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Herbert Exenberger
(Veröffentlicht in: Herbert Exenberger (Hrsg.), Als stünd' die Welt in Flammen. Eine Anthologie
ermordeter sozialistischer SchriftstellerInnen. Wien: Mandelbaum Verlag 2000)
Dr. Käthe Leichter (Marianne Katharina) wurde am 20. August
1895 als Tochter des Rechtsanwaltes Josef Pick und seiner Frau Lotte
in Wien geboren. Sie wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen
auf und besuchte eine der angesehensten Schulen des damaligen Wiens,
das "Beamtentöchter-Lyzeum". Nachdem sie sich durch eine Klage
beim Reichsgericht die Zulassung zum Studium erkämpft hat,
inskribierte Käthe Leichter 1914 Staatswissenschaften an der
Universität Wien. Der mit den Eltern befreundete Jurist und
Reichsratsabgeordnete Julius Ofner und der soziale Reformator Josef
Popper-Lynkeus weckten bei ihr das erste Interesse für soziale
Fragen. So arbeitete sie etwa neben ihrem Studium als Erzieherin von
Arbeiterkindern im Döblinger Proletarierviertel "Krim". Da ihr
die Abschlußprüfungen in Wien verweigert wurden,
übersiedelte sie nach Heidelberg. Während des Ersten
Weltkrieges verkehrte sie in einem Kreis aktiver Kriegsgegner, unter
ihnen der junge Schriftsteller Ernst Toller. Am 26. Dezember 1917
wurde ihr deshalb von den deutschen Behörden "für die Dauer
des Krieges die Einreise nach Deutschland verboten". Mit einer
Sondergenehmigung "zwecks Ablegung der nationalökonomischen
Doktorprüfung" promovierte Käthe Leichter am 24. Juli 1918
mit Auszeichnung bei Max Weber. Nach ihrer Rückkehr nach
Österreich war sie in einer Gruppe linker Studenten tätig,
unter ihnen befand sich auch ihr späterer Mann Otto Leichter,
und schloß sich der Rätebewegung an.
Ab April 1919 beschäftigte sie Otto Bauer als wissenschaftliche
Mitarbeiterin in der Staatskommission für Sozialisierung.
Darüber hinaus war Käthe Leichter Konsulentin im
Finanzministerium und wurde einige Zeit später von Wilhelm
Ellenbogen in den Zentralverband für Gemeinwirtschaft
berufen.
1921 heiratete sie den sozialdemokratischen Journalisten Otto
Leichter und drei Jahre später wurde ihr erster Sohn Heinz
geboren, 1930 kam ihr zweiter Sohn Franz zur Welt. 1925 trat eine
entscheidende Wendung im Leben Käthe Leichters ein. Sie
übernahm den Aufbau des Frauenreferats in der Wiener
Arbeiterkammer. Zahlreiche Veröffentlichungen, die Gestaltung
des Frauenteils von Arbeit und Wirtschaft sowie des
Österreichischen Metall- und Bergarbeiters und einige
selbständige Publikationen, etwa das nach wie vor zu den
Standardwerken zählende "Handbuch der Frauenarbeit in
Österreich", zeugen vom bedeutenden sozialpolitischen Engagement
Käthe Leichters. Neben ihren politischen Aktivitäten im
Frauenzentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
und in der sozialdemokratischen Bezirksorganisation Innere Stadt
zählte sie zu den eifrigsten Referentinnen der Zentralstelle
für das Bildungswesen. So referierte sie etwa 1933 in Wiener
sozialdemokratischen Organisationen über: So leben wir -
Gehört die Frau ins Haus? - Ist der Marxismus schuld? - Was wird
aus Österreich? - Österreich ist nicht Deutschland - Was
wird uns Frauen der Sozialismus bringen? - Die Vaterländische
Front und die Frauen - Die Frau in Deutschland einst und jetzt -
Partei und Jugend - Notverordnungen und Sozialpolitik - Versuche
sozialistischer Planwirtschaft/Rußland - Die Politik der
Faschisten - Strukturwandlungen der Gesellschaft - Wann kommt unsere
Stunde?
Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie durch die Regierung
Dollfuß im Februar 1934 flüchtete die Familie Leichter in
die Schweiz; auch hier trat sie für die Revolutionären
Sozialisten ein. Im September 1934 kehrten Käthe und Otto
Leichter nach Österreich zurück und betätigten sich im
Untergrund für ihre Partei. Käthe Leichter gehörte dem
Schulungsausschuß der Revolutionären Sozialisten
an, verfaßte Flugschriften und redigierte den Informations-
und Nachrichtendienst der RS. Ihr kleines Haus in Mauer wurde ein
Treffpunkt von Funktionären der verfolgten Arbeiterbewegung.
Der Einmarsch der Truppen des nationalsozialistischen Deutschland am
12. März 1938 setzte die Familie Leichter neben der Verfolgung
wegen ihrer politischen Gesinnung noch dem Rassenwahn der Nazis aus.
Während Otto Leichter im März 1938 mit einem
gefälschten Paß in die Schweiz flüchten und die
Söhne mit Hilfe einer befreundeten Familie und der ehemaligen
Hausgehilfin ins rettende Ausland gebracht werden konnten, wurde
Käthe Leichter durch Verrat des Spitzels Hans Pav am 30. Mai
1938 von der Gestapo festgenommen. Inhaftiert zunächst im
Polizeigefängnis und dann im Gefängnis des Wiener
Landesgerichtes, las Käthe Leichter die ihr zugänglichen
Bücher aus der Gefängnisbibliothek und verfaßte
Lebenserinnerungen, die sie ihrer Freundin Frieda Nödl
übergeben konnte. Trotz zahlreicher ausländischer
Interventionsversuche transportierte man sie im Jänner 1940 ins
Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Ihre Mitgefangene, die
Sozialistin Rosa Jochmann, schrieb über Käthe Leichter im
Dezember 1945 unter anderem: "Genossin Leichter war die Seele
ihres Blockes und uns 'Politischen' die Lehrerin, die sie
draußen gewesen war. Die Juden waren alle auf einem Block
untergebracht, 500 im Jahre 1940, niemand wurde so gequält wie
sie ... Viele wunderbare Gedichte hat Käthe Leichter
geschrieben, wir mußten sie über ihren Wunsch alle
vernichten, da sie immer sagte: 'Ich habe sie ja im Kopf, und ich
weiß, ich komme bestimmt nach Hause.' Leider sind nun alle bis
auf ein einziges verlorengegangen." Etwa das Gedicht "Kleiner
roter Ziegelstein", ein einziger Aufschrei über die Färbung
der Ziegelsteine durch das Blut der Häftlinge, oder das
gemeinsam mit der Kommunistin Hertha Breuer verfaßte
Theaterstück "Schum-Schum", in dem auch die SS der
Lächerlichkeit ausgesetzt wurde. Im März 1942 wurde
Käthe Leichter mit ihren jüdischen Leidensgefährtinnen
im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms (Aktion
14f13) in der Psychiatrischen Anstalt Bernburg/Saale ermordet. Die
Aschenurne Käthe Leichters wurde am 24. April 1942 auf der neuen
israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes beigesetzt.
Seit 15. Februar 1949 erinnert im 13. Bezirk eine Käthe
Leichter-Gasse an diese österreichische Sozialistin. Am 8.
Oktober 1988 wurde die Benennung des Käthe Leichter-Hofes der
Wohnbauvereinigung für Privatangestellte, 13. Bezirk,
Auhofstraße 152-156, durchgeführt und eine Gedenktafel
für sie enthüllt.
Selbständige Werke
Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich. Wien:
Verl. Arbeit und Wirtchaft 1927. 238 S.
Wie leben die Wiener Heimarbeiter? Eine Erhebung über die
Arbeits- und Lebensverhältnisse von tausend Wiener
Heimarbeitern. Wien: Verl. Arbeit und Wirtschaft 1928. 145 S.
Handbuch der Frauenarbeit in Österreich. Hrsg. von der Kammer
für Arbeiter und Angestellte in Wien. Wien 1930. 674 S.
100.000 Kinder auf einen Hieb! Die Frau als Zuchtstute im Dritten
Reich (Anonym). Wien: Verl. der Wiener Volksbuchhandlung 1932. 12 S.
(Sozialistische Kampfschriften, Heft 1)
So leben wir ... 1320 Industriearbeiterinnen berichten über
ihr Leben. Wien: Verl. Arbeit und Wirtschaft 1932. 156 S.
Käthe Leichter zum 100. Geburtstag. Texte zur Frauenpolitik.
Auswahl von Eckart Früh und Karl Stubenvoll. Hrsg. von der
Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. Wien 1995.
236 S.
Lebenserinnerungen. In: Käthe Leichter. Leben, Werk und
Sterben einer österreichischen Sozialdemokratin. Hrsg. von
Herbert Steiner. Wien: Ibera & Molden 1997. 520 S.

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