Nationalsozialistische Übergriffe und
Ausschreitungen März/April 1938

(Alle Dokumente aus: "Anschluß" 1938. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1988, S. 420-446.)


5. 1. Der Pogrom
5. 1. 1. Demütigungen und Mißhandlungen

1. AUS: SCHILDERUNG DES ENGLISCHEN KORRESPONDENTEN G. E. R. GEDYE, O. D.

G. E. R. Gedye, Die Bastionen fielen. Wie der Faschismus Wien und Prag überrannte, Wien o. J. (1947), S. 294 f.

Von meinem Büro am Petersplatz konnte ich auch Wochen hindurch den Lieblingssport des Nazimobs beobachten: jüdische Männer und Frauen wurden gezwungen, auf allen vieren kriechend, den Gehsteig mit einer scharfen Lauge zu reiben, die ihnen die Haut verbrannte, so daß sie sich sofort in Spitalsbehandlung begeben mußten. Unter Dollfuß und Schuschnigg war es einige Male vorgekommen, daß Nazi, die man beim Schmieren von Hakenkreuzen erwischt hatte, von der Polizei gezwungen worden waren, diese wieder mit schwarzer Farbe zu übermalen oder die Zettel zusammenzukehren, die sie in den Straßen gestreut hatten - eine milde und angemessene Maßnahme, die man kaum eine Strafe nennen konnte. Die Fürsprecher der Nazi im Ausland versuchten, zwischen dieser Maßnahme und den Reibpartien der Juden eine Parallele zu ziehen. Aber zwischen ihnen bestand keine Parallele. Während die Nazi am frühen Morgen, ehe es noch viele Leute auf den Straßen gab, herausgeholt wurden, um die Spuren ihrer eigenen illegalen Propaganda zu beseitigen, wurden die Juden gezwungen, in den belebtesten Straßen und zu einer Zeit, da der Verkehr am größten und die Arbeit für sie daher am peinlichsten war, die Überreste der völlig legalen Wahlpropaganda der letzten Regierung, mit der sie selbst nichts zu tun gehabt hatten, zu beseitigen. Ich hatte selbst gesehen, wie unmittelbar nach der Ankündigung der Volksabstimmung Mitglieder der Vaterländischen Jugendorganisation über Weisung Schuschniggs auf Gehsteigen das Kruckenkreuz schmierten und mit Schablonen das Porträt Schuschniggs auf Häusermauern malten. Jetzt aber wurden tagtäglich Juden, Frauen und Männer, von der SA aus Geschäften, Büros und Wohnungen geholt und gezwungen, inmitten einer sich drängenden, stichelnden und lachenden Menge von "goldenen Wiener Herzen" mit Ausreibbürsten, auf allen vieren kriechend, stundenlang die Gehsteige zu reiben, in dem hoffnungslosen Versuch, die Spuren der Schuschnigg-Propaganda zu beseitigen. (Wo es keine Kruckenkreuze wegzuwaschen gab, malten sie die Nazi selbst auf den Gehsteig, um den Juden so eine Arbeit zu schaffen.) Von Zeit zu Zeit johlte die Menge vor Vergnügen auf. Dies bedeutete dann, daß einer der SA-Männer höhnisch gesagt hatte "Sie brauchen frisches Wasser" und dabei einen Kübel voll Schmutzwasser über sein Opfer gegossen hatte.

Die erste Reibpartie sah ich auf dem Praterstern. Sie mußte das Bild Schuschniggs entfernen, das mit einer Schablone auf den Sockel eines Monuments gemalt worden war. SA-Leute schleppten einen bejahrten jüdischen Arbeiter und seine Frau durch die beifallklatschende Menge. Tränen rollten der alten Frau über die Wangen, und während sie starr vor sich hinsah und förmlich durch ihre Peiniger hindurchblickte, konnte ich sehen, wie der alte Mann, dessen Arm sie hielt, versuchte, ihre Hand zu streicheln.

"Arbeit für die Juden, endlich Arbeit für die Juden!" heulte die Menge. "Wir danken unserem Führer, er hat Arbeit für die Juden beschafft!"


2. AUS: AUSWEIS DER KOMMISSARISCHEN LEITUNG DER WIRTSCHAFTLICHEN ORGANISATION DER ÄRZTE WIENS FÜR JAKOB ZOBEL, 7. 4. 1938

DÖW 11.041

Über Weisung der amtlichen Stelle wird angeordnet, daß der ärztliche Dienst ungestört weiter zu versehen ist und daher Ärzte in der Ausübung ihrer Praxis (auch nicht zur Nachtzeit) durch Heranziehung zur Putzschararbeit etc. nicht behindert werden dürfen.
Mißbrauch wird geahndet!
Gültig für:
Herrn Dr. Jakob Zobel
V., Einsiedlergasse 25


3. AUS: ANONYME ANZEIGE AN DEN GAULEITER JOSEF BÜRCKEL, O. D. (ENDE APRIL 1938)

AVA, Bürckel-Akten, 2025
DÖW 9424

Ist Ihnen bekannt, daß es auch schon bis zum 22. April zur Tagesordnung gehört hatte, Juden und Jüdinnen aller Berufe und aller Altersstufen (auch 70jährige) zu Reib- und Putzarbeiten nicht nur wie ursprünglich in den Straßen, sondern auch in Kasernen, Hitlerjungenheimen /.../ zu zwingen,

daß man die Juden für diese Arbeiten auch um 1 und 2 Uhr nachts (auch 70jährige) aus ihren Wohnungen holte, z. B. am Elterleinplatz im XVII. Wr. Bezirk, wo vor einigen Wochen in aller Öffentlichkeit um 1 Uhr nachts gerieben werden mußte,

daß auch in den letzten Tagen im II. Bezirk (Nähe Volkertplatz) für Putzarbeiten in Schulen etc. solche Aushebungen um 1 Uhr nachts erfolgten und ebenfalls alte Leute geholt wurden?

Ist es Ihnen bekannt, daß bei diesen Arbeiten, soweit sie sich öffentlich auf Straßen und Plätzen abspielten, dem zusehenden Publikum noch besondere Belustigungen geboten wurden, indem nämlich die Befehlshaber der Reibbrigaden durch Zusammengeben der Hände einen Ring bildeten, innerhalb dessen die Juden, mit den Kübeln in den Händen, springen, hüpfen und andere groteske Bewegungen machen mußten, und daß den Juden als Schlußpunkt der geleisteten Arbeit der schmutzige Inhalt der Kübel auf die Kleider geschüttet wurde? (Geschehen am Elterleinplatz und auch sonst im 17. Bezirk.)

Ist es Ihnen bekannt, daß es da noch Verschärfungen gab?

Daß Juden in den Keller gesperrt, mit dem Erschießen bedroht wurden, so daß sie dann noch froh waren, daß man ihnen lediglich den Kopf mit ... Teer einschmierte, dann das halbe Kopfhaar und die Augenbrauen herausschnitt, und der betreffende Jude mit dem Bemerken freigelassen wurde, er möge sich wohl hüten, irgend jemandem etwas davon zu erzählen, da es ihm sonst noch viel schlechter ergehen würde? (Ebenfalls 17. Bez. vor einigen Wochen.) /.../

Ist es Ihnen bekannt, daß am Samstag, den 23. April - nachdem die Juden bei den jüdischen Geschäften die Tafeln "Arier, kauft nicht bei Juden" zu halten gezwungen worden waren - /sie/ wie eine Horde zusammengetrieben wurden, ein Zug formiert wurde, wobei die Juden unter unbeschreiblichem Gejohle der immer größer werdenden Menge turnen etc. mußten, bespuckt und mit brennenden Zigaretten verletzt wurden, daß die Anführer schließlich selbst erklärten, daß sie es momentan gar nicht wagen, die Juden der Menge auszuliefern und sie deshalb länger als beabsichtigt herumführen müssen - in den Straßen des II. Bezirkes -, und daß zum Schluß die Juden gezwungen wurden, im Chor zu sprechen: "Wir danken der SA, daß wir noch am Leben sind"?

Ist es Ihnen bekannt, daß am Sonntag, den 24. April gegen 11 Uhr vormittag in der Praterstraße und den benachbarten Straßen der Judenfang im großen einsetzte, die zusammengefangene Menge in den Prater getrieben wurde, wo die Juden einige Stunden lang regelrechte - nur durch Mißhandlungen der Juden unterbrochene - Exerzierübungen machen mußten, daß auch 70jährige Juden hiezu gezwungen wurden?

Daß dies aber noch übertroffen wurde durch die Geschehnisse in Floridsdorf, wo die Juden einen ganzen Tag lang in dieser und anderer Weise gequält und geschlagen wurden?

Ist es Ihnen bekannt, daß am Freitag, den 22. April aus einem ärmlichen Betlokal im XX. Bezirk, Gaußplatz, betende Juden herausgeschleppt und blutig geschlagen wurden? (Hier hat das herbeigerufene Überfallkommando interveniert.) /.../

Was gegen die Geschäftsinhaber in allen Teilen Wiens veranstaltet wurde, scheint Ihnen ja teilweise bekannt zu sein. Ist Ihnen auch bekannt, daß viele Geschäftsschilder die Aufmalung erhielten: "Juden raus" und in Klammer "Göring"?


4. AUS: MITTEILUNG DER GESTAPO WIEN AN DEN REICHSKOMMISSAR FÜR DIE WIEDERVEREINIGUNG ÖSTERREICHS MIT DEM DEUTSCHEN REICH, GAULEITER JOSEF BÜRCKEL, 20. 5. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2025
DÖW 9424

Betrifft: Anzeige eines Unbekannten über angebliche Mißhandlungen von Juden. /.../

Vorstehende Anzeige eines Unbekannten, augenscheinlich eines Juden, ist zum Großteil maßlos übertrieben, und wurden die wenigen in Betracht kommenden Fälle, die sich aber ausnahmslos vor dem 1. Mai 1938 ereignet hatten, (1) schon an das Büro des Herrn Gauleiters Bürckel berichtet.


5. 1. 2. "Wilde" Arisierungen

5. AUS: ZEITUNGSSCHAU DER AUSLÄNDISCHEN BLÄTTER DES PRESSEAMTS BÜRCKEL, 19. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 1330
DÖW E 20.530

Times (17., Wien): /.../ Am 16. ist Wien zum ersten Mal wieder zum normalen Geschäftsleben zurückgekehrt. Viele jener Läden, die nicht mit dem Hakenkreuz oder irgendeinem anderen arischen Symbol verziert waren, wurden im Laufe des Tages mit der Aufschrift "Jude" bezeichnet. Viele jüdische Geschäfte haben ihre Rolläden heruntergelassen. In vielen jüdischen Häusern sind Sturmtruppen erschienen, welche Geld und Juwelen weggeschleppt haben. /.../

News Chronicle (17., Zürich, "Schreckensregime in Wien"): /.../ In ganzen Straßen der Leopoldstadt wurden die jüdischen Geschäfte von Plünderern vollständig geleert. Diese behaupten, daß die Waren von der NSDAP gebraucht würden. Widerstand bedeutet sofortige Verhaftung. Mehrere tausend prominente Juden sind verschwunden, und ihre Familien können nicht sagen, ob sie im Ausland, im Gefängnis oder sonstwo sind. In jüdischen Wohnungen können zu allen Tag- und Nachtstunden Untersuchungen vorgenommen und /diese/ von Gangstern, die sich als SA-Männer ausgeben, ausgeplündert werden. /.../

Basler Nationalzeitung vom 18., Prag: Der Erlaß der Wiener Sicherheitspolizei, gegen Plünderer vorzugehen, stützt sich auf eine Anzahl von vorgekommenen Unruhen, über die jetzt weitere Einzelheiten vorliegen. Die Plünderungen ereigneten sich hauptsächlich in der Leopoldstraße /richtig: Leopoldstadt/ und im Bezirk Brigittenau, wo viele jüdische Geschäfte ausgeräumt wurden. Überall wurden auch Haussuchungen vorgenommen. Ungefähr 500 Juden, in der Hauptsache Intelligenzler und Kaufleute, wurden durch SA-Leute verhaftet. Im Hause der Israelitischen Kultusgemeinde wurde das gesamte vorgefundene Geld beschlagnahmt. In der Wohlmutstraße sah sich die Polizei gezwungen, Plünderer jüdischer Geschäfte mit Revolvern in Schach zu halten. Die Riesenlager der Firma Krupnik sind bis auf wenige Reste "requiriert". Das gleiche ist der Fall bei dem großen Kleiderhaus Gerstel sowie beim Teppichhaus Schein.


6. AUS: TELEGRAMM DES REICHSMINISTERIUMS DES INNERN AN DEN REICHSBEAUFTRAGTEN FÜR ÖSTERREICH, WILHELM KEPPLER, 21. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2025
DÖW 9424

Wie mir der Herr Reichswirtschaftsminister mitteilt, werden in Wien jüdische Geschäfte teils durch wilde Gruppen geschlossen, teils von NS-Hago-Stellen und ähnlichen Stellen als von ihnen weitergeführt bezeichnet. Auch sonst finden wilde Arisierungen von Firmen und wilde Zusammenschlüsse bisher nichtarischer Firmen zu deutschen Geschäften usw. statt. Der Herr Reichswirtschaftsminister hat mich daher gebeten, Sie zu ersuchen, gegen dieses unbefugte Vorgehen einzuschreiten und dafür Sorge zu tragen, daß derartige Arisierungsmaßnahmen unterbleiben. Die erforderlichen Maßnahmen gegen die Überfremdung des Wirtschaftslebens werden nach der Volksabstimmung durch den Herrn Reichswirtschaftsminister auf gesetzlicher Grundlage getroffen werden.


7. AUS: NIEDERSCHRIFT, AUFGENOMMEN MIT RUDOLF SPIEGL AUS WIEN, 29. 4. 1946

...
DÖW E 20.564

Ich war seit 1913 Betriebsleiter der Fa. Oscar Haac's Nfgr., Dampfwäscherei, Muthgasse 40, dessen Besitzer jüdischer Abstammung waren. Am 13. März 1938 fuhr ein Lastkraftwagen, besetzt mit 15-20 SA-Leuten um 8 Uhr früh in die Fabrik ein. Sie besetzten alle Ausgänge mit gezogenen Revolvern /.../ Sie nahmen die Fabrikskasse an sich und beraubten die Schreibtische beider Chefs aller Wertgegenstände. Sie mußten sich einer Leibesvisitation unterziehen lassen; es wurden ihnen Geld, Geldeswert und tschechische Reisepässe abgenommen. /.../

Sie fuhren nachher in die Wohnung des einen Chefs, Herrn Otto Löwit, IX., Roßauer Lände 33. Was sie dort machten, entzieht sich meiner Kenntnis, weil ich nicht zugegen war. Ihr weiterer Beutezug galt nachher der Hauseigentümerin des Hauses XIX., Sieveringerstraße 97, Frau Regina Löwit, meiner Chefin. Im ersten Stock wohnte eine Partei mit Namen Pollaczek Joszi, deren Möbel von der SA-Gruppe ohneweiters entfernt, teilweise durch das Fenster geworfen wurden. Sie selbst wurde aus der Wohnung gewiesen.


5. 1. 3. Erste Fluchtversuche

8. AUS: SCHILDERUNG DES ENGLISCHEN KORRESPONDENTEN G. E. R. GEDYE, O. D.

G. E. R. Gedye, Die Bastionen fielen. Wie der Faschismus Wien und Prag überrannte, Wien o. J. (1947), S. 288 f.

Auf dem Ostbahnhof wurde ein Zug gefüllt, der aus so vielen Waggons bestand, wie die Lokomotiven eben noch zur Grenze abschleppen konnten; dann folgte sogleich der nächste. Die Fahrgäste verlangten, daß man so bald wie möglich abfahren sollte, aber auf den Eisenbahnen gab es, wie überall, Naziverräter. Die Tränen der Frauen und Flüche der Männer blieben unbeachtet. Dann kamen die SA-Leute, nur halbuniformiert, bloß halbbewaffnet, aber alle mit den gefürchteten Hakenkreuzbinden angetan, siegestrunken, heiser vor Siegesgebrüll und dürstend nach Rache. Mit Hundepeitschen in der Hand gingen sie von Waggon zu Waggon und zwangen Männer, Frauen und Kinder, wieder auszusteigen. Wie Vieh wurden diese vom Bahnsteig weg ins Gefängnis getrieben. Die Zurückgebliebenen wurden dann in aller Öffentlichkeit ihrer Wertsachen beraubt - Geld, Schmuck, Uhren und Pelze, nichts entging den Banditen. Endlich, nach Stunden voll tödlicher Angst, setzte sich der Zug mit seinen vor Furcht zitternden Passagieren langsam in Bewegung, um sie nach Lundenburg in die Freiheit zu bringen.

Aber ihr Leidensweg hatte erst begonnen. Schon nach zwanzig Minuten hielt der Zug plötzlich auf offener Strecke. Aus der Dunkelheit tauchten Fackeln und Laternen auf; Abteilungen von SA-Männern stürmten die Waggons, besetzten alle Ausgänge und zwangen den Lokomotivführer, nach Wien zurückzukehren. Dort wurden die Fahrgäste neuerlich perlustriert und neue Opfer aus dem Zug geschleppt. Endlich war auch das vorbei und jene, die die Kontrolle heil überstanden hatten, begannen zum dritten Male die Reise. Der lange, überfüllte Zug bewegte sich nur langsam vorwärts; jeden Augenblick mußten die Passagiere fürchten, neuerlich aufgehalten zu werden. Endlich kamen die Lichter von Lundenburg in Sicht, und der Zug hielt auf tschechoslowakischem Gebiet. Noch mußte man die österreichische Zoll- und Paßkontrolle über sich ergehen lassen. Die Beamten trugen bereits Hakenkreuzbinden, waren hier aber praktisch machtlos.

Dann kam die tschechische Kontrolle. "Alle Personen mit österreichischen Pässen haben auszusteigen und sich in den Wartesaal zu begeben", hieß es. Die Österreicher kamen dieser Weisung nicht ohne Befürchtungen nach. Bei der Tür des Wartesaales stand tschechische Polizei, die sie zwar ein-, aber nicht wieder hinausließ. Sie mußten lange warten, bis sie zuletzt den Zug nach Prag davonfahren sahen. Dann trat der Chef der Polizei ein und sagte mit lauter Stimme: "Ich habe eben vom Innenministerium die Weisung erhalten, daß alle Österreicher ohne Ausnahme bei der Grenze zurückzuweisen sind. Sie müssen alle hier warten und mit dem nächsten Zug zurückfahren." Einer der Fahrgäste, der sich im Wartesaal befand und durch eine List entkam, erzählte mir später in Prag, daß die Szenen, die dieser Erklärung folgten, so schrecklich waren, daß er sich gar nicht an sie zu erinnern wagte. Unter den Flüchtlingen gab es sehr viele, deren Leben in Gefahr war. Einige, deren Namen ich kenne, wurden von dort fast direkt nach Dachau gebracht.


9. AUS: BERICHT DER "WIENER NEUESTEN NACHRICHTEN", 12. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, Abendausgabe, 12. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

In den gestrigen Abendstunden wurden auf dem Ostbahnhof sowie in Stadlau und auf offener Strecke in Kagran die mit Juden überfüllten, in die Oststaaten abgehenden Züge sowohl von Polizeibeamten als auch von SA-Abteilungen angehalten und durchsucht. Bei den durchwegs jüdischen Passagieren wurden erhebliche Mengen von Devisen und Valuten beschlagnahmt.

Der Andrang auf dem Ostbahnhof begann noch während der Feiern der Befreiung. Hunderte von Juden, die, nach ihrem Aussehen zu schließen, wohlhabenden Kreisen angehörten, fanden sich in der Straßenbahn, in überfüllten Taxis und auch mit ihren Privatkraftwagen mit Chauffeuren auf dem Bahnhof ein, um den nach 23.15 Uhr fahrplanmäßig nach Warschau abgehenden Zug zu benützen. Die Juden hatten nur das nötigste Handgepäck bei sich und trieben sich gegenseitig zur größten Eile an. /.../

Als der Zug die Station Stadlau passierte, warf ein Schaffner einen Zettel aus dem Wagen. Dem Schriftstück war zu entnehmen, daß die jüdischen Passagiere mit Scheren und Messern die Polsterungen der Zweiten-Klasse-Abteile aufgeschnitten hatten, um Geld und Wertpapiere zum Schmuggel verstecken zu können. Dieser Umstand wurde der SA gemeldet, die daraufhin bei Kagran auf offener Strecke die Garnitur anhielt und ihre Rückleitung nach Wien veranlaßte. Hier wurden die Abteile und die Passagiere genau visitiert, wobei von Beamten beträchtliche Summen beschlagnahmt wurden.

Durchsuchung des Budapester Zuges.

Während der Warschauer Schnellzug schon abgefertigt war, begann ein neuer Zuzug jüdischer Reisender zum Ostbahnhof, die alle den um 23.50 Uhr nach Budapest abgehenden Zug erreichen wollten. Durch die Beobachtungen bei der Abfertigung des Warschauer Schnellzuges war man jedoch schon soweit gewitzigt, noch vor der Abfahrt die Juden zu visitieren. Der Zug, der sonst nur wenige Reisende führt, war bis auf den letzten Platz besetzt, die direkten Budapester Wagen waren vollständig überfüllt. Wachbeamte nahmen vor jedem Wageneingang Aufstellung, worauf die Visitierung begann.

Die Beamten wurden von dem Bahnpersonal in jeder Hinsicht unterstützt. Einige Eisenbahner verhinderten durch ihr Eingreifen die Flucht einiger Juden, die mit Geldtaschen über den finsteren Bahndamm entkommen wollten. /.../

Es ist Vorsorge getroffen, daß auch andere nach dem Ausland abgehende Züge genau kontrolliert werden, um eine Verschleppung von Vermögensbeständen und somit eine Schädigung der österreichischen Volkswirtschaft durch volksfremde Elemente hintanzuhalten. (2)


10. AUS: BERICHT DES "VÖLKISCHEN BEOBACHTERS", 16. 3. 1938

Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 16. 3. 1938

Selten, oder besser gesagt nie zuvor, wurde bei einem politischen Umschwung der Emigration feiger und schuldbeladener Elemente so energisch und wirksam ein Riegel vorgeschoben, wie es in diesen Tagen im deutschen Österreich geschieht. Vor allem haben diesmal die jüdischen Finanzhyänen und Volksverhetzer feststellen müssen, daß nicht nur ihr bisheriges Gastland kurz entschlossen die Flucht mit gespickten Taschen verhinderte, sondern sich auch die Nachbarländer, vor allem Ungarn, die Tschechoslowakei und Jugoslawien, vor diesem zweifelhaften Zuzug schützten und ihre Grenzen sperrten. /.../

In einem Kaffeehaus im vierten Wiener Bezirk, in dem zahlreiche Juden verkehren und dementsprechend die Speise- und Getränkekarten von hebräischen und anderen fremden Sprachzeichen nur so wimmeln, herrschte am Sonnabend Alarmstimmung. Aufgeregt hockten an den meisten Tischen Juden in Pelzen, lässigen Sportmänteln englischen Schnitts, Glocken auf den geröteten schweißtriefenden Krausschädeln und jiddelten in Deutsch, Französisch und einem Dutzend Balkandialekten. Großes und einziges Thema - Ungarn und die Tschechei, wie es hieß auch Jugoslawien, haben die Grenzen für Inhaber von österreichischen Reisepässen geschlossen!

Eine Bombe von den in so erschreckender Anzahl über Wien hinbrausenden deutschen Flugzeugen hätte nicht halb so überraschen können wie diese Nachricht! Aber es gab keinen Zweifel - Zeugen waren anwesend. Die einen waren von den deutschen Zöllnern geschnappt worden, als sie mit - nebbich - ein paar Pfunden und Schweizer Franken ganz legal über die Grenze huschen wollten, ohne sich um die bestehenden Devisenvorschriften zu kümmern, die anderen waren glücklich aus Österreich herausgekommen und mußten an den ungarischen oder tschechischen Grenz- und Zollschranken umkehren! Ja, war denn so etwas überhaupt möglich? Bislang war man doch in solchen Fällen immer ohne große Schwierigkeiten davon in ein neues nahrhaftes Land gekommen?!


5. 1. 4. Selbstmorde

11. AUS: REDE DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL IM WIENER KONZERTHAUS, 24. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, 25. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

Ein französisches Blatt, der "Paris Soir", schreibt gestern, daß in Österreich die Zahl der jüdischen Selbstmörder auf 1700 gestiegen sei. Der jüdische Schreiber ist von der Unwahrhaftigkeit seiner Mitteilungen selbst überzeugt, denn er weiß, wenn seine Rassegenossen sich erschießen wollen, treffen sie meistens ihren Schatten.

Ich möchte den Herren ernstlich zu wissen tun, daß die Behandlung der Juden in Österreich in diesen Tagen im Vergleich zu dem, was sie der Bevölkerung antaten, mehr als vornehm war - ja, so vornehm, daß sich nach der ersten Zurückhaltung der echte Jude schon wieder am Schaufenster zeigt.

Sie schreiben nämlich an: Dieser Betrieb beschäftigt ausschließlich arische Mitarbeiter! Wir sind jetzt gerade daran, vielleicht eine Fabrik oder einen Steinbruch zu entdecken, bei dem angeschrieben ist: Dieser Betrieb beschäftigt ausschließlich jüdische Mitarbeiter. Wir würden diesen Betrieb sofort zum Musterbetrieb erklären. Also nur keine Sorge, ihr Journaillen, eure "Leit" sind schon wieder beim Geschäft.


12. AUS: REDE DES REICHSMINISTERS FÜR VOLKSAUFKLÄRUNG UND PROPAGANDA, JOSEPH GOEBBELS, IN DER NORDWESTBAHNHALLE IN WIEN, 29. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, Abendausgabe, 30. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

Ich komme jetzt auf das Judenproblem. (Stürmischer Beifall.) Wenn man heute die Auslandspresse liest, so kommt man zu dem Eindruck, als ob sich in Wien täglich ein paar tausend Juden erhängen, erschießen oder vergiften. Es ist gar nicht an dem. Es sind in Wien augenblicklich nicht mehr Selbstmorde zu verzeichnen als früher, nur mit dem Unterschied: Früher haben sich nur Deutsche erschossen, und jetzt sind auch Juden darunter. Daß wir die Juden aus der Presse und dem Theater entfernen, das versteht sich am Rande.


5. 2. Die Rache der ehemaligen "Illegalen" an den Funktionären des "Ständestaats"

14. AUS: BERICHT DER NSDAP-KREISLEITUNG AMSTETTEN AN DIE KANZLEI DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL, 26. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2000
DÖW E 20.530

Gestern früh langte von der Gestapo, Außenstelle Wiener Neustadt bei dem Bezirkskommando in Amstetten folgende Weisung ein:

"Über Auftrag der Stapo-Leitstelle Wien sind alle führenden Funktionäre der kommunistischen, marxistischen und legitimistischen Bewegung, weiters der Vaterländischen Front und des Sturmkorps, unbeschadet sonstiger Weisungen, sofort festzunehmen. Das bei den Hausdurchsuchungen vorgefundene Material ist zu beschlagnahmen. Die Verhafteten dürfen ohne Einwilligung des Chefs der Sicherheitspolizei nicht enthaftet werden." /.../

Der Bezirkskommandant setzte sich hierauf sofort in Verbindung mit der zuständigen Dienststelle der Bezirkshauptmannschaft und der Kreisleitung. Es wurde einvernehmlich festgelegt, daß dieser Befehl der Gestapo vorläufig nicht weitergegeben wird. Kreisleiter Mitterdorfer meldete dies an die Landesregierung.

Inzwischen erhielt der SS-Nachrichtendienst auf seinem Wege die gleiche Verständigung von den durchzuführenden Verhaftungen und setzte sich ebenfalls mit der Kreisleitung in Verbindung. Trotz der Mitteilung, daß mit der Weitergabe abgewartet werden solle, daß die Aktion abzustoppen bzw. hinauszuschieben sei und daß vorläufig keine Verhaftungen vorgenommen werden sollen, wurde die Weisung der Gestapo vom SS-Sicherheitsdienst an seine Dienststellen im politischen Bezirke weitergegeben mit dem Zusatze, Listen zu verfassen und sie den Gendarmerieposten vorzulegen.

Diesem Befehl kam der SD-Leiter in Haag nach. Die Folge davon war, daß in Haag sofort mit Verhaftungen vorgegangen wurde.

Verschiedene andere Gendarmerieposten, die richtig bei ihrem Bezirkskommando Nachfrage hielten, konnten gestoppt werden.

Als die Mitteilung von den Verhaftungen in Haag hier einlangte, wurde sofort auf Grund der inzwischen erfolgten fernmündlichen Aussprache des Kreisleiters Mitterdorfer mit Landesstatthalter Kampitsch und Landeshauptmann Dr. Jäger die sofortige Enthaftung aller der in Haag Festgesetzten verfügt.

Um 18 Uhr langte folgende Telefondepesche ein:

"Gestapo, Außenstelle Wr. Neustadt: Zu verhaften sind nur jene Personen, die geistig führend waren, bis zur letzten Minute gemein waren und keine Gewähr zu einer Umstellung geben." Dr. Hueber e. h.

Der Sicherheitsdienst erhielt um 6 Uhr 30 Min. die fernmündliche Nachricht, daß mittels Funkspruches der Befehl der Gestapo erging, bis heute zuzuwarten.

Die Kreisleitung bittet dringend, alles zu veranlassen, daß von der Gestapo nur solche Befehle hinausgegeben werden, die im Sinne der Weisungen des Gauleiters Bürckel verfaßt sind. /.../

Die Kreisleitung hat sich heute früh auf einer Rundfahrt durch den Gerichtsbezirk Haag überzeugen können, daß die durch den Sicherheitsdienst weitergegebene Weisung eine Lage geschaffen hat, die leicht zu einer Katastrophe hätte führen können, wenn nicht noch in letzter Minute die Aktion gestoppt worden wäre. Es waren bereits von der SS und vom SD Listen verfaßt, nach denen eine große Anzahl von Leuten, darunter auch viele angesehene und wenig belastete (Lehrer, Richter, Bauern usw.), verhaftet werden sollten bzw. teilweise schon verhaftet waren.

Über Vorhalt, warum keine Rückfrage bei der Kreisleitung erfolgte, berichtete der Bezirksleiter von Haag, der gleichzeitig SS-Sturmführer ist, daß dies vom SD abgelehnt wurde. Als dem SD-Leiter des pol. Bezirks, dem Handelsangestellten Nemetschek, vorgehalten wurde, daß eine Weisung vorliege, nur im engsten Einvernehmen mit der Kreisleitung vorzugehen, hat dieser den Ausspruch getan: "Was geht euch der Kreisleiter an?"


15. AUS: BERICHT DES GENDARMERIEPOSTENKOMMANDOS WAGRAIN AN DIE SICHERHEITSDIREKTION FÜR SALZBURG, 12. 5. 1945

HHStA, Unveröffentlichte Manuskripte für das Rot-Weiß-Rot-Buch
DÖW 8348

Am 13. März 1938 wurden Bez. Insp. Kellner und Ob. Förster Hochleitner von einer Gend. Patrouille im Beisein von SA-Leuten unter Spott und Hohn im Markte Wagrain herumeskortiert und schließlich zur damaligen Dollfuß-Promenade geführt, wo sie, im nassen Schnee watend, das an einer Säule angebrachte Dollfußbild abnehmen mußten. Ob. Förster Hochleitner bekam von SA-Leuten den beim Bild gehangenen, verdorrten Kranz um den Hals gehängt und mußte auch die vorher erwähnte Säule, die kruzifixähnliche Form hatte, im Orte herumtragen. Bez. Insp. Kellner mußte nebenbei marschieren. Hinterher ging die besagte Gend. Patrouille mit 6 mit Gewehren bewaffneten SA-Männern. Der Zug mußte sich auf Befehl der Ortsgruppenleitung langsam durch den Markt begeben, damit die zum Pflichtbeisein aufgeforderten Zivilpersonen das "Schaustück" voll verfolgen konnten.

Am Marktplatz mußten Kellner und Hochleitner dann die dort angebrachte Tafel der Vaterländischen Front von der Wand entfernen und auf einem Schubkarren unter Gejohle der aufgepeitschten nat. soz. Personen und SA zum Gendarmerieposten bringen. Ein betrunkener SA-Mann spielte eine Ziehharmonika, und insbesondere der Beamte Hochleitner wurde wiederholt angespuckt.

Nach 3-4 Tagen suchte eine 3 Mann starke, mit Gewehren bewaffnete SS-Patrouille, deren Kommandant der nat. soz. Förster Hubert Fleckl war, die Wohnung des Bez. Insp. Kellner auf und forderte von ihm die sofortige Bezahlung von 1500 S als Sühnebetrag. Von Hochleitner wurden 500 S gefordert. Unter Zwang mußte sich Kellner herbeilassen, mangels des flüssigen Betrages den Betrag in Raten abzuzahlen. Er hat auch 1000 S einbezahlt. Fleckl erklärte hiebei, daß dem Bez. Insp. Kellner doch der Kopf lieber sei als der erwähnte Betrag.


16. AUS: BERICHT DES GENDARMERIEPOSTENS PÖLS AN DAS LANDESGENDARMERIEKOMMANDO FÜR STEIERMARK, 19. 4. 1946

HHStA, Unveröffentlichte Manuskripte für das Rot-Weiß-Rot-Buch
DÖW 8343

Bei der Machtübernahme im März 1938 wurden hier der gewesene Bürgermeister Hans Meihsenbichler mit noch 2 Privatpersonen, die als besondere Gegner des Nationalsozialismus gegolten haben, in Haft genommen. Diese mußten sodann von der früheren Staatsform an den Plakattafeln oder Häusern angebrachte Plakate und sonstige amtl. Verlautbarungen u. dgl. entfernen. Dabei waren sie argen Spötteleien und Anrempelungen ausgesetzt.

In den Märztagen des Jahres 1938 wurde von den Nationalsozialisten im Extrazimmer des Gasthofes Deutschmann in Pöls eine Art Volksgerichtshof aufgestellt, vor dem alle Personen des Ortes oder Umgebung vorgeladen wurden, die sich in den Jahren 1933-1938 etwas gegen den Nationalsozialismus zuschulden haben kommen lassen. Diese wurden je nach ihrem Vergehen entweder geohrfeigt oder nach einer entsprechenden Belehrung wieder freigelassen.


17. AUS: BERICHT VON NATIONALRAT FRITZ HINTERNDORFER AUS STEIN A. D. DONAU AN DIE LANDESHAUPTMANNSCHAFT VON NIEDERÖSTERREICH, 19. 5. 1946

HHStA, Unveröffentlichte Manuskripte für das Rot-Weiß-Rot-Buch
DÖW 8338

Nach Hitlers Einfall in Österreich erfolgte dann in echt nat. soz. Niedertracht die Abrechnung. Ca. 15 SA-Männer drangen in meine Wohnung ein und nahmen eine Wohnungsdurchsuchung, angeblich nach Waffen und Material der Vaterl. Front, mit besonderer Gründlichkeit vor. Hiebei wurden meine Bargeldbeträge und Schmuckgegenstände nebst anderem mitgenommen. Ich selbst wurde erstmalig einer nat. soz. Prügelei unterzogen. Es wurde meine Verhaftung ausgesprochen, und ich wurde gleich mitgeschleppt. Vor dem Hause stand ein Käfigwagen, wie solche die Fleischhauer zum Führen von lebenden Kälbern und Schweinen verwenden. In diesen Wagen wurde ich hineingeworfen und dann, wie andere Leidensgenossen, zur Belustigung in allen Straßen herumgeführt.


18. AUS: NIEDERSCHRIFT (VERMUTLICH DER GESTAPO WIEN), AUFGENOMMEN MIT ALOIS HARTINGER AUS AMSTETTEN, 29. 4. 1938 (3)

AVA, Bürckel-Akten, 2000
DÖW E 20.530

Am 10. April 1938 fand anläßlich der Volksabstimmung abends in Amstetten ein Fackelzug statt, an welchem auch ich teilnahm. Nach Beendigung desselben begab ich mich in meine Wohnung.

Am gleichen Tage um ca. 22 Uhr erschienen bei meiner Wohnung einige SA-Männer, darunter befand sich auch ein gewisser Lesiak, von Beruf Chauffeur, und verlangten dieselben von mir, daß ich mit ihnen kommen soll. Ich kam dieser Aufforderung nach, bestieg ein vor dem Hause stehendes Auto und wurde auf eine entlegene Wiese geführt. Ich mußte dort aussteigen und bekam sogleich einige Ohrfeigen. Einer der SA-Männer, glaublich Lesiak, sagte zu mir, "Sie sind ja der, welcher für jeden Nazi 5 S bezahlt", und versetzte mir einen Schlag ins Gesicht. Was es mit den 5 S für ein Bewandtnis hat, weiß ich nicht.

Hierauf mußte ich marschieren, wurde zu Boden geschlagen und mit den Füßen getreten. Ich erlitt dabei Verletzungen im Gesicht und am Rücken. Mir wurde nun befohlen, aufzustehen und sofort nach Hause zu gehen, widrigenfalls ich erschossen werde.

Als ich mich nun zu meiner Wohnung geschleppt hatte, dauerte es kaum eine 1/4 Stunde, und es klopfte schon wieder an meiner Wohnungstür. Ich öffnete jedoch diesmal das Haustor nicht mehr, worauf die Leute wieder weggingen.

Am nächsten Tag begab ich mich zu meiner Dienststelle und wurde um 9 Uhr 25 von jemand Unbekanntem angerufen, wobei mir nahegelegt wurde, daß es für mich besser sei, wenn ich über die erlittenen Mißhandlungen Stillschweigen bewahre. /.../

Ich bitte ausdrücklich, daß über meine Angaben der SA nichts zur Kennt-nis kommt, da ich ansonsten neuerliche Übergriffe zu befürchten hätte.


19. AUS: VERMERK DER GESTAPO WIEN, 23. 4. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2000
DÖW E 20.530

In den letzten Wochen sind in verschiedenen Orten von Niederösterreich Einzelaktionen und Übergriffe gegen prominente Personen des früheren Regimes und sonstige Mißliebige vorgekommen, die teilweise, so in Amstetten, größeren Umfang angenommen haben und geeignet waren, bei der Bevölkerung Mißfallen zu erregen und die Sympathien für den Nationalsozialismus zu beeinträchtigen. Vielfach wurden nämlich auch unter dem Mantel politischer Aktionen private Gegnerschaften und Gehässigkeiten ausgetragen, was in kleineren Orten, in denen sich die Leute gegenseitig kennen, allgemein bekannt wurde. Diese Aktionen gingen vielfach unter Gutheißung durch die örtlichen Partei-, SS- und SA-Stellen vor sich, teilweise sogar über Weisung derselben. Die Gendarmerie wagte und vermochte nicht einzuschreiten, da sie einerseits zu schwach war, andererseits vielfach politisch belastete Beamte aufwies, deren Eingreifen von der Bevölkerung als Provokation empfunden worden wäre. Vielfach wurden bei den oben erwähnten Aktionen auch mißliebige Gendarmerie- und Gemeindepolizeiorgane schwer mißhandelt, so in Amstetten. In diesem Orte konnte die Ruhe und Ordnung erst durch Einsatz einer Hundertschaft reichsdeutscher Ordnungspolizei aus Steyr wiederhergestellt werden.

Nachdem in der letzten Woche ein wesentliches Abflauen dieser Einzelaktionen zu verzeichnen war, ist heute wieder ein leichtes Ansteigen merkbar, so in Schwechat und Schwadorf. Teilweise dürfte dies auch darauf zurückzuführen sein, daß die Verpflegung und Unterbringung der zusammengezogenen SS- und SA-Mannschaften unzulänglich ist und daß diese daher nicht nur aus Betätigungsdrang, sondern auch aus Hunger und infolge mangelhafter Bekleidung zu Requisitionen schreiten.

Ich habe heute um 20 Uhr mit dem Kommandanten des Landesgendarmeriekommandos Niederösterreich, Gend. Obst. Masicek, fernmündlich Rücksprache gehalten und vorgeschlagen, infolge der Unzulänglichkeiten der einzelnen Gendarmerieposten motorisierte Einsatzkommandos in den wichtigsten in Betracht kommenden Orten bereitzustellen, und zwar in Wien, Wiener Neustadt, Sankt Pölten, Krems und Amstetten. Ich gab der Meinung Ausdruck, daß die präventive Wirkung dieser Maßnahme an sich genügen würde und daß in spätestens 14 Tagen diese Bereitstellung aufhören könnte. /.../

Diesen Sonderkommanden wäre allerdings einzuschärfen, ihre Aufgabe mit Takt und Zurückhaltung zu erfüllen und soweit als möglich im Einvernehmen mit den örtlichen Parteistellen (samt Formationen) vorzugehen.


20. AUS: BERICHT DER POLIZEIDIREKTION WIEN, 30. 1. 1951

LG Wien, Vg 6e Vr 56/51
DÖW E 20.172

Zu dem Ersuchen um Feststellung der Todesursache des seinerzeitigen österreichischen Staatssekretärs für Landesverteidigung, General Zehner, wurde nachstehendes festgestellt:

In der Landesevidenzstelle Wien des Bundesministeriums für Inneres, Wien 1., Dominikanerbastei, liegt über den General der Inf. Wilhelm Zehner, 2. 9. 1883 in Bistritz/Rumänien geb., das Grundbuchblatt Nr. 34.948 mit folgenden Eintragungen auf: "Am 11. 4. 1938 Selbstmord durch Erschießen, Wien 3., Marxergasse 1." Totenschein Zahl 776., Sterbebuch Tom XVI., Fol. 23 v. 13. 4. 1938, Pfarramt St. Othmar. Nach einem weiteren Vermerk wurde General Zehner mit Wirkung vom 15. 3. 1938 auf Grund der Entschließung des Reichskanzlers in den dauernden Ruhestand versetzt.

Zu dem Ableben des General Zehner hat dessen Gattin Maria Zehner /.../ nachstehendes mitgeteilt:

Am 10. 4. 1938, dem Tag der damaligen Volksabstimmung, gegen 24.00 Uhr erschienen in der Wohnung zwei unbekannte Männer in Zivil, die in das Schlafzimmer eindrangen und dort General Zehner aus dem Bett zerrten. Einer der Männer hielt die Gattin gewaltsam zurück. Diese konnte sich jedoch losreißen und dem zweiten Mann folgen, der General Zehner mit Gewalt in den Salon brachte. Bevor die Gattin den Salon erreichen konnte, fiel dort ein Schuß, und sie sah nach dem Öffnen der Tür, daß General Zehner zusammengesunken war und sich der unbekannte Mann bemühte, diesem eine Pistole in die Hand zu drücken. Frau Zehner erlitt einen Nervenzusammenbruch. Soweit sie sich noch erinnern kann, erfolgte der Einschuß in das Hinterhaupt des General Zehner. In der Frühe wurde Frau Zehner mit dem in der Wohnung anwesenden Dienstmädchen gezwungen, ein Protokoll zu unterschreiben, wonach General Zehner in einem Anfall von Sinnesverwirrung Selbstmord begangen hatte.

Nach Aussage der Gattin des General Zehner war in der Wohnung, und zwar im Bücherschrank, eine alte Armeepistole aus dem Ersten Weltkrieg versteckt, zu der keine Munition vorhanden war. Diese Pistole wurde auch später bei einer Hausdurchsuchung gefunden und beschlagnahmt. (4)


5. 3. Antikirchliche Übergriffe

21. AUS: RUNDSCHREIBEN DES FÜHRERS DER SA-GRUPPE ÖSTERREICH, HERMANN RESCHNY, 17. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2512
DÖW 9666

Vorsorglich wird darauf hingewiesen, daß irgendwelche Übergriffe an Kirchen, kirchl. Denkmälern und dergl. zu unterbleiben haben.


22. AUS: ZEITUNGSSCHAU DER AUSLÄNDISCHEN BLÄTTER DES PRESSEAMTS BÜRCKEL, 24. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 1330
DÖW E 20.530

Osservatore Romano, 24. 3. 1938: /.../ Se. Exzellenz, Mons. Waitz, Erzbischof von Salzburg, der sich zu einer von Kardinal Innitzer nach Wien einberufenen Episkopatskonferenz begeben mußte, verlangte eine Sicherheitseskorte zum Bahnhof. Dort angekommen, visitierte dieselbe Wache seine Exzellenz mit der Motivierung, daß der Erzbischof kompromittierende Dokumente über seine Verbindungen mit nichts weniger als den französ. und belg. Kommunisten bei sich trage. Nunmehr sind weitere fünf geistliche Herren dieser Erzdiözese eingekerkert; /.../

Das Kolpinghaus, das verdienstvolle Heim der jungen kath. Handwerksgehilfen, wurde konfisziert. Geistliche, Klosterfrauen und Jünglinge haben es verlassen müssen. Auch das Haus des Hl. Blutes wurde konfisziert und das Bargeld in Beschlag genommen.

Aufgelöst wurden die kath. Frauen- und Jungfrauenorganisationen der Erzdiözese Salzburg, in der Diözese Linz die Frauenorganisationen. Auch in Salzburg wurden die Büros für die kath. Universität besetzt und alle höheren Funktionäre abgesetzt.

Die kath. Presse existiert nicht mehr. Indem man die Hauptredakteure entließ und auch einkerkerte, wurde sie über Nacht nazistisch. /.../

Ein schweres Unglück hat auch S. E. Msgr. Pawlikowski, Bischof von Graz, getroffen. Demonstranten drangen in seine Kirche und in das bischöfl. Palais ein, verstreuten Bücher und Dokumente und sekkierten den Bischof, so daß er nicht einen Augenblick Ruhe hatte. Am 13. l. M., ein Sonntagnachmittag, wurde Msgr. Pawlikowski unter Geschrei und Gejohle von Demonstranten in den Arrest geführt und in einer Zelle eingesperrt, wo er fortwährend durch Visiten und polizeil. Verhöre molestiert wurde. Am nächsten Tag eskortierten ihn zwei Berliner Schupoleute zum Büro des Polizeikommissärs, auch ein Berliner, welcher sich beim H. Bischof entschuldigte und hiezu anführte, daß die Inhaftnahme Sr. Exzellenz nicht aus Rachegelüsten erfolgte, sondern einzig und allein, um ihn vor bolschewist. Angriffen zu schützen. Msgr. Pawlikowski wurde dann freigelassen und begab sich zur Episkopatskonferenz nach Wien.


23. AUS: ANORDNUNG DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL, 26. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 1020
DÖW E 20.530

Es haben sich bedauerlicherweise einzelne Übergriffe in kirchlichen Angelegenheiten ereignet, die sich politisch unerwünscht auswirken.

Ich bestimme deshalb, alle Maßnahmen gegen Geistliche, gegen kirchliches Eigentum und Vermögen sowie gegen kirchliche Verbände werden mit sofortiger Wirkung aufgehoben, soweit sie nicht ausdrücklich von der Staatspolizei bestätigt worden sind.

Ich ordne erneut an, daß an dem Stand der Schulgebete und religiösen Übungen der Schule vor dem 12. 3. 1938 nicht das geringste geändert werden darf.

Wo Übereifrige das Gebet abgeschafft haben, ist es mit sofortiger Wirkung wieder einzuführen.

Es soll auch vorgekommen sein, daß Kreuze entfernt und zerschlagen worden sind. In Fällen, wo der Schuldige ermittelt wird, wird er sofort aus seiner Formation ausgeschlossen. Ist er Mitglied der Partei, so hat sein Ausschluß aus der Partei zu erfolgen.

Ich erwarte, daß Sie die politische Notwendigkeit meiner Anordnung anerkennen und mich nach Kräften unterstützen.


24. AUS: REDE DES REICHSLUFTFAHRTMINISTERS UND BEAUFTRAGTEN FÜR DEN VIERJAHRESPLAN, HERMANN GÖRING, IN DER NORDWESTBAHNHALLE IN WIEN, 26. 3. 1938

Der 10. April. Wahlzeitung für den deutschen Österreicher
DÖW Bibliothek 4042/11

Weiter wird behauptet: Jetzt wird die Religion ausgerottet, jetzt wird der Glaube beseitigt! Man zeige mir in Deutschland die Kirche, die, wie etwa in Spanien, zerstört oder verbrannt worden ist, man zeige mir die Priester, die gequält oder geschunden worden wären, man zeige mir eine Kirche, die geschlossen ist und in der die Gläubigen nicht beten dürfen, man zeige mir einen Priester, der verhindert wurde, seiner priesterlichen Aufgabe nachzugehen. Wenn ein Priester verhaftet wurde, so geschah dies nicht, weil er seinen priesterlichen Aufgaben nachging, sondern weil er allzu weltlich geworden war. (Langanhaltende Beifallskundgebungen.)

Wir wollen keine Kirche vernichten und keinen Glauben und keine Religion zerstören. Wir wollen nur, daß eine klare Scheidung vorgenommen wird. Die Kirche hat ihre bestimmten, sehr wichtigen und sehr notwendigen Aufgaben, und der Staat und die Bewegung haben andere, ebenso wichtige und ebenso entscheidende Aufgaben.

Wenn sich jeder peinlich an seine Aufgaben hält, dann wird nichts passieren. Wir haben in Deutschland nicht etwa die katholische Kirche verboten, sondern wir haben die Zentrumspartei und die politisierenden Geistlichen beseitigt. Gegen die Kirche sind wir nie gewesen, gegen den Glauben erst recht nicht, wenn wir Nationalsozialisten vielleicht auch nicht direkt als kirchlich konfessionell gebunden bezeichnet werden können. Wenn wir antireligiös oder antikirchlich oder antigläubig wären, wäre dann der Segen des Allmächtigen so bei unserer Bewegung gewesen? /.../

Die Bewegung wird der Kirche jenen Schutz geben, den sie beanspruchen darf, aber die Kirche darf sich nicht in Dinge hineinmischen, die sie nichts angehen und die ihr nicht zukommen, denn hier gibt es keine Kompromisse.


25. AUS: ANSUCHEN DES PFARRERS JOSEF WIRTH AUS WIEN AN DEN STILLHALTEKOMMISSAR FÜR VEREINE, ORGANISATIONEN UND VERBÄNDE, 20. 8. 1938

AVA, Stillhaltekommissar, 1157
DÖW E 20.154

Bezugnehmend auf unsere persönliche Vorsprache am 19. d. ersuchen wir hiemit nochmals um die Freigabe unseres Pfarrheimes in der Sautergasse 7, das seit März von einer SA-Gruppe besetzt ist.

Begründung:

1. Wir brauchen jene Räumlichkeiten sehr dringend für unsere Marianische Kongregationen und andere religiöse Pfarrzwecke.

2. Das Pfarrheim liegt fast neben der Kirche. Durch die Übungen und den Gesang der Gruppe wird bisweilen der Gottesdienst in der Kirche gestört, zumal wenn beim Gesang Worte vorkommen wie: "Hängts die Pfaffen auf" oder wenn sonst Religiöses verhöhnt wird.

3. In der Umgebung sind mehrere Räumlichkeiten, welche für die Zwecke der SA geeigneter sind. /.../

Auf unsere Intervention bei der Gestapo wurde uns mitgeteilt, der Befehl zur Freigabe sei schon längst zur SA-Gruppe hinausgegangen; wenn die Gruppe das Pfarrheim nicht freigibt, könnten sie nichts machen.


5. 4. Ansätze zur "Verrechtlichung" des Terrors

26. BEFEHLE DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL BZW. DER SA-FÜHRUNG, 14. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, 15. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

SA-Befehl

Wien, 14. März. Unverantwortliche Elemente machen sich die Zeit des Umbruches zunutze, um sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Die SA-Gruppe Wien gibt hiemit an alle Gliederungen den Befehl, Streifendienste vorzunehmen, gegen das Gesindel schärfstens einzuschreiten, /es/ im gegebenen Fall zu verhaften und in die SA-Teinfalt-Kaserne zu überstellen.

Der Führer der SA-Gruppe Wien: Ing. Seidler e. h.

Wien, 14. März. Im 13. Bezirk hat eine Gruppe von Männern, die sich als SA ausgab, versucht, aus Geschäften Waren fortzuschleppen. Die gesamte SA wird angewiesen, jeder Unregelmäßigkeit sofort entgegenzutreten. Verdächtige sind in Verwahrung zu nehmen und unter Meldung des Tatbestandes an den Wachekommandanten der SA-Kaserne, Teinfaltstraße 8, einzuliefern.

Der Stadtführer /sic!/ der Obergruppe: Persche

Gegen Eigenmächtigkeiten

Wien, 14. März. Es kommt vor, daß einzelne Abteilungen oder Dienststellen ohne vorherige Weisung Privatautos anfordern. Dies ist sofort einzustellen, da sonst die SS gegen jede Übertretung auf das schärfste vorzugehen hat. (5)

"Nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Gauleiters oder SA-Gruppenführers"

Wien, 14. März. Beschlagnahmungen, Enteignungen oder Verhaftungen durch Parteigenossen oder SA-Männer sind, sofern sie nicht unter ausdrücklicher Zustimmung des Gauleiters oder SA-Gruppenführers von Wien erfolgen, auf das strengste untersagt. Eigenmächtige Zuwiderhandlungen werden bestraft.

Der Gauleiter und der Gruppenführer


27. AUS: BEKANNTGABE DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL, 16. 3. 1938

Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 17. 3. 1938

Üble Elemente haben zur Vergiftung der öffentlichen Meinung und zur Schädigung des Ansehens der nationalsozialistischen Bewegung Spenden zu erpressen versucht. Die Partei, deren Formationen und angeschlossene Verbände haben mit solchen Methoden nichts gemein.

Ich ordne daher an, daß alle bisher geleisteten Spenden unverzüglich mir zu melden sind. Nichtanmeldung oder Verschweigen einer solchen Spende, auch von seiten des Spenders selbst, wird bestraft.

Über die Errichtung eines Spendenfonds ergeht eine besondere Mitteilung.

Jeglicher Versuch eines Übergriffes ist sofort der zuständigen Staatspolizeistelle zu melden.


28. AUS: SCHREIBEN DES CHEFS DER SICHERHEITSPOLIZEI, REINHARD HEYDRICH, AN DEN GAULEITER JOSEF BÜRCKEL, 17. 3. 1938

DÖW 15.909

Leider haben Angehörige der Partei in den letzten Tagen in großem Umfange in völlig undisziplinierter Weise sich Übergriffe erlaubt. Ich habe heute in der Presse veröffentlicht, daß kommunistische Parteigänger unter Mißbrauch der parteiamtlichen Uniformen versuchen, die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gefährden, indem sie widerrechtliche Beschlagnahmen, Hausdurchsuchungen und Festnahmen durchführen. (6) Ich habe gleichzeitig darauf hingewiesen, daß die Staatspolizei gegen solches verbrecherisches Treiben mit den schärfsten Mitteln einschreiten und mit schonungsloser Strenge vorgehen wird.

Ich muß dazu bemerken, daß diese Veröffentlichung sich in der Hauptsache nicht gegen kommunistische Parteigänger, sondern gegen eigene Parteigenossen wendet. Es wäre bedauerlich, wenn die Staatspolizei gezwungen wäre, in größerem Umfange auch weiterhin gegen Parteigenossen vorzugehen.

Ich bitte Sie daher dringend, sofort entsprechende Weisungen an alle Parteistellen zu geben.

Ich weise bei diesem Anlaß darauf hin, daß für das eigenmächtige Vorgehen von Parteistellen keinerlei Grund besteht. Ich habe im Einvernehmen mit dem Reichsführer-SS noch vor dem Einmarsch der Truppen bereits die notwendige Organisation der Sicherheitspolizei verfügt. Die Staatspolizeileitstelle Wien und die übrigen Staatspolizeistellen in Österreich haben mit dem Einmarsch der Truppen sofort ihre Tätigkeit aufgenommen.


29. AUS: BEFEHL DES REICHSFÜHRERS-SS UND CHEFS DER DEUTSCHEN POLIZEI, HEINRICH HIMMLER, UND DES GAULEITERS JOSEF BÜRCKEL, 17. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten
DÖW 9426

Die Sicherheitsorgane dürfen Verhaftungen aus politischen Gründen nur mit Zustimmung des Gauwahlleiters bzw. Kreiswahlleiters vornehmen.


30. AUS: PRESSEMITTEILUNG DES STABES BÜRCKEL, 19. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 1020
DÖW E 20.530

Sofort!

Der Beauftragte des Führers für die Volksabstimmung in Österreich, Gauleiter Bürckel, hat bekanntgegeben, daß provokatorische Elemente, die mit der nationalsozialistischen Bewegung nichts gemein haben, Haussuchungen und Beschlagnahmungen vornehmen und daß gegen sie mit aller Schärfe einzuschreiten ist.

Der Chef der Sicherheitspolizei, SS-Gruppenführer Heydrich, hat die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeistelle Wien, angewiesen, eigene motorisierte Kommandos bereitzustellen, die im Falle des Auftauchens solcher provokatorischer Elemente sofort einzusetzen sind.

Es wird darauf hingewiesen, daß diese Kommandos unter dem Polizei-Notruf A i 22 zu erreichen sind. (7)


31. AUS: ANORDNUNG DER STAATSPOLIZEILEITSTELLE WIEN, 19. 3. 1938

Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 20. 3. 1938

Sämtliche in den Tagen des Umbruches von Stellen und Formationen der Partei beschlagnahmten Vermögenswerte, Aufzeichnungen und Belege sind unverzüglich an die örtlich zuständige Sicherheitsbehörde unter Anschluß einer Darstellung über den Anlaß und die Durchführung des Einschreitens abzuführen. In Wien ist die zuständige Behörde die Staatspolizei-Leitstelle, Abteilung II E, in Wien, 1. Bez., Bräunerstraße 5, I. St. Kraftfahrzeuge sind an die Staatspolizei-Leitstelle Wien, Abteilung IV, in Wien, 9. Bez., Porzellangasse 2 (Armbruster-Garage) abzuführen.


32. AUS: MITTEILUNG DES CHEFS DER SICHERHEITSPOLIZEI/SONDERSTAB AN REGIERUNGSDIREKTOR KARL BARTH MIT ABSCHRIFT EINES SA-AUSWEISES, 21. 3. 1938

AVA, Bürckel-Akten, 2000
DÖW E 20.530

Betrifft: Ausschreitungen in Österreich.

Unter Bezugnahme auf die persönliche Besprechung übermittle ich in der Anlage Abschrift eines Ausweises, den ich einem SA-Angehörigen - Sturmbannführer - abgenommen habe. /.../

Abschrift.

SA der NSDAP Wien, am 12. März 1938

Motor-SA, Brig. 10.

Ausweis

Der Inhaber dieses Ausweises ist von der Wiener SA-Gruppe beauftragt, auf deren Befehl Haussuchungen und Verhaftungen vorzunehmen.

Alle Sicherheitsdienststellen werden aufgefordert, Inhaber weitestgehende Unterstützung angedeihen zu lassen.

Der Führer der Brig. 10

Stempel:

Motorisierte Brigade 10


33. AUS: BERICHT DER "KLEINEN VOLKS-ZEITUNG", 13. 5. 1938

Kleine Volks-Zeitung, 13. 5. 1938
DÖW Bibliothek 4000a/5

Dr. Hueber über die Amnestie vom 1. Mai

"Kein Mißbrauch der Revolution!"

Wien, 12. Mai

Heute abend sprach Justizminister Doktor Hueber im Rundfunk über das Gesetz der Reichsregierung vom 30. April 1938, das die Gewährung von Straffreiheit in bestimmten Fällen vorsieht. Durch dieses Gesetz wird unter gewissen Voraussetzungen für Straftaten, die vor dem 1. Mai 1938 begangen wurden, Strafnachsicht gewährt. /.../

Von dieser Strafnachsicht ausgenommen sind nur Hoch- und Landesverrat, also ganz allgemein volksfeindliche Handlungen, deren Ausführung eine gemeine Gesinnung des Täters, wie Eigennutz, Rachsucht und dergleichen, erkennen läßt.

Für die Ostmark reicht aber diese Amnestie nicht aus, denn der Druck, den das angeblich christliche Regime Dollfuß-Schuschnigg gegen den Nationalsozialismus angewendet hat, hat auch einen entsprechenden Gegendruck auf der anderen Seite mit sich gebracht und zu einzelnen Kampfhandlungen geführt, die sich nur aus der Stimmung jener Zeit des ständigen, bald verborgenen, bald offenen Bürgerkrieges heraus erklären lassen. Es ist eine selbstverständliche Dankespflicht gegenüber allen Kämpfern unsrer Bewegung, daß im Überschwang geschehene Straftaten ohne Rücksicht auf die Höhe der verhängten Strafe amnestiert werden. Wer in Notwehr handelt, kann nicht bei jedem Schritt ängstlich prüfen, ob er den Angreifer nicht etwa zu hart anpackt.

So großmütig aber der nationalsozialistische Staat gegenüber Rechtsbrüchen der Vergangenheit ist, ebenso nachdrücklich muß von jedem Volksgenossen verlangt werden, daß er nunmehr die Anordnungen unsres Führers und seine Gesetze peinlich genau beobachtet und unter keinem Vorwand sich das Recht herausnimmt, nach errungenem Sieg auf eigene Faust den Kampf fortzusetzen. Die Revolution ist beendet. Dies sei vor allem auch bewegungsfremden Elementen gesagt, die unsre Revolution zu ihrem privaten Zweck mißbrauchen oder uns absichtlich im Ausland diskreditieren wollen.


5. 5. Stellungnahmen der NS-Propaganda

34. AUS: REDE DES REICHSKANZLERS ADOLF HITLER VOR DEM DEUTSCHEN REICHSTAG IN BERLIN, 18. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, 19. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

Ich wollte unendliches Unglück und Leid diesem wunderschönen Lande ersparen, denn wenn erst der Haß zu brennen beginnt, verdüstert sich die Vernunft. Es findet dann keine gerechte Abwägung von Schuld und Sühne mehr statt. Nationaler Grimm, persönliche Rachsucht und die widrigen Instinkte egoistischer Triebhaftigkeit erheben gemeinsam die Brandfackel und suchen sich in ihrer Raserei ihr Opfer, ohne noch nach Recht zu fragen oder die Folgen zu bedenken.

Herr Schuschnigg hat es vielleicht nicht für möglich gehalten, daß ich mich zum Eingreifen würde entschließen können. Er und seine Anhänger können Gott dem Herrn dafür danken, denn nur meine Entschlußkraft hat wahrscheinlich ihm und Zehntausenden anderen das Leben gerettet (laute Zustimmung), ein Leben, das sie durch ihre Mitschuld am Tode unzähliger österreichischer Opfer der Bewegung längst nicht mehr verdienen (Zustimmungskundgebung), das ihnen aber der nationalsozialistische Staat als souveräner Sieger gelassen schenkt!


35. AUS: ANSPRACHE DES WIENER BÜRGERMEISTERS HERMANN NEUBACHER VOR PRESSEVERTRETERN, 18. 3. 1938

Wiener Neueste Nachrichten, 18. 3. 1938
DÖW Bibliothek 17.171

Ich wende mich an Sie mit der Bitte, die Vorgänge in dieser Stadt Wien und im Lande Österreich mit Objektivität der Weltöffentlichkeit zu vermitteln. Es ist ja nicht zuletzt Ihre höchste journalistische Pflicht, die Sie ja selbst kennen. Wir verlangen nur Objektivität, denn darüber gibt es keinen Zweifel, daß sich noch niemals in der Geschichte ein so radikaler, blitzartiger, hundertprozentiger Umsturz in so humanen Formen vollzogen hat. Glauben Sie mir, es war die Vordringlichkeit der Freude und des Gefühls der Befreiung, die es vermocht haben, unsere furchtbar verfolgten und durch Jahre zertretenen Kämpfer davor zurückzuhalten, persönliche Rachegelüste zu befriedigen. So wird es bleiben, denn wir verfügen über ein Gut in unserer Bewegung, das uns über jede ähnliche Bewegung hinweghebt, wir verfügen über eine absolut eiserne Disziplin. Zwischenfälle in den Tagen der Revolution, des Übereifers, sie sind vom Geist der Geschichte beglaubigt. Das ist kein mathematisches Exempel, in solchen Tagen ohne kleine Zwischenfälle durchzukommen, aber wir werden, wenn diese Tage der Gärung vorüber sind - und sie sind bereits in Liquidation -, hier das Schauspiel einer erstklassigen österreichischen und wirklichen Disziplin darbieten, die sich vor keiner Kategorie deutscher Disziplin in den zweiten Rang weisen läßt. Das versprechen wir Ihnen!


36. AUS: GLOSSE DES "VÖLKISCHEN BEOBACHTERS", 25. 3. 1938

Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 25. 3. 1938

Unsagbare Trauer hat sich über das Land der jubelnden Herzen im Dreivierteltakt gesenkt. /.../

Durch die österreichischen Städte und Dörfer aber rasen Gestapo und SA; plündern und morden, daß, wie einst in Kleindeutschland, die ehrbaren Bürger durch Ströme von Blut waten müssen, wenn sie die Straße betreten. Besonders schlimm ist es natürlich in Wien. Die armen Juden zittern, denn ihre Geschäfte werden geplündert und ihre Pelzlager und Schmuckvorräte für "Heereszwecke" requiriert. Daß jüdische Jungfrauen, wenn sie sich auf der Straße zeigen, im nächsten Augenblick schon vergewaltigt sind, ist nichts Außergewöhnliches. Die Wiener Leopoldstadt aber ist erfüllt vom Röcheln des Massensterbens der Juden, die mit aufgeschlitzten Bäuchen einem qualvollen Ende entgegengehen.

So ungefähr erleben und sehen amerikanische Journalisten die Befreiungstage der deutschen Ostmark. Amerikanische Morgen- und Abendblätter bringen laufend Schreckensmeldungen aus Österreich! Und sie werden leider, leider geglaubt - anscheinend selbst von jenen, denen der diplomatische Nachrichtenapparat der Regierung zur Verfügung steht, um sich der Wahrheit gemäß zu informieren und die durch ihre Stellung verpflichtet wären, der Lügenhetze einer verantwortungslosen Presse entgegenzutreten. Der amerikanische Staatssekretär Hull weiß auf einmal um die Zustände in Österreich Bescheid. Merkwürdig und doch bezeichnend! In den vergangenen fünf Jahren konnten im Zeichen des Kruckenkreuzes über 2000 Menschen erhängt und erschossen werden, Zehntausende von Haus und Hof vertrieben werden, in Anhaltelagern und Kerkern nach mittelalterlichen Inquisitionsmethoden verprügelt und gemartert werden; Hunderttausende konnten ohne Arbeit sein - und schließlich Millionen durften verarmen, ohne daß Hull irgend etwas davon erfahren hat. Mein Gott, das betraf ja schließlich auch nur deutsche Menschen. /.../ Jetzt wo ein paar Juden ihre Bündel schnüren müssen, da hat Hull nun auf einmal Kenntnis von den "Zuständen" in Österreich.

Da wir bekanntlich auf die Anwesenheit unserer jüdischen Zeitgenossen keinen Wert legen, könnte sich Herr Hull sicher ihren besonderen Dank erwerben, wenn er sich für die Lockerung der Einwanderungsbestimmungen in /die/ USA einsetzen würde, für seine "humanitäre" Gesinnung gewiß ein Anlaß, sie durch die Tat zu bekunden.


37. AUS: REDE DES REICHSLUFTFAHRTMINISTERS UND BEAUFTRAGTEN FÜR DEN VIERJAHRESPLAN, HERMANN GÖRING, IN DER NORDWESTBAHNHALLE IN WIEN, 26. 3. 1938

Der 10. April. Wahlzeitung für den deutschen Österreicher
DÖW Bibliothek 4042/11

Das Recht auf Rache hätten viele alte Parteigenossen gehabt! Und viele von der anderen Seite hätten fürwahr den Tod verdient für das, was sie getan haben. Also am Verdienen läge es nicht! Aber zunächst eines:

Möge jeder wissen, Freund oder Gegner, in Deutschland wird nur dann ein Mensch getötet, wenn das Gericht ihn zum Tode verurteilt und der Führer den Tod verhängt hat. In Deutschland entscheidet nur ein einziger Mensch über Leben und Tod: Das ist der Führer! Kein anderer hat das Recht dazu.

Jedermann, ob Stelle, ob Staat oder Partei, vergreift sich am heiligsten Recht des Führers, wenn er hier eingreifen wollte, und das wird geahndet werden! Das mag sich jeder merken, der hier etwa Gedanken in falscher Richtung hat.

Ich habe schon manchmal bei meinen Reden Warnungen gegeben, mögen meine Warnungen auch hier klar verstanden werden!

Zweitens möchte ich noch darauf hinweisen, daß es gerade das Wunderbare dieser Revolution war, daß sie unblutig geschehen ist, daß sie im Jubel vollendet wurde, daß nicht ein Revolutionstribunal hier Todesurteile fällte. Aber ich muß auch ehrlich den Hut abnehmen vor der bewundernswerten Haltung der österreichischen Nationalsozialisten, vor ihrer Anständigkeit ihren Quälern gegenüber. /.../

Nun zeigt, daß Ihr jetzt auch groß seid im Verzeihen und Verstehen! Zeigt, daß Ihr auch groß in der Güte seid, und zwar gerade gegen all die vielen, die irregeleitet waren. Diese müßt Ihr gewinnen, diese müßt Ihr von dem Gefühl befreien, daß sie nicht gleichwertig sind. Vorwärts den Blick! Wer vorwärts mitgeht, soll mitgehen dürfen in einer so großen und herrlichen Zeit.


Anmerkungen

(1) Die genannten Vorfälle fielen damit unter die Amnestie vom 1. 5. 1938, siehe dazu Dok. 33.

(2) Auch an der österreichisch-schweizerischen Grenze wurden Maßnahmen gegen die "Abwanderung von Juden und anderen Persönlichkeiten" ergriffen, siehe: Margit Schönherr, Vorarlberg 1938. Die Eingliederung Vorarlbergs in das Deutsche Reich 1938/39, Dornbirn 1981, S. 51.

(3) Weitere Dokumente zu den Vorfällen in Amstetten, St. Peter und Aschbach in: Widerstand und Verfolgung in Niederösterreich 1934-1945. Eine Dokumentation, hrsg. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Bd. 2, Wien 1987, S. 498 ff.

(4) Im folgenden wird u. a. auch der Selbstmord des Bundesministers Odo Neustädter-Stürmer, der dem deutschnationalen Flügel der Heimwehr zugehörte, erwähnt.

(5) Auf NS-interne Rivalitäten bzw. Kompetenzstreitigkeiten verweist ein Vermerk vom 14. 3. 1938, dem zufolge der Wiener Bürgermeister Hermann Neubacher "die sofortige Verhaftung" des (vor 1933) NSDAP-Gauleiters Alfred Eduard Frauenfeld forderte, weil letzterer "eigenmächtig die Dienstautos der beiden Vizebürgermeister sowie Wagen der Zentralgarage für seine Zwecke" beschlagnahmte (AVA, Bürckel-Akten, 2000 = DÖW E 20.530).

(6) Siehe beispielsweise: Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 17. 3. 1938.

(7) Über den "Erfolg" der Inanspruchnahme dieser Notrufnummer berichtet G. E. R. Gedye, Die Bastionen fielen. Wie der Faschismus Wien und Prag überrannte, Wien o. J. (1947), S. 292.


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