Brigitte Bailer-Galanda

"Revisionismus" als zentrales Element der internationalen Vernetzung des Rechtsextremismus

(Aus: Das Netz des Hasses. Rassistische, rechtsextreme und neonazistische Propaganda im Internet, hrsg. v. Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1997, S. 106-122)


Der Begriff des "Revisionismus"

Die Verbreitung und Tradierung nationalsozialistischer Ideen und Werthaltungen stieß nach 1945 nicht zuletzt auf die Schwierigkeit, daß der Nationalsozialismus durch seine Verbrechen zutiefst diskreditiert war. Selbst ehemalige Nationalsozialisten wollten diese Verbrechen nicht wahrhaben und suchten nach einem Ausweg aus der daraus resultierenden moralischen Belastung. Zur Beseitigung dieses Stigmas des NS-Regimes erschienen schon in den ersten Nachkriegsjahren in Westeuropa Publikationen, (1) die den Holocaust leugneten oder verharmlosten. Die Repräsentanten der zu einer internationalen Bewegung angewachsenen Spielart rechtsextremer Publizistik geben sich zumeist den Anschein seriöser wissenschaftlicher Arbeit. Dazu dient auch die verharmlosende Selbstbezeichnung "Revisionisten", mit der an Diskussionen innerhalb der seriösen Geschichtswissenschaft - vor allem in den USA nach dem Ersten Weltkrieg - angeknüpft werden soll. (2)

In der Fachliteratur über den Rechtsextremismus wird "Revisionismus" vielfach mit Holocaustleugnung gleichgesetzt (3) bzw. vorgeschlagen, diesen Begriff anstelle des Ausdrucks "Revisionismus" zu verwenden. Hierbei wird jedoch übersehen, daß "revisionistische" Literatur ein weiteres Themenspektrum umfaßt als die Leugnung des nationalsozialistischen Massenmords an den europäischen Juden, wenn auch diese Thematik im Zentrum "revisionistischer" Agitation im Internet steht (4). Die Holocaustleugnung kann jedoch nicht von den übrigen Inhalten dieser Pseudogeschichtsschreibung getrennt werden. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes versteht unter "Revisionismus" (stets unter Anführungszeichen gesetzt) alle Bemühungen, Geschichte im Sinne einer Verharmlosung, Beschönigung, Rechtfertigung oder Entkriminalisierung des Nationalsozialismus für persönliche, vor allem aber politische Zwecke umzuschreiben bzw. durch Aufrechnung alliierter Grausamkeiten die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Jeder Versuch dieser Art ist untrennbar mit den politischen Bestrebungen rechtsextremer bzw. neonazistischer Kreise verbunden. Selbst Arbeiten von ursprünglich nicht rechtsextremen Autoren werden rasch vom Rechtsextremismus instrumentalisiert, die Verfasser finden meist bald den Weg in einschlägige Zirkel oder zumindest deren Umfeld. (5)

Geschichte des "Revisionismus"

Die Anfänge des "Revisionismus" liegen vor allem in Frankreich und den USA. In den USA bezog sich der Begriff des Revisionismus ursprünglich auf Bemühungen der seriösen Historiographie, nach Ende des Ersten Weltkriegs regierungsoffiziellen Darstellungen über die Rolle der Vereinigten Staaten während des Kriegs kritisch entgegenzutreten. Die sich selbst als "Revisionisten" bezeichnenden NS-Apologeten versuchten aus propagandistischen Gründen, an diesen Begriff anzuknüpfen, um ihren Geschichtsfälschungen damit den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Mittlerweile ist die Selbstbezeichnung "Revisionismus" im gesamten internationalen Netzwerk und Zitierkartell der NS-Apologetik gebräuchlich geworden.

Von den geographisch breitgestreuten Anfängen her entwickelte sich eine gutfunktionierende internationale Kooperation zwischen Europa und Übersee, deren Zentren in den USA und Kanada beheimatet sind. In den Vereinigten Staaten übernimmt das Institute for Historical Review mit seiner Zeitschrift Journal of Historical Review die Rolle einer amerikanisch-europäischen Drehscheibe, von Kanada aus versorgt der aus Deutschland kommende Ernst Zündel europäische Gesinnungsfreunde mit Publikationen sowie seit längerem auch mit einschlägigen Videoproduktionen. (6)

Der "Revisionismus" fungiert als ein wesentliches Vehikel für die Vermittlung weltweiter Kontakte rechtsextremer und neonazistischer Organisationen. Damit lag es nahe, daß "Revisionisten" unter den ersten rechtsextremen Gruppen waren, die das Internet für die Übermittlung ihrer Propaganda nützten. Einer ohnehin schon international agierenden Bewegung kamen die Möglichkeiten eines internationalen Mediums sehr entgegen.

Themen "revisionistischer" Geschichts-um-schreibungen

Die Anfänge des "Revisionismus" waren vor allem von einer Verharmlosung der deutschen Kriegsschuld und Verherrlichung bzw. Entschuldigung nationalsozialistischer Führerpersönlichkeiten gekennzeichnet. Erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre griff die neonazistisch-"revisionistische" Publizistik das gegenwärtige Zentralthema auf, die Leugnung des Holocaust. (7)

Etwas vereinfacht können zwei große thematische Bereiche "revisionistischer" Geschichtsverfälschungen festgestellt werden, die sich mit zum Teil unterschiedlicher Intention teilweise auch an ein unterschiedliches Publikum wenden.

a) Kriegsschuld und Kriegsverbrechen

Dieser in der internationalen Propaganda weniger präsente Bereich befaßt sich mit dem Themenkomplex des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Kriegsführung, wobei vor allem die Frage der Kriegsschuld (1939 und 1941) im Mittelpunkt steht. Die Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Polen bzw. Großbritannien und seinen Verbündeten angelastet. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wird - entgegen militärhistorischen Erkenntnissen - als "Präventivschlag" zur Abwehr sowjetischer Angriffspläne charakterisiert. (8) In diesem Kontext steht auch die Idealisierung führender Nationalsozialisten, wie z. B. des Stellvertreters des "Führers" Rudolf Heß zum angeblichen Friedensbringer (9).

Wenn nationalsozialistische Kriegsverbrechen nicht gänzlich geleugnet werden, bemühen sich "revisionistische" Autoren um Verniedlichung, Verharmlosung oder aber Aufrechnung mit Verbrechen anderer Regime oder Staaten.

Ausgehend von einem Buch des kanadischen Journalisten James Bacque, behauptet eine neue Argumentationslinie, in US-amerikanischen Kriegsgefangenenlagern hätten die Verantwortlichen rund eine Million deutscher Kriegsgefangener absichtlich verhungern lassen. Obschon Bacque den Beweis für seine Behauptungen schuldig bleibt und nur auf der Ebene mißverstandener Statistiken und selektiver Zeugenaussagen operiert, wird sein Buch in rechtsextremen Blättern sowie in Organen von Veteranenverbänden positiv besprochen und beworben. (10)

Die Wirkung dieser Art Verharmlosungen weist aber weit über den Personenkreis der ehemaligen Soldaten hinaus, wie u. a. an den heftigen, oft zutiefst emotionalisierten Reaktionen auf die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht abgelesen werden kann. Die Entschuldung und Entlastung der Kriegsgeneration sowie deren Nachkommen betreibt gezielt auch der Obmann der Freiheitlichen, Jörg Haider, wenn er beispielsweise beim Neujahrstreffen 1992 den "Schluß" der "Kriminalisierung der eigenen Geschichte" forderte (11) oder bei einer Veranstaltung der Kameradschaft IV im Herbst 1995 die anwesenden ehemaligen SS-Männer im Gegensatz zu "arbeitsscheuem Gesindel" als "anständige Menschen" würdigte. (12)

b) Antijüdische Verbrechen, Holocaust

Der auch im Internet zentrale Themenbereich des "Revisionismus", in Teilaspekten mit dem ersten verzahnt, umfaßt die Verharmlosung oder Leugnung der an den Juden begangenen Verbrechen, insbesondere des Holocaust. In diesem Bereich dominiert die antisemitische Ausrichtung. Die Leugnung der antijüdischen Gewaltverbrechen benutzt lang tradierte antisemitische Vorurteile und Stereotype als Argumentationshilfen und stellt insgesamt eine neue Form antisemitischer Artikulation dar. (13) Da es Tausende Dokumente, Zeugenaussagen und andere Beweise für die Tatsächlichkeit der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen gibt, setzt die "revisionistische" Leugnung voraus, daß eine weltumspannende Fälscherfabrik bzw. "jüdische Weltverschwörung" alle diese Beweise in ihrem Sinne "produziert", Zeugen beeinflußt, Tätergeständnisse erpreßt hat und die internationalen Medien beherrscht. Denn anders kann wohl logisch nicht erklärt werden, daß nur die "Revisionisten" im Besitze der "historischen Wahrheit" seien. Daher wird auf den Homepages der Holocaustleugner stets auch traditionelle antisemitische Literatur angepriesen, zum Teil noch aus dem vorigen Jahrhundert stammend, wie beispielsweise die "Protokolle der Weisen von Zion", ein in unzählige Sprachen übersetztes übles Pamphlet, das eine weltweite Verschwörung der Juden zur Erringung der Weltherrschaft behauptet. (14)

Die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird in "revisionistischer" Sichtweise nicht nur den Westalliierten, sondern auch einer "Kriegserklärung des Weltjudentums" angelastet. Dabei beziehen sich die "Revisionisten" auf den Bericht einer englischen Tageszeitung, die unter der Überschrift "Judea declares War on Germany" am 24. März 1933 ihre Leser "über Proteste und Androhungen von Boykottmaßnahmen englischer und amerikanischer Juden als Gegenreaktion gegen antijüdische Aktionen der Nationalsozialisten" (15) informierte, sowie auf einen in der britischen Zeitung Times veröffentlichten Brief des Präsidenten des Zionistischen Weltkongresses und Leiters der Jewish Agency for Palestine Chaim Weizmann. Darin erklärte Weizmann, als Reaktion auf die antijüdischen Maßnahmen in Hitlerdeutschland, daß im Konfliktfall "die Juden bei Großbritannien stehen und an der Seite der Demokratien kämpfen werden". (16) Mit dieser angeblichen jüdischen Kriegserklärung werden antijüdische Maßnahmen des NS-Regimes, etwa die Deportation der Juden in Konzentrationslager, von "Revisionisten" und Rechtsextremen gerechtfertigt. Denn als "Feindnation" des "Dritten Reiches" hätten die Juden eben mit Internierung zu rechnen gehabt. Damit wird letztlich behauptet, daß die Juden "zumindest teilweise selbst schuld" an ihrem Schicksal gewesen seien - eine Argumentation, die weit über den Kreis des Rechtsextremismus hinaus Anhänger findet. So stimmte beispielsweise in einer 1991 vom Gallup-Institut durchgeführten Studie die Hälfte der Befragten einer solchen Behauptung zu. (17)

Zentralen Stellenwert innerhalb der "revisionistischen" Propaganda nimmt seit den siebziger Jahren die Leugnung der Massenmorde mittels Giftgas ein, wobei sich die Argumentation vorwiegend auf die Verbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz - das zum Symbol für die Massenmorde an den Juden geworden ist - konzentriert. Der Titel einer Broschüre des mittlerweile verstorbenen ehemaligen SS-Mannes und Neonazis Thies Christophersen, "Die Auschwitz-Lüge", wurde zum Synonym für die rechtsextreme und neonazistische Leugnung des Holocaust.

Die Leugnung und Verharmlosung der gegen Juden gerichteten nationalsozialistischen Gewaltverbrechen beinhaltet knapp gefaßt die folgenden Argumentationslinien:

  • die Leugnung der Absicht und Planmäßigkeit der Ausrottung der Juden ausschließlich wegen deren behaupteter Rassezugehörigkeit,

  • die Leugnung des Gebrauchs und der Funktionsfähigkeit von Gaskammern zur planmäßigen, industriell durchgeführten Ermordung der Juden sowie Zweifel an der technischen Durchführbarkeit der massenhaften Leichenverbrennung, (18)

  • Zweifel an der Zahl der Opfer, die in immer neuen Varianten vorgebracht werden. (19)
Die Auffassung, Verbrechen an den Juden wären nur die Taten untergeordneter Funktionäre des NS-Staates gewesen, führende Nationalsozialisten wie Hitler oder Heß hätten davon nichts gewußt, ist in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten. Ebenso haben die Zweifel an der Echtheit des Tagebuchs der Anne Frank an Bedeutung verloren, seit eine umfangreiche Studie des Niederländischen Staatlichen Instituts für Kriegsdokumentation die Authentizität der Tagebücher zweifelsfrei nachweisen konnte. (20) Vergleichsweise neu hingegen sind Versuche der "Revisionisten", selbst andere antijüdische Maßnahmen, wie beispielsweise die Verbrechen im Rahmen des Novemberpogroms 1938, in Frage zu stellen. (21)

Für Österreich und die zeitgeschichtliche Bildungsarbeit unter Jugendlichen spielt die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich eine wichtige Rolle. Es verwundert daher nicht, daß der österreichische Neonazi Gerd Honsik oder der nur vorübergehend in der "Revisionisten"-Szene wichtig gewesene Emil Lachout sich bemühen, die Morde mittels Giftgas in Mauthausen in Abrede zu stellen. Unterstützung erhielten sie dabei durch den selbsternannten US-Gaskammerexperten Fred Leuchter, der auch einen "Bericht" über Mauthausen verfaßte. (22)

Methoden des "Revisionismus" (23)

Während in der Nachkriegszeit vor allem mit angeblichen "Erinnerungen" oder geschönten Autobiographien die Verharmlosung des Nationalsozialismus betrieben wurde, (24) hat sich seither eine ganze Reihe von "revisionistischen" Methoden etabliert. Vor allem sind die Apologeten des Nationalsozialismus bemüht, sich den Anschein seriöser Wissenschaftlichkeit zu geben. Dazu werden die Publikationen mit einem auf den ersten Blick beeindruckenden Anmerkungsapparat ausgestattet, der einerseits meist zahlreiche, aber oft aus dem Zusammenhang gerissene Zitate anerkannter Historiker aufweist, andererseits aber seine Substanz aus dem wechselweisen Zitieren anderer "Revisionisten" bezieht. Gerne werden auch unüberprüfbare Dokumente oder Zeugenaussagen als "Beweise" angeführt. Ein wichtiges Moment "revisionistischer" Argumentationstechnik ist das Heraussuchen eines unklaren oder vorgeblich falschen Details, anhand dessen dann ein ganzer Bereich in Frage gestellt oder die gesamte Glaubwürdigkeit eines Zeugen oder Wissenschafters angezweifelt wird. Alle über dieses Detail hinausgehende seriöse Information wird einfach weggelassen, sodaß für einen uninformierten Leser der Eindruck entsteht, als ob wirklich nur dieses eine zweifelhafte Beweisstück vorhanden wäre, um die Tatsächlichkeit z. B. des Holocaust zu untermauern.

Grob können die Arten "revisionistischer" Propaganda folgendermaßen kategorisiert werden:

a) die einfache Leugnung, die ohne wissenschaftliche oder seriöse Verbrämung die Massenmorde in den Konzentrationslagern einfach in Abrede stellt; dazu gehört z. B. Gerd Honsiks Buch "Freispruch für Hitler? 37 ungehörte Zeugen wider die Gaskammer";

b) die Herstellung gefälschter "Gegenbeweise", wie etwa die von Emil Lachout verbreiteten gefälschten "Dokumente" (25), die seit ihrem ersten Erscheinen 1987 beträchtlich an Aktualität eingebüßt haben; trotzdem ist Lachout seit einiger Zeit mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten;

c) die selektive und manipulative Interpretation historischer Quellen, wie sie der Brite David Irving betreibt, der mit historischem Material arbeitet, dieses jedoch entsprechend seinen Propagandathesen tendenziös auswählt und interpretiert; (26)

d) die Herstellung angeblich naturwissenschaftlicher "Gutachten".

Letztere stehen seit Ende der achtziger Jahre im Mittelpunkt der "revisionistischen" Propaganda europäischer und amerikanischer neonazistischer Gruppen. Als erstes derartiges "Gutachten" wurde der sogenannte "Leuchter-Bericht", ausgehend von Kanada, international verbreitet. (27) Der US-Amerikaner Fred Leuchter, selbsternannter Ingenieur ohne technische Ausbildung, (28) erstellte im Auftrag des kanadischen "Revisionisten" Ernst Zündel einen Bericht über die angebliche Unmöglichkeit von Menschentötungen mittels Giftgas in den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek.

Mittlerweile liegt eine Fülle von Literatur vor, die den "Leuchter-Bericht" und auch die folgenden von Leuchter verfaßten Elaborate eindeutig widerlegt und in den Bereich neonazistischer Propaganda verweist. (29) Die internationale "Revisionisten"-Szene reagierte prompt. Leuchter gilt heute als "Erfinder" der naturwissenschaftlichen Argumentationsweise; seine Behauptungen haben in der neuesten "revisionistischen" Literatur aber nur mehr untergeordnete Bedeutung. Er hat aber Nachahmer gefunden, darunter vor allem der deutsche Diplomchemiker Germar Rudolf (verehelichter Scheerer, Pseudonym Ernst Gauss), dessen "Untersuchungen" über die Verwendung von Zyklon B zur Menschentötung im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mittlerweile in einigen verschiedenen, jeweils angeblich "verbesserten" Fassungen vorliegen. (30) Rudolf wurde am 23. Juni 1995 wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhaß vom Landgericht Stuttgart zu 14 Monaten Haft verurteilt, (31) entzog sich jedoch der Bestrafung durch Flucht nach Spanien. Seither verbreitet er seine Machwerke bevorzugt über Internet.

In Österreich verfaßte 1991 der damalige Präsident der Bundesingenieurskammer Walter Lüftl, zu dieser Zeit gesuchter Gerichtsgutachter für Bautechnik, Stellungnahmen, worin er - von falschen Voraussetzungen ausgehend - die technische Möglichkeit der Menschentötung in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau bestritt. (32)

Lüftl selbst hält sich aus rechtlichen Gründen bedeckt - eine Voruntersuchung gegen ihn wurde unverständlicherweise von der Oberstaatsanwaltschaft Wien eingestellt -, seine Elaborate werden aber in der österreichischen und internationalen "revisionistischen" Literatur verbreitet. Insbesondere die Einstellung des Verfahrens gegen ihn wird als "Sieg" des "Revisionismus" gefeiert. (33)

Der "Revisionismus" in Österreich

Wie oben bereits ausgeführt, besteht ein weltumspannendes internationales Netzwerk des "Revisionismus", in dessen Rahmen auch österreichische Rechtsextreme und "Revisionisten" eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. Vor allem die vom Vorarlberger Neonazi Walter Ochensberger bis 1992 herausgegebene Zeitschrift Sieg erfüllte eine wichtige grenzüberschreitende kommunikative Funktion, die von Österreich und Deutschland über das übrige Westeuropa bis in die USA und Südafrika führte. (34)

Gerd Honsik, Herausgeber der neonazistischen Zeitschrift Halt und Verfasser mehrerer "revisionistischer" Bücher, entzog sich einer drohenden rechtskräftigen Verurteilung und Haftstrafe durch Flucht ins Ausland. Er fand bei Gesinnungsfreunden der spanischen CEDADE (Circulo Español de Amigos de Europa) in Barcelona ebenso Unterschlupf wie der aus Deutschland geflüchtete Alt- und Neonazi Otto Ernst Remer. (35)

Deutlich werden die gutfunktionierenden Kommunikationsnetze einerseits im durchorganisierten internationalen Versandhandel "revisionistischer" Produkte (36), andererseits vor allem dann, wenn es gilt, neue "revisionistische" Argumentationsmuster, Publikationen oder "Beweise" gegen den Holocaust zu verbreiten. Als der österreichische evangelische Religionslehrer Emil Lachout Ende 1987 ein angebliches "Dokument" in Umlauf brachte, worin die Existenz von Gaskammern in einer Reihe von Konzentrationslagern, darunter auch Mauthausen, bestritten wurde, avancierte er binnen kurzem zu einer international bekannten Persönlichkeit des "Revisionismus". Ebenso erlangte der oben erwähnte Walter Lüftl aufgrund seiner Behauptungen und der Verfahrenseinstellung gegen ihn rasch Berühmtheit in der internationalen "Revisionisten"-Szene.

In Österreich bieten Blätter so gut wie aller rechtsextremer Gruppierungen "revisionistischen" Argumenten Raum. Die sich an ein eher intellektuelles Publikum wendende Aula (im Eigentum der Arbeitsgemeinschaft Freiheitlicher Akademiker Österreichs) veröffentlichte einen Artikel über die Verfahrenseinstellung gegen Walter Lüftl, worin sie sich Lüftls Argumentation zu eigen machte, wofür der Herausgeber der Zeitschrift Herwig Nachtmann 1995 wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz vom Landesgericht Graz verurteilt wurde. (37)

Über den engeren Kreis des Rechtsextremismus hinaus finden Verharmlosungen des Nationalsozialismus Raum in Blättern und Publikationen der Freiheitlichen (38), aber auch in der Neuen Kronen Zeitung, der mit Abstand meistgelesenen Tageszeitung Österreichs. Vor allem der Kommentator Richard Nimmerrichter (Staberl) verfaßte bereits mehrfach Artikel an der Grenze zum "Revisionismus". (39) In der österreichischen Bevölkerung finden "revisionistische" Positionen durchaus ein positives Echo. So stimmten in einer 1996 durchgeführten sozialwissenschaftlichen Untersuchung 20 Prozent der ÖsterreicherInnen der Behauptung zu, "hinsichtlich der Konzentrationslager und der Juden-Verfolgung wird sehr viel übertrieben". (40) Und 1995 meinten 28 Prozent der ÖsterreicherInnen, daß die Juden "den nationalsozialistischen Holocaust für ihre eigenen Absichten" ausnützten. (41)

Über die Auseinandersetzung mit dem "Revisionismus"

Die Notwendigkeit der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem "Revisionismus" ist unter Wissenschaftern nicht unumstritten. In einer ersten Reaktion auf derartige Pamphlete ist man stets geneigt, die oft absurden Behauptungen einfach zu negieren. Die Wissenschaft kann sich im Dienste von Demokratie und Vernunft aber nicht ihrer Aufgabe entziehen, wenn aus der Öffentlichkeit, insbesondere aus Lehrerkreisen, ihre Unterstützung gefordert wird.

Über die geeignete Strategie der Bekämpfung "revisionistischer" Geschichtsverzerrungen und Lügen gehen die Meinungen auseinander. Angesichts des auch international anwachsenden "Revisionismus" erschien seit Anfang der neunziger Jahre eine Reihe von Büchern, die versuchten, auf rationaler Ebene gegen die neonazistischen Propagandabehauptungen anzukämpfen. (42)

Das Vorgehen mit juristischen Mitteln, wie es etwa Österreich, Deutschland, Frankreich und Kanada versuchen, ist gleichfalls nicht unumstritten. Die österreichischen Erfahrungen der letzten Jahre weisen jedoch auf gewisse Erfolge legistischer und gerichtlicher Maßnahmen hin. Die Verurteilungen mehrerer neonazistischer Aktivisten, darunter die oben erwähnten Zeitungsherausgeber Walter Ochensberger (Sieg) und Gerd Honsik (Halt), bewirkten einen deutlichen Rückgang neonazistischer und "revisionistischer" Publizistik in Österreich. Keine Handhabe bieten Gesetze aber derzeit gegen die Verbreitung "revisionistischer" und rassistischer Propaganda mit Hilfe internationaler Computernetzwerke.

Die manchmal gehörte, auch vom immer weiter nach rechts abdriftenden Fachhistoriker Ernst Nolte vertretene Klassifizierung des "Revisionismus" als diskutierenswerte "abweichende Meinung" verkennt dessen zentrale Komponente: Es geht nicht um Meinung oder Wissenschaft, auch wenn die "Revisionisten" selbst diese Argumente gerne ins Treffen führen, sondern um die eindeutig politisch motivierte Leugnung geschichtlicher Tatsachen und des millionenfachen Leidens der Opfer und deren Hinterbliebener. Damit weist die Holocaustleugnung eine gänzlich andere Qualität auf als jede einfache Meinungsäußerung oder wissenschaftlich fundierte These. Insbesondere die Achtung gegenüber den Opfern des Holocaust gebietet unseres Erachtens die vehemente Zurückweisung jeder dieser Geschichtslügen. Denn neben deren politischen Implikationen darf nicht übersehen werden, daß damit die Toten und die Überlebenden der NS-Verfolgungen zutiefst verletzt werden. Letztlich verunglimpfen und verhöhnen die "Revisionisten" die Trauer aller jener Menschen, die Eltern, Kinder, Freunde, andere Verwandte durch die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen verloren haben.

Anmerkungen

(1) So veröffentlichte der Franzose Maurice Bardèche bereits 1947 und 1948 "revisionistische" Literatur. Vgl. Anne Frank Stichting, The Extreme Right in Europe and the United States, International Seminar November 1984, Amsterdam 1985, S. 18 f.; Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994, S. 72 ff.


(3) Vgl. beispielsweise: Lipstadt, Betrifft: Leugnen, S. 38 ff.; Shelly Shapiro (ed.), Truth Prevails. Demolishing Holocaust-Denial: the end of "The Leuchter-Report", New York 1990, S. 1.

(4) Vgl. den Beitrag von Juliane Wetzel im vorliegenden Band.

(5) Ein Beispiel dafür ist Dipl. Ing. Walter Lüftl.

(6) Vgl. Anti-Defamation League (ed.), Hitlers Apologists. The Anti-Semitic Propaganda of Holocaust "Revisionism", New York 1993.

(7) Zur Entwicklung vgl. neben Lipstadt, Betrifft: Leugnen, auch Hermann Graml, Alte und neue Apologeten Hitlers, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Rechtsextremismus in Deutschland. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen, Frankfurt am Main 1994, S. 30-66, sowie Benz, "Revisionismus".

(8) Vgl. Gerd Ueberschär, Das "Unternehmen Barbarossa" gegen die Sowjetunion - ein Präventivkrieg? Zur Wiederbelebung der alten Rechtfertigungsversuche des deutschen Überfalls auf die UdSSR 1941, in: Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und "Auschwitzlüge", S. 163-182.

(9) Zu Heß vgl. Brigitte Emmerer, Heß Englandflug, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Legenden Lügen Vorurteile, 3. Aufl. München 1993, S. 94 f.

(10) Zu Bacque vgl. Rolf Steininger, Kriegsgefangenschaft, in: Benz (Hrsg.), Legenden, S. 126 ff.; ausführlich: Günter Bischof/Stephen E. Ambrose (ed.), Eisenhower and the German POWs. Facts against Falsehood, Louisiana 1992.

(11) Neue Freie Zeitung, 15. 1. 1992. Zur Entlastungsfunktion derartiger Haider-Auftritte vgl. Harald Goldmann/Hannes Krall/Klaus Ottomeyer, Jörg Haider und sein Publikum. Eine sozialpsychologische Studie, Klagenfurt/Celovec 1992.

(12) Videoaufnahme einer K IV-Veranstaltung in Krumpendorf, Kärnten, 30. 9. 1995.

(13) Brigitte Bailer, Die sogenannte "Auschwitz-Lüge" - neue Ausdrucksform für althergebrachten Antisemitismus, in: Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen, hrsg. v. Jüdischem Museum der Stadt Wien, Wien 1995, S. 360-365; vgl. auch den Beitrag von Juliane Wetzel im vorliegenden Band.

(14) Vgl. Béla Rásky, Plagiierte Höllendialoge. Die Fälschungs- und Wirkungsgeschichte der "Protokolle der Weisen von Zion", in: Die Macht der Bilder, S. 264-271.

(15) Hellmuth Auerbach, "Kriegserklärungen" der Juden an Deutschland, in: Benz (Hrsg.), Legenden, S. 122.

(16) Ebenda, S. 118 f.

(17) Österreichisches Gallup-Institut/Dr. Karmasin Marktforschung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Präsentation der Ergebnisse einer international vergleichenden Repräsentativbefragung in Österreich anläßlich einer Pressekonferenz am 24. 10. 1991 im Presseclub Concordia.

(18) Vgl. Josef Bailer, Die "Revisionisten" und die Chemie, in: Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und "Auschwitzlüge", S. 99-118.

(19) Vgl. Wolfgang Benz, Die "Auschwitz-Lüge", in: Rolf Steininger (Hrsg.), Der Umgang mit dem Holocaust. Europa-USA-Israel, Wien-Köln-Weimar 1994, S. 103-115 (Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, Jüdisches Museum Hohenems, Bd. 1).

(20) Vgl. Brigitte Bailer-Galanda, Das Tagebuch der Anne Frank, in: Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und "Auschwitzlüge", S. 152-156.

(21) Vgl. Udo Walendy, Aspekte jüdischen Lebens im Dritten Reich, II. Teil, Historische Tatsachen 62/1994.

(22) Der zweite Leuchter-Report. Dachau, Mauthausen, Hartheim, o. O., 15. Juni 1989.

(23) Vgl. ausführlich Gustav Spann, Methoden rechtsextremer Tendenzgeschichtsschrei-bung und Propaganda, in: Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und "Auschwitzlüge", S. 46-67.

(24) Vgl. ausführlich Graml, Apologeten Hitlers.

(25) Vgl. Das Lachout-"Dokument". Anatomie einer Fälschung, hrsg. v. Dokumentations-archiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1989

(26) Zu den Methoden Irvings vgl. Martin Broszat, Hitler und die Genesis der "Endlösung". Aus Anlaß der Thesen von David Irving, in: ders., Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte, München 1986; Spann, Methoden.

(27) Vgl. die ausführliche Auseinandersetzung in: Amoklauf gegen die Wirklichkeit. NS-Verbrechen und "revisionistische" Geschichtsschreibung, hrsg. v. Bundesministerium für Unterricht und Kunst/Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1991, S. 41-70.

(28) Mittlerweile mußte Leuchter öffentlich zugeben, den Titel "Ingenieur" (engineer) unrechtmäßig geführt zu haben. Er vertreibt in den USA selbstentworfene Hinrichtungsvorrichtungen, das Illinois Department of Corrections kündigte 1990 den Vertrag mit ihm.
Washington Post, 18. 6. 1991; Special Edition. A periodic update from the Anti-Defamation League of B'nai B'rith - Civil Rights Division, January 1991. (29) Jean-Claude Pressac, Auschwitz. Technique and Operations of the Gas Chambers, New York 1989; Shapiro, Truth Prevails; Werner Wegner, Keine Massenvergasungen in Auschwitz? Zur Kritik des Leuchter-Gutachtens, sowie Josef Bailer, Der Leuchter-Bericht aus der Sicht eines Chemikers, beide in: Amoklauf, S. 53-66 bzw. S. 47-52.

(30) Germar Rudolf, Gutachten über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbin-dungen in den Gaskammern von Auschwitz, o. J.; Rüdiger Kammerer/Armin Solms (Hrsg.), Wissenschaftlicher Erdrutsch durch "Das Rudolf Gutachten". Eine Besprechung des "Gutachtens über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbindungen in den 'Gaskammern' von Auschwitz" sowie weiterer neuer Forschungsergebnisse um den "Holocaust", London 1993; eine weitere, um vieles ausführlichere Fassung mit demselben Titel wie die erste wurde von Otto Ernst Remer verbreitet. Die letzte Fassung erschien in: Ernst Gauss (Hrsg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte. Ein Handbuch über strittige Fragen des 20. Jahrhunderts, Tübingen 1994, S. 249-279.

(31) blick nach rechts, 28. 6. 1995.

(32) Lüftl mußte - nachdem er als Verfasser des in "Halt" veröffentlichten "Gutachtens" bekannt geworden war - seine Funktion als Präsident zurücklegen. Siehe dazu: Wirtschaftswoche 11/1992; Kleine Zeitung, 14. 3. 1992. Zur Auseinandersetzung mit seiner Argumentation vgl. Josef Bailer, Die "Revisionisten".

(33) Aula 7-8/1994; fakten 32/1994; Deutschland in Geschichte und Gegenwart 3/1994; Informationsdienst/Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Freie Publizistik 3/1994 u. a.

(34) Vgl. die große Zahl von Kontakten, die in Sieg immer wieder genannt werden: Brigitte Bailer/Wolfgang Neugebauer, Rechtsextreme Vereine, Parteien, Zeitschriften, informelle/illegale Gruppen, in: Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, aktual. und erweiterte Aufl. Wien 1994, S. 240-243.

(35) Halt 71/1994.

(36) Vor allem Ernst Zündels Samisdat Verlag nimmt hier eine führende Rolle ein. Dieser versendet Videofilme mit Aussagen deutscher, französischer und amerikanischer "Revisionisten" ebenso wie eine Vielzahl "revisionistischer" Publikationen.

(37) Das Urteil ist seit Frühjahr 1996 rechtskräftig.

(38) Vor allem die Kärntner FPÖ-Zeitung Kärntner Nachrichten trat hier in der Vergangenheit hervor. Das von den Freiheitlichen herausgegebene "Jahrbuch für politische Erneuerung 1995" enthält gleichfalls einschlägige Passagen, wenn beispielsweise der bekannte NS-Apologet Alfred Schickel für die Abschaffung seiner Meinung nach die Wissenschaftsfreiheit einschränkender Gesetze und Tabus eintritt.

(39) Neue Kronen Zeitung, 10. 5. 1992. Vgl. Gerhard Botz, "Neonazismus ohne Neonazi?" Inszenierte NS-Apologetik in der "Neuen Kronen Zeitung", in: Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, S. 595-615.

(40) Kurier, 23. 9. 1997.

(41) Einstellung der Österreicher zu Juden und dem Holocaust. Studie von Dr. Karmasin Marktforschung. Österreichisches Gallup-Institut 17. 1.-1. 3. 1995 (vervielfältigter Bericht).

(42) So z. B. Eugen Kogon/Hermann Langbein/Adalbert Rückerl (Hrsg.), National-sozialistische Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation, Frankfurt am Main 1983; Benz (Hrsg.), Legenden; Amoklauf; Bailer-Galanda/Benz/Neugebauer (Hrsg.), Wahrheit und "Auschwitzlüge", in einer erweiterten deutschen Lizenzausgabe unter dem Titel "Die 'Auschwitzleugner'", Berlin 1996; sowie eine Reihe weiterer in Deutschland erschienener Publikationen und eine Fülle von Arbeiten, die diese Frage im größeren Zusammenhang von Rechtsextremismus und Neonazismus abhandelt.


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