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Herbert Exenberger
(Veröffentlicht in: Herbert Exenberger (Hrsg.), Als stünd' die Welt in Flammen. Eine Anthologie
ermordeter sozialistischer SchriftstellerInnen. Wien: Mandelbaum Verlag 2000)
Adolf
Unger kam am 11. Juni 1904 in Wien-Leopoldstadt, Springergasse Nr. 4,
als Sohn des Schuhmachers Samuel Unger und Mindel geborene Kress zur
Welt. Adolf, der ebenfalls Schuhmacher lernte und den Gesellenbrief
der Wiener Schuhmachergenossenschaft erhielt, hatte noch zwei
Brüder: Bernhard, der mit seiner Familie und den Eltern nach
Palästina auswanderte, und Max, der dem drohenden
nationalsozialistischen Unheil durch die Flucht in die Schweiz
entrann. Adolf Unger zog es in den Strudel der bitteren Not, der
Arbeitslosigkeit. In einer autobiographischen Skizze,
veröffentlicht am 31. Dezember 1933 im Neuen Wiener
Tagblatt, berichtete der Schriftsteller über seine
Hungerjahre: "Die Inflation kam. Die Krise. Die Arbeitslosigkeit.
Viereinhalb Jahre stand ich ohne geregelte Arbeit da. Ich versuchte
und packte alles an, was sich mir bot. Mehr als ein Jahr stand ich an
der Lerchenfelderstraße, Ecke Albertgasse, als Kolporteur und
verkaufte Zeitungen ... Wollte den Eltern nicht mehr zur Last fallen.
Ging auf die Walz. Kam nach Italien. Arbeitete bei Bauern auf dem
Felde. Flickte Schuhe. In Triest selbst war ich Taglöhner.
Werkte im Hafen als Träger. Bei den Bahnhöfen erwartete ich
die Ankommenden. Trug die Pakete. Holte Fuhrwerke herbei. Beschaffte
Quartier. Spielte Fremdenführer. Litt Hunger. Und kam endlich
nach Wien zurück. Als veränderter Mensch."
Die Volkshochschulen, die Arbeiterbildungsvereine wurden Adolf
Unger zur geistigen und kulturellen Heimat. Hier war es, wo der
Arbeiterschriftsteller für seine literarischen Gehver-suche
erste aufmerksame Zuhörer und Gleichgesinnte fand. In der
Zweigstelle Leopoldstadt der Wiener Volkshochschule, Zirkusgasse Nr.
48, leitete ab 1929 der Lyriker und Publizist Ernst Schönwiese
als Dozent die literarische Fachgruppe. In dem Hörer Adolf Unger
fand Schönwiese einen treuen, eifrigen und
begeisterungsfähigen Mitarbeiter. Er wurde Fachgruppenobmann
dieser literarischen Fachgruppe. Lesungen aus eigenen Werken in der
Wiener Urania und in anderen Arbeiterbildungsstätten machten
Adolf Unger bekannt. Selbständige Lyrikbände umfassen neben
mehreren Beiträgen in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelwerken
sein lyrisches Werk. Über das Leben und Leiden der
jüdischen Bevölkerung in dem galizischen Städtchen
Sieniawa, wo Adolf Ungers Eltern und er selbst heimatberechtigt
waren, verfaßte der Schriftsteller einen Roman. Leider ist das
Manuskript bis zum heutigen Tag verschollen geblieben. Für das
Rote Kunstkollektiv stellte er im Oktober 1933 eine Revue "Da
stimmt was nicht" zusammen. Dafür hat der Arbeiterschriftsteller
eine Reihe bekannter sozialer Chansons mit knappen Dialogen zu einer
Szenenfolge verbunden, die das Leben in dieser bewegten Zeit aus dem
Blickwinkel anklagender Satire schildert. Beim ersten Autorenabend
der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller am 18. Mai
1933, der unter dem Motto "Literarischer Rechenschaftsbericht 1932"
stand, las Adolf Unger aus seinen Dichtungen. Für sein
literarisches Werk erhielt er gemeinsam mit Hilde Spiel, Ernst
Waldinger und Ludo Gerwald den Julius Reich-Dichter-Preis des
Jahres 1933.
Am 2. April 1930 heiratete Adolf Unger Sobel Leifer. Nach der
behördlichen Auflösung der Vereinigung sozialistischer
Schriftsteller 1934 finden wir Adolf Unger in der Vereinigung
Junge Kunst und in dem 1936 von Viktor Matejka, Otto Spranger und
Anton Forcher gegründeten Österreichischen
Arbeiter-Schriftstellerverband.
Zwei Jahre später, nach der NS-Besetzung Österreichs im
März 1938, flüchtete die Familie Unger nach Belgien. In
diesem Exilland wirkte Adolf Unger bei kulturellen Veranstaltungen
mit. So trat er gemeinsam mit dem Konzertmeister der Wiener
Volksoper, Fritz Brunner, der Sängerin Paula Baeck und dem
Sänger Karl Weissenstein und anderen Künstlern bei einer
"Wiener Akademie" des Cercle Culturel Autrichien
(Österreichischer Kulturverein) am 29. März 1939 in
Brüssel auf. Am Tage der deutschen Invasion in Belgien, am 10.
Mai 1940, wurden deutsche und österreichische Emigranten und
andere Personen in einer Atmosphäre der Panik verhaftet und
interniert. Der Transport dieser Häftlinge nach Frankreich fand
in Viehwaggons statt. Unter ihnen war Adolf Unger mit seiner Familie.
Mehrere Lager in Frankreich, etwa Gurs, Rivesaltes, Mont Louis,
wurden nun zu Aufenthaltsorten von Adolf Unger, seiner Frau Sobel und
ihrer Tochter Hanna (geboren am 27. Jänner 1935).
Am 5. September 1942 wurde die Tochter von der im Lager Rivesaltes
tagenden Kommission von einem Transport nach Drancy ausgenommen und
in eine Kinderkolonie überstellt. Sie überlebte als einzige
ihrer Familie. Am 11. September 1942 ging der Transport Nr. 31 von
Drancy nach Auschwitz-Birkenau ab. Der Transport kam am 13. September
1942 in Auschwitz an. Trocken vermerkt das Kalendarium von
Auschwitz:
"13. 9. RSHA-Transport aus dem Lager Drancy, 1.035 Juden. Nach der
Selektion lieferte man 2 Männer als Häftlinge ins Lager
ein, sie bekamen die Nr. 63529 und 63530, sowie 78 Frauen, sie
bekamen die Nr. 19530-19607. Die restlichen 955 Personen wurden
vergast."
Adolf und Sobel Unger waren unter diesen 955 Personen.
Seit 21. Oktober 1969 erinnert in einer großen Wiener
kommunalen Wohnhausanlage im 10. Bezirk eine Adolf Unger-Gasse an
diesen österreichischen Schriftsteller. Am 19. März 1997
wurde am Geburtshaus von Adolf Unger, Springergasse 4, 1020 Wien,
eine Gedenktafel enthüllt.
Selbständige Werke
Im Trott. Gedichte. Wien, Leipzig: Europäischer Verl. 1933.
32 S.
Zeitstrophen. Neue Gedichte. Wien, Leipzig: Europäischer Verl.
1934. 38 S.
Die Linie. Neue Gedichte 1937. Wien: Selbstverl. 1937. 29 S.
Gedichte von Adolf Unger 1941-42. Basel: Max Unger o. J. 15 S.

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