(Alle Dokumente aus: "Anschluß" 1938.
Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes, Wien 1988, S. 335-341.)
117. AUS: BEFEHL DES REICHSFÜHRERS-SS
UND CHEFS DER DEUTSCHEN POLIZEI, HEINRICH HIMMLER, FÜR DIE KUNDGEBUNG
UND PARADE IN WIEN AM 15. MÄRZ 1938, 14. 3. 1938
AVA, Bürckel-Akten, 2000
DÖW E 20.530
1. Um 11.00 Uhr findet eine Kundgebung
zu Ehren des Führers auf dem Heldenplatz in Wien statt.
2. Verantwortlich für die
Absperrungs- und Sicherungsmaßnahmen vom Hotel "Imperial" zum Heldenplatz
und auf dem Heldenplatz selbst ist Generalmajor der Polizei Mülverstedt.
Für die Absperrungen stehen die Wiener Polizei und Polizeikräfte
aus anderen deutschen Standorten, Teile der SS und SA zur Verfügung.
Mit der Wehrmacht sind genaue Abmachungen hinsichtlich der Absperrung für
die Kundgebung zu treffen, damit die Anmarschwege der Truppen zur Parade
durch die Kundgebung und durch das An- und Abströmen von der Kundgebung
nicht geschnitten werden.
3. Nach der Kundgebung fährt
der Führer vom Heldenplatz zum Hotel "Imperial" zurück. Sobald
der Führer das Hotel erreicht hat, können die Absperrungen für
die Kundgebung aufgelöst werden.
4. Um 14.00 Uhr findet die Parade
vor dem Führer auf dem Heldenplatz statt. Verantwortlich für
die Absperrungs- und Sicherungsmaßnahmen ist Generalmajor der Polizei
Mülverstedt. Abzusperren und zu sichern ist der Weg vom Hotel "Imperial"
zum Paradeplatz sowie der Paradeplatz selbst. Zur Verfügung stehen
Polizei aus anderen deutschen Standorten und Teile der SS.
An- und Abmarschweg der paradierenden
Truppen sind durch die Wiener Polizei sowie durch Hilfspolizeikräfte
der SA offenzuhalten, sodaß die Parade ohne Stockungen vor sich gehen
kann. Für ein gutes Abfließen der Paradetruppen ist besonders
Vorsorge zu treffen. Die Ziehung eines Sperrkreises zur Regelung des Verkehrs
wird empfohlen. /.../
6. Die sicherheitspolizeilichen
Maßnahmen bei den Absperrungen sind durch die Sicherheitspolizei
im Einvernehmen mit dem Kommandeur der Sicherungsverbände, Generalmajor
Mülverstedt, zu treffen.
118. MELDUNG DER AMTLICHEN NACHRICHTENSTELLE,
15. 3. 1938
AVA, Amtliche Nachrichtenstelle
DÖW E 20.612
Es wird für heute in Wien
um 10 Uhr vormittags Dienstschluß angeordnet, damit allen Angestellten
die Möglichkeit gegeben wird, die Truppenparade zu sehen. Die Partei
erwartet, daß die Betriebsführer den vollen Dienst zahlen. Lebensmittelgeschäfte,
Gastgewerbe- und ähnliche Betriebe sollen offengehalten werden. Die
Gauleitung.
119. AUS: DARSTELLUNG VON SA-FÜHRER
ALFRED PERSCHE, O. D. (1947)
Alfred Persche, Hauptmann Leopold.
Der Abschnitt 1936-1938 der Geschichte der nationalsozialistischen Machtergreifung
in Österreich, unveröffentlichtes Manuskript, o. D., S. 290 f.
DÖW 1460/1
In der im Reiche schon seit Jahren
üblichen, uns aber noch ganz unbekannten Art ist die Gestaltung des
Straßenbildes organisiert. Dazu wurde die Parole ausgegeben, Geld
spielt hiebei überhaupt keine Rolle. Und nun leuchtet von allen Häusern,
Fenstern, Licht- und Tramwaymasten, von tausenden und tausenden rasch aufgestellten
Fahnenstangen ein Fahnenmeer. Von allen von der Stadtgemeinde, den Ämtern
und öffentlichen Körperschaften ausgehängten Fahnen flattern
zusätzlich noch schwere Gold- und Silberstreifen. Alle Straßenbahnen,
alle Stadtbahnwagen, die Lokomotiven der Fern- und Vorortezüge, alles
ist mit einem Meer von Fähnchen und mit schweren Gold- und Silbertransparenten
geschmückt. Am Ring, auf allen Straßen und Plätzen, durch
die der Führer kommen wird, stehen Pylonen und andere Schaumäler
in für die Begriffe der Wiener gigantischer Zahl. Aus Brettern zusammengestellt,
durch einen Mörtelüberzug aber den Eindruck von Steinaufbauten
erweckend, sind sie wirklich im Sinne des Wortes über Nacht aus der
Erde gewachsen.
121. AUS: SCHILDERUNG DES ENGLISCHEN
JOURNALISTEN G. E. R. GEDYE, O. D.
G. E. R. Gedye, Die Bastionen
fielen. Wie der Faschismus Wien und Prag überrannte, Wien o. J. (1947),
S. 305
Wenn man sagt, daß die Massen
auf der Ringstraße vor Begeisterung wie wahnsinnig waren, als sie
Hitler begrüßten, so ist dies alles eher als eine Übertreibung.
Trotz der Gewaltakte und Schreckensszenen, die - wie ich wußte -
dem Einzug folgen würden, fand ich etwas Pathetisches an der begeisterten
Überzeugung dieser Vertreter des kleinen Mittelstandes, die, durch
ihren Fanatismus aus der gewohnten Behäbigkeit gerissen, fest glaubten,
daß für sie das Tausendjährige Reich angebrochen war -
mit der Ankunft des kleinen Mannes in der braunen Uniform, der, in dem
riesigen Militärauto aufrecht stehend, nun rasch an der Hofburg vorbei
zum Hotel Imperial fuhr, dessen Gäste ihm hatten weichen müssen.
Unmittelbar vor und hinter Hitlers Wagen folgten in knappem Abstand dreizehn
Polizeiautos, von denen SS-Männer der Gestapo scharfen Ausblick hielten
und die Menschenmenge auf irgendein Anzeichen von Gefahr prüften.
Ein dreifacher Kordon von Berliner Polizisten in hellgrünen Uniformen
trennte die Massen von ihrem geliebten Führer. Die Polizisten standen
schußbereit - das Gesicht der Menge zugewendet.
122. ANSPRACHE VON ARTHUR SEYSS-INQUART
AUF DEM HELDENPLATZ IN WIEN, 15. 3. 1938
Helfried Pfeifer (Hrsg.), Die
Ostmark. Eingliederung und Neugestaltung. Historisch-systematische Gesetzessammlung
nach dem Stande vom 16. April 1941, Wien 1941, S. 24
Mein Führer! Als letztes
oberstes Organ des Bundesstaates Österreich melde ich dem Führer
und Reichskanzler den Vollzug des gesetzmäßigen Beschlusses
nach dem Willen des deutschen Volkes und seines Führers: Österreich
ist ein Land des Deutschen Reiches.
Dem deutschen Volk und der ganzen
Welt verkünde ich, daß Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler
zur Stunde in die Burg der alten Reichshauptstadt, der Hüterin der
Krone des Reiches, eingezogen ist. Wonach Jahrhunderte deutscher Geschichte
gerungen haben, wofür ungezählte Millionen der besten Deutschen
geblutet haben und gestorben sind, was im heißen Ringen letztes Ziel,
was in bittersten Stunden letzter Trost war, heute ist es vollendet: Die
Ostmark ist heimgekehrt. Das Reich ist wiedererstanden. Das volksdeutsche
Reich ist geschaffen!
Mein Führer! Die Kräfte
aller Generationen des deutschen Volkes sind in Ihrem Willen zusammengeballt,
und Sie, mein Führer, schufen das Werk für alle Generationen
der deutschen Zukunft. Heute grüßen alle Deutschen aus der Ewigkeit
den Führer als den Vollender, heute grüßt der Führer
das neue ewige Deutschland!
Mein Führer! Wir können
nur eines: Wir danken dem Führer! Wir sagen Dank, der restlose Liebe
und bedingungslose Treue ist. Mein Führer! Wie immer der Weg führt:
wir folgen nach! Heil mein Führer!
123. ANSPRACHE VON ADOLF HITLER
AUF DEM HELDENPLATZ IN WIEN, 15. 3. 1938
Helfried Pfeifer (Hrsg.), Die
Ostmark. Eingliederung und Neugestaltung. Historisch-systematische Gesetzessammlung
nach dem Stande vom 16. April 1941, Wien 1941, S. 24 f.
Deutsche! Männer und Frauen!
In wenigen Tagen hat sich innerhalb
der deutschen Volksgemeinschaft eine Umwälzung vollzogen, die wir
heute wohl in ihrem Umfange sehen, deren Bedeutung aber erst spätere
Geschlechter ganz ermessen werden.
Es ist in den letzten Jahren
von den Machthabern des nunmehr beseitigten Regimes oft von der besonderen
"Mission" gesprochen worden, die in ihren Augen dieses Land zu erfüllen
hätte. Ein Führer der Legitimisten hat sie in einer Denkschrift
genau umrissen. Nach ihr war es die Aufgabe dieser sogenannten Selbständigkeit
des Landes Österreich, die in den Friedensverträgen fundiert
und von der Gnade des Auslandes abhängig war, die Bildung eines wahrhaft
großen Deutschen Reiches zu verhindern und damit den Weg in die Zukunft
des deutschen Volkes zu verriegeln.
Ich proklamiere nunmehr für
dieses Land seine neue Mission. Sie entspricht dem Gebote, das einst die
deutschen Siedler aus allen Gauen des Altreiches hieher berufen hat: Die
älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab das jüngste
Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein.
Jahrhundertelang haben sich in
den unruhevollen Zeiten der Vergangenheit die Stürme des Ostens an
den Grenzen der alten Mark gebrochen. Jahrhundertelang, für alle Zukunft
soll sie nunmehr ein eiserner Garant sein für die Sicherheit und Freiheit
des Deutschen Reiches und damit ein Unterpfand für das Glück
und für den Frieden unseres großen Volkes.
Und ich weiß: die alte
Ostmark des Deutschen Reiches wird ihrer neuen Aufgabe genauso gerecht
werden, wie sie die alte einst gelöst und gemeistert hat.
Ich spreche im Namen der Millionen
dieses wunderschönen deutschen Landes, im Namen der Steirer, der Nieder-
und Oberösterreicher, der Kärntner, der Salzburger, der Tiroler
und vor allem im Namen der Stadt Wien, wenn ich es den in diesem Augenblick
zuhörenden 68 Millionen übrigen deutschen Volksgenossen in unserem
weiten Reich versichere:
Dies Land ist deutsch, es hat
seine Mission begriffen, es wird diese erfüllen, und es soll an Treue
zur großen deutschen Volksgemeinschaft von niemandem jemals überboten
werden.
Unsere Aufgabe aber wird es nun
sein, durch Arbeit, Fleiß und gemeinsames Einstehen und Zusammenstehen
die großen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufgaben zu
lösen, vor allem aber Österreich immer mehr zu einer Trutzburg
nationalsozialistischer Gesinnung und nationalsozialistischer Willenskraft
zu entwickeln und auszubauen.
Ich kann diesen Appell an Sie
aber nicht schließen, ohne nun der Männer zu gedenken, die es
mir mitermöglicht haben, die große Wende in so kurzer Zeit mit
Gottes Hilfe herbeizuführen.
Ich danke den nationalsozialistischen
Mitgliedern der Regierung, an ihrer Spitze dem neuen Reichsstatthalter
Seyß-Inquart. Ich danke den zahllosen Parteifunktionären, ich
danke aber vor allem den ungezählten namenlosen Idealisten, den Kämpfern
unserer Formationen, die in den langen Jahren der Verfolgung bewiesen haben,
daß der Deutsche, unter Druck gesetzt, nur noch härter wird.
Diese Jahre der Leidenszeit haben
mich in meiner Überzeugung vom Wert des deutschösterreichischen
Menschen im Rahmen unserer großen Volksgemeinschaft nur bestärkt.
Die wunderbare Ordnung und Disziplin dieses gewaltigen Geschehens ist aber
auch ein Beweis für die Kraft der diese Menschen beseelenden Idee.
Ich kann somit in dieser Stunde dem deutschen Volke die größte
Vollzugsmeldung meines Lebens abstatten:
Als Führer und Kanzler der
deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den
Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich!
Deutschland und sein neues Glied,
die Nationalsozialistische Partei und die Wehrmacht unseres Reiches - Sieg
Heil!
124. AUS: BERICHT DES "VÖLKISCHEN
BEOBACHTERS" ÜBER DIE TRUPPENPARADE IN WIEN, 16. 3. 1938
Völkischer Beobachter, Wiener
Ausgabe, 16. 3. 1938
In fieberhafter Spannung füllen
die ungeheuren Massen der Wiener Bevölkerung Burgring und Heldenplatz.
Mächtige Hakenkreuzbanner wallen von der in strahlendem Sonnenlicht
leuchtenden Fassade des äußeren Burgtores, während zu beiden
Seiten der Durchfahrten aus den Pylonen die Opferflammen feierlich emporlodern.
Das äußere Burgtor säumen Ehrenkompanien der geeinten großdeutschen
Wehrmacht. /.../
Schlag 14 Uhr erscheinen wenige
hundert Meter über den Dächern des Parlamentsgebäudes die
ersten Ketten der Luftwaffe. Der Führer grüßt freudig dieses
stolze Glied der Deutschen Wehrmacht. /.../ Es dröhnt und rattert
aus der Luft, Kette auf Kette, Gruppe auf Gruppe und Staffel auf Staffel
von Kampfflugzeugen, Jagdfliegern, Aufklärungsflugzeugen und schweren
Kampfflugzeugen. Die Massen jubeln zu diesen Zeichen der vollendeten gesamtdeutschen
Wehrbereitschaft empor. /.../
Hoch sind die Flugzeuge über
der Paradestraße, eben erst hat die letzte Kette der Hunderte von
Maschinen den obersten Befehlshaber der Wehrmacht passiert, die Zuschauermenge
richtet ihre Blicke immer noch nach oben, da setzen die Musikkorps gegenüber
dem Paradeplatz des Führers ein. Der Paradeflug der Luftwaffe ist
beendet.
Um 14.15 Uhr nähert sich
die Parade der motorisierten Truppen. /.../
Rufe des Staunens und der Bewunderung
gehen durch die Reihen, wie die motorisierten Artillerieformationen vorbeirücken.
Das Artillerieregiment 74 und die schwere Artillerieabteilung 620. Die
Panzerwehrabteilung 38, das Panzerbataillon 38 und die Nachrichtenabteilung
38 zeigen dem Führer und der Bevölkerung Deutschösterreichs
die glänzende Bereitschaft der schnell beweglichen Hilfsformationen,
die für einen modernen Krieg ganz besondere Bedeutung haben.
Während das Musikkorps wechselt
und nun die hechtblauen Uniformen der Luftwaffe in den Vordergrund rücken,
rattert mit seinen für die vielseitige Verwendung bestimmten Fahrzeugen,
bis zu den schweren Waffen, das Regiment General Göring vorüber,
dessen Vorbeimarsch allein über eine Viertelstunde dauert. Dann folgen
die stolzen Tanks der 2. Panzerbrigade. Das unausgesetzte Rauschen und
Brüllen der Maschinen ist so stark, daß man nur gelegentlich
einen Laut des Musikkorps herüberdringen hört; auch die unendlichen
Heilrufe der Masse, die derartig moderne Waffen überhaupt noch nie
in ihrem Leben gesehen hat, gehen fast ganz im Lärm unter. /.../
Noch sind kurz nach 16 Uhr die
letzten Männer der abmarschierenden Musikkorps der Leibstandarte kaum
an dem Führer vorüber, als schon wieder der Jubel und die Heilrufe
aufklingen. Das Volk, das bisher den weiten Platz vor dem Heldendenkmal
gegenüber der Tribüne des Führers freigelassen hatte, drängt
nun durch die Absperrungsketten der Polizei. Hatte man zwei Stunden lang
eine musterhafte Disziplin gehalten, war eigentlich nirgends das Eingreifen
der die Straßen zu beiden Seiten säumenden Mannschaften der
Polizei und der Formationen erforderlich, so drängen nun die hinteren
Reihen nach vorne, um bei der Abfahrt den Führer noch einmal näher
zu sehen. Doch ohne das Eingreifen von Absperrmannschaften bleibt die jubelnde
Menge mit emporgerecktem Arm in respektvoller Entfernung stehen, so daß
der Führer mit seinem Gefolge in Ruhe die Wagen besteigen kann.

« zurück
|