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Albert Ottenbacher
Aktivitäten vor dem
"Anschluß"
Der einunddreißigjährige aus Wien gebürtige
Richard Wolfram wird laut Reichskarte am 1. 6. 1932 in die NSDAP
aufgenommen. Er hat die Mitgliedsnummer 1 088 974. (1) Er gehört
der illegalen Ortsgruppe Wien an. Wolframs Habilitation
stößt im März 1934 auf Schwierigkeiten wegen des
Verdachtes der nationalsozialistischen Betätigung. (2) Die
Annahme der Abhandlung über "Schwerttanz und Männerbund"
erfolgt im Jahre 1936. (3) Wolfram arbeitet als
"Presseberichterstatter" (4) für schwedische Zeitungen, denen er
die "österreichischen Verhältnisse" aus
nationalsozialistischer Sicht darstellt. (5) Während der Jahre
1934 und 1935 führt er einen regelrechten "Zeitungskrieg gegen
die österreichische Regierung in der Zeitung 'Nya Daglig
Allemanda' (Stockholm) und durch das Nachrichtenbüro Aug.
Carlberg". (6) Seine Artikel werden aus dem Land geschmuggelt.
Außerdem treibt er "Aufklärungstätigkeit bei den nach
Wien kommenden schwedischen Gesellschaftskreisen", was ihm mehrere
Anzeigen des österreichischen Gesandten in Stockholm
einträgt. (7) Er setzt sich für "die Ziele des
Nationalsozialismus erfolgreich und unter Einsatz seiner Existenz und
Sicherheit" ein. (8) Nach Auflösung eines Germanistenvereines
sammelt er 1936 und 1937 "mit einigen Kameraden Studenten der
Germanistik zu heimlichen Zusammenkünften im
Schulvereinsgebäude zur Pflege der nationalsozialistischen
Weltanschauung und Wissenschaft". (9)
Wolfram ist Vorstand des deutsch-schwedischen Vereins "Svea", den er
"gegen den verjudeten österreichisch-skandinavischen Klub"
hält (10) und bei dem wegen Beziehungen zum Nationalsozialismus
mehrere Hausdurchsuchungen vorgenommen werden. (11) An der Errichtung
einer "österreichisch-nordischen Gesellschaft" ist er
maßgeblich beteiligt. (12) Dieser Verein ist
"naziverdächtig". Er wird polizeilich überwacht. (13) Die
Mitglieder erhalten die Zeitschrift "Rasse". Auf einer Reise durch
die Ortsgruppen in Österreich berichtet ein Ministerialrat aus
Berlin über die "Rassengesetzgebung des deutschen Reiches". (14)
Der Verein hält enge Verbindung mit der befreundeten Nordischen
Gesellschaft in Lübeck, (15) in deren Beirat Reichsführer
SS Himmler sitzt.
Lehr- und Forschungsstätte für
germanisch-deutsche Volkskunde, Salzburg
Am 20. August 1938 bestätigt der Gauleiter Odilo Globocnik
Richard Wolfram persönlich, daß er "im früheren
System nationalsozialistisch gehandelt" habe. (16) Im Sommer 1938
wird in Salzburg eine "Lehr- und Forschungsstätte für
germanisch-deutsche Volkskunde" ins Leben gerufen. (17) Sie ist Teil
der "Außenstelle Süd-Ost", die von dem SS-Scharführer
Rampf befehligt wird. (18) Sie gehört zur weitverzweigten
Forschungs- und Lehrgemeinschaft "Das Ahnenerbe", deren Sitz sich in
Berlin-Dahlem befindet. Die Bestände eines aufgelösten
Instituts für religiöse Volkskunde werden vom "Ahnenerbe"
übernommen. Ihr früherer Leiter wird denunziert. (19) Die
Arbeitsstätte quartiert sich unter der Leitung von Richard
Wolfram in der Dreifaltigkeitsgasse 15 ein. (20)
"... weil es galt, der in Salzburg gepflegten katholischen
Tradition bewußt die nationalsozialistische Wissenschaft
entgegenzustellen. Es trat an die Stelle des bis zur Angliederung der
Ostmark an das Reich tätig gewesenen Instituts für
religiöse Volkskunde die Lehr- und Forschungsstätte
für germanisch-deutsche Volkskunde". (21)
Die Forschungs- und Lehrgemeinschaft "Das Ahnenerbe" soll die
wissenschaftliche Elite eines kommenden SS-Staates sein. Sie ist
beauftragt, die Geschichte umzuschreiben, um ihren künftigen
Lauf zu beeinflussen. (22) Sie folgt dem von ihrem Leiter und
Präsidenten Heinrich Himmler geprägten Leitsatz:
"Ein Volk lebt solange glücklich in Gegenwart und Zukunft,
als es sich seiner Vergangenheit und der Größe seiner
Ahnen bewußt ist." (23)
Die Einrichtung hat die Aufgabe, "Raum, Geist, Tat und Erbe des
nordrassigen Indogermanentums zu erforschen ..." (24) Sie ist ein
"schlagkräftiges Instrument" ihres Begründers, "wahrhaftig
und streng in Forschung und Wissenschaft, nationalsozialistisch im
Mut zum Bekenntnis". (25) Sie soll den Nachweis der "geistigen
Weltherrschaft des arischen Germanentums" erbringen. (26) Sie soll
ihr Ansehen durch Leistungen erwerben, "so unerhört und
einmalig, daß noch kein Mensch und kein Volk sie auszudenken
oder wenigstens sie zu tun je gewagt hätte". (27)
Dr. Richard Wolfram wird durch den Reichsführer SS am 13. 7.
1938 zum Leiter der "Lehr- und Forschungsstätte für
germanisch-deutsche Volkskunde" innerhalb der "Außenstelle
Süd-Ost" der Forschungsgemeinschaft "Das Ahnenerbe" in Salzburg
ernannt. Er wird von SS Standartenführer Sievers in einem
Gratulationsschreiben aufgefordert, möglichst rasch einen
Arbeitsplan vorzulegen. (28) In diesem stellt Wolfram fest, daß
die Arbeiten nach zwei Hauptgesichtspunkten ausgerichtet werden
sollten:
"I. Wie weit ist die Ostmark in den Grundlagen ihres Volkstums
germanisch bestimmt?
II. Welche germanisch-deutsche Ausstrahlung läßt sich im
nahen Südosten nachweisen?" (29)
Aus Berlin kommt öfters der Sturmbannführer Sievers, um
"nachzuschauen". (30) Der junge Wissenschaftler Wolfram spielt
für das "Ahnenerbe" eine sehr wichtige Rolle. Er bekommt zwei
Mitarbeiter zugeteilt. (31) Er gilt als bestimmende Figur für
die "ostmärkische" nationalsozialistische Volkskunde. (32) Am
27. 10. 1938 bittet Wolfram die Reichsleitung der NSDAP um
Bekanntgabe seiner alten Parteimitgliedsnummer. (33) In der
Salzburger Gegend wird Feldforschung im großen Stil betrieben.
Wolfram und seine Mitarbeiter treten der ländlichen
Bevölkerung gegenüber als Vetreter der siegreichen
deutschen Armee auf. Sie legitimieren sich in den Bauerndörfern
mit militärischen Dienstausweisen. Aus den Dokumenten geht
hervor, daß sie direkt dem Reichsführer SS unterstehen.
(34) Bei dieser volkskundlichen Feldforschung ist eine enge
Zusammenarbeit mit der Polizei üblich, deren oberster Chef
gleichfalls Heinrich Himmler ist. (35)
Lehrstuhl für germanisch-deutsche
Volkskunde, Universität Wien
Im März des Jahres 1939 bestreitet Wolfram den ersten
Vortragsabend des "Ahnenerbe" im Salzburger Mozarteum über die
"Volkskunde der Nordgermanen." Anschließend wird ein
Kameradschaftsabend des "Ahnenerbe Salzburg" gepflegt. (36) Wolfram
beteiligt sich an einer Arbeitsbesprechung über "Fragen des
Brauchtumsschutzes in der Ostmark". (37) Im Mai nimmt
SS-Sturmbannführer Sievers teil an einem Vortrag des "Herrn Dr.
Wolfram" bei der Jahrestagung des "Ahnenerbe" in Kiel. (38) Am 29. 6.
1939 erfolgt die Ernennung Richard Wolframs zum
planmäßigen außerordentlichen Professor am Lehrstuhl
für germanisch-deutsche Volkskunde an der Universität Wien.
(39) Als Untersturmführer (40) hat er die Aufgabe, "den Geist
der Schutzstaffeln in die deutschen Universitäten
hineinzutragen". (41) Wenn er in Uniform auftritt, ist sein Rang an
drei Sternen des Kragenspiegels zu erkennen. In der Hierarchie steht
er in der Mitte zwischen "Bewerber" und dem Reichsführer SS.
(42) Auf der Dienstmütze trägt er unter dem Hoheitsadler
samt Hakenkreuz das Totenkopfzeichen.
Mit Schreiben vom 20. 4. 1940 wendet sich Wolfram an
SS-Obersturmbannführer Harmjanz in Frankfurt. (43) Er weist
darauf hin, daß "in Kürze neben dem Urgeschichtlichen
Institut eine Juden-Wohnung frei wird, in die ich einziehen
könnte". Es handelt sich wohl um die Wohnung des Rechtsanwaltes
"Israel" Leopold Harth und seiner Frau Elisabeth, die in Wien IX.,
Wasagasse 4 (44) eine Puppenerzeugung betreibt. Eine Zusammenarbeit
zwischen Polizeiämtern, Gestapo und dem "Ahnenerbe" als
Dienststelle der SS ist üblich. (45) Das Ehepaar findet sich auf
der Deportationsliste vom 17. 7. 1942 unter den Nummern 56 und 57. Es
wird mit rund 1.000 anderen Menschen über Theresienstadt nach
Auschwitz verschleppt und dort ermordet. (46)
"Sondereinsatz" in Südtirol
Richard Wolfram rückt zur Waffen-SS ein. (47) In den Jahren
1940 und 1941 ist Wolfram im "Sondereinsatz". Er ist Leiter der
Arbeitsgruppe Brauchtum und Volksglauben der streng geheimen
Kulturkommission Südtirol. (48) Sie untersteht dem Ahnenerbe der
SS und betreibt eine verbrecherische
faschistisch-nationalsozialistische Umsiedlungspolitik. Wolfram
besorgt im Auftrag des Reichsführers SS und Reichskommissars
für die Festigung deutschen Volkstums die "Erfassung und
Sicherstellung des geistigen und dinglichen Kulturgutes aller
umsiedelnden Volksdeutschen". (49) Der Übergang zwischen
wissenschaftlicher Sicherstellung und dem Raub von Kulturgütern
ist fließend. (50) Tatsächlich ist der Abtransport der
Aussiedler, die für ein Wehrbauerntum im zu erobernden Osten
dienen sollen, "auch eine Barbarei". (51)
Bis Ende April soll er seine Tätigkeit in Südtirol beenden.
Vorgesehen ist eine Fortsetzung seiner Arbeiten bei den "Gottscheer
Deutschen". (52) Am 24. 2. 1942 schließt er sein Pensum im
Vintschgau ab und wird angewiesen, "im Kanaltal beschleunigt zu
arbeiten wegen Beendigung der Umsiedlung dort". (53) Am 17. 4. 1942
wird ihm wegen "einer Erkrankung an Lungenspitzenkatarrh und
notwendiger Erholung" eine Verlängerung bis zum September
bewilligt. (54) Am 6. 11. 1942 erklärt er in einem Schreiben an
den "sehr verehrten Sturmbannführer Sievers" die Absicht, ein
Gutachten über wissenschaftliche Gegner dem Sicherheitsdienst
der SS zuzuleiten. Bei einer Aussprache über volkskundliche
Streitfragen zieht er "Dr. Rösner vom SD-Berlin" hinzu und
stellt befriedigt fest, daß sein Widersacher "ganz anders als
sonst" spricht. (55)
Weitere Einsätze: Norwegen,
Sennheim/Cernay
Wolfram wird für die Besetzung eines Lehrstuhles an der
Universität Posen vorgesehen. Aus Wien bringt er beste
Referenzen. Er gilt als "alter Kämpfer", ist "in nationalen
Kreisen sehr beliebt und ein strammer Anhänger der Partei". (56)
Seit 1943 gehört er der Stabsabteilung der Waffen-SS beim
Persönlichen Stab Reichsführer SS Himmler an. Als
Waffen-SS-Mann dient er der Abteilung "Germanischer
Wissenschaftseinsatz" in der seit August 1942 bestehenden
"Außenstelle Oslo". (57) Der Zweck dieser Tätigkeit wird
deutlich formuliert: "Die neue Gemeinschaft des europäischen
Germanentums wird aus dem großen gemeinsamen Kampferlebnis
erwachsen." (58) Wolfram betreibt "Stoßtruppwissenschaft",
(...) die "letzten Endes politisch" ist. (59) Zu seinen Aufgaben
gehört es, "Informationen über die Tätigkeit der
'feindlich eingestellten Wissenschaftler' im Lande einzuholen". (60)
Außerdem gehört das "Ahnenerbe" zu den aktivsten Gruppen,
wenn es darum geht, besetzte Gebiete auf der Suche nach Kulturgut zu
durchkämmen, das beschlagnahmt und für eigene Zwecke
verwendet werden kann. (61)
Die deutsche Besatzungsmacht geht gegen den Widerstand der
norwegischen Bevölkerung mit Terror, Massenverhaftungen, Folter
und Mord vor. (62) Wolfram arbeitet mit an dem "Versuch, das
norwegische Geistesleben und politische Denken zwangsweise in
faschistische Formen zu bringen". (63) Er nimmt vom 13. bis zum 15.
Mai des Jahres 1943 an einer Tagung der "Germanischen
Arbeitsgemeinschaft" in Hannover teil. In Gesellschaft hochrangiger
SS-Führer referiert er über Beispiele aus dem
Volksbrauchtum für "germanische Zusammengehörigkeit". (64)
Am 30. November werden in der Universität Oslo sämtliche
Professoren, Lehrkräfte und Studenten verhaftet. Ihnen wird
vorgeworfen, illegal gegen die deutschen Militärbehörden
tätig gewesen zu sein. (65) Ein Teil der Männer wird in das
Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Gefangene, die für
"rassisch wertvoll" gelten, kommen in ein Umerziehungslager, in dem
Richard Wolfram Vorträge über "Julfeiern im Süd- und
Nordgermanien" und "Deutsch-Nordische Gemeinsamkeiten im Reich des
Volkstanzes" hält. (66)
Am Vormittag des 16. 6. 1943 berichtet SS-Hauptsturmführer Beger
vor Wolfram Sievers, dem Geschäftsführers des "Ahnenerbe",
in Bozen über "anthropologische Vermessungen" in Auschwitz.
Anschließend referiert SS-Hauptsturmführer Dr. Schneider
die Vorbereitung einer Reise von Prof. Wolfram nach Oslo sowie
über "Erfassung der Studenten aus den germanischen Ländern
zwecks einheitlicher Lenkung und zweckmäßigen Einsatzes".
(67) Wolfram berichtet im Juli in Innsbruck über seine
"Aufzeichnungen über Brauchtum und Volksglauben". (68) Ihm wird
eine Ausstellung in Salzburg zur Heimatwoche genehmigt. (69) Im
August soll er sich an einer Reise nach Norwegen beteiligen. Diese
Fahrt wird von Himmler persönlich befürwortet. (70)
Später vollendet er "Restarbeiten in Südtirol". (71)
Wolfram wird im Januar 1944 dazu ausersehen, "aufgrund der
getroffenen Entscheidung des Reichsführers SS dem 'Ahnenerbe'
für den germanischen Wissenschaftseinsatz verfügbar zu
bleiben". (72) Er soll eine Vorlesungsreihe im Lager Sennheim
übernehmen.
In dem elsässischen Ort sind seit 23. 1. 1944 (73) "nach
Deutschland überführte" norwegische Studenten zu betreuen,
die aus einer großen Zahl herausgesucht wurden, weil sie "zur
besten rassischen Substanz des Volkes gehören". (74) Die 349
Männer dürfen ihre Zivilanzüge behalten, bekommen
dieselbe Verpflegung wie die Truppe und erhalten "mehrere Monate lang
Instruktionsstunden und politischen Unterricht von SS-Instruktoren".
(75) Bereits am Tage ihrer Einlieferung hält
Standartenführer Sievers bei Himmler Vortrag über die
norwegischen Studenten in Sennheim. (76) Man hofft, dringend
benötigte Freiwillige für die "Legion Norwegen" zum Einsatz
an der Ostfront zu gewinnen. Auch im Juli 1944 werden norwegische
Studenten aus dem Konzentrationslager Buchenwald "herausgesucht" und
nach Sennheim überstellt. (77)
Schon im Februar wird deutlich, daß diese jungen Männer
den Anschauungen von Professor Wolfram eine "bis zum Haß
gesteigerte Abwehr" entgegensetzen. (78) Sie widerstehen einer
"physischen und psychologischen Umerziehung von großer
Brutalität". (79) Sie wollen sich nicht zur Waffen-SS
zwangsverpflichten lassen. In Cernay, das in Sennheim eingedeutscht
wurde, erregt Bewunderung, daß sich die mehr als hundert
norwegischen Studenten hartnäckig weigern, das
Totenkopfabzeichen der SS zu tragen. (80) Folglich sollen im
März "die in Sennheim befindlichen Studenten jetzt nach
Buchenwald überstellt werden". Heinrich Himmler erklärt,
"sich sofort persönlich in die Dinge einschalten zu wollen".
(81) Im Dezember 1944 ist das Umerziehungsexperiment gescheitert.
"Kein einziger meldete sich freiwillig zur SS." (82) Die
verschleppten Studenten werden wieder in das Konzentrationslager
Buchenwald gesperrt (83) und zu schweren Schanzarbeiten kommandiert.
(84)
Für den April des Jahres 1944 bekommt Wolfram eine Reise
für "drei Wochen Südtirol" genehmigt. Von Juli bis August
soll er wieder in Norwegen eingesetzt werden. (85) Im
persönlichen Stab Himmlers wird am 12. Juli 1944 über den
"Einsatz Prof. Wolfram in Oslo" von Standartenführer Sievers
berichtet. (86) Wolfram befindet sich im Juli 1944 im "Sondereinsatz
Nordische Volkskunde". Er untersteht einem SS-Hauptsturmführer
Dr. Schneider. (87) Außerdem gehört er der "Dienststelle
Norwegen in der Germanischen Leitstelle Norwegen" an, die von einem
SS-Hauptsturmführer Prof. Schwalm befehligt wird. (88) Er klagt
in einem Schreiben an seinen Vorgesetzten, daß "unsere junge
nationalsozialistische Wissenschaft mit Propaganda gleichgesetzt
wird, speziell in Norwegen". (89)
Am 8. 9. 1944 wird dem SS-Untersturmführer Dr. Schneider
beschieden, die "Norwegen-Arbeit vorläufig einzustellen". (90)
Die "germanischen Wissenschaftler" ziehen sich in das sichere Reich
zurück. Am 21. 9. 1944 nimmt Wolfram an einer Arbeitsbesprechung
in Salzburg teil. (91) Zu Mittag tafeln die Teilnehmer am
"Germanischen Wissenschaftseinsatz" auf Einladung des Gauleiters in
der Residenz. Nachmittags steht eine Besprechung mit Schulrat Adrian
und Frau Dr. Prodinger über die "Ausgestaltung des Buches
über Salzburger Volkskunde" auf dem Programm. Abends folgt eine
fünfstündige "Abschlußbesprechung" im Beisein eines
SS-Brigadeführers. (92) Noch drei Monate vor Kriegsende
berichtet der mittlerweile beförderte SS-Hauptsturmführer
Schneider im Reichsforschungsrat über ein Gutachten, mit dem
Wolfram seinen Konkurrenten um den Lehrstuhl in Posen aus dem Feld
schlagen will. (93) Wolfram wird am 16. 2. 1945 das
Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse verliehen. (94)
Nach Kriegsende
Nach dem Krieg steht "Das Ahnenerbe" in schlechtem Ruf. Es wird
als Musterbeispiel dafür genannt, wie sich der Begriff einer
"totalitären" Gelehrsamkeit zu einem regelrechten Verbrechertum
verengen kann. (95) Der frühere Leiter der
SS-Forschungseinrichtung Wolfram Sievers wird vom 1. amerikanischen
Militärgerichtshof in Nürnberg am 20. August 1947 wegen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt. Wolfram wird
"mit tunlichster Beschleunigung" an der Universität Wien
"dekretmäßig außer Dienst gestellt". (96)
Im Jahr 1951 nimmt Wolfram beim ersten deutschen
Volkskundekongreß nach dem Kriege in Jugenheim teil. (97) Im
Jahre 1954 erlangt er die Venia legendi wieder. (98) Fünf Jahre
später wird er erneut zum außerordentlichen Professor an
der Universität Wien ernannt. "Ein Abrücken von
früheren Standpunkten ist im wesentlichen nicht zu erkennen."
(99) Die meisten der angebotenen Seminarthemen entsprechen den in der
Zeit des Nationalsozialismus behandelten Inhalten. (100) 1961 wird
Wolfram Vorstand des Instituts für Volkskunde an der
Universität Wien. Er hält Pflichtvorlesungen für
Germanisten und Historiker. Ab 1963 ist er ordentlicher Professor
für österreichische und europäische Volkskunde bis zu
seiner Emeritierung 1971/72. Im Jahre 1977 wird ihm das
Österreichische Ehrenkreuz erster Klasse für Wissenschaft
und Kunst verliehen. Er gilt als Begründer und Doyen der
Volkskunde in Österreich. (101)
Am 5. November 1983 wird das Salzburger Landesinstituts für
Volkskunde durch Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer mit einem
Festakt im Kaisersaal der Salzburger Residenz eröffnet. (102)
Die Einrichtung, die direkt dem Landeshauptmann von Salzburg
unterstellt und die dem nach der Geschäftseinteilung
zuständigen Referat für Hochschulen und
Wissenschaftsförderung eingegliedert ist, stellt für
Salzburg ein Novum dar. (103) Am 22. Dezember 1983 wird die Segnung
der Institutsräume, Museumsplatz 2, durch Erzbischof DDr. Karl
Berg und Superintendent Wolfgang Schmidt im Beisein von
Landtagspräsident Hans Schmidinger vorgenommen. (104)
Am 23. September 1985 wird der Vertrag über die Schenkung von
em. O. Univ.-Prof. Dr. Richard Wolfram, Wien, für das Salzburger
Landesinstitut für Volkskunde und zur Institutsbenennung
"Richard-Wolfram-Forschungsstelle" unterzeichnet. (105) In einem
Festakt in der Salzburger Residenz wird die Eröffnung des neu
eingerichteten, rund 100 Quadratmeter großen Bibliotheks- und
Archivraumes in der Judengasse 9 gefeiert. Die
"Richard-Wolfram-Forschungsstätte" befindet sich heute auf dem
Salzburger Universitätsgelände am Mühlbacherhofweg 6.
Anmerkungen
1) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, Schreiben des Beauftragten des Führers für die NSDAP
in Österreich vom 7. 12. 1938 an den Gauschatzmeister der NSDAP
Wien.
2) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, Schreiben des Dozentenführers der Universität Dr.
Marchet vom 2. 9. 1943 an das Gaupersonalamt der Gauleitung
Wien.
3) Olaf Bockhorn, Der Kampf um die "Ostmark". Ein
Beitrag zur Geschichte der nationalsozialistischen Volkskunde in
Österreich, in: Gernot Heiß u. a., Willfährige
Wissenschaft, Die Universität Wien 1938 bis 1945,
Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 34, Wien
1989, S. 20.
4) Österreichische Akademie der
Wissenschaften, Almanach 1994/95, 195. Jg., Wien 1995, S.
529.
5) Österreichisches Staatsarchiv,
Stillhaltekommissar, Akt 35 G, Mappe 1, Schreiben des SD-Führers
des SS-Oberabschnittes Donau an den Reichskommissar für die
Wiedervereinigung vom 24. 8. 1938.
6) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, NSDAP Personal = Fragebogen vom 22. 5. 1938.
7) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, NSDAP Personal = Fragebogen, a. a. O.
8) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, Schreiben des Dozentenführers, a. a. O.
9) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, NSDAP Personal = Fragebogen, a. a. O.
10) Österreichisches Staatsarchiv,
Stillhaltekommissar, Akt 35 G, Mappe 1, Schreiben des
SD-Führers, a. a. O.
11) Österreichisches Staatsarchiv,
Stillhaltekommissar, Akt 35 A, Mappe 1, Schreiben Sellmer 18. 8.
1938, Leitung der NSDAP-Auslandsorganisation an Reichsamtsleiter
Hoffmann, Stab Stellvertreter des Führers.
12) Österreichisches Staatsarchiv,
Stillhaltekommissar, Akt 35 G, Mappe 1, Schreiben des
SD-Führers, a. a. O.
13) Österreichisches Staatsarchiv,
Vereinsakten XV 12243, Aktenübersicht, Bundespolizeidirektion in
Wien.
14) Österreichisches Staatsarchiv,
Vereinsakten XV 12243, Meldung der Bundespolizeidirektion Wien vom
10. 2. 1938.
15) Österreichisches Staatsarchiv,
Vereinsakten XV 12243, Völkischer Beobachter, Norddeutsche
Ausgabe vom 4. 2. 1938, Seite 6, Spalte 4-6.
16) Österreichisches Staatsarchiv, Ordner
"Politische Beurteilungen L-Z", Schreiben Gauleitung Wien vom 20. 8.
1938 an Stillhaltekommissar.
17) Bei Michael H. Kater, Das "Ahnenerbe". Die
Forschungs- und Lehrgemeinschaft in der SS, Organisationsgeschichte
1935 bis 1945, Zittau 1966, S. 367, Anm. 8, fälschlich: 7. 9.
1938.
18) Kater, a. a. O., S. 76.
19) James R. Dow (Hrsg.), The Nazification of an
Academic Discipline. Folklore in the Third Reich, Bloomington 1994,
S. 215.
20) Das Salzburger Landesinstitut für
Volkskunde, Richard-Wolfram-Forschungsstelle. Ein Institut stellt
sich vor, Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Heft 1, Salzburg
1986, S. 40.
21) Olaf Bockhorn, Helmut Eberhart, Volkskunde im
Reichsgau Salzburg. Institutionen - Personen - Tendenzen, Salzburger
Beiträge zur Volkskunde, Bd. 8, Salzburg 1996, S.
59.
22) Fritz T. Epstein, War-Time Activities of the
SS-Ahnenerbe, in: Max Beloff, On the Track of Tyranny, London 1960,
S. 78.
23) Die Forschungs- und Lehrgemeinschaft "Das
Ahnenerbe". Aufgaben und Aufbau, Typoskript, o. J., Institut für
Zeitgeschichte, München, Wolfram Richard Dr., WV Akte Nr. 3
(167), Dokument 2946 - 96, RFSS/Pers. Stab (III) 62, S. 1, Mikrofilm
MA 294.
24) Die Forschungs-, a. a. O., S. 2.
25) Die Forschungs-, a. a. O., S. 7.
26) Kater, a. a. O., S. 47.
27) Friedrich Hielscher, Fünfzig Jahre unter
Deutschen, Hamburg 1954, S. 350.
28) Bockhorn, Salzburg, a. a. O., S.
59.
29) Bockhorn, Salzburg, a. a. O., S.
59.
30) Bockhorn, Salzburg, a. a. O., S.
368.
31) Kater, a. a. O., S. 77.
32) Bockhorn, Kampf, a. a. O., S. 30.
33) Bockhorn, Salzburg, a. a. O., S.
271.
34) Dow, a. a. O., S. 216.
35) Dow, a. a. O., S. 218.
36) Wolfram Sievers, Tagebuch, 3. 3. 1939,
Institut für Zeitgeschichte, München, Dokument NO-609
Sievers, Institut für Zeitgeschichte, München, Dokument
NO-609.
37) Sievers, Tagebuch, 5. 3. 1939, a. a. O.
38) Sievers, Tagebuch, 31. 5. 1939, a. a.
O.
39) Bockhorn, Kampf, a. a. O., S. 27.
40) Michael Gehler, Zur Kulturkommission des
SS-"Ahnenerbes" in Südtirol, Vierteljahreshefte für
Zeitgeschichte, Gesellschaftsanalyse und politische Bildung, 11.
Jahrgang, Heft 4, Wien 1992, S. 228, Anm. 34. National Archives
Microfilm Publications, Microfilm Publication T 580, Captured German
Records, Filmed at Berlin R 462, Sievers Diaries, Washington 1973,
Institut für Zeitgeschichte München MA 1406,1, Eintrag vom
31. 3. 1941.
41) Die Forschungs-, a. a. O., S. 7.
42) Andrew Mollo, Uniforms of the SS, Volume 1,
Allgemeine SS 1923-1945, London 1969, S. 21.
43) Österreichisches Staatsarchiv, Wien,
Archiv der Republik, Kurator der wissenschaftlichen Hochschulen in
Wien, AZ 6130 A; 1940-1944 02.
44) Lehmanns Wohnungsanzeiger, Bd. II, Wien 1940,
S. 500.
45) Kater, a. a. O., S. 57.
46) Projekt "Namentliche Erforschung der
österreichischen Holocaustopfer", DÖW, Wien, tel. Auskunft,
März 1999.
47) Die Forschungs-, a. a. O., S. 3.
48) Dow, a. a. O., S. 232. Bockhorn, Salzburg, a.
a. O., S. 271.
49) Die Forschungs-, a. a. O., S. 5.
50) Dow, a. a. O., S. 232.
51) Gehler, a. a. O., S. 216.
52) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 29. 1.
1942.
53) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 24. 2.
1942.
54) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 14. 4.
1942.
55) James R. Dow, Typoskript zum Gastvortrag an
der Universität Salzburg am 17. 3. 1999, Schreiben von Richard
Wolfram an Sievers vom 6. 11. 1942, Bericht über den Konflikt
Mudrak-Spieß, Wien 3. 12. 1943.
56) Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt
1668, Schreiben der Gauleitung Wien vom 13. 8. 1943.
57) Die Forschungs-, a. a. O., S. 6.
58) Die Forschungs-, a. a. O., S. 6.
59) Kater, a. a. O., S. 188.
60) Kater, a. a. O., S. 186. Sievers Diaries, a.
a. O., Eintrag vom 21. 3. 1943.
61) Epstein, a. a. O., S. 77.
62) Olav Riste, Berit Nökleby, Norway
1940-45, The Resistance Movement, Oslo 1986, S. 70.
63) Martin Gerhardt, Norwegische Geschichte, Bonn
1963, S. 289.
64) Germanische Arbeitsgemeinschaft, Erste Tagung
in Hannover vom 13.-15. 5. 1943, Typoskript, Institut für
Zeitgeschichte, München, Wolfram Richard Dr., Fa - 76, SS(I),
15, S. 19.
65) Bodo Harenberg (Hrsg.), Chronik 1943, Dortmund
1989, S. 189.
66) Dow, a. a. O., S. 237.
67) Wolfram Sievers, Tagebuch, Eintrag vom 16.
Juni 1943, Institut für Zeitgeschichte, München, Dokument
NO-538.
68) Sievers, Tagebuch, Eintrag vom 6. Juli 1943,
Institut für Zeitgeschichte, München, Dokument
NO-538.
69) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 15. 4.
1943.
70) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 23. 1.
1944.
71) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 15. 4.
1943.
72) Institut für Zeitgeschichte,
München, Mikrofilm MA 392, Schreiben des
Reichsgeschäftsführers "Das Ahnenerbe", Waischenfeld 27. 1.
1944.
73) Comité International, Service
International de Recherches, Verzeichnis der Haftstätten unter
dem Reichsführer SS ( 1933-1945), Genf o. J., S.
210.
74) Institut für Zeitgeschichte,
München, Mikrofilm MA 392, Schreiben des
SS-Hauptsturmführers Prof. Schwalm an SS-Standartenführer
Sievers, Oslo 17. 2. 1944, S. 1.
75) Hermann Langbein, ... nicht wie die Schafe zur
Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen
Konzentrationslagern, Frankfurt a. M. 1980, S. 185.
76) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 23. 1.
1944.
77) Comité, a. a. O., S. 210.
78) Institut für Zeitgeschichte, a. a. O.,
Schwalm an Sievers, 17. 2. 1944, S. 2.
79) Gabrielle Claerr-Stamm u. a., Regards sur
L'Histoire de Cernay, Colmar 1982, S. 127.
80) Claerr-Stamm, a. a. O., S. 127.
81) Institut für Zeitgeschichte,
München, Mikrofilm MA 392, Vermerk von Sievers, Waischenfeld 21.
3. 1944.
82) Institut für Zeitgeschichte,
München, Mikrofilm MA 392, Vermerk von Sievers, Waischenfeld 21.
3. 1944.
83) Comité, a. a. O., S. 210.
84) Langbein, a. a. O., S. 185.
85) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 12. 1.
1944.
86) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 12. 7.
1943.
87) Die Forschungs-, a. a. O., gezeichnetes und
handschriftliches Organigramm, Juli 1940-Juli 1944; Kater, a. a. O.,
S. 569.
88) Kater, a. a. O., S. 567; Bockhorn, Kampf, a.
a. O., S. 320.
89) Dow, a. a. O., S. 237.
90) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 8. 9.
1944.
91) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 21. 9.
1944.
92) Sievers Diaries, a. a. O., Eintrag vom 21. 9.
1944.
93) Sievers Tagebuch, a. a. O., Eintrag vom 12. 1.
1945.
94) Bockhorn, Salzburg, a. a. O., S.
271.
95) Epstein, a. a. O., S. 90.
96) Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der
Republik = 2, Bundesministerium für Unterricht/ Hauptreihe 1-29,
GZ 4. 111/45 ( fol. 1-6) K 361.
97) Olaf Bockhorn, Vom "Gestalthaften Sehen" zur
"Demokratischen Kulturgeschichtsschreibung", in: Wolfgang Jacobeit,
Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhorn (Hrsg.), Völkische Wissenschaft,
Wien 1994, S. 619.
98) Bockhorn, Vom ..., a. a. O., S.
620.
99) Bockhorn, Vom ..., a. a. O., S.
620.
100) Dow, a. a. O., S. 151.
101) Wiener Stadt- und Landesbibliothek, MA 9 -
883/91, Biographie vom 8. 8. 1991.
102) Das Salzburger, a. a. O., S. 7.
103) Das Salzburger, a. a. O., S. 43.
104) Das Salzburger, a. a. O., S. 81.
105) Das Salzburger, a. a. O., S. 84.

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