Heribert Schiedel/Martin Tröger

Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich

Der Jahreslagebericht 1994 des Innenministeriums erwähnt "zwei Wiener und eine Innsbrucker Burschenschaft (...) als Kaderschmiede nationaler und rechtsextremer Gesinnung" (1). Auch der deutsche Verfassungsschutz sieht sich 1996 veranlaßt, "Hinweisen auf rechtsextremistischen Aktivitäten in Burschenschaften auch künftig nachzugehen" (2). Laut Hamburger Verfassungsschutz scheinen innerhalb des deutsch-österreichischen Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB) jene "Kräfte an Gewicht zu gewinnen, die eine starke Affinität zum nationalistischen Lager aufweisen" (3). Namentliche Erwähnung findet dort die Wiener Burschenschaft Olympia. Der Innsbrucker Historiker Michael Gehler kommt zum Schluß, daß Österreichs Burschenschaften heute in Teilen von einer "bis ins Neonazistische reichenden Gesinnung" (4) geprägt seien.

Einer pauschalen Charakterisierung aller deutschnationalen Korporationen als rechtsextrem soll auch hier nicht das Wort geredet werden. Vielmehr müssen konkret Publikationen und Veranstaltungspolitik der jeweiligen Verbindung analysiert werden. Daneben ist die Anzahl von (ehemaligen) Neonazis und deren Stellenwert in den einzelnen Korporationen zu berücksichtigen. Über den Grad der Radikalität sagt auch die Mitgliedschaft in den Dachverbänden viel aus. So verließ beispielsweise das gemäßigtere Corps Symposion im Wintersemester 1983/84 den Wiener Korporationsring (WKR) aufgrund dessen "einseitiger Politisierung". Und als sich die berüchtigte Olympia Anfang 1996 anschickte, erneut den Vorsitz in der DB zu übernehmen, kehrten ihr einige gemäßigtere deutsche Burschenschaften den Rücken. Grundsätzlich findet die Bereitschaft seriöser KritikerInnen, das deutschnationale Korporationswesen differenziert zu betrachten, jedoch seitens nicht-rechtsextremer Verbindungen kaum eine Entsprechung: Korpsgeist und Bunkermentalität verhinderten bis dato weitgehend eine Ausdifferenzierung des Milieus. Somit sind auch jene gemäßigteren Korporationen, die immer noch gemeinsam mit rechtsextremen Burschenschaften in Dachverbänden organisiert sind, von der Kritik nicht auszunehmen.

Aktueller Stellenwert

Im Zuge der zu Beginn der 90er Jahre eingeleiteten Umstrukturierungsprozesse innerhalb des organisierten Rechtsextremismus kommt den deutschnationalen Korporationen neuer Stellenwert zu. Das martialische, offene Auftreten und die Agitation unter Jugendlichen (Skinheads, Hooligans etc.) wurde - nicht zuletzt angesichts behördlichen Druckes - zugunsten der ideologischen wie personellen Wühlarbeit weitgehend aufgegeben. Der Erfolg gesellschaftlicher Durchdringungsstrategien von Rechtsextremisten wird erleichtert durch den Charakter von Korporationen als männliche Solidargemeinschaften und Seilschaften. Daneben bieten sie aufgrund rigider Aufnahmekriterien (5) und zum Teil exklusiver Veranstaltungspolitik Schutz vor lästigen Einblicken. Neben der ideologischen Nähe zieht diese Schutzfunktion militante Rechtsextremisten auf die Buden der Burschenschaften, welche sich zum Auffangbecken entwickelt haben. Denn während sich zuvor Burschenschafter wie Gottfried Küssel, Gerd Honsik und Franz Radl jun. zunehmend von ihren Bünden entfernten oder von diesen unehrenhaft entlassen wurden, treten seit geraumer Zeit zum Teil amtsbekannte und verurteilte Neonazis verstärkt den Korporationen bei. Daß dies innerhalb der jeweiligen Verbindung nicht ohne jede Diskussion abgeht, soll hier nicht verschwiegen werden. Ob aber - wie gegenüber KritikerInnen dauernd behauptet - gerade die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft geeignet ist, resozialisierend und mäßigend zu wirken, muß bezweifelt werden.

Der Bedeutungszuwachs nationalfreiheitlicher Korporationen für den Rechtsextremismus läßt sich nicht zuletzt auf schon länger anhaltende Versuche zurückführen, diesen zu intellektualisieren. Eine vorschnelle Etikettierung des korporierten Milieus als "neurechts" erscheint dennoch nicht angebracht. Gerade die Burschenschaften zeigen sich weitgehend resistent gegenüber programmatischen Erneuerungen. Dies wird resignierend auch von Jürgen Hatzenbichler, einem prominenten Vertreter der modernisierungsbereiten Rechten, eingestanden. So meint der Kärntner Burschenschafter, daß die "Positionen der Alten Rechten (...) leider auch im Bereich der Korporationen vielfach noch heruntergeleiert (werden)" (6). Die historisch bedingte Radikalität des Deutschnationalismus in Österreich, die jede mäßigende Innovation im Rechtsextremismus sofort als Verrat am "deutschen" Gedanken erscheinen läßt, steht tatsächlich einem Abrücken von der "Alten Rechten" im Wege. Daneben binden Männertreue und Lebensbundprinzip die Generationen aneinander und verhindern eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zahlreicher "Alter Herren". So hält die Grazer Arminia das Andenken an Bundesbruder Ernst Kaltenbrunner, als einer der Haupttäter des NS-Vernichtungswerkes in Nürnberg hingerichtet, bis heute hoch. Der Euthanasiearzt und erste Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Irmfried Eberl, wird immer noch als "Alter Herr" der Innsbrucker Germania geführt. (7) Ein anderer Kriegsverbrecher, der zu lebenslanger Haft verurteilte Rudolf Heß, wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Doch erschöpft sich die Bedeutung der Burschenschaften nicht in der Funktion einer Kaderschmiede oder eines Auffangbeckens für den militanten Rechtsextremismus, auch die entliberalisierte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) rekrutiert ihr Führungspersonal wieder zu einem nicht geringen Teil im korporierten Milieu. Es waren vor allem die Angehörigen dieses Milieus, die Jörg Haider (pennale (i.e. Mittelschul-)Verbindung Albia, Bad Ischl und akad. B! Silvania, Wien) 1986 als FPÖ-Obmann durchsetzten. Als Folge der Eskalation rassistisch motivierter Gewalt Ende 1993 setzte seitens der FPÖ-Spitze jedoch eine gewisse Absetzbewegung vom eigenen korporierten Umfeld ein. Haider distanzierte sich im Frühsommer 1995 vom Burschenschafter-Zentralorgan Aula, das als vermeintlicher Stichwortgeber der Bekennerbriefschreiber aus der Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) ins Gerede gekommen war. Die im Sommer 1995 folgende Verurteilung des Aula-Verantwortlichen Herwig Nachtmann (Brixia, Innsbruck) nach NS-Verbotsgesetz tat das Ihrige, um die einst so engen Bande zwischen Aula und FPÖ zu lockern. Daß diese noch nicht ganz abgerissen sind, zeigt sich unter anderem in der Ende 1996 erfolgten Bestellung des Wiener FPÖ-Bezirksrates Elmar Dirnberger zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Aula-Verlagsgesellschaft.

Nachdem schon das von Haider verordnete Abrücken der FPÖ von jeder Deutschtümelei (8) auf Widerstand im Burschenschafter-Milieu gestoßen war, tat sich dieses auch in der jüngsten Programmdebatte hervor. Insbesondere der Passus vom "wehrhaften Christentum" erschien den Antiklerikalen in der Tradition eines Georg Ritter von Schönerer, bis heute "Ehrenbursch" zahlreicher Verbindungen, als Affront. Das selbstbewußte Auftreten der burschenschaftlich dominierten Wiener Landesgruppe und ihres jüngst verstorbenen Obmannes Rainer Pawkowicz (Aldania und Vandalia) in dieser Debatte zeigt die wachsende Macht des korporierten Milieus innerhalb der FPÖ an.

Der völkische Nationalismus als Zentrum burschenschaftlicher Weltanschauung

Im Mittelpunkt burschenschaftlichen Selbstverständnisses steht das völkische Menschen- und Weltbild, wie es im Zusammenhang der deutschen "Befreiungskriege" gegen die Heere Napoleons entworfen wurde. Basierend auf den Schriften von Fichte, Jahn, Fries und Arndt und in militanter Opposition zur aufgeklärten Idee der Nation als politischer Willensgemeinschaft, wurde das "Volk" zur "natürlichen Gemeinschaft" erhoben. Schon die Gründerväter der burschenschaftlichen Bewegung definierten ihr "deutsches Volk" in Abgrenzung zum "Judentum". Ausgestattet mit kollektiven Eigenschaften und Interessen, wurde das "Volk" daneben gegen das Individuum als politisches Subjekt konstruiert. Der völkische Antiliberalismus ordnet die irrationale Kategorie des "Volkes" jedem politischen Denken und Handeln über. Damit verbunden ist eine Geringschätzung des Individuums, welches sich voll und ganz den "volklichen Interessen" zu unterwerfen habe.

Die völkischen Burschenschaften lehnten schon lange vor dem Nationalsozialismus die Gleichsetzung von Staats- und Volksgrenzen, von Staatsbürgern und Angehörigen eines "Volkes" (später "Volksgenossen") ab. Im "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff", in welchem die "deutsche Nation unabhängig von staatlichen Grenzen (existiert)" (9) lebt diese Anschauung bis heute fort. Unter den gegenwärtigen politischen und rechtlichen Bedingungen ist der völkische Nationalismus nicht mehr unmittelbar in Forderungen nach einer neuerlichen "Wiedervereinigung" des "deutschen Volkes" übersetzbar. Das Ziel burschenschaftlichen Engagements in Österreich wird heute kryptisch damit umschrieben, "den Gedanken an die deutsche Einheit wachzuhalten" (10). Die Ablehnung der österreichischen Nation paart sich grundsätzlich mit einem Bekenntnis zur Eigenstaatlichkeit Österreichs. Gleichzeitig wird versucht, mit Hinweisen auf ein "Selbstbestimmungsrecht" und die Willkürlichkeit der gegenwärtigen Grenzen, die großdeutsche Idee wachzuhalten.

So heißt es in einer Vorstellung burschenschaftlicher Grundsätze auf der Internetseite der Oberösterreicher Germanen: "Unser Vaterland ist die angestammte kulturelle und geistige Heimat aller Deutschen, unabhängig von staatlichen Grenzen. Das Vaterland und seine kulturelle Identität auf der Basis des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu bewahren, lebendig zu erhalten und zu schützen, ist Pflicht jedes Deutschen." (11)

Der Olympe und FPÖ-Nationalrat Martin Graf: "Die heutigen Staatsgrenzen wurden willkürlich gezogen; das deutsche Volkstum muß sich frei in Europa entfalten können." (12)

Während die rassistischen und aggressiv-expansionistischen Implikationen des völkischen Prinzips heute lieber ausgeblendet werden, gleichzeitig jedoch weiter hinter ethnopluralistischen Konzepten der "kulturellen Vielfalt" und revanchistischen Forderungen hervorschimmern, setzt man nach wie vor offen auf die integrierende Kraft der antiliberalen Volksgemeinschaftsideologie. In der "Festschrift" der Olympia kommt daneben der irrationale, ja quasi-religiöse Gehalt völkischer Weltanschauung zum Ausdruck: "Dieser Glaube an die besondere Bestimmung und Bedeutung des Volkstums richtete sich gegen die übersteigerten individualistischen und weltbürgerlichen Tendenzen der Aufklärung. Man wußte oder fühlte zumindest, daß es der Gemeinschafts-Mythos ist, der der Gesellschaft ihren Zusammenhalt als Nation gibt. Der westliche Liberalismus aber, dessen Ideal die bloße individuelle Freiheit ist und der daher das menschliche Handeln auf die materielle Daseinsvorsorge beschränken will, zerstört die Gemeinschaft, indem er sie systematisch um ihre Tiefen-Dimension bringt." (13)

Erziehung zur "deutschen" Männlichkeit

Deutschnationalen Korporationen kommt seit dem späten 19. Jahrhundert die soziale Funktion einer männlichen Elitenreproduktionsstätte zu. In Uniformierung und stolzer Zurschaustellung der "Schmisse" heben sich nationalfreiheitlich Korporierte aus der Masse der Studierenden hervor. Die streng reglementierte und hierarchisierte Gemeinschaft auf den Verbindungshäusern erzieht daneben den einzelnen zu jenen Denk- und Verhaltensweisen, die gemeinhin autoritären Charakterstrukturen zugeschrieben werden.

Über das Erziehungsinstrument der Mensur werden nicht nur militärische Sekundärtugenden wie Tapferkeit oder Gehorsam eingeübt, sondern auch jene Härte und moralische Indifferenz, die der Soziologe Norbert Elias als "menschlichen Habitus ohne Mitleid" (14) beschrieb. In der affirmativen Behandlung der Mensur kommt die schon oben angedeutete Geringschätzung des Individuums zum Ausdruck: "Wird in einem Ritual absichtlich Blut vergossen, so bedeutet das in der Regel, daß der Wert, zu dessen Ehren das Blut fließt, höher geachtet wird als das Leben des Blutenden." (15) Als jener "Wert", dem das Leben des Einzelnen zu opfern ist, erscheint stets das (deutsche) "Vaterland".

Antisemitismus

Entgegen aller burschenschaftlichen Legenden, stellt der Antisemitismus ein konstituierendes Moment des Milieus dar. Bereits die "Urburschenschaft" von 1815 bestimmte, daß "nur ein Deutscher und Christ" Mitglied werden dürfe. 1820 verlangten Korporierte auf dem (geheimen) Burschentag in Dresden den Ausschluß der "vaterlandslosen Juden". In den folgenden Jahren kam es zu heftigen Debatten über einen derartigen "Arierparagraphen", wie er 1896 am Waidhofener Verbandstag von österreichischen Bünden schließlich auch formalisiert wurde. Die 1902 als Dachverband neugegründete DB verlieh in ihren Eisenacher Beschlüssen von 1920 der "Überzeugung" Ausdruck, "daß die ererbten Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden" (16).

Daß der Antisemitismus der Burschenschaften, der dem Nationalsozialismus vorausgriff, gerade in Österreich eine Kontinuität über 1945 hinaus aufweist, wird vereinzelt sogar von Angehörigen des Milieus eingeräumt. So weiß der deutschnational Korporierte Harald Seewann, daß "auch heute noch in der Auffassung einzelner die Waidhofener Beschlüsse nicht überwunden scheinen" (17). Tatsächlich verteidigten "deutsche" Burschenschafter in Österreich den "Arierparagraphen" auch nach 1945. In den 60er Jahren rühmten sich einzelne Verbindungen, "die jüdischen Elemente entfernt" zu haben oder "seit 1882 judenrein" (18) zu sein. Der "Pauk-Comment" der Wiener pennalen Waffenstudenten legte in SS 4 fest: "Genugtuungsfähig auf Schläger ist jeder ehrenhafte arische Mensch." (19)

Und die Innsbrucker Suevia argumentierte 1960 gegenüber gemäßigteren Kameraden: "Wir müssen (...) betonen, daß es für die Deutsche Burschenschaft in Österreich unmöglich ist, Nichtdeutsche aufzunehmen. Wir (...) stehen auf dem allein burschenschaftlichen Standpunkt, daß somit auch der Jude in der Burschenschaft keinen Platz hat." (20)

Angesichts eines derartigen Standpunktes überrascht es kaum, wenn man da auch mal Taten folgen läßt. So verwüsteten im November 1961 zwei Burschenschafter den jüdischen Friedhof in Innsbruck, einer der beiden zwängte seine Anschauung in holprige Reimform: "...der einzige Feind, den es wert ist zu hassen / und ihn unter Umständen auch zu vergasen / ist doch nur der ewige Jude, der heute / wie früher die dummen, weil ehrlichen Leute bestiehlt / und uns allen die Frischluft wegsaugt / nicht ahnend, daß er nur zum Einheizen taugt." (21)

Das Verhältnis zum Nationalsozialismus

Den "Anschluß", noch 1988 in einer von Herwig Nachtmann verantworteten Broschüre wiederholt als "Wiedervereinigung" bezeichnet (22), feierten die Burschenschaften mit dem Aufziehen von Hakenkreuzfahnen. Die Machteinsetzung der NSDAP wurde zuvor im Organ der DB bejubelt: "Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschaft von 1817 jahraus, jahrein an uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden." (23) Als Entlastungsargument führen Burschenschafter heute gerne an, ihre Verbindungen seien 1938 unter Zwang aufgelöst worden. Diese Behauptung hat seine Berechtigung nur für das katholische Verbandswesen, hingegen lösten sich auch die österreichischen Burschenschaften feierlich selbst auf und gliederten sich zum Großteil als "Kameradschaften" in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ein. Von gedrückter Stimmung angesichts dieses Schrittes ist zumindest bei der Olympia nichts zu bemerken: "Bei der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anläßlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen." (24)

Dennoch gehört die Behauptung, von den Nazis "verboten" worden zu sein, zum Standardrepertoire weißwaschender "Studentenhistoriker". Verboten wurden Burschenschaften in Österreich tatsächlich des öfteren - nur nicht 1938. Die Behörden lösten 1896 und danach einige jener Verbindungen auf, die sich das "Waidhofener Prinzip" und somit den "Arierparagraphen" zu eigen machten. 1933/34 wurden zahlreiche Burschenschaften als Tarngruppen der illegalen NSDAP verboten, nach 1945 kurzfristig als deren Gliederungen. Die Olympia mußte daneben zwischen 1961 und 1973 erneut unter fremder Flagge fahren: Die rechtsextremen Aktiven rund um Norbert Burger forderten als Bombenleger in Südtirol ein Verbot heraus.

Daneben dient der vereinzelte Widerstand von deutschnational Korporierten, der mehr als Widerstand gegen die drohende Niederlage im Krieg denn gegen die faschistische Diktatur und die Shoah zu sehen ist, der Reinwaschung des ganzen Milieus. Diese Selbstverleugnung war nicht immer vorherrschend: 1955 wurde es abgelehnt, "'Widerständler' aus unseren Reihen zu benennen und sie als Schild zu mißbrauchen" (25). Auch in der Aula verschloß man sich den Versuchen, "einen nationalen Widerstand zu konstruieren" (26).

Neben dem Ausblenden der Verstrickungen von Burschenschaftern in die NS-Herrschaft ist in burschenschaftlichen Kreisen auch die Leugnung oder Verharmlosung der NS-Verbrechen und der deutschen Kriegsschuld ("Revisionismus") verbreitet. Die Innsbrucker Brixen wollten beispielsweise am 9. November (!) 1989 den "revisionistischen" Ausfällen des Briten David Irving lauschen. Allein, der Herr wurde vom Innenministerium zur unerwünschten Person erklärt und mußte daher samt seiner Anhängerschaft ins benachbarte Bayern ausweichen.

Derartige behördliche Schritte gegen die Leugnung der Shoah und andere Geschichtsfälschungen wurden von der Wiener Olympia als "Rückfall in eine längst überwunden geglaubte Zeit der geistigen Unfreiheit" beklagt: "Wenn ein Deutscher über einzelne 'sensible' Fragen der Geschichte nur in den von den Umerziehern und ihren deutschen Helfern vorgegebenen Bahnen denken und sprechen darf, stellt dies eindeutig einen Mangel an Meinungs- und Redefreiheit und somit auch ein Fehlen der Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre dar." (27)

Kontinuitäten und Neuanfänge

Bis heute sehen sich Burschenschafter als "Besiegte" und den 8. Mai 1945 als "totale Niederlage" (28). Als Gliederungen der NSDAP wurden die Burschen- bzw. Kameradschaften 1945 aufgelöst, das Schlagen von Mensuren wurde genauso verboten wie die Provokation mit Mütze und Band auf Universitätsgelände. Die nationalfreiheitlichen Männerbünde waren zunächst angehalten, die Kontinuitäten mittels Auftreten unter unverfänglichem Namen zu verdecken. So rekonstituierte sich etwa die Olympia 1948 als AkademischeTafelrunde Laetitia. Als mehr oder weniger belastete NS-Kader hatten zahlreiche Korporierte mit den Widrigkeiten der Entnazifizierung zu kämpfen: "Ein Großteil der Überlebenden", heißt es stellvertretend bei der Olympia, "war politisch verfolgt und mit Berufsverbot belegt." (29)

Als die Entnazifizierung ins Stocken geriet und von der Politik der Integration ehemaliger Nationalsozialisten abgelöst wurde, verspürten auch Korporierte wieder Aufwind. Parallel zur Etablierung des Verbandes der Unabhängigen (VdU) rekonsolidierte sich auch das burschenschaftliche Milieu. So wurden die rituellen Fechtduelle 1952 wieder erlaubt, zwei Jahre später durften die Korporierten wieder mit Mütze und Band auf die Hochschulen. (30) 1959 schreckte ein Umzug der gesamten Szene anläßlich der Schiller-Feier am Wiener Ring die Öffentlichkeit auf. Dabei kam es zu Zusammenstößen zwischen Neonazis und AntifaschistInnen. Sechs Jahre später sollte auf einer Demonstration gegen den antisemitischen Professor der Hochschule für Welthandel Taras Borodajkewycz ein Antifaschist den Tod finden: Ernst Kirchweger, Widerstandskämpfer und KZ-Häftling, starb an den Folgen einer Attacke des Burschenschafters Günther K.

Zu Beginn der 60er Jahre stiegen Burschenschafter aus Österreich und Deutschland in den Südtirolterror ein und ließen diesen eskalieren. Richtete sich der ursprüngliche Terror der deutschsprachigen Südtiroler gegen Sachen, so nahmen die Burschen rund um den Olympen Norbert Burger bei ihrem "Einsatz für das bedrohte Grenzlanddeutschtum" (31) auch die Tötung von ZivilistInnen bewußt in Kauf. Als eine der spärlichen Reaktionen seitens der Behörden setzte es 1961 für die Olympia das Verbot. Die traditionsreiche Verbindung konnte sich erst 1973 neu konstituieren.

Das deutschnationale Korporationswesen hatte nach seiner Hochblüte in den 50er und 60er Jahren in der Folge zunehmend mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Mit der partiellen Öffnung und Demokratisierung der Universitäten ging der Einfluß des Deutschnationalismus und Rechtsextremismus auf akademischen Boden nach und nach zurück. Deutlicher Ausdruck dieser Kräfteverschiebung ist der Niedergang des Ringes Freiheitlicher Studenten (RFS): Die hochschulpolitische Gruppe des deutschnationalen Korporationswesens sank in der WählerInnengunst von 32% (1953) auf gerade 2% (1987) ab. (32) Wenn sich auch das Milieu im Zuge gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen mittlerweile rekonsolidiert zu haben scheint, ist es von alter Stärke nach wie vor weit entfernt.

Die Dachverbände

Entsprechend ihrer Ideologie versuchten die deutschen und österreichischen Burschenschaften, die staatliche "Wiedervereinigung" in ihren Dachverbänden vorwegzunehmen. 1919 vereinigte sich die Burschenschaft der Ostmark mit der DB. Um einem Verbot zu entgehen, schieden jedoch die österreichischen Verbindungen im Juni 1933 aus dem gemeinsamen, nun auch offiziell nazifizierten Dachverband aus. 1938, als "der Traum der Deutschen Burschenschaft vom großen Reiche aller Deutschen Wirklichkeit wurde" (33), vereinigte man sich wieder - diesmal unter dem Dach des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Sieben Jahre nach der Befreiung vom Faschismus - in diesen Kreisen als "Zusammenbruch" beklagt - schloß der österreichische Allgemeine Delegiertenconvent (ADC) mit der DB ein "Arbeits- und Freundschaftsabkommen" ab. Der ADC, auf Antrag der Wiener Olympia 1959 in Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) umbenannt, scheiterte 1961 zunächst in seinen Bestrebungen nach erneuter Fusion mit der DB am beiderseitigen Mißtrauen. Ein Mainzer Burschenschafter brachte die Vorbehalte gegenüber einer Vereinigung mit der DBÖ auf den Punkt: "Auf Grund persönlicher Gespräche, schriftlicher Dokumente und den Erfahrungen von den Burschentagen müssen wir leider feststellen, daß in den österreichischen Burschenschaften ein radikaler Geist herrscht, dem wir uns verschließen müssen. Wir lehnen ganz entschieden jede Form von politischem Extremismus und Antisemitismus ab. Die Geschichte lehrt uns, daß diese Geisteshaltung die deutsche Burschenschaft ins Unglück führen würde und uns an unserem Volke schuldig werden ließe." (34) Die unterlegene, rechtsextreme Fraktion schloß sich darauf zur Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) zusammen. Im Gründungsprotokoll der aus 42 österreichischen und deutschen Burschenschaften bestehenden BG bekennt sich diese "zum volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff" und fordert "die geistige und kulturelle Einheit aller, die dem deutschen Volke angehören und sich zu ihm bekennen". Hochgehalten wird von der BG ein Großdeutschland in den Grenzen vom 1. September 1939. (35)

Die jahrelangen Streitereien zwischen den Fraktionen wurden 1971 am Burschentag in Landau kurzfristig beigelegt. Der geschlossene Kompromiß beinhaltet zwar die Freistellung der Mensur, doch setzten sich die Hardliner aus DBÖ und BG mit der Verankerung ihres "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriffes" durch. Ab nun bekennt sich auch die DB "zum deutschen Vaterland als der geistig-kulturellen Heimat des deutschen Volkes. Unter dem Volk versteht sie die Gemeinschaft, die durch gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur, verwandtes Brauchtum und gleiche Sprache verbunden ist" (36). Darüber hinaus wurden den DBÖ-Verbindungen, die allesamt an der Pflichtmensur festhielten, Einzelbeitritte zur DB gestattet. Die Wiener Burschenschaften Libertas (37) und Vandalia (i. e. Olympia) traten umgehend bei, die deutsche Germania-Erlangen trat sofort aus. Bis heute haben sich 16 heimische Burschenschaften der DB angeschlossen. (38)

Radikalisierung

Die DB verdankt ihre Radikalisierung, die 1995 erstmals zu einer Erwähnung im deutschen Verfassungsschutzbericht führte, vor allem dem erfolgreichen Entrismus der "Ostmärker". Die Olympia beharrte etwa als Vorsitzende der DB 1990 auf dem Standpunkt, "daß auch die Ostgebiete, Südtirol usw. alles deutsche Länder sind" (39). Ein Jahr darauf fordern die Olympen am Burschentag: "Die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Angehörige von fremden Völkern bedroht die biologische und kulturelle Substanz des deutschen Volkes (...) Das deutsche Volk ist vor Unterwanderung seines Volkskörpers durch Ausländer wirksam zu schützen." (40)

In ihrer Festschrift zum 130jährigen Jubiläum 1989 hält die Wiener Burschenschaft fest: "Gleich nach Kriegsende setzte die von den Siegern betriebene systematische Umerziehung (reeducation) ein, die einen intensiven Wandel des Denkens, der Empfindungen und Verhaltensweisen erreichen wollte und auch erreichte. Alle Ideen und Überzeugungen, die nach Meinung der Sieger zu der politischen, moralischen und charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt hatten, sollten ein für allemal ausgerottet werden. (...) Die entstandene geistig-kulturelle Bewußtseinslücke wurde durch die Etablierung der westlich-pluralistischen Gesellschaftsform 'ausgefüllt'." (41)

Derartige Urlaute rufen immer wieder Reaktionen auch aus den eigenen Reihen hervor. So quittierten gemäßigtere deutsche Verbindungen die neuerliche Wahl der Olympia auf den Vorsitz der DB 1996 mit Austritten. Als Grund für diesen Schritt wurde unter anderem angegeben, die Wiener Fundis hätten gefordert, "Österreich und Teile Polens in die Wiedervereinigung Deutschlands miteinzubeziehen" (42).

Anmerkungen

1) BM f. Inneres, Gruppe C, Abteilung II/7: Rechtsextremismus in Österreich. Jahreslagebericht 1994. Wien 1995, S. 11.

2) Bundesministerium des Inneren (Hg.), Verfassungsschutzbericht 1995, Bonn 1996, S. 165.

3) Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg (Hg.), Verfassungsschutzbericht 1996, Hamburg 1997, S. 116.

4) Michael Gehler, Studentenverbindungen und Politik an Österreichs Universitäten. Ein historischer Überblick unter besonderer Berücksichtigung des akademischen Rechtsextremismus vom 19. Jahrhundert bis heute, in: H. Reinalter/F. Petri/R. Kaufmann, (Hg.), Das Weltbild des Rechtsextremismus. Die Strukturen der Entsolidarisierung, Innsbruck 1998, S. 338-428 (hier S. 390).

5) Die Mitgliedschaft in einer Korporation wird erst nach Ablauf einer längeren Probe- und Bewährungsfrist gewährt. Neben der "Burschung" erfolgt die Aufnahme in den "Lebensbund" über ritualisierte Fechtduelle. Diese männliche Initiationsriten werden "Mensuren" genannt.

6) Jürgen Hatzenbichler, Korporation, Tradition und Neue Rechte, in: Andreas Mölzer (Hg.), Pro Patria. Das deutsche Korporations-Studententum - Randgruppe oder Elite?, Graz 1994, S. 262 f.

7) Vgl. Gehler, Studentenverbindungen, S. 361 f.

8) Über die Ernsthaftigkeit dieses Abrückens von einem konstituierenden Moment des nationalfreiheitlichen Lagers gab Haider selbst Auskunft: Am 120. Stiftungsfest der Silvania bekräftigte er, weiter "für die Erhaltung des deutschen Volkstums zu stehen". (Junge Freiheit 47/1996, S. 7)

9) Interview mit der Wiener Burschenschaft Olmpia, in: Junge Freiheit 4/1990, S. 8.

10) Wiener Coleur-Szene, Oktober 1991, S. 5.

11) Homepage der Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien, eingesehen am 2. 5. 1998.

12) Zit. nach Der Spiegel 24/1997, S. 54.

13) Wiener akademische Burschenschaft Olympia (Hg.), Wahr und treu, kühn und frei! 130 Jahre Burschenschaft Olympia. Wien 1989, S. 56 f.

14) Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, 2. Aufl.Frankfurt a. M.1989, S. 144.

15) Wiener akademische Burschenschaft Olympia, Wahr und treu, S. 113.

16) Zit. nach Heither et al., Blut und Paukboden, S. 92.

17) Aula 9/1994, S. 5.

18) Österreichischer Hochschulführer, zit. nach Volksstimme, 8. 4. 1965.

19) Zit. nach Kartell-Chargen-Konvent des MKV (Hg.), Die schlagenden Mittelschulverbindungen Österreichs, o.O. Wintersemester 1963/64.

20) Zit. nach Michael Gehler, Rechtskonservativismus, Rechtsextremismus und Neonazismus in österreichischen Studentenverbindungen von 1945 bis in die jüngste Zeit, in: W. Bergmann/R. Erb, A Lichtblau. (Hg.), Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a. M./New York 1995, S. 236-263 (hier S. 243).

21) Zit. ebenda, S. 244.

22) Die im Grazer "Aula-Verlag" erschienene Broschüre "1938. Lüge und Wahrheit. Weder Opfer noch Schuld" wurde, mit dem Stempel der Innsbrucker Brixia versehen, im März 1988 vor der dortigen Universität verteilt.

23) Burschenschaftliche Blätter 6/1933, S. 130.

24) Wiener akademische Burschenschaft Olympia, Wahr und treu, S. 30.

25) Burschenschaftliche Blätter 7-8/1955, S. 218.

26) Peter Wrabetz, Das nationalfreiheitliche Lager in Österreich, in: Aula 5/1973, S. 3-6 (hier S. 6).

27) Wiener akademische Burschenschaft Olympia., Wahr und treu, S. 2.

28) Ebenda., S. 79.

29) Ebenda, S. 1.

30) Vgl.Willi Weinert, Rechtsextremismus an den Hochschulen, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Rechtsextremismus in Östereich nach 1945, 5. Aufl. Wien 1981, S. 289-304 (hier S. 294).

31) Wiener akademische Burschenschaft Olympia, Wahr und treu, S. 4.

32) Vgl. zum RFS Klaus Zellhofer, "Wir harren der Sturmsignale." Der Werdegang des RFS, in: Österreichische HochschülerInnenschaft (Hg.), Rechtsextremismus an Österreichs Universitäten, Wien 1996, S. 51-65.

33) 100 Jahre Wiener Akademische Burschenschaft Bruna Sudetia, in: Akademisches Leben, 7./8. Folge, Juli/August 1971, S. 22.

34) Zit. nach Gehler, Studentenverbindungen, S. 380.

35) Vgl. Markus Perner/Klaus Zellhofer, Österreichische Burschenschaften als akademische Vorfeldorganisationen des Rechtsextremismus, in: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, 2. Aufl. Wien 1996, S. 270-277 (hier S. 275 f.).

36) Zit. nach acta studentica, 3. Jg., Folge 1+2, Oktober 1972, S. 9.

37) Die B! Libertas, die etwa den oberösterreichischen FPÖ-Landesobmann Hans Achatz zu ihren "Alten Herren" zählt, hat 1878 als erste österreichische Burschenschaft den "Arierparagraphen" eingeführt.

38) In der DB sind: Albia, Aldania, Bruna Sudetia, Gothia, Libertas, OÖ Germanen, Olympia (alle Wien), Allemannia, Arminia, Carniola, Germania, Marcho Teutonia (alle Graz), Brixia und Suevia (Innsbruck), Cruxia und Leder (Leoben).

39) Interview mit der Wiener Burschenschaft Olmpia, in: Junge Freiheit 4/1990, S. 8.

40) Zit. nach Perner/Zellhofer, Österreichische Burschenschaften, S. 275.

41) Wiener akademische Burschenschaft Olympia, Wahr und treu, S. 76 f.

42) Junge Freiheit 18-19/1996, S. 4.


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