Novemberpogrom 1938 (Teil 1)

"Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet."
Was der Beauftragte für den Vierjahresplan Hermann Göring anläßlich einer Sitzung am 12. November 1938 im Reichsluftfahrtsministerium drastisch äußerte, brachte die (so überhaupt vorhandene) Kritik an den Ausschreitungen während des Novemberpogroms 1938 auf den Punkt: Empörung löste in erster Linie die Zerstörung von Sachwerten aus, die damit der deutschen Volkswirtschaft verloren gingen. Proteste aus der nichtjüdischen Bevölkerung gegen Mißhandlungen und Massenverhaftungen der Juden gab es wenige.

Binnen kürzester Zeit wurden in Wien mehr als 6500 Juden verhaftet, knapp unter 4000 davon wurden anschließend in das KZ Dachau überstellt. "Die Behandlung der Juden war zum Großteil eine sehr harte und artete meistens in brutale Züchtigungen aus," heißt es in einem SD-Bericht, in dem auch zahlreiche Plünderungen und "sinnlose" Zerstörungen - etwa von Einrichtungsgegenständen etc. - beklagt werden.

In Niederösterreich kam es zu Massenverhaftungen von Juden, noch intakte Synagogen und Bethäuser wurden zerstört, Waren und Gelder aus jüdischen Geschäften beschlagnahmt, Fensterscheiben an den von Juden bewohnten Häusern eingeschlagen. Die in den Zeitungen ausgedrückte Haltung zur "Judenfrage" war eindeutig: "Entweder gehen sie [...] oder sie werden den letzten Rest des jüdischen Vermögens, den sie in Deutschland besitzen, auffressen und dann verrecken. [...] Mit Stumpf und Stiel die Juden ausrotten, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa." (Land-Zeitung, Krems, 30. 11. 1938)

Zerstörungen und Mißhandlungen sind auch in Oberösterreich dokumentiert. SA-Angehörige suchten in Gruppen von zwei bis drei Mann die in Linz wohnhaften Juden auf und forderten sie auf, "binnen 3 Tagen Linz zu verlassen". Im Zusammenhang mit diesen Aktionen ist auch ein Fall sexueller Gewalt belegt, nach dessen Bekanntwerden zwei beteiligte SA-Männer "im Interesse der Bewegung" in Gestapohaft genommen und in das KZ Dachau abgegeben wurden.

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