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Brigitte Bailer-Galanda
Seriöse Historiographie gegen die Mythen des kanadischen
"Revisionisten" James Bacque - eine Buchbesprechung (1)
(Aus: Jahrbuch 1997. Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes, Wien 1997, S. 111-117)
Der kanadische Journalist James Bacque erregte mit seinem 1989
zuerst in Toronto, Kanada, noch im selben Jahr auch in deutscher
Übersetzung im Ullstein-Verlag erschienenen Buch "Other
Losses" ("Der geplante Tod") (2) sowohl im
englischen als auch im deutschen Sprachraum beträchtliches
Aufsehen. Er behauptete darin, der spätere Präsident der USA
und damalige General Dwight D. Eisenhower als Person bzw. die
amerikanischen und französischen Streitkräfte als Institutionen
wären verantwortlich für den durch Nahrungsmangel und
Krankheiten absichtlich herbeigeführten Tod von 800.000 bis 1
Million deutscher Kriegsgefangener.
Während französische Journalisten sehr rasch die
Ungereimtheiten und Fehler in Bacques Arbeit aufdeckten (3),
nahmen selbst renommierte deutsche Zeitungen die Thesen des
Kanadiers durchaus ernst und sahen das Buch als seriöse
historische Arbeit an. (4) Mit seinem Buch gelang dem Kanadier
wohl als erstem "Revisionisten" zumindest kurzfristig
die Anerkennung durch die öffentliche Meinung. Aber er hatte
auch - mit viel feinerer Klinge als die plumpe Holocaustleugnung
oder NS-Apologetik und deutlich schwerer zu durchschauen - mit
seinen Thesen das uneingestandene Bedürfnis vieler Deutscher und
Österreicher angesprochen, das Erinnern an die
nationalsozialistischen Gewaltverbrechen durch Gegenrechnung mit
kriegsrechtlichen Verstößen der Alliierten erträglicher zu
machen, frei nach dem Motto: Im Krieg kommt es unweigerlich zu
Greueltaten, alle Beteiligten am Zweiten Weltkrieg haben Schuld
abzutragen.
In Österreich wurde Bacques These vom absichtlich
herbeigeführten massenhaften Tod deutscher Soldaten -
mittlerweile längst als unwissenschaftlich und unhaltbar
entlarvt - zuletzt 1996 in der tagespolitischen
Auseinandersetzung um die Toten an der oberösterreichischen
Kraftwerksbaustelle Lambach von Gerd Leitgeb in täglich Alles
ins Spiel gebracht, unter ausdrücklicher Berufung auf das Buch
des Kanadiers. Leitgeb beendete seinen Artikel mit der
Feststellung, daß die Aufarbeitung alliierter Untaten
"nicht ins Geschichtsbild linker Zeitungsschreiber, die an
der Weltkriegs- bzw. Soldatengeneration kein gutes Haar lassen
wollen", passe. (5) Mit diesem Satz wird klar, in welche
Richtung die Rezeption von Bacques Arbeit lief.
Das Eisenhower Center an der University of New Orleans stellte
bereits 1990 im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung die
sensationellen Anschuldigungen Bacques der historischen Realität
der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte gegenüber und publizierte
1992 die Ergebnisse der Konferenz in dem umfassenden Sammelband
Eisenhower and the German POWs. Facts against Falsehood,
herausgegeben von Günter Bischof und Stephen E. Ambrose, der im
folgenden besprochen bzw. knapp referiert wird, schon um auch dem
nicht englischsprachigen österreichischen Publikum einen
Teileinblick in den Inhalt zu ermöglichen.
Europa zu Kriegsende
General Dwight D. Eisenhower, Kommandant der Supreme
Headquarters, Allied Expeditionary Force (SHAEF), sah sich zu
Kriegsende in Europa einer unübersichtlichen, von
Massenmigration, Hunger und großflächigen Kriegszerstörungen
geprägten Situation gegenüber, wie die Herausgeber des
Sammelbandes in ihrer Einleitung feststellen. In Deutschland und
Österreich zusammen befanden sich mehrere Millionen Displaced
Persons, darunter zahlreiche Überlebende der
nationalsozialistischen Konzentrationslager, die versorgt werden
mußten. Dazu strömten 10 bis 13 Millionen Flüchtlinge aus dem
Osten des Deutschen Reiches in den Westen, so daß auf dem Gebiet
Westdeutschlands eine große Zahl zusätzlicher Menschen zu
versorgen war - ein Umstand, den Bacque mit seiner Behauptung,
die deutsche Bevölkerung sei 1945 um 4 Prozent kleiner gewesen
als 1939, und daher habe es keine Ernährungsprobleme geben
können, geflissentlich negiert. James F. Tent weist in seinem
Beitrag detailreich nach, daß Nahrungsmangel, verschärft durch
Transportprobleme, nicht nur für Deutschland, sondern für ganz
Westeuropa ein ungeheures Problem darstellte, das dringend einer
Lösung bedurfte, nicht zuletzt um möglichen politischen Krisen
vorzubeugen. Ein 1945 auftretender weltweiter Lebensmittelmangel
verschärfte die Situation zusätzlich. Tent zitierte eine von
Herbert Hoover, dem Vorsitzenden des Famine Emergency Committee,
im Auftrag von US-Präsident Truman durchgeführte Erhebung, die
einen weltweiten Importbedarf (die USA ausgenommen) von 14,5
Millionen Tonnen Getreide für 1946 ergab, zur Verfügung standen
jedoch nur 10,9 Millionen Tonnen.
Die von Bacque postulierte, angeblich zum Überleben notwendige
tägliche Mindestration von 2000 Kalorien wurde schon vor
Kriegsende weder in Deutschland noch in den befreiten Ländern
Westeuropas erreicht. Vor allem auf dem Gebiet des Deutschen
Reiches fiel die landwirtschaftliche Produktion infolge von
Arbeitskräfte- und Düngemittelmangel um 20 bis 30 Prozent
gegenüber den Vorkriegswerten. Die Unterordnung der gesamten
Wirtschaft unter die Rüstungserfordernisse sowie die Strategie
der "verbrannten Erde", die Hitler noch in den letzten
Kriegswochen durchzusetzen suchte, und ab Mai 1945 zusätzlicher
Mangel an Arbeitskräften taten das Ihre zur eklatanten
Nahrungsmittelknappheit. Brian Loring Villa weist in seiner
Untersuchung des politischen und diplomatischen Umfelds der
Kriegsgefangenenlager auf die politischen Gegebenheiten hin, die
die USA und Großbritannien veranlaßten, angesichts des
allgemeinen Mangels zuerst die mit ihnen verbündeten
westeuropäischen Staaten mit Hilfslieferungen zu unterstützen,
bevor an Nahrungsmitteltransporte in das so mühsam
niedergerungene Deutschland gedacht werden konnte.
Die Kriegsgefangenen
Der größte Teil des Sammelbandes (Beiträge von Brian Loring
Villa, Albert E. Cowdrey, Rüdiger Overmans, Rolf Steininger)
beleuchtet die Situation der deutschen Kriegsgefangenen, deren
Zahl sowie die Zahl der Todesfälle in den amerikanischen
Kriegsgefangenenlagern.
Bis Anfang Mai 1945 waren rund 5 Millionen ehemalige
Wehrmachtsangehörige von US-Truppen gefangen genommen worden.
Diese Masse von zu verwahrenden Menschen stellte SHAEF vor
beträchtliche organisatorische Probleme. Vor allem entlang des
Rheins wurden die Gefangenen in rasch improvisierte Gehege, die
sogenannten Rheinwiesenlager, gesperrt, ohne ausreichende
sanitäre Einrichtungen, ohne Unterkünfte, so daß Tausende
ehemalige Soldaten über Wochen hinweg unter freiem Himmel leben
mußten, bei tatsächlich sehr ungenügender Ernährung. (6) In
den meisten anderen Lagern war die Lage der Kriegsgefangenen
deutlich besser. Die Ursachen dieser teilweise unmenschlichen
Situation am Rhein lag aber nicht bei der von Bacque
unterstellten mörderischen Absicht Eisenhowers, sondern im Vor-
und Umfeld dieser Gefangennahmen. SHAEF selbst, nur mangelhaft
vorbereitet, wurde von der großen Zahl der plötzlich zu
versorgenden Menschen überrascht. Wie oben ausgeführt, standen
selbst für die Zivilbevölkerung in Deutschland so wie in ganz
Westeuropa nur unzureichende Mengen an Lebensmitteln zur
Verfügung, so daß nicht daran zu denken war, die Millionen
deutscher Kriegsgefangener entsprechend der Genfer Konvention mit
denselben Rationen zu versorgen, die den Truppen der Alliierten
zur Verfügung standen. Dieser Umstand sowie die seit der
Konferenz von Casablanca festgelegten und danach noch
verschärften Richtlinien zur Behandlung des besiegten Deutschen
Reiches stellten den Hintergrund für die Nichtzuerkennung des
Kriegsgefangenenstatus an die Deutschen dar. Anstatt dessen
wurden sie - entsprechend Weisungen der Combined Chiefs of Staff
(CCS) und der Direktiven der European Advisory Commission (EAC) -
im amerikanischen Bereich zu "disarmed enemy forces"
(DEFs), im britischen Bereich zu "surrendered enemy
personnel" (SEP) erklärt. Der EAC gehörte auch die
Sowjetunion als Mitglied an, die sich stets geweigert hatte, die
Genfer Konvention zu unterzeichnen, wodurch sich auch hier
nochmals Schwierigkeiten bei der Zuerkennung des
Kriegsgefangenenstatus ergaben. Die Briten, Franzosen und
Norweger wiederum wollten wie die Sowjets deutsche
Kriegsgefangene als eine Art von Reparation als Zwangsarbeiter
einsetzen und führten dieses Vorhaben nach Kriegsende auch durch
- ein Vorgehen, das mit den Vorschriften der Genfer Konvention
unvereinbar war. Von einer Alleinverantwortung Eisenhowers, der
an die Anordnungen von EAC und CCS gebunden war, zu sprechen, wie
Bacque dies tut, kann nur durch seine völlige Außerachtlassung
des historischen Kontext erklärt werden. Gleichzeitig erfolgten
alle diese Maßnahmen unter Mitwirkung Großbritanniens, während
Bacque meint, alle Verantwortung nur Amerikanern und Franzosen
zuschieben zu müssen. Eine rasche Entlassung des Hauptteils der
Kriegsgefangenen wurde von der Notwendigkeit zur Entnazifizierung
("screening") verhindert. Unter den Gefangenen befanden
sich unzählige ehemalige Nationalsozialisten sowie
Kriegsverbrecher, die durch Befragungen festgestellt werden
sollten. Die Grundlage der Durchkämmungspolitik nach
Nationalsozialisten lag in der Weisung der Joint Chiefs of Staff
(JCS) 1067 vom 26. April 1945, die die Grundlage für die
alliierte Besatzungspolitik in Westdeutschland darstellte und die
unter anderem automatischen Arrest für ehemalige
Nationalsozialisten forderte. Stephen E. Ambrose geht in seinem
Beitrag diesem Spannungsfeld, in dessen Rahmen Eisenhower
agierte, nach und macht deutlich, daß von einer
Alleinverantwortung des Chefs von SHAEF in keiner Weise
gesprochen werden kann.
Über die Zahl der Kriegsgefangenen wurde in den Lagern Statistik
geführt. Alle jene, die vorzeitig entlassen wurden, wie
Volkssturmangehörige, die ohne formales Verfahren freigelassen
wurden, in andere Lager überstellte Gefangene oder Geflüchtete
wurden in diesen Statistiken unter der Sammelkategorie
"other losses" ("andere Verluste")
zusammengefaßt. Bacque legt seiner Arbeit die (bewußte?)
Mißinterpretation dieser Kategorie als angebliche Verschleierung
von Todesfällen zugrunde, was ihn - neben anderen Fehlern - zur
Annahme von rund einer Million vertuschter Toter führt. Albert
E. Cowdrey untersucht in seinem Beitrag die Statistiken über die
Zahl der Kriegsgefangenen penibel und beweist zusätzliche
gravierende Fehler Bacques in der Auswertung der Tabellen, wie
beispielsweise einer Reihe schlichter Rechenfehler oder
grundlegend falscher Annahmen. So rechnet Bacque aus der
Todesrate in den schlechtesten Lagern, nämlich den
Rheinwiesenlagern, für die schlechteste Zeit, nämlich die
ersten Wochen nach Kriegsende, auf alle Lager und auf die gesamte
Dauer der Kriegsgefangenschaft hoch, was ihn zusätzlich zu
völlig verzerrten Prozentsätzen von Todesfällen führt. Er
negiert die im Herbst einsetzenden Hilfslieferungen zur
Verbesserung der Lage der Gefangenen auch in den französischen
Lagern ebenso wie das von den Deutschen selbst verursache
Mißmanagement in den Lagern.
Unter den äußerst schlechten Bedingungen vor allem der ersten
Wochen nach Kriegsende starben zahlreiche von den Kampfhandlungen
und zuvor schon wegen schlechter Ernährung geschwächte
Kriegsgefangene. Aus Angaben des Roten Kreuzes über die Zahl der
Vermißten und offiziellen amerikanischen Berichten kommt Cowdrey
zum Schluß, daß die Zahl der nicht-registrierten Todesfälle
56.285 nicht überstiegen haben kann. Dies wäre rund 1,1 Prozent
der Gesamtzahl der Kriegsgefangenen in amerikanischer Hand. In
dieser Maximalzahl sind jedoch auch alle jene enthalten, die noch
während der letzten Kampfhandlungen ums Leben kamen und nirgends
registriert wurden, so daß das Ausmaß der tatsächlichen
Todesfälle in amerikanischer Kriegsgefangenschaft deutlich
niedriger anzusetzen ist.
1957 installierte das deutsche Bundesministerium für
Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte die
Wissenschaftliche Kommission für deutsche
Kriegsgefangenengeschichte, zu deren Leiter Dr. Erich Maschke
bestimmt wurde. Die Arbeit der Kommission dauerte 16 Jahre und
mündete in einer 22 Bände umfassenden Publikation. Aus Angst
vor einer Gefährdung der Ost-West-Beziehungen wurde nach
Veröffentlichung der ersten beiden Bände die weitere
Veröffentlichung von der deutschen Regierung eingestellt, und
statt dessen wurden die übrigen Bände nur einem
eingeschränkten Personenkreis zugänglich gemacht, neben
Regierungsstellen auch Universitätsbibliotheken innerhalb und
außerhalb Deutschlands, so daß das interessierte Fachpublikum
stets über die Möglichkeit zur Nutzung dieser wertvollen
Dokumentation verfügte. Seit den siebziger Jahren ist der
Kommissionsbericht frei zugänglich. Die von rechtsextremer Seite
und auch von Bacque immer wieder aufgestellte Behauptung von
einer "Geheimhaltung" der Kommissionsergebnisse
entbehrt daher jeder Grundlage, wie Rolf Steininger nachweist.
Rüdiger Overmans stellt in seinem Aufsatz die Zahlenangaben der
Kommission anderen verfügbaren statistischen Quellen
(Volkszählungsergebnisse, Angaben des Roten Kreuzes, alliierte
Angaben u. a.) gegenüber und kommt zum Schluß, daß die
Ergebnisse der Kommission als zuverlässig angenommen werden
können, daß also von einer Vertuschung einer
"verschwundenen Million" durch Politiker und
Historiker, wie sie Bacque postuliert, nicht die Rede sein kann.
Bacques Vorgangsweise
Die letzten beiden Aufsätze des vorliegenden Sammelbandes
befassen sich mit Methoden der Pseudohistoriker. Thomas M. Barker
berichtet von einer "britischen Variante", nämlich dem
Versuch von Nikolai Tolstoy, hochrangige britische Offiziere im
Zusammenhang mit der Auslieferung der Kosaken an die Sowjetunion
und jugoslawischer Kollaborateure an Tito eines Kriegsverbrechens
zu bezichtigen. Sie hätten diese Auslieferung entgegen den
Anordnungen ihrer Vorgesetzten im Wissen durchgeführt, daß die
an Tito und Stalin übergebenen Menschen ihrem sicheren Tod
entgegengingen. Tolstoy wurde jedoch von einem der drei
Beschuldigten, Lord Aldington, in einem sensationellen Prozeß
erfolgreich geklagt.
Mit den Methoden und Fehlern Bacques beschäftigt sich Günter
Bischof. Diese Analyse stellt den kanadischen Autor auch in
seiner Methodik eindeutig in die Reihe der internationalen
"Revisionisten" (7), zu denen er bereits vor der
Publikation seines Buches Kontakt hatte. (8) Bischof faßt
Bacques Vorgehen in vier Punkten prägnant zusammen:
1. Obschon Bacque tatsächlich recherchierte, sind seine
Ergebnisse entweder überflüssig, weil bereits in der Literatur
bekannte Sachverhalte wiedergegeben werden, oder aber äußerst
selektiv. Er ignoriert eine Fülle bereits vorliegender Arbeiten
zu dem Thema - teilweise sogar im selben Verlag, nämlich
Ullstein, publiziert -, gleichzeitig ging er die vorhandenen
Primärquellen nur oberflächlich durch und benützte vor allem
jene, die seine Thesen bestätigten, wobei er vor selektiver
Zitation nicht zurückschreckt, d. h. ihn nicht bestätigende
Passagen wegläßt. Widersprüchliche Dokumente werden als
"gefälscht" denunziert.
2. Bacque begeht über weite Strecken gravierende Fehler in der
Interpretation der Quellen. Bischof schreibt dazu: "Eine
sorgfältige Überprüfung seiner [Bacques] Anmerkungen enthüllt
so viele Fehler, daß es schwierig ist, ihn ernst zu
nehmen." (S. 199)
3. Bacque ignoriert völlig den historischen Zusammenhang und die
Kausalität der von ihm behaupteten Vorgänge, was ihn zu
falschen Schlüssen und zur Konstruktion von "Fabeln"
(Bischof, ebenda) führt.
4. Bacque benützt Oral History unkritisch, selektiv und
unsorgfältig. So legte er als "Beweis" seiner Thesen
sowohl im Buch als auch in einem Leserbrief an Die Zeit (9) ein
Interview mit dem mittlerweile neunzigjährigen Colonel Lauben
vor, der nach 1945 unter anderem mit der Entlassung der
Kriegsgefangenen befaßt gewesen war. Der Kanadier legte Lauben
die Feststellung in den Mund, die Kategorie "other
losses" bedeute eine Kaschierung von Todesfällen. Im Rahmen
einer BBC-Sendung über Bacques Buch nahm Lauben diese Behauptung
zurück und stellte fest, daß diese Kategorie vor allem
Transfers in andere Lager umfaßte. In einem anderen Fall liegt
der Verdacht nahe, Bacque habe selbst ein Interview konstruiert.
Seine Interviewpartner und Zeugen wählte Bacque konsequent so
aus, daß sie seine Thesen stützten.
Bacque legt in seinem Buch implizit den Vergleich bzw. die
Aufrechnung der Kriegsgefangenenlager mit nationalsozialistischen
Konzentrationslagern nahe und begibt sich damit eindeutig in eine
"revisionistische" Tradition. Zuletzt fehlt es Bacque
nach Bischof auch am "common sense" - denn wie hätte 1
Million Leichen einfach verschwinden können?
Zusammenfassung
Der von Bischof und Ambrose herausgegebene Sammelband bietet
über die Widerlegung der Mythen eines James Bacque hinausgehend
eine Fülle wertvoller Informationen und neuer Erkenntnisse nicht
nur zur Erforschung der Kriegsgefangenschaft, sondern darüber
hinaus zur Geschichte der Nachkriegssituation in Deutschland und
Europa, zu alliierter Politik und zu Nachkriegskonzeptionen.
Bedauerlich ist, daß der Band nur in englischer Sprache vorliegt
und daher einem breiteren Publikum in Deutschland und Österreich
verschlossen bleibt. Eine Übersetzung ins Deutsche oder
zumindest eine deutschsprachige Zusammenfassung der wichtigsten
Ergebnisse wäre äußerst wünschenswert.
Anmerkungen
(1) Günter Bischof, Stephen E. Ambrose (ed.),
Eisenhower and the German POWs. Facts against Falsehood,
Louisiana University Press, 1992.
(2) James Bacque, Other Losses: An
Investigation into the Mass Deaths of German Prisoners at the
Hands of the French and the Americans after World War II, Toronto
1989, deutsche Ausgabe: Der geplante Tod. Deutsche
Kriegsgefangene in amerikanischen und französischen Lagern
1945-46, Frankfurt/M.-Berlin 1989.
(3) Siehe beispielsweise Gilles Perrault in Le
Monde Diplomatique, Dezember 1989; Selim Nassib in Libčration,
in deutscher Übersetzung in Frankfurter Rundschau, 27. 2. 1990.
(4) Der Spiegel, 2. 10. 1989; Die Zeit, 8. 12.
1989.
(5) täglich Alles, 10. 2. 1996.
(6) Vgl. dazu den nachstehenden Artikel von
Rüdiger Overmans, Die Rheinwiesenlager 1945.
(7) Vgl. dazu Gustav Spann, Methoden
rechtsextremer Tendenzgeschichtsschreibung und Propaganda, in:
Wahrheit und "Auschwitzlüge". Zur Bekämpfung
"revisionistischer" Propaganda, Hrsg. Brigitte
Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer, Wien 1995, S.
46-67.
(8) Anti-Defamation League (ed.), Hitler's
Apologists: The Anti-Semitic Propaganda of Holocaust
"Revisionism", New York 1993, S. 50.
(9) Die Zeit, 9. 3. 1990.

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