Sybil Milton

Zeugen Jehovas - Vergessene Opfer?

(Referat anläßlich der Tagung "Widerstand aus christlicher Überzeugung. Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus" des Fritz Bauer Instituts, 4. Oktober 1997, Auszug)

Bis vor kurzem wurde die Rolle der Zeugen Jehovas als "Vergessene Opfer" im Holocaust vernachläßigt und marginalisiert und ihr Schicksal in den KZ-Gedenkstätten nur minimal dargestellt. Die Geschichte der Zeugen Jehovas ist spärlich und vereinzelt in den größeren Gedenkstätten (Dachau, Buchenwald, Neuengamme, Ravensbrück, Mauthausen und Auschwitz) vertreten. In den kleineren ortsspezifischen Museen und Gedenkstätten auf lokaler Ebene (wie z. B. Düsseldorf, Köln und Wewelsburg) ist das Schicksal dieser Opfergruppe aber relativ gut eingebaut. Die Komplexität der Lagerwirklichkeit wird hauptsächlich durch Überreste von Unterkunftsbaracken, Krematorien, Teilen des Schutzhaftlagers und Kommandanturgebäuden vertreten sowie durch Friedhofsanlage und katholische bzw. evangelische Kapelle dargestellt. In diesen Darstellungen kommen die Zeugen kaum vor.

Das Fehlen der Zeugen Jehovas im Konzept der Gesamtausstellungen über den NS-Terror und den NS-Genozid kann uns natürlich kaum überraschen, da sie weder in das politische Verfolgtenbild des ehemaligen kommunistischen Ostblocks noch in das auf die politisch oder rassistisch Verfolgten eingestellte Bild der bundesdeutschen Wiedergutmachungsbehörden paßten. So wurden die Zeugen im BRD-Entschädigungsrecht bis heute wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung generell nicht als NS-Opfer anerkannt.

Wir müssen uns natürlich die Frage stellen, warum das Schicksal der Zeugen Jehovas bisher verdrängt, zerstückelt und vernachläßigt worden ist. Ich möchte mehrere Gründe für diese Mißachtung und Unterlassung zur Diskussion stellen.

An erster Stelle steht die Intoleranz oder mindestens das Desinteresse der deutschen und europäischen Gesellschaft. Die Geschichte der Konzentrationslager hat verständlicherweise bisher meistens nur die Häftlingsgruppen der Politischen betont. Obwohl andere Gruppen - z. B. die Zeugen Jehovas - auch erwähnt worden sind, hat sich Didaktik und Forschung auf die politischen Häftlinge konzentriert. Das ist natürlich leicht zu verstehen. Die politischen Häftlinge waren zahlenmäßig die größte Gruppe, und sie errichteten und führten die Lagergemeinschaften nach der Befreiung. Der grundsätzliche Unterschied zwischen dem Schicksal der politisch und rassisch Verfolgten ist jetzt überall anerkannt. Die aus rassistischen Gründen Verfolgten wurden als Familiengruppen in die Vernichtungsmaschine getrieben. Besonders die Geschichte der Vernichtungslager kann ohne diese Differenzierung nicht verstanden werden. Die christliche Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, unbeugsam in ihrem Widerstand gegen das NS-Regime, ist marginalisiert und ausgegrenzt und, bis heute unter dem negativen Begriff "Sekte" bezeichnet, angegriffen worden. Obwohl diese Definierung von den NS-Beamten stammte, wirkt sich die unkritische Wiederholung heute noch immer negativ aus, denn diese damalige Kategorisierung verstärkt die noch heute existierenden Vorurteile.

An zweiter Stelle steht die bisherige Praxis der Gedenkstättenpolitik gegenüber dem heiklen Holocaustthema. Bis jetzt hat man den NS-Terror in zwei verschiedenen Tendenzen interpretiert und dargestellt. Auf der einen Seite bringt man die Geschichte der Verfolgung als Beispiel der antidemokratischen Diktatur, die die Freiheit unterdrückt hat. Diese Richtung, die in den KZ-Gedenkstätten, besonders im ehemaligen Ostblock, stark vertreten ist, konzentriert sich auf das Schicksal der politisch Verfolgten: Kommunisten, Sozialdemokraten, Intellektuelle, Geistliche, Widerstandskämpfer usw. Auf der anderen Seite interpretiert man die NS-Verfolgungen als Rassenhaß und konzentriert sich in Holocaustmuseen und -ausstellungen exklusiv auf den Massenmord an den europäischen Juden. Die anderen Opfergruppen passen einfach nicht in diese zweiteilige Auslegung. Solche Opfergruppen, wie z. B. Sinti und Roma, aber auch die Zeugen Jehovas, werden dann als "die anderen Opfer" nur am Rande erwähnt.

Drittens, der Stand der Dokumentation über die Zeugen Jehovas verstärkt die schon bestehende Tendenz, das Schicksal der Zeugen zu vernachlässigen. Die entscheidenden Dokumente über die sich steigernde Verfolgung der Zeugen sind über verschiedene öffentliche und private Archive in mehreren Ländern verstreut. Nirgends wurden diese Dokumente gesammelt und zusammen veröffentlicht, im Vergleich zu den vielen Dokumentenpublikationen über die Verfolgung der jüdischen oder politischen Opfer.

Viertens fehlen wichtige Zeitzeugenaussagen der Zeugen Jehovas. Es ist verständlich, daß nur vereinzelte kurze Berichte in den Nachkriegsjahren veröffentlicht worden sind. Die Gründe hiefür sind u. a., daß die Zeugen fehlendes Vertrauen zur deutschen oder europäischen Außenwelt hatten und daher ihre Selbstdarstellungen meistens nur im religiösen Umfeld ablegten. Die Hemmungen der Zeugen - Mißtrauen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und der Behörden, Furcht vor gesellschaftlicher Intoleranz und Repressalien - haben das Schweigen mitbestimmt. Und Zeugen Jehovas sind auch kaum als Zeugen in den Nachkriegsprozessen aufgetreten; unter den tausenden von juristischen Aussagen stammen Unterlagen von ihnen meistens nur aus erfolglosen Entschädigungsverfahren.

Diese trostlose Bestandsaufnahme muß aber jetzt korrigiert werden, da sich in den letzten fünf Jahren vieles verbessert hat. In der Wissenschaft hat sich doch einiges geändert. In Deutschland haben Aufsätze von Michael Kater und Bücher von Detlef Garbe sowie Dokumentarfilme breiteres Interesse geweckt. Eine ähnliche Neubewertung bahnte sich auch in der amerikanischen, österreichischen und französischen Literatur durch neue historische Forschungen an.


« zurück