Detlef Garbe

Zwischen Widerstand und Martyrium

(Referat anläßlich der Tagung "Widerstand aus christlicher Überzeugung. Jehovas Zeugen im Nationalsozialismus" des Fritz Bauer Instituts, 4. Oktober 1997, Auszug)

Seit Mitte der dreißiger Jahre wurden Zeugen Jehovas in großer Zahl in die Konzentrationslager eingeliefert. Ihr eigener Gruppenkodex und ihr Zusammenhalt führten dazu, daß sie eine geschlossene Gemeinschaft darstellten, die sich von den anderen Häftlingsgruppen deutlich unterschied. Ihr Bekennermut und ihre Unbeugsamkeit ließen sie anfangs zum besonderen Haßobjekt der SS werden, die mit fortgesetzten Mißhandlungen die Abkehr vom Bibelforscherglauben zu erzwingen versuchte. Insbesondere zu Kriegsbeginn wütete die SS mit bestialischer Gewalt gegen die Zeugen Jehovas, um ihre außergewöhnliche Resistenz zu brechen und sie zur Aufgabe der Kriegsdienstverweigerung zu bewegen. Allein im KZ Sachsenhausen starben im Winter 1939/40 130 Zeugen Jehovas - und damit ungefähr jeder vierte Bibelforscher-Häftling dieses Lagers.

Trotz derartigen Terrors vermochte die SS den Widerstand der Bibelforscher-Häftlinge nicht zu brechen. Ihre Glaubenszuversicht und das stark ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl gaben den Zeugen Jehovas die innere Kraft, ihrer Überzeugung auch in den Konzentrationslagern weitgehend treu zu bleiben. Nur wenige von ihnen unterschrieben eine Verpflichtungserklärung, die ihnen bei Lossagung von ihrem Glauben unter bestimmten Bedingungen die Entlassung aus der KZ-Haft in Aussicht stellte. Als die Konzentrationslager ab 1942 verstärkt in die Rüstungsfertigung einbezogen wurden, verweigerten nahezu alle Bibelforscher-Häftlinge die Mitarbeit bei der Herstellung von Waffen oder anderem Kriegsgerät.

Die Zeugen Jehovas zeigten in den Lagern einen ausgeprägten Selbstbehauptungswillen. Ihr Gemeinschaftsgeist ermöglichte es ihnen, kollektive Strategien des Überlebens herauszubilden und dadurch die Belastungen des Lageralltages zu mildern. Sie entwickelten ein Netz gegenseitiger Hilfe und wie im Fall der Paketgemeinschaften feste solidarische Strukturen. Mit anderen Häftlingsgruppen im KZ pflegten die Zeugen Jehovas allerdings keine Zusammenarbeit. Eine Teilnahme an dem von den politischen Gefangenen getragenen Lagerwiderstand lehnten sie ab. Sabotage und politisch zielgerichtete Aktionen gegen die SS meinten sie mit ihrem Glauben nicht vereinbaren zu können. Selbst im Lager versuchten sie, ihre bibelforscherische "Neutralität" zu wahren.

In den späteren Jahren verbesserte sich die Lage der Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern zusehends. Angesichts der stark anwachsenden Bedeutung der Häftlingsarbeitskraft waren sie zu begehrten Kräften geworden, denn die SS schätzte ihren Fleiß und die Sorgfalt, mit der sie die erteilten Aufträge - sofern diese nicht ihren Glaubensgrundsätzen widersprachen - zu erledigen pflegten. Da die Zeugen Jehovas aus Glaubensgründen eine Flucht aus dem Lager ablehnten - sie sahen in ihr eine Auflehnung gegen die göttliche Vorsehung -, wurden sie gern außerhalb der Lager an schwierig zu überwachenden Arbeitsplätzen (Landwirtschaft, Transporte, Be- und Entladearbeiten) und in sogenannten "Vertrauensstellungen", z. B. als SS-Bedienstete (Barbiere, Kalfaktoren, Köche und Haushaltsgehilfinnen) eingesetzt.

Die verbesserte Lage bildete die Basis für eine verstärkte Fortsetzung der Bibelforscheraktivitäten auch innerhalb der Gefangenschaft. Die Zeugen Jehovas trafen sich in den Konzentrationslagern heimlich zu "Bibel- und Wachtturm-Studien", feierten Gottesdienste und vervielfältigten ins Lager geschmuggelte religiöse Schriften. Selbst innerhalb der Konzentrationslager setzten sie alle Bemühungen daran, für ihren Glauben neue Anhänger zu gewinnen. Der unverdrossene Missionsdrang der Zeugen Jehovas blieb nicht ohne Resonanz; in der Aussichtslosigkeit der KZ-Haft fand die von ihnen eifrig gepredigte Botschaft vom kommenden "Königreich Gottes" Gehör. Gefangene anderer Gruppen schlossen sich ihnen an. Zumeist waren es ausländische Häftlinge, in erster Linie Russen, und Angehörige nichtpolitischer Kategorien, die sich dem Bibelforscherglauben gegenüber aufgeschlossen zeigten. Selbst in den Augen vieler Mithäftlinge, die ihnen fernstanden, waren die Bibelforscher "die erstaunlichste Gemeinschaft ..., die es im Konzentrationslager gab". (Heinrich Christian Meier, So war es. Das Leben im KZ Neuengamme, Hamburg 1946, S. 31 f.)


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