Die Zeitzeugen Hermine und Horst Schmidt berichteten anläßlich der Österreich-Premiere der Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" am 18. Juni 1997 über ihre Verfolgung. Ihre Kurzreferate sind nachfolgend auszugsweise wiedergegeben.

Hermine Schmidt:

Nach schwerer Gelbsucht und völliger Erschöpfung durch das von Hitler eingeführte "Pflichtjahr" kam ich in die Versicherung (Kaufmannlehre). Im 3. Lehrjahr, im Alter von 17 Jahren (mit 16 Jahren wurde ich als Zeuge Jehovas heimlich in der Badewanne getauft), kam die Verhaftung. Unser Hausarzt sagte voraus, daß ich dies nicht eine Woche überleben würde. Meine Kraft aber kam aus dem Geistigen, und die Freude in Jehova war immer meine Stärke.

Den Sommer 1943 erlebte ich auf dem mittelalterlichen Gestapoturm in Danzig. Meine Eltern waren in anderen Zellen. Die Zustände waren unbeschreiblich. Schlimmer noch die stundenlangen nächtlichen Kreuzverhöre, von Lampen geblendet. Besonders ein Gestapo-Beamter schäumte vor Wut, daß er keine anderen Aussagen erarbeiten konnte, und das von einem so jungen Mädchen. Einmal kam die Leiterin des Jugendamtes in meine enge Zelle, in der festen Überzeugung, mich umstimmen zu können. Sie verließ mich mit Tränen in den Augen und war mir danach sehr zugetan.

Dann wurden wir der Justiz überstellt. Dort wollte mich der Untersuchungsrichter noch einmal schocken und zum Verrat an meinen Glaubensbrüdern bringen. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft standen wir zwei Tage lang vor dem großen Sondergericht. Meine Mutter kam ins Zuchthaus, mein Vater ins Gefängnis und ich letztendlich ins Vernichtungslager Stutthof. [...]

Ein langes und schweres Jahr habe ich all die unvorstellbaren Leiden dort gesehen und erlebt. All das Grauen, das man am Anfang glaubte nicht ertragen zu können. Dies ist ein Brandmal für das ganze Leben; es ist da, auch wenn man meint, es vergessen zu haben.


Horst Schmidt:

Im Jahre 1935 wurden wir als Zeugen Jehovas getauft. Damals fanden in unserer Wohnung in Berlin noch kleinere Versammlungen statt, aber die Gestapo machte zunehmend Schwierigkeiten. Mein Pflegevater wurde neun Monate in Haft gehalten.

Ich war nun älter geworden und setzte mich aktiv für die Glaubensbelange ein. Als Kurier war ich auf weiten Strecken unterwegs und konnte mich immer wieder einer drohenden Verhaftung entziehen.

Im Jahre 1942 wurden meine Pflegeeltern verhaftet. Mein Pflegevater wurde in ein KZ gebracht. Meine Mutter wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Ich selbst wurde im Juni 1943, während meines Kurierdienstes, zusammen mit meiner späteren Frau und deren Eltern, in Danzig verhaftet. Nach meiner Überführung durch die Gestapo nach Berlin war ich dort anfänglich in deren Gefängnis Alexanderplatz, dann im Untersuchungsgefängnis Moabit und anschließend im Strafgefängnis Tegel.

Am 30. 11. 1944 wurde ich vom 4. Senat des Volksgerichtshofes wegen Wehrdienstentziehung, Wehrkraftzersetzung und illegaler Betätigung in der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung zum Tode verurteilt. Von diesem Augenblick an, in Fesseln liegend, wurde ich zur Vollstreckung nach Brandenburg-Görden gebracht und dort am 27. 4. 1945 von den Russen befreit.


« zurück