Herwig Czech

Dr. Heinrich Gross - Die wissenschaftliche Verwertung der NS-Euthanasie in Österreich
(Auszug aus: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 1999.)

Einleitung

Von Juli 1940 bis zum Kriegsende bestand auf dem Gelände des heutigen Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien Baumgartner Höhe unter wechselnden Bezeichnungen eine sogenannte Kinderfachabteilung, die im Rahmen der NS-Kindereuthanasie zur unauffälligen Ermordung von Kindern und Jugendlichen diente, die zuvor durch eine Tarnorganisation der Kanzlei des Führers - dem "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" - als "lebensunwert" definiert worden waren. Einer der Ärzte an dieser Anstalt war Dr. Heinrich Gross, der trotz seiner Beteiligung an der Ermordung hunderter Kinder nach dem Krieg eine beachtliche Karriere als Psychiater, Gerichtsgutachter und Neuropathologe machen konnte. Der vorliegende Artikel befaßt sich mit einem wenig bekannten Aspekt dieser Karriere, nämlich der wissenschaftlichen Verwertung der Gehirne von Euthanasieopfern, die Heinrich Gross und verschiedene MitarbeiterInnen zumindest bis in die siebziger Jahre systematisch betrieben.

Über die Vorgänge an der Wiener Kinderfachabteilung ist inzwischen einiges bekannt. Ich möchte dazu einerseits auf die Publikationen von Wolfgang Neugebauer verweisen, andererseits auf eine unveröffentlichte Dissertation von Matthias Dahl ("Endstation Spiegelgrund", Göttingen 1996), der die bisher umfangreichste Darstellung der Klinik Am Spiegelgrund geliefert hat. Darin widmet dieser auch der wissenschaftlichen Ausbeutung der NS-Euthanasie nach dem Krieg ein eigenes Kapitel, das den Ausgangspunkt meiner eigenen Arbeit darstellt. Matthias Dahl untersucht darin zwölf Publikationen von Heinrich Gross und diversen MitautorInnen aus den Jahren 1955 bis 1966 und weist nach, daß zumindest einigen dieser Veröffentlichungen Untersuchungen an Euthanasieopfern zugrunde lagen. Davon ausgehend möchte ich versuchen, auf der Basis von insgesamt 24 weiteren einschlägigen Publikationen aus den Jahren 1952 bis 1978 und verschiedenen anderen Quellen die Geschichte der wissenschaftlichen Verwertung der Spiegelgrund-Opfer insgesamt nachzuzeichnen.

Als Ergebnis möchte ich vorwegnehmen, daß sich diese Verwertung keineswegs auf Einzelfälle beschränkte. Vielmehr wurden in der Prosektur der Baumgartner Höhe die Gehirne und Rückenmarksstränge eines Großteils der insgesamt fast 800 am Spiegelgrund verstorbenen Kinder aufbewahrt. In den fünfziger Jahren wurden sie dann von Heinrich Gross und verschiedenen MitarbeiterInnen im Neurohistologischen Laboratorium des Psychiatrischen Krankenhauses systematisch ausgewertet. 1968 erhielt Gross ein eigenes Ludwig Boltzmann-Institut zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems, dessen Tätigkeit sich zumindest in den ersten Jahren seines Bestehens ebenfalls auf die Auswertung dieses "einzigartigen Materials" konzentrierte. Ergebnis dieser jahrelangen Forschungen waren Dutzende von Veröffentlichungen, in denen die am Spiegelgrund getöteten Kinder als Forschungsobjekte präsentiert wurden. Nachdem sich Heinrich Gross im Laufe der achtziger Jahre aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zurückgezogen hatte, wurde zwar die Existenz von über 400 Gehirnpräparaten in einem Kellerraum der Prosektur bekannt, die wissenschaftlich wesentlich relevanteren histologischen Schnitte, die von diesen Gehirnen angefertigt worden waren, befinden sich hingegen bis heute im Ludwig Boltzmann-Institut für klinische Neurobiologie. Die Existenz dieser Schnitte wurde lange Zeit bestritten. Erst als die Historikerkommission der Universität Wien im Juli 1998 das Boltzmann-Institut in ihre Recherchen einbezog (Senatsprojekt der Universität Wien "Untersuchungen zur anatomischen Wissenschaft in Wien 1938-1945), wurden sie plötzlich "gefunden" und sollen nunmehr bestattet werden.


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