DOKUMENTE ZUM
NOVEMBERPOGROM IN OBERÖSTERREICH
(Aus: Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich
1934-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des
österreichischen Widerstandes, Wien 1982, Bd. 2, S.
377-380)
4. AUS: BRANDBERICHT DER LINZER FEUERWEHR BETREFFEND
BRAND DES LINZER TEMPELS, 10. 11. 1938
Privatbesitz Dr. Jonny Moser, Wien
DÖW E 17.644
1. Genaue Zeitangabe, Tag und Stunde des Brandausbruches?
Donnerstag, den 10. Nov. 1938, um 5.26 Uhr
2. Wo war der Brand? Linz, /unleserlich/
3. Besitzer d. Anwesens: Israelitische Kultusgemeinde
4. Gebäudegattung: Judentempel
5. Entstehungsursache: Brandlegung
6. Brandart: Totalbrand
7. Anzahl d. tätigen Wehren, verwendete Schlauchmeter:
Berufsfeuerwehr, Feuerwache, /unleserlich/, ca. insgesamt 800 m
8. Über Wasserverhältnisse, Wassermangel: Wasserentnahme
nur der städt. Wasserleitung durch Unterstellen der
Motorspritzen
9. Höhe der Versicherung / ... / unbekannt
10. Sind Menschenleben zugrundegegangen? nein /.../
13. Was wurde durch das Feuer vernichtet? Da bei Eintreffen der
Berufsfeuerwehr der Brand derartig vorgeschritten war, daß eine
Unterdrückung des Brandes voraussichtlich nutzlos gewesen
wäre, wurden verspätet Deckungsangriffe für die
Umgebung durchgeführt und erst nach Eintreffen d. F. F.
gemeinsam zum Innenangriff übergegangen.
14. Was blieb erhalten? Nichts als die Mauern.
5. AUS: LAGEBERICHT DER BEZIRKSHAUPTMANNSCHAFT STEYR
AN DIE GESTAPO LINZ FÜR DEN MONAT NOVEMBER, 30. 11. 1938
OÖLA, Polit. Akten, Sch. 51
DÖW E 17.846
Die im Zuge der gegen die Juden angeordneten
Vergeltungsmaßnahmen (Sühne des Pariser Mordes) wurden
auftragsgemäß und ohne Zwischenfall durchgeführt. Ich
habe die Überzeugung, daß die gesamte Bevölkerung die
Verfügungen der Regierung gegen das Judentum ausnahmslos und
ohne Vorbehalt billigt.
6. AUS: BERICHT DES FÜHRERS DES
SD-UNTERABSCHNITTS OBERDONAU AN DEN SD-FÜHRER DES
SS-OBERABSCHNITTS DONAU, WIEN, BETREFFEND AKTIONEN GEGEN DIE JUDEN IN
DER ZEIT VOM 9. BIS 11. NOVEMBER 1938, 17. 11. 1938
T(uwiah) Friedmann (Hrsg.), "Die Kristall-Nacht". Dokumentarische
Sammlung, Haifa 1972
Der Aktion gegen die Juden im Bereich des Gaues Oberdonau ist auf
Grund der Tatsache, daß im Gaugebiet nur rund 650 Juden
vorhanden sind, keine übermäßig große Bedeutung
beizumessen. Die in Frage kommenden Fernschreiben gingen bei der
Staatspolizeistelle Linz etwa gegen 1 Uhr resp. 4 Uhr in der Nacht
zum 10. 11. 38 ein. Aus technischen Gründen wurde die hiesige
Dienststelle erst gegen 7 Uhr früh von den Fernschreiben in
Kenntnis gesetzt.
Die jüdische Synagoge wurde gegen 3 Uhr nachts von
SA-Angehörigen erbrochen und teilweise demoliert. Die
SA-Angehörigen befanden sich in Uniform, und hatten die
Führung zwei SA-Oberführer. Soweit bekannt geworden, wurden
die SA-Gruppe Alpenland sowie der SS-Abschnitt VIII durch ihre
vorgesetzten Dienststellen aus Wien telefonisch von der Judenaktion
in Kenntnis gesetzt. Gegen 4 Uhr traf eine Anzahl SS-Angehöriger
in Zivil bei der Synagoge ein, die die weitere Aktion in die Hand
nahmen. Die Synagoge brannte vollkommen aus, doch wurden die
wertvollen Ritualgegenstände sowie Gold- und Silbersachen und
die in Frage kommenden Archive sichergestellt. Ferner wurden
verschiedene Sparkassenbücher über namhafte Beträge,
die dem jüdischen Auswandererfonds gehören, sichergestellt.
Sämtliches Material befindet sich bei der Staatspolizeistelle
Linz. Die Aktion der SS wurde in vollster Disziplin
durchgeführt. Soweit hier bekannt geworden, wird einzig eine
wertvolle Briefmarkensammlung (angeblicher Wert ca. 20.000 Schilling)
vermißt. Es laufen z. Zt. umfassende Ermittlungen, um den
Verbleib der Sammlung festzustellen.
Zu Plünderungen von jüdischen Geschäften ist es nicht
gekommen, da in der Stadt Linz keine Geschäfte dieser Art mehr
bestehen.
Da im hiesigen Dienstbereich bereits am 8. 11. 38 eine große
Anzahl Juden festgenommen war, ist hierin ein weiterer Grund zu
erblicken, daß größere Ausschreitungen nicht
eintraten. Im hiesigen Dienstbereich wurden 96 Juden festgenommen. /
... /
In den restlichen Gebietsstellen des Gaues Oberdonau wurden nur
Aktionen unbedeutender Natur durchgeführt, und ist hierbei
Besonderes nicht in Erscheinung getreten. Auf Grund der geringen
Bedeutung des Judentums in Oberdonau sind besondere Folgen, besonders
wirtschaftlicher Natur, nicht eingetreten.
Am 10. 11. 38 fand auf der Gauleitung in Linz eine Dienstbesprechung
sämtlicher SA-Führer und -Unterführer statt, in der
der Auftrag erteilt wurde, in Gruppen von 2-3 Mann die in Linz
wohnhaften Juden in der Wohnung aufzusuchen und diesen zu
eröffnen, daß sie binnen 3 Tagen Linz zu verlassen
hätten. Entsprechend diesem Auftrag begaben sich die
verschiedenen Gruppen in die einzelnen Judenwohnungen. Nach der
Erledigung trafen verschiedene Gruppen im Kaffee Derfflinger zusammen
und tauschten ihre Erfahrungen aus. Hierbei erzählte der
SA-Sturmbannführer Schremmer, daß in der Wohnung der
Jüdin Schwager der Volljude Rechtsanwalt Dr. Rabl hätte
sich aufsässig und herausfordernd benommen, und er (Schremmer)
wolle ihm noch heute einen Denkzettel verabreichen. Dieser Aktion
schlossen sich dann sofort der in Zivil anwesende
SA-Sturmbannführer Hintersteiner und der SA-Sturmführer
Schmidinger an. Gegen 1 Uhr morgens trafen sie in der Wohnung der
Jüdin Schwager ein und begehrten unter dem Vorgeben, sie
müßten eine Durchsuchung nach Waffen vornehmen,
Einlaß. Schremmer stellte den Juden Dr. Rabl zur Rede und
ließ ihn im Zimmer exerzieren und verabreichte ihm auch einige
Ohrfeigen. Es wurde dann eine genaue Durchsuchung der Wohnung
vorgenommen. Der Sturmbannführer Schmidinger rief die Jüdin
Unger ins Badezimmer und verlangte von ihr, daß sie sich
vollständig nackt ausziehe. (37)
[...]
8. AUS: SCHILDERUNG VON KARL LÖWY AUS LINZ
ÜBER DIE "KRISTALLNACHT" IN LINZ (1971)
Hugo Gold, Geschichte der Juden in Österreich. Ein
Gedenkbuch, Tel Aviv 1971, S. 61
Wir sahen, wie aus den Fenstern des Tempels die Flammen schlugen.
Ein SA-Offizier mit einer Waffe in der Hand kam aus dem Gebäude.
Die Thora-Rollen und Gebetbücher wurden herausgeschleppt und
hingeworfen. Der in der Nachbarschaft wohnende Gewerbetreibende G.
holte sich aus dem Vorraum des Tempels, in dem manche Requisiten
verwahrt waren, einen Zylinderhut, einenTalith, nahm eine Thorarolle
in den Arm und setzte sich damit auf die Stufen zum Eingang des
Gotteshauses, indem er, sich wiegend, einen hebräischen Singsang
imitierte. Das Gegröle des angesammelten Pöbels dankte ihm
für seine "humoristische" Vorstellung. Die Feuerwehr war
anwesend, aber sie sorgte peinlich nur dafür, daß der
Brand nicht auf die Häuser in der Nachbarschaft übergreife.
Zu uns, die wir aufgewühlt und erschüttert die grausige
Szene ansehen mußten, kamen SA-Männer, mißhandelten
uns und beschuldigten uns, daß wir Waffen versteckt hätten
und daß wir Juden den Tempel selbst in Brand gesteckt
hätten.
Anmerkungen
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