DOKUMENTE ZUM
NOVEMBERPOGROM IN DER STEIERMARK

(Wird publiziert in: Widerstand und Verfolgung in der Steiermark 1934-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, 3 Bde, in Vorbereitung)

 

AUS: BERICHT DES SD DES REICHSFÜHRERS-SS, SD-UNTERABSCHNITT STEIERMARK, AN DEN SD-FÜHRER DES SS-OBERABSCHNITTS DONAU BETREFFEND DEN NOVEMBERPOGROM IN GRAZ, 15. 11. 1938

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DÖW 1780

In der Nacht zum 10. 11. 38 kam es in Graz zu einer Protestaktion gegen die Juden wegen des Mordes an Gesandtschaftsrat vom Rath. Der SD und die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Graz wurden erst verständigt, als die Aktion schon im Gange war. Der Führer des SS-Abschnittes XXXV hatte von der Aktion bereits früher Kenntnis als die beiden eben genannten Stellen, noch vor ihm scheinen die SA und die Gauleitung von einer bevorstehenden Aktion Kenntnis gehabt zu haben.
Als der SD im Rahmen der SS des Standortes nach der Vereidigung zur Synagoge marschierte - ohne daß das Marschziel ihm vorher bekannt war -, mußte festgestellt werden, daß die Inneneinrichtung der Synagoge bereits zum großen Teil zerstört war, ferner mußte festgestellt werden, daß bereits an beiden Stellen ein Brand ausgebrochen war. Unter diesen Umständen erwies es sich als nutzlos, den Versuch zu machen, Kultgegenstände aus der Synagoge selbst sicherzustellen. Der SD-Unterabschnitt Steiermark mußte sich mit den vorhandenen Kräften darauf beschränken, die wichtigsten Materialien aus dem Amtshaus sicherzustellen. Es wurde das Mitgliedsbuch, die Steuerkartei und die Auswandererkartei zum größten Teil aus dem brennenden Amtshaus auf die Straße gebracht und noch in der Nacht abtransportiert, ebenso wurden in der Nacht noch drei eiserne Kassen von SD-Angehörigen aus der Brandstelle auf die Straße geworfen und ebenfalls gesichert. Sie enthielten über 7.000 RM Bargeld, ferner eine verhältnismäßig große Menge von silbernen Kultgeräten. Befehlsgemäß wurden sie am 12. 11. 38 der Geheimen Staatspolizei übergeben. Etwa um 1 Uhr 30 nachts stürzte die Metallkuppel der Synagoge ein. Im Amtshaus brannte die Inneneinrichtung größtenteils aus, das Gebäude selbst blieb unversehrt. Die städtische Feuerwehr brachte den Brand etwa um 4 Uhr morgens zum Erlöschen.
In der Nacht zum 10. wurde eine große Anzahl von Juden verhaftet. In Graz betrug die Zahl der Verhafteten etwa 300, außerhalb von Graz 50. Sie wurden zunächst in den Arrest des Bezirksgerichtes gebracht, von dort wurden sie am 11. 11. 38 um 18 Uhr 15 in einem Transport per Bahn in ein Konzentrationslager überstellt.
Am 10. 11. 38 wurde die Bibliothek im Amtshaus der Kultusgemeinde in die SD-Dienststelle gebracht, soweit die Bände nicht durch den Brand zerstört waren. Die wertvolle Bibliothek des Rabbiners wurde in der Nacht zum 10. 11. bereits über Veranlassung des SD durch die Geheime Staatspolizei unter Siegel gelegt. Die Steuerliste, die der SD sichergestellt hatte, wurde der Steuerfahndungsstelle und der Devisenfahndungsstelle zur Verfügung gestellt. Die Devisenfahndungsstelle ist auch im Besitz einer aufgefundenen Liste über jüdische Devisenbesitze.
Am 10. 11. 1938 wurde auch die Aufbahrungshalle auf dem jüdischen Friedhof eingeäschert.
Die Aktion gegen die Juden hat zu keinerlei Plünderungen jüdischer Läden geführt, nachdem diese bereits unter kommissarischer Leitung stehen, soweit sie nicht an arische Besitzer verkauft sind. Einige Geschäfte in der Annenstraße wurden im Zuge der Protestaktion zerstört. Tätliche Ausschreitungen gegen Juden sind nicht vorgekommen. Ausländische Juden sind von der Aktion nicht betroffen worden. [...]
Die Nachsuche der Devisen wird im Laufe der nächsten Tage fortgesetzt. Die noch in Graz verbliebenen Juden werden, soweit sie nicht vorgerückten Alters sind, in Haft genommen werden. Gegenwärtig befinden sich in Graz noch etwa 900 Juden. Nach Angabe der Geheimen Staatspolizei, Polizeistelle Graz sind darunter nur mehr 40 Männer. Laut einer aufgefundenen Statistik waren am 4. Nov. 1938 noch 1182 Juden in Graz. 417 Juden waren abgewandert, 1599 befanden sich am 20. 3. 38 in Graz. Die hiesige Dienststelle hält die Zahl der männlichen Juden noch für größer als die Erhebungen der Geheimen Staatspolizei angeben.
Die Zahl der Juden außerhalb von Graz ist in [der] Steiermark unerheblich. Im Zuge der augenblicklichen Aktion werden sie vollkommen aus dem flachen Land entfernt werden.

 

AUS: ERFAHRUNGSBERICHT DES SD DES REICHSFÜHRERS-SS, SD-UNTERABSCHNITT STEIERMARK, AN DEN SD-FÜHRER DES SS-OBERABSCHNITTS DONAU ÜBER "PROTESTAKTIONEN GEGEN DIE JUDEN", 23. 11. 1938

Tuwiah Friedmann (Hrsg.), "Die Kristall-Nacht". Verbrennung der jüdischen Tempel am 10. November 1938 im Deutschen Reich. Die Milliarde Reichs-Mark, die als Strafe und Kontribution dem Judentum auferlegt wurde. Dokumentarische Sammlung, Haifa 1972

Die Aktionen am 9. 11. sind dadurch zustande gekommen, daß nach der Vereidigung der SS, die dort versammelten, nicht uniformierten Angehörigen der SS zur Synagoge eilten und dort gemeinsam mit anscheinend der SA angehörenden Männern diese stürmten und sie demolierten. Auf welche Weise der Brand entstanden ist, kann nicht festgestellt werden. Die Staatspolizei erhielt mittels Fernschreiben um 0 Uhr 30 Kenntnis von bevorstehenden Aktionen. Der SD wurde offiziell erst auf dem Schauplatz in Kenntnis gesetzt. Die Angehörigen des SD waren im Rahmen der übrigen uniformierten SS-Angehörigen zur Synagoge dirigiert worden, ohne daß die Eingeteilten wußten, worum es sich handelt. Die knapp vor Beginn der Aktionen zu Oberführer Schöne berufenen SS-Führer erfuhren andeutungsweise, daß eine Aktion im Gange sei. Näheres führte Oberführer Schöne auch auf Befragen seitens des Standartenführers Dadieu nicht aus.
Nach dem Brand der Synagoge wurde eine große Zahl von Juden verhaftet. Hiebei beteiligten sich Gruppen der SS und der SA. Die Personen, die daran beteiligt waren, gehörten ausnahmslos jüngeren Altersklassen an. Trotz mehrfacher Zwischenfälle kann im ganzen die Art der Durchführung als diszipliniert angesehen werden, Plünderungen kamen nicht vor. Bis jetzt ist nur in einem Fall eine Spur vorgefallener Diebstähle bekannt geworden, die entsprechend verfolgt wird. Körperliche Züchtigungen kamen in mehreren Fällen vor, sie werden ebenfalls - soweit dies möglich ist - erfaßt werden. Demolierungen sind in mehreren Fällen festgestellt worden, teilweise betreffen sie auch schon an Deutsche verkaufte Einrichtungen.
Um 3 Uhr 30 nachts setzte die Staatspolizei die Aktion ein. Durch sie wurde unter Mitwirkung des SD die größte Anzahl von Juden festgenommen und bei ihnen befindliches Material sichergestellt, so daß von dieser Zeit an die gesamte Festnahmeaktion in völlig geregelte Bahnen gelenkt war.
Am 10. 11. ging nachmittags die Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof in Flammen auf. Wirtschaftlich ungünstige Folgen und besondere Schäden sind im Zusammenhang mit der Aktion für Steiermark nicht festzustellen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß, im allgemeinen gesehen, die Juden aus dem Wirtschaftsleben bereits vollkommen ausgeschaltet sind. Für die Entfernung der Juden aus dem gesamten Gaugebiet sind aber an sich die Aktionen nicht besonders günstig. Es muß festgestellt werden, daß durch sie manche Grundlagen für die Auswanderung der Juden vernichtet wurden, die nun erst mühsam beschafft werden müssen. Die seinerzeitigen Anordnungen des Obersturmführers Eichmann hätten gewährleistet, daß mit 31. 12. auf dem Gebiet des Gaues Steiermark kein Jude mehr anwesend gewesen wäre, ob dies auch jetzt noch durchführbar sein wird, zumal die Sammelaktion: Ansiedlung von 600 Juden in Palästina eine Verschiebung erfahren hat, ist fraglich.
Die Aktionen wurden in den Kreisen der ländlichen Bevölkerung und der Jugend zustimmend aufgenommen. Immerhin fanden sie einige Kritik. Ursache hiefür sind die körperlichen Züchtigungen und insbesondere das Niederbrennen der Zeremonienhalle. Seitens der hiesigen Dienststelle muß bemerkt werden, daß das Unterbleiben der Aktionen sowohl stimmungsmäßig als auch sachlich im Gebiet der Steiermark sicher besser gewesen wäre als ihre Durchführung. Die gesetzlichen Maßnahmen gegen die Juden haben jedenfalls ein viel besseres Echo gefunden als die Zerstörungen. Ferner muß ausdrücklich noch einmal festgestellt werden, daß sowohl der SD als die Geheime Staatspolizei zu spät in Kenntnis gesetzt wurden von der Absicht solcher Demonstrationen, daß andere Parteidienststellen zuverläßlich früher davon Kenntnis hatten. Sehr ungünstig machte sich auch bei solchen Gelegenheiten der Einsatz der SA bemerkbar, der anscheinend auf gewisse Rivalität zurückzuführen ist, aber dafür meist um so störender wirkt.

 

AUS: BERICHT DER ISRAELITISCHEN KULTUSGEMEINDE GRAZ BETREFFEND DEN NOVEMBERPOGROM 1938 IN GRAZ, 29. 4. 1946

HHStA, Unveröffentlichte Manuskripte für das Rot-Weiß-Rot-Buch
DÖW 8342

Im Laufe des Sommers 1938 trat eine weitere Verschärfung ein, indem die Juden systematisch aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Dennoch waren in Graz während der Zeit bis in die Nacht vom 9. auf 10. November keinerlei terroristischen Belästigungen individueller Natur zu verzeichnen. Erst in dieser Nacht sind die SA- und SS-Banden auf Befehl gegen die Juden vorgegangen. Sie zerrten sie aus den Betten, prügelten sie und trieben sie stundenlang in der Nacht, oft nur mit einem Nachthemd bekleidet, durch die Straßen von
Der 70jährige Rabbiner Prof. Dr. Herzog, der ebenfalls aus dem Bette gerissen wurde, wurde in der Nacht fast unbekleidet auf den jüdischen Friedhof getrieben, woselbst die Zeremonienhalle bereits in hellen Flammen stand. Dort wurde ihm befohlen, sein eigenes Grab zu schaufeln, doch ließen die Rowdies nach einigen Stunden von ihm ab und gingen ihrer Wege, worauf er, mehr tot als lebendig, in seine Wohnung zurückwankte. Während der oben geschilderten Zeitspanne ist der Tempel und die jüdische Schule in der Griesgasse 58 angezündet und vollkommen ausgeraubt worden (siehe Fotos); am Friedhofe wurden Grabsteine umgestürzt und Gräber geschändet.
II. Die Juden aber wurden in allen Wohnungen geschlagen und die Möbel zertrümmert. Fast alle Männer wurden sodann ins Polizei-Gefängnis geschleppt und am nächsten Tag mittels Sonderzug nach Dachau expediert. Nur ganz wenige, die außerhalb Graz in die Wälder flüchten konnten, sind von den Torturen verschont geblieben. Später sind die meisten Juden aus Dachau wieder nach Graz zurückgeschickt worden, von denen dann ein größerer Teil allmählich auswandern konnte. Die in Graz noch verbliebenen Juden wurden später nach Wien umgesiedelt; die meisten von ihnen wurden später nach Theresienstadt und von dort in Vernichtungslager abtransportiert. Von den 2300 Juden, die es in der Steiermark gegeben hat, sind bisher 18 (!!) steirische Juden zurückgekehrt. Die anderen aber, soweit sie nicht ausgewandert und sich nicht gemeldet haben, sind Opfer des Vernichtungsprozesses geworden.


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