbuch mit den Namen und Schicksalen der österreichischen Opfer eine Anzahl von Artikeln österreichischer und tschechischer HistorikerInnen explizit zu diesem Thema. (13)

Im Bereich der wissenschaftlichen Aufarbeitung zur Geschichte Theresienstadts wurden somit bereits einige Schritte gesetzt, die tatsächliche Bedeutung des Lagers für die österreichischen Jüdinnen und Juden zu untersuchen. Die Darstellung dieser Häftlingsgruppe von vor allem alten Menschen, abseits einer beinahe ausschließlich an der "Theresienstädter Kultur" orientierten und interessierten Öffentlichkeit, muss aber - wie bereits eingangs erwähnt - Gegenstand zukünftiger Forschungen bleiben.


Anmerkungen

  1. Margot Friedlander (mit Malin Schwerdtfeger), "Versuche, dein Leben zu machen." Als Jüdin versteckt in Berlin, Berlin 2008, S. 195.
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  2. Eberhard Jäckel, Peter Longerich, Julius H. Schoeps (Hrsg.), Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, München 2. Aufl. 1998, Bd. 3, S. 1404, 1406.
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  3. Wolfgang Benz, Theresienstadt: Ein vergessener Ort der deutschen Geschichte?, in: Miroslav Kárný, Raimund Kemper, Margita Kárná (Hrsg.), Theresienstädter Studien und Dokumente 1996, Prag 1996, S. 12, 14.
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  4. Aus den Notizen über die Besprechung bei Heydrich "über die Lösung der Judenfrage" im "Protektorat" vom 10. Oktober 1941, zitiert nach: Miroslav Kárný, Jaroslava Milotová, Margita Kárná (Hrsg.), Deutsche Politik im "Protektorat Böhmen und Mähren" unter Reinhard Heydrich 1941-1942. Eine Dokumentation, Berlin 1997 (= Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939-1945, Bd. 2), Dokument 29, S. 139.
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  5. Zitiert nach: Miroslav Kárný, Theresienstadt 1941-1945, in: Institut Theresienstädter Initiative (Hrsg.), Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945, Prag 2000, S. 16.
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  6. Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 18. November 1941 über seine Unterredung mit Heydrich, zitiert nach: Kárný et al. (Hrsg.), Deutsche Politik im "Protektorat", Dokument 53, S. 191.
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  7. Aus dem Besprechungsprotokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Jänner 1942. Faksimile in: Peter Longerich, Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942: Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden, Berlin 1998 (= Publikationen der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Bd. 7), S. 69-88, Faksimile S. 8 f.
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  8. Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 6. März 1943, zitiert nach: Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden. Durchgesehene und erweiterte Ausgabe, 3 Bde., Frankfurt am Main 1990, Bd. 2, S. 451.
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  9. Aus dem Bericht über eine Besprechung vom 6. März 1942 im RSHA - Amt IV B 4, zitiert nach: Kárný et al. (Hrsg.), Deutsche Politik im "Protektorat", Dokument 85, S. 241.
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  10. Schreiben des Persönlichen Stabes von Himmler an Kaltenbruner vom 16. Februar 1943, in: H. G. Adler, Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente, Tübingen 1958, S. 299.
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  11. Zitiert nach: Ralf Georg Reuth (Hrsg.), Joseph Goebbels. Tagebücher 1924-1945, Bd. 4, 1940-1942, München-Zürich 21992, S. 1852.
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  12. Eva Mändl Roubíčková, "Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben." Ein Tagebuch aus Theresienstadt, hrsg. von Veronika Springmann unter Mitarbeit von Wolfgang Schellenbacher, Hamburg 2007, S. 126.
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  13. Jüdisches Komitee für Theresienstadt, Totenbuch Theresienstadt. Deportierte aus Österreich, Wien 1971; Jonny Moser, Theresienstadt, das Altersghetto, in: Mary Steinhauser, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstan- des (Hrsg.), Totenbuch Theresienstadt. Damit sie nicht vergessen werden, Wien 1987, S. I.10-I.23; Institut Theresienstädter Initiative, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Theresienstädter Gedenkbuch. Österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt 1942-1945, Prag 2005.
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