DOKUMENTE ZUM
NOVEMBERPOGROM IN SALZBURG

(Aus: Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1991, Bd. 2, S. 451-453)

 

35. AUS: BERICHT DES FÜHRERS DES SD-UNTERABSCHNITTS SALZBURG AN DEN SD-FÜHRER DES SS-OBERABSCHNITTS DONAU IN WIEN BETREFFEND DIE "REICHSKRISTALLNACHT" IN SALZBURG, 10. NOVEMBER 1938

Salzburgs wiederaufgebaute Synagoge. Festschrift zur Einweihung, Salzburg 1968, S. 160

Eilt sehr. Bitte sofort vorlegen.
Betrifft: Zerstörung von Einrichtungsgegenständen in jüdischen Geschäften und in der Synagoge in Salzburg-Stadt.

Im Laufe der Nacht des 10. 11. 1938 kam es in Salzburg zu einer Zerstörung von Einrichtungsgegenständen in einer Reihe von jüdischen Geschäften und in der jüdischen Synagoge durch ungefähr 30-50 Personen, die, wie bisher bekannt, fast sämtliche Angehörige der SA waren. Die Geschäfte wurden mit verschiedenen Werkzeugen erbrochen und das Inventar demoliert und teilweise vollständig vernichtet. Ebenso wurde in der jüdischen Synagoge Salzburg, Lasserstraße, die Einrichtung zertrümmert. [...]
Sämtliche Juden Salzburgs wurden daraufhin von der Stapo in Schutzhaft genommen. Umfassender Bericht folgt.

 

36. AUS: BERICHT DER "SALZBURGER LANDESZEITUNG" BETREFFEND AUSSCHREITUNGEN IN STADT UND LAND SALZBURG, 10. NOVEMBER 1938

Salzburger Landeszeitung. Amtliches Blatt des Gaues Salzburg der NSDAP und sämtlicher Staats- und Gemeindebehörden, 10. 11. 1938

Die Aktionen in
In der Gaustadt Salzburg richtete sich der erste Sturm der Entrüstung gegen die Synagoge. Schon kurz nachdem im Laufe der Nacht das Ableben des Gesandtschaftsrates vom Rath in der Stadt bekanntgeworden war, zog eine erregte Volksmenge vor das jüdische Wahrzeichen und zerstörte Fenster, Einrichtungsstücke und die jüdischen Kultgegenstände. Kein Wunder, daß auch alle Salzburger Geschäfte, die heute noch Juden gehören, die Wut der Bevölkerung zu spüren bekamen. Unter anderen mußten die Parfümeriehandlung des Juden Rudolf Fürst in der Linzergasse, das jüdische Kaufgeschäft "Zum Touristen", ebenfalls in der Linzergasse, das Singer-Schuhgeschäft in der Dreifaltigkeitsgasse, dann Pollaks Ramschwarengeschäft in der Franz Josefstraße und Spiegels Antiquitätenhandlung daran glauben. Trotz der großen Erregung, die sich überall kundtat, ist den heute noch in Salzburg lebenden jüdischen Elementen nichts geschehen.

Kundgebungen auch im ganzen Lande
Auch aus dem ganzen Gaugebiet wird heute berichtet, daß die Erregung unter der Bevölkerung überall zu Aktionen gegen Judengeschäfte führte. Ausführliche Meldungen liegen zur Stunde aus Hallein und Badgastein vor. In Badgastein wurden von den Aktionen unter anderen betroffen das Hotel "Bristol", das der polnischen Jüdin Kokisch gehört, das Kurhaus "Cäcilia", das sich in Besitz des aus Berlin stammenden Juden Burger befindet, das Kurhaus Dr. Wassing und die Villa des Professor Hatschek; auch das Zahnatelier des Juden Süß, die Geschäfte Steininger, König, Posele, Horowitz und Rosenberg blieben nicht unverschont.

 

37. AUS: BERICHT DES FÜHRERS DES SD-UNTERABSCHNITTS SALZBURG AN DEN SD-FÜHRER DES SS-OBERABSCHNITTS DONAU IN WIEN BETREFFEND DIE "REICHSKRISTALLNACHT", 11. NOVEMBER 1938

Salzburgs wiederaufgebaute Synagoge. Festschrift zur Einweihung, Salzburg 1968, S. 162

Die nichtpolizeiliche Aktion gegen die Juden setzte in Salzburg zum Teil kurz nach Mitternacht, vorwiegend aber erst in den frühen Morgenstunden des 10. 11. 1938 ein. Es wurden dabei in der Stadt Salzburg 7 Geschäfte und die Synagoge zerstört. Brandstiftungen erfolgten nicht. Die Träger dieser Aktion waren ausschließlich Formationsangehörige. Die Bevölkerung wußte von der ganzen Sache nichts.
Die Verhaftungen durch die Polizei setzten um 6.30 Uhr schlagartig ein. Die Beamten der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Salzburg, wurden durch Angehörige des SD und der SS, denen für diese Aktion die Befugnisse der Hilfspolizei gegeben wurden, unterstützt. Berichte über die Festnahmen liegen vorerst nur aus der Stadt Salzburg vor. Vom Lande fehlen sie noch. Insgesamt wurden ca. 60 bis 70 männliche Juden verhaftet. Davon 41 in der Stadt Salzburg.
Ausländer wurden bei den Verhaftungen nicht erfaßt; dagegen wurden Sachwerte, die sich in ausländischem Besitz befinden, zerstört, so z. B. 2 ausländische Anwesen in Badgastein mit einem Sachschaden von RM 4000,- bis RM 5000,- bzw. RM 2500,-.
Stimmungsmäßig muß folgendes festgestellt werden: Infolge der mangelnden Propaganda und der geringen Anzahl von Zeitungslesern und Radiohörern waren weite Teile der Bevölkerung nicht einmal über das Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär vom Rath bzw. dessen Ableben unterrichtet. Bei der Aktion gegen die Juden war infolgedessen die Bevölkerung in keiner Weise beteiligt. Die Durchführung erfolgte lediglich von Formationsangehörigen, die von ihren Vorgesetzten dazu befohlen wurden. Es ist unrichtig, wenn in den Zeitungen von einer spontanen Volksbewegung gesprochen wird, derartige Nachrichten nimmt die Bevölkerung mit einem leisen Lächeln auf.
Während die vorgenommenen Verhaftungen in weiten, auch NS-gegnerischen Kreisen begrüßt werden und auf Verständnis stoßen, wird die Zerstörung der jüdischen Geschäfte mit dem Hinweis darauf, daß es sich dabei um Vernichtung deutschen Volksvermögens handelt, abgelehnt. Von gegnerischer Seite wird dabei auf dem Wege der Flüsterpropaganda das Argument geltend gemacht, daß kürzlich die Franziskaner, als sie fast wertloses Gerümpel bei der Räumung des Klosters aus den Fenstern auf die Straße warfen, wegen Zerstörung von Volksvermögen bestraft wurden, und jetzt machen die Nationalsozialisten sinngemäß dasselbe, und es wird von der Polizei geduldet. Die Einrichtung der Salzburger Synagoge ist restlos zerstört. Das in den Büroräumen der Isr. Kultusgemeinde vorgefundene Aktenmaterial wurde zur Sichtung der hies. Dienststelle übergeben.


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