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Winfried R. Garscha Die verhinderte Re-Nazifizierung
Publiziert in: Herbert Arlt (Hrsg.), Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien (=
Österreichische und internationale Literaturprozesse, Bd.15), Universitätsverlag
Röhrig, Sankt Ingbert 2002, S. 27-44.Herbert Steiner und das Österreich des Herrn Karl
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Jura Soyfer war nur einer - wiewohl der Prominenteste - jener vielen Menschen, für deren
Andenken Herbert Steiner Entscheidendes geleistet hat. Es wäre daher nahe liegend, im
Zusammenhang mit dem Thema Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien auf den
überragenden Anteil des Begründers des Dokumentationsarchivs des österreichischen
Widerstandes für die Herausbildung einer kritischen Sicht auf die österreichische Zeitgeschichte
einzugehen. Herbert Steiner ist am 26. Mai 2001 verstorben, zahlreiche Nachrufe (1) hoben
seine Originalität als Forscher, vor allem aber sein Geschick und seine Umsicht als
Wissenschaftsorganisator hervor. Herbert Steiner war ein begnadeter Kommunikator, der
"Grenzen überschritt" (2) - sowohl geographische und politische als auch solche der Methoden
und Wissenschaftsdisziplinen. Thema dieses Beitrages ist allerdings keine weitere Würdigung der Einzigartigkeit dieses energiegeladenen, toleranten und pragmatischen "Liebenswürdigen", der so war, "wie sich ein Antikommunist sicherlich nie einen Kommunisten vorstellt". (3) Was hier versucht werden soll, ist das Zusammentragen von Argumenten für eine neue Sicht der österreichischen Gesellschaft zwischen dem Abschluss des Staatsvertrags 1955 und dem Beginn der "Ära Kreisky" 1970. Ich möchte hierfür sowohl das, was typisch war an Herbert Steiner und seiner Generation heranziehen, als auch das, was als seine individuelle historische Leistung bleiben wird: die Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) und der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (ITH, heute International Conference of Labour and Social History) - zwei Einrichtungen, denen außer ihrer räumlichen Nähe vordergründig nur die Tatsache gemein ist, dass sie beide auf Initiativen Herbert Steiners zurückgehen; ich werde versuchen, diese Gründungen zusammen zu denken und zu zeigen, dass ihnen ein Konzept zu Grunde liegt, das Bestandteil einer neuen Erinnerungspolitik Anfang der sechziger Jahre war, einer Erinnerungspolitik, die sich schließlich gegen den Widerstand sowohl von "oben" als auch von seiten breiter Kreise der österreichischen Bevölkerung durchzusetzen begann. Was war das Typische im Leben dieses so außergewöhnlichen Menschen? Es ist der Weg eines sozial engagierten, politisch und kulturell interessierten Österreichers, der im Roten Wien herangewachsen war, als Jugendlicher die Niederlage der Sozialdemokratie im Februar 1934 erlebte und sich der illegalen kommunistischen Bewegung anschloss, nach dem "Anschluss" 1938 als Jude ins Exil getrieben wurde, sich dort über die Parteigrenzen hinweg für ein neues, demokratisches Österreich einsetzte, während zu Hause seine Eltern ermordet und viele Freunde eingesperrt und hingerichtet wurden, der nach der Befreiung heimkehrte, politisch aktiv war - und nach zehn, fünfzehn Jahren feststellen musste, dass er unter Menschen lebte, die sich und anderen einreden wollten, von all dem, was er und Zehntausende mit ihm erlitten hatten, nichts gewusst zu haben. |
Zu Herbert Steiner |
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Die Zeit, von der hier die Rede ist - die erste Hälfte der 1960er Jahre - ist zumindest teilweise
ein "blinder Fleck" in der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung. Die Zeitungen waren damals voll mit Meldungen wie: Treffen Kennedy/Chruschtschow in Wien, Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Italien um Südtirol, zwischen Österreich und der Sowjetunion um das Assoziierungsansuchen der österreichischen Bundesregierung an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Auseinandersetzungen zwischen ÖVP und SPÖ um die Aufhebung des Einreiseverbots für Otto Habsburg, Krise in der SPÖ um den ehemaligen Innenminister Franz Olah ... Diese Themen finden sich auch in der Geschichtsschreibung. Doch die österreichische Gesellschaftsgeschichte jener Jahre, der soziale Untergrund, auf dem die oben angesprochenen politischen Ereignisse stattfanden, ist wenig erforscht. Ernst Hanisch, den von den "langen fünfziger Jahren" (1947/48 bis Mitte der 1960er Jahre) spricht, konstatiert ein konservatives Paradigma: das "goldene Zeitalter des Heiratens und Kinderkriegens" und die "Rückkehr der Gegenaufklärung" nach einer kurzen Aufbruchsphase in der unmittelbaren Nachkriegszeit, bei gleichzeitigem explosionsartigem Wirtschaftswachstum und Fetischisierung der Technik. (4) Was mich in diesem Beitrag interessiert, sind allerdings nicht die von Hanisch analysierten langfristigen Trends, sondern die "Tektonik" - jene Spannungen, die die Dynamik jenes gesellschaftlichen Untergrunds bildeten, den Hanisch anspricht, und die letztendlich entscheidend dafür waren, in welche Richtung sich die von ihm beschriebene Modernisierung entwickelte. Denn dass die Resultante der unterschiedlichen Kräfte der - von Hanisch so genannte - sozialliberale Konsens mit einer (unter der Regierung Josef Klaus angekündigten und in der Ära Kreisky dann vollzogenen) sozialen und kulturellen Öffnung sein würde, stand meines Erachtens am Beginn der sechziger Jahre keineswegs fest. Es waren vielmehr auch Tendenzen in Richtung einer technologisch modernisierten Variante provinziellen Autoritarismus festzustellen. Denn der optimistische Blick in die Zukunft, der diese Epoche kennzeichnete, war keine Abkehr von der nationalsozialistischen Vergangenheit, sondern ihre nostalgische Verklärung (Stichworte: Kriegserinnerungen der "Soldatengeneration" und die Bewunderung der Hitler'schen Autobahnen im Zeitalter der beginnenden Massenmotorisierung). Der seltsame Widerspruch zwischen dem öffentlichen Diskurs und dem, was "die Leute" redeten - in der Familie, auf Betriebsfeiern, beim Heurigen und in Dorfgasthöfen - ist ein Hinweis auf das, was es zu erforschen gilt. Im vorliegenden Beitrag werden nur erste Überlegungen vorgestellt, warum diese Jahre als ein Versuch der Re-Nazifizierung Österreichs gesehen werden können - und warum es nicht zuletzt die von Persönlichkeiten wie Herbert Steiner verfolgte Erinnerungspolitik war, an der dieser Versuch scheiterte. So bestechend Hanischs Bild von den "langen fünfziger Jahren" auf den ersten Blick erscheint, es ist meines Erachtens zwar zur Beschreibung der Entwicklungsstränge geeignet, muss aber für die Feinanalyse ergänzt und differenziert werden. Das für die gängige politik- und diplomatiegeschichtliche Historiografie entscheidende Jahr 1955, annus mirabilis (Stourzh) (5) der neuen österreichischen Geschichte, ist dem an Gesellschaftsgeschichte interessierten Autor nur ein kurzes Kapitel (6) am Ende des Abschnittes über die "langen fünfziger Jahre" wert. Einen Konnex zur gesellschaftlichen Entwicklung in Österreich stellt er nicht her. |
Die "langen fünfziger Jahre" (Ernst Hanisch) |
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Hanischs Wertung der gesellschaftsgeschichtlichen Irrelevanz des 15. Mai 1955 ist insofern
plausibel, als der Abschluss des Staatsvertrags mit den Alliierten vordergründig tatsächlich
keine innenpolitische Zäsur darstellte. Doch für den Umgang Österreichs mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit markierte er einen Wendepunkt, dessen Richtung bereits
ein wenig beachtetes Ereignis nur acht Wochen nach dem Abzug des letzten alliierten
Besatzungssoldaten andeutete: Am 20. Dezember 1955 beschloss der Nationalrat die
Abschaffung der so genannten Volksgerichte, vor denen NS-Verbrechen verhandelt wurden. Die
Verurteilten waren zu 99 Prozent ohnehin schon stillschweigend in Freiheit gesetzt worden, 1957
erfolgte für den Großteil von ihnen allerdings auch eine formelle Amnestie. Gleich nach dem
Staatsvertrag wurde die stille Wiedergutmachung durch die regierungsoffizielle ersetzt (7), im
Juli 1956 beschloss der Nationalrat die Vermögensverfallsamnestie zugunsten verurteilter
Nationalsozialisten. Erst nach dem Abzug der Alliierten im Jahre 1955 konnte das offizielle Österreich so tun, als habe der Nationalsozialismus nie existiert. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt war der Anblick der alliierten Soldaten noch eine ständige Erinnerung daran gewesen, dass die ÖsterreicherInnen, obwohl Österreich 1938-1945 als Staat nicht existiert hatte, sich in dieser Zeit nicht in Luft aufgelöst hatten, sondern in diesem Krieg Partei gewesen waren: Über eine Million österreichische Männer hatten als Soldaten der Deutschen Wehrmacht das Hakenkreuz auf ihrer Uniform getragen, und obwohl natürlich bei weitem nicht alle ÖsterreicherInnen der NSDAP angehört und auch nicht alle MitläuferInnen gewesen waren - von der Privilegierung der "Herrenmenschen" hatten auch diejenigen profitiert, die die nationalsozialistische Raub- und Eroberungspolitik ablehnten. Die Präsenz der Alliierten war aber nicht nur eine permanente Erinnerung an den (im subjektiven Bewusstsein der Bevölkerungsmehrheit ja verlorenen) Krieg gewesen, die Anwesenheit der "Fremden" (und dazu gehörten außer den Besatzungssoldaten auch die Displaced Persons) hatte das Zusammenrücken der "Bodenständigen" gefördert. Schon lange vor 1955 hatte sich eine neue österreichische "Volksgemeinschaft" etabliert, die der Tatsache Rechnung trug, dass die Mehrheit vor 1945 aus Parteigängern des Regimes und MitläuferInnen bestanden hatte; "nicht dazu gehörten" die Fremden - aber auch jene, die schon vor 1945 "nicht dazu gehört" hatten: (überlebende) Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, aber auch die (mehrheitlich zudem noch kommunistisch orientierten) WiderstandskämpferInnen. (8) Felix Kreissler kam bei der Untersuchung des österreichischen Nationalbewusstseins zum Schluss, dass diese neue "Volksgemeinschaft (9)" sich bereits Ende 1945 herausbildete, als die bisherige Abgrenzung - der politischen Eliten, wäre zu ergänzen - vom Nationalsozialismus (die insofern nationskonstituierend war, als sie mit einer heftigen Abgrenzung von Deutschland (10) einherging) durch jene vom Kommunismus ersetzt wurde, wobei, auch von der Besatzungsmächten, an die alten, seit dem 19. Jahrhundert rassistisch aufgeladenen, Stereotypen vom "Feind im Osten" angeknüpft wurde - eine Art ideologischer "Erdrutsch, eine wahrhaftige ,Unterschiebung' eines Konzepts des Nationalbewusstseins durch ein anderes." (11) Zwar hatte nach innen spätestens mit den Nationalratswahlen 1949 (als die ehemaligen NSDAP- Mitglieder wieder mit wählen durften), ein Vorgang begonnen, der nicht nur eine gesellschaftliche Re-Integration der NationalsozialistInnen, sondern auch eine Integration der Jahre 1938-1945 in die österreichische Geschichte bedeutete, nach außen jedoch - mit der These vom ersten Opfer - auch eine strikte Abgrenzung von allem, was mit dem Nationalsozialismus assoziiert werden konnte, vollzogen und die Zweite Republik als Antithese zum Nationalsozialismus (12) propagiert. Nach dem Verschwinden der alliierten Soldaten aus den Straßen der österreichischen Städte verschwand der Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Diskurs. Er verschwand aus den Reden der Politiker, auch wenn diese von den Jahren 1938 bis 1945 sprachen, er verschwand sogar aus dem Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges (die "Kriegerdenkmäler" des Ersten Weltkriegs wurden durch die Namen der Gefallen des Zweiten Weltkrieges ergänzt, selbst wenn das Denkmal die Inschrift "Gefallen für die Heimat" trug). Aus den Kinos war der Nationalsozialismus schon Anfang der fünfziger Jahre, als sich der "Heimatfilm" breit zu machen begann, verschwunden. Und in die Schulen hatte er nie Einlass gefunden. Aber gleichzeitig war der Nationalsozialismus weiterhin omnipräsent: In den Resultaten der "Arisierung" - von den großen Vermögen bis zu den Wohnungen (Zehntausende Wiener Familien konnten 1958 den 30. Jahrestag des Bezugs ihrer neuen Wohnung feiern) -, in der Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft (von der Linzer VÖEST, den ehemaligen "Hermann-Göring-Werken", über die Autobahnen bis zum Prestigeprojekt Nr. 1 der jungen Zweiten Republik, der Kraftwerkskaskade Kaprun in den Salzburger Bergen, deren Bau von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern begonnen worden war). Und, nicht zu vergessen, im Weiterleben des Antisemitismus, obwohl es kaum mehr Juden gab. Vor allem aber war der Nationalsozialismus in der Redeweise der Menschen wie eine nicht weiter zu hinterfragende Selbstverständlichkeit zugegen: Begriffe, die entweder nationalsozialistischer Wortschöpfungen darstellten oder durch ihre spezielle Bedeutungsaufladung durch die Nationalsozialisten nicht mehr unbefangen aussprechbar waren, wurden an die nächste Generation weitergegeben ("bis zur Vergasung" war ein in den sechziger Jahren vor allem von Jugendlichen gebrauchter Begriff für "bis zum Überdruss"). Dass diese Begriffe nicht "irrtümlich" verwendet wurden, bezeugt eine der häufigsten Redewendungen beim Lamentieren von Menschen über die gegenwärtigen Verhältnisse, sei es, dass sie als zu unsicher, zu "modern", zu dekadent oder aus sonstigen Gründen unbefriedigend empfunden wurden - dabei wurde in der Regel mit Daumen und Zeigefinger ein Abstand von wenigen Zentimetern angedeutet: "So ein kleiner Hitler g'herat [gehörte] her!" |
15. Mai 1955 |
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Während sich die materielle Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus geflissentlich
übersehen ließ (13) - gewissermaßen stumme Zeugnisse einer abgehakten Epoche der
Geschichte -, hatten die Überlebenden zumindest die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden.
Wenn sie dies taten, gerieten sie schnell zum öffentlichen Ärgernis. Doch das politische System
war so beschaffen, dass derartige Störversuche des öffentlichen Schweigens über die
nationalsozialistische Vergangenheit ins Leere liefen. Von den in die Konzentrationslager Verschleppten und den ins Exil Vertriebenen waren nicht viele nach Österreich zurückgekehrt. Die wenigen Tausend Jüdinnen und Juden, die nach der Befreiung in Wien lebten, waren in der Israelitischen Kultusgemeinde organisiert. Deren enge parteipolitische Anbindung an die SPÖ garantierte die "Ruhigstellung" der Überlebenden und verhinderte, dass sie ungebührliche (d.h. der antisemitischen Mehrheit der ÖsterreicherInnen nicht "zumutbare") Forderungen stellten. (14) Die Organisationen der WiderstandskämpferInnen in den beiden Großparteien (ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bund Sozialistischer Freiheitskämpfer) führten ein Schattendasein, Persönlichkeiten wie die SPÖ-Nationalratsabgeordneten Rosa Jochmann und Josef Hindels genossen zwar hohe Wertschätzung ihrer GenossInnen, hatten aber kaum realen politischen Einfluss. Der größere Teil der Überlebenden des politischen Widerstandes war aber ohnehin in der KPÖ organisiert und damit politisch kalt gestellt. |
Die Überlebenden von Widerstand und Verfolgung |
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Die Stimmung in breiten Kreisen der Bevölkerung, mit der die Überlebenden von Widerstand
und Verfolgung konfrontiert waren, hat Helmut Qualtinger in einer Schlüsselszene des Herrn
Karl präzis und in unnachahmlicher Kürze im Satz "Is eahm eh nix passiert" zusammengefasst -
ein Satz, der nicht nur die Überlebenden als Zeugen für die Unschuld der Täter aufruft, sondern
ihnen wegen ihres Überlebens auch noch das Recht auf die Erinnerung an das erlittene Unrecht
abspricht: "I maan, schaun S', was ma uns da nachher vorg'worfen hat - des war ja alles ganz anders ... da war a Jud im Gemeindebau, a gewisser Tennenbaum ... sonst a netter Mensch - da ham s' so Sachen gegen de Nazi g'schrieben g'habt auf de Trottoir ... und der Tennenbaum hat des aufwischen müssen ... net er allan ... de andern Juden eh aa ... hab i ihm hing'führt, dass er's aufwischt ... und der Hausmaster hat zuag'schaut und hat g'lacht ... er war immer bei aner Hetz dabei ... Nachm Krieg is er z'ruckkumma, der Tennenbaum. Is eahm eh nix passiert ... Hab i ihm auf der Straßen troffen. I griess eahm freundlich: ,Habediehre, Herr Tennenbaum!' Der hat mi net ang'schaut. I grüaß ihn no amal: ,- 'diehre, Herr Tennenbaum...' Er schaut mi wieder net an. Hab i ma denkt ... na bitte, jetzt is er bees." (15) Raoul Hilberg, der große Holocaust-Forscher, beschreibt in Vorträgen und Diskussionen (16) eine ähnliche Szene aus den sechziger Jahren: Als er, gemeinsam mit einem amerikanischen Freund, zum ersten Mal seit der Flucht seiner Eltern das Haus in der Wiener Wallensteinstraße aufsuchte, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, sah er an der Wohnungstür das Namensschild jener Nazis, von denen seine Familie 1938 aus ihrer Wohnung gejagt worden waren. Sie klingelten, sein Freund fragte die Frau, die öffnete, ob denn hier nicht die Familie Hilberg wohne, und diese antwortete hastig: "Die wohnen nicht mehr hier, die sind im Krieg weggezogen - aber es ist ihnen eh nichts passiert!" Das schlechte Gewissen stand dem Vergessen im Wege, aber es förderte eine selektive, exkulpierende Sicht der Wirklichkeit. Alle wussten es, vor 1938 hatte es fast zweihunderttausend Jüdinnen und Juden gegeben, die in einigen Bezirken Wiens das Straßenbild prägten. Sie waren weggezogen, und es war natürlich allen klar, dass sehr wohl etwas passiert war. Der Herr Karl, ein von Helmut Qualtinger gemeinsam mit Carl Merz verfasstes und am 15. November 1961 im österreichischen Fernsehen ausgestrahltes Ein-Personen-Stück, verursachte einen Skandal, den Hans Weigel in der "Kronen-Zeitung" kommentierte: "Der Herr Karl wollte einem Typus auf die Zehen treten, und ein ganzes Volk schreit Au!" (17) Das Skandalöse am Herrn Karl war die Direktheit, mit der Qualtinger und Merz die Verlogenheit im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit angriffen, sich nicht an die unausgesprochenen Schweige-Gebote hielten. Diese Schweige-Gebote betrafen nur den öffentlichen Raum, privat wurde sehr wohl darüber gesprochen - aber in der Sprache der Täter, die den Notwendigkeiten von Abwehr und Verdrängung folgte, indem die Verbrechen verharmlost und aufgerechnet wurden, man sich über die Opfer lustig machte und die wenigen Überlebenden zum Popanz aufblähte. Wenn von Verbrechen und Kriegsopfern die Rede war, dann von alliierten Bombardements, Wehrmachtsgefangenen in alliierten Lagern und den Plünderungen und Vergewaltigungen der "Russen" in den ersten Wochen nach der Befreiung (die natürlich ein "Zusammenbruch" war). Auch die Israelitische Kultusgemeinde blieb von diesen Stimmungen nicht unbeeindruckt. In der Gemeinde wurde allen Ernstes darüber diskutiert, ob jüdische Frauen Nerzmäntel tragen dürfen, weil die Zurschaustellung von Reichtum antisemitische Reaktionen provozieren könnte. (18) Und, nachdem schon Anfang der fünfziger Jahre der größte Teil des IKG-Archivs nach Jerusalem, an das Zentralarchiv des jüdischen Volkes, abgegeben worden war (19), transferierte die Kultusgemeinde Mitte der sechziger Jahre einen weiteren Teil ihrer Archivbestände nach Israel - ein Ausdruck der pessimistischen Zukunftsperspektive für das Überleben der jüdischen Gemeinden im Österreich jener Zeit. |
Der Herr Karl |
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Der Antisemitismus war 1945 nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, und
selbst in den Jahren 1946 bis 1948, als vom "antifaschistischen Geist" der ersten
Nachkriegsmonate bei den politischen Eliten immerhin noch Reste vorhanden waren, zeigten
amerikanische Umfragen, wie groß der Anteil der Bevölkerung war, den dieser antifaschistische
Geist nicht erreicht hatte: 46 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine Rückkehr
vertriebener Juden aus (20) und zwischen 40 und 50 Prozent hielten den Nationalsozialismus für
eine "gute Idee", die nur "schlecht durchgeführt" worden sei. (21) Aber selbst nach der Gründung des Verbands der Unabhängigen, dem Sammelbecken der ehemaligen Nationalsozialisten, hielten sich Politiker in der Öffentlichkeit mit Äußerungen zurück, in denen der Nationalsozialismus beschönigt oder gar verherrlicht wurde. Wie kontraproduktiv das gewesen wäre, zeigt die Tatsache, dass die Alliierten es noch 1955 für notwendig hielten, Österreich im Staatsvertrag zur Einhaltung der demokratischen Rechte für alle "ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Sprache, Religion oder politische Meinung" (Artikel 8) und zur Unterbindung nazistischer Propaganda (Artikel 9) zu verpflichten. (22) Das änderte sich mit dem Abschluss des Staatsvertrags 1955. Traditionsverbände wurden neu oder wieder gegründet, und Politiker traten auf Treffen ehemaliger Wehrmachtssoldaten (darunter auch der "Kameradschaft IV" der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS) auf. Der unbekümmerten Umgang der politischen Eliten mit bisher tabuisierten Themen - bei gleichzeitiger Beibehaltung des informellen Schweigegebots zum Nationalsozialismus als solchen -, ihre ungenierte, öffentlich vorgetragene Anbiederung an die "Soldatengeneration" begünstigte die Radikalisierung des informellen Diskurses über Nationalsozialismus und "Judenfrage". Natürlich wussten die politischen Eliten schon vor der Erfindung der political correctness, dass sich Antisemitismus "nicht gehört". Doch in politisch zugespitzten Situationen findet er Eingang in die Propaganda, vor allem der ÖVP. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist das Plakat für die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten 1986: "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!" - ein zweideutiges Anknüpfen an (teilweise gar nicht als solche wahrgenommene) antisemitische Stereotypen, in diesem Fall die Identifizierung von "jüdisch" mit "Einmischung von Außen", ein Mechanismus, der in der Literatur über die Waldheim-Debatte mehrfach analysiert wurde. (23) Nach demselben Muster war schon 1970 - in der Wahlauseinandersetzung mit Bruno Kreisky - der ÖVP-Kandidat Josef Klaus als "echter Österreicher" vorgestellt worden. Dass Kreisky Jude war, wurde nicht mehr dazu gesagt, konnte aber als bekannt vorausgesetzt werden, was Vorstellungen von den Juden als zugewanderte bzw. als nur teilweise loyale - weil zum anderen Teil ihrem Jüdisch-Sein verpflichtete - "Mit"-BürgerInnen evozierte. Doch in beiden Fällen operierte die Propaganda der Volkspartei mit Anspielungen und Zweideutigkeiten, die den Rückzug auf ein scheinheiliges "so war's doch nicht gemeint!" erlaubten. Doch nur wenige Jahre zuvor hatte die Mobilisierung antisemitischer Ressentiments noch ganz anders ausgesehen. Im Wahlkampf für die Nationalratswahlen 1966 ließ die ÖVP-Führung - unter Bezugnahme auf die kommunistische Wahlempfehlung für die SPÖ - plakatieren: "Die Volksfront droht" (auf den Plakaten war Österreich abgebildet, das von der roten Flut im Osten durch einen Stacheldraht getrennt war). Zumindest bei einer ÖVP- Bezirksorganisationen in Niederösterreich (24) weckte die Identifizierung der SPÖ mit dem Bolschewismus noch ganz andere Assoziationen: Auf halbformatigen, hektografierten Flugblättern wurden die Juden in der SPÖ-Führung aufgezählt, womit die Ingredienzien für die jüdisch-bolschewistische Verschwörung gegen Österreich komplett waren. Man hat oft vom "latenten Antisemitismus" jener Zeit gesprochen. Doch der Antisemitismus war nicht latent, sondern allgegenwärtig - insbesondere in der Alltagssprache der Menschen. Was weiter oben über die Verwendung nationalsozialistischer Begriffe gesagt wurde, gilt in noch höherem Maße für die - historisch ältere - Rhetorik des Antisemitismus. Dass Lehrer durcheinander schreiende Kinder mit Da geht's ja zu wie in einer Judenschul' zum Stillsein ermahnten, war in den sechziger Jahren noch ebenso selbstverständlich wie die schulterklopfende Aufforderung an einen nervösen Zeitgenossen: Nur keine jüdische Hast! Stellen Sie sich eine junge Amerikanerin (25) aus einem jüdischen Elternhaus in Washington vor, die Ende der fünfziger Jahre nach Wien kommt, hier einen Stundenten der Hochschule für Welthandel kennen und lieben lernt. Am Anfang ist alles wunderschön: die alten Häuser, die Paläste, die Musik, die Menschen... Dass sie hier in bitterer Armut lebt, stört nur ihre wohlhabenden Verwandten. Doch als sie besser Deutsch lernt, als sie beginnt, den Wiener Dialekt zu verstehen, wird das Leben für sie immer unerträglicher. Sie kann es nicht begreifen, mit welcher Selbstverständlichkeit der Antisemitismus in aller Munde ist, auch im freundlichsten. Als ob nichts geschehen wäre. Durch den Schmerz, der sie jedes Mal durchzuckt, fällt auch ihrem Mann, der aus der oberösterreichischen Provinz nach Wien gekommen war, auf, welche Monstrosität diese ihm zuvor harmlos erscheinende Redeweise darstellt. Schließlich verlassen sie mit ihrem kleinen Kind dieses Land. Es gab auch weniger harmlose Erscheinungen wie Aktionen und Aufmärsche rechtsextremer Burschenschafter - deren politisches Sammelbecken der Ring Freiheitlicher Studenten war, der bei Wahlen im Durchschnitt ein Drittel der Studentenschaft hinter sich versammelte, fast doppelt so viele wie die sozialistischen StudentInnen - und mehr oder weniger spontane Sympathiekundgebungen für nationalsozialistische Verbrecher, die sich vor Gericht verantworten mussten (darunter sogar für Adolf Eichmann). Weil derartige Aktionen von einem harten Kern neonazistischer Rabauken ausgingen, wurde das Ausmaß, in welchem sich antidemokratische Traditionen an den Universitäten behauptet hatten, in der Öffentlichkeit heruntergespielt und das Fortleben deutschnationalen Gedankenguts als Anliegen einiger Ewiggestriger dargestellt. Diese von beiden großen Parteien, ÖVP und SPÖ, betriebene Verharmlosung war Teil einer Konfliktvermeidungspolitik, wie sie für die politische Kultur der Großen Koalition typisch war. Sie stellte aber gleichzeitig das Brutbeet zur Verfügung, in dem die verleugneten Erscheinungen erst recht gedeihen konnten. In der Regel stützt sich die historisch-kulturwissenschaftliche Analyse von Erscheinungen des gesellschaftlichen Klimas, die in den Medien keinen Niederschlag fanden, auf zwei Quellengattungen: die - ihren eigenen Normen gehorchende - künstlerische Reflexion und die - durch spätere Erlebnisse und Einsichten verformte - Erinnerung von ZeitgenossInnen. Ansonsten wird nach der Methode der negativen Befunde vorgegangen: Welche Themen kamen in zeitgenössischen Quellen nicht vor? Besonders ergiebig sind diesbezüglich - neben Schulbüchern - Festschriften von Firmen, politischen Parteien oder Gebietskörperschaften. Eine nach wie vor wenig beachtete Quellengattung ist der Gerichtsakt. Besonders aufschlussreich für die Frage nach dem Umgang der österreichischen Gesellschaft mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sind natürlich die so genannten Kriegsverbrecherprozesse jener Jahre, in denen LaienrichterInnen nicht nur teilweise skandalöse Urteile fällten (26), sondern mitunter nicht einmal bereit waren, in derartigen Prozessen mitzuwirken. (27) |
Antisemitismus nach 1945 |
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Wesentlich aufschlussreicher für das politische Klima jener Zeit ist jedoch ein
Ehrenbeleidigungsprozess, den ein drei Jahre später zu trauriger Berühmtheit gelangter Wiener
Hochschulprofessor 1962 gegen die Redakteure sozialdemokratischer Periodika anstrengte. Der
Kläger war Taras Borodajkewycz, einer der beklagten Redakteure der spätere Minister und
Nationalratspräsident Heinz Fischer. In diesen Prozessen ging es um den öffentlich erhobenen
Vorwurf Fischers gegen den Professor, dieser sei auf Grund seiner nationalsozialistischen
Gesinnung ungeeignet, die studentische Jugend in demokratischem Geiste zu erziehen. Das
Zeittypische daran war einerseits die Selbstverständlichkeit, mit der es Borodajkewycz für
überflüssig hielt, die Vorwürfe zu widerlegen (allein die Tatsache, dass solche Vorwürfe
erhoben wurden, erfordere - so Borodajkewyczs Anwalt Tassilo Broesigke, eine "strenge
Bestrafung der Beschuldigten") (28), andererseits das von dem ultrarechten Professor und seinen
Gesinnungsgenossen geprägte Klima der Einschüchterung, das vom Gericht nicht einmal
wahrgenommen wurde. Borodajkewycz war nicht bereit, sich mit seinen Kritikern überhaupt auseinander zu setzen. In den späteren Auseinandersetzungen sprach er Parlamentariern und anderen universitätsfremden Personen das Recht ab, sich mit einer Materie, für die sie "nicht zuständig und in ihrer Urteilsfähigkeit offenbar überfordert sind", zu beschäftigen. (29) Er wollte auch ein "umfangreiches Vorbringen" von Argumenten in der Hauptverhandlung "vermeiden" (30) und stellte daher einen umfangreichen Schriftsatz zusammen, in dem er sich - wegen der dem Gericht vorgelegten (übrigens vom späteren Finanzminister Ferdinand Lacina angefertigten) Mitschrift seiner Vorlesung - als Opfer von Bespitzelungsmethoden in nationalsozialistischer Manier darstellte und seine Methode der Benennung von Personen als Juden verteidigte, da der Hinweis auf die "Herkunft" von Personen Ausdruck seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise und "eine notwendige Voraussetzung objektiver Geschichtsforschung" sei. (Borodajewycz bezog sich dabei auf Formulierungen wie die - von ihm vor Gericht nicht bestrittene - Charakterisierung der Rolle des Chefredakteurs der "Arbeiter-Zeitung" im Zusammenhang mit den Ereignissen des 15. Juli 1927: "Der Jude Austerlitz forderte in der Arbeiter-Zeitung zum Bürgerkrieg und zum Putsch auf.") (31) Heinz Fischer wurde am 25. November 1963 wegen Ehrenbeleidigung verurteilt, weil den meisten der als Zeugen einvernommenen Studenten bei Borodajewyczs Vorlesungen "nichts Besonderes aufgefallen sei". (32) Die Beiziehung von geschichtswissenschaftlichen Sachverständigen wies das Gericht ab. Die Drohungen Borodajkewyczs gegen Studenten, die ihn "verleumden", erachtete das Gericht für irrelevant - sie waren aber der Grund, warum Ferdinand Lacina, der sein Studium noch nicht abgeschlossen hatte, es nicht wagte, sich zu dieser Mitschrift zu bekennen. (33) Dieses Klima der Einschüchterung wurde noch zwei Jahre später, am 23. März 1965, in einer Pressekonferenz sichtbar, die Borodajewycz auf Einladung der Österreichischen Hochschülerschaft an der Hochschule für Welthandel abhielt: Die Nennung jüdischer Namen quittierten seine zahlreich anwesenden Studenten mit johlendem Gelächter. |
Der Fall Borodajkewycz |
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Der Fall Borodajkewycz steht heute in den österreichischen Geschichtsbüchern. Doch die von
dem später suspendierten Professor vertretene Geisteshaltung war weit über den kleinen Kreis
rechtsextremer Studenten hinaus verbreitet. Die "Neue Front", die Wochenzeitung der
FPÖ - immerhin der drittgrößten Partei im Parlament - war von Stil und Inhalt nur schwer von offen
neonazistischen Pamphleten zu unterscheiden. Als Partei der "Ehemaligen" war die FPÖ mit
dem Stigma der Deutschtümelei und des Nationalsozialismus versehen und bemühte sich auch
gar nicht, davon loszukommen. Die Verhandlungen der beiden Großparteien mit der FPÖ
wurden daher im Geheimen geführt (insbesondere die SPÖ hoffte, durch ein Arrangement mit
der FPÖ die Große Koalition sprengen zu können): Es "gehörte sich nicht", sich mit dieser
Partei einzulassen, weshalb die Freiheitlichen, trotz ihrer Bedeutung im parteipolitischen
Ränkespiel und der relativen Stärke an den Hochschulen gesellschaftlich weitgehend isoliert
blieben. Doch entwickelte sich damals, Ende der fünfziger Jahre, eine breite nationalistische
Strömung, die über das deutschnationale Lager weit hinaus reichte: Die Unterstützung für jene
nationalistischen Gruppen, die durch Bombenattentate in Italien eine Autonomie für Südtirol
erzwingen wollten. Durch den breiten gesellschaftlichen Konsens, auf den die terroristischen
Aktionen der - verharmlosend "Bumser" genannten - Attentäter in Österreich stießen, konnte
sich die Solidaritätsbewegung für Südtirol zu einem Katalysator für die Formierung und
organisatorische Verfestigung einer parteiübergreifenden Strömung, die Alt- und Neo-Nazis
ebenso einschloss wie österreichische Patrioten. In ganz Österreich zogen Werber von Haus zu
Haus und boten Bücher über die Geschichte Südtirols an - ein Teil des Verkaufserlöses ging an
einen Unterstützungsfonds für die Familien jener Südtiroler Freiheitskämpfer, die von
italienischen Carabinieri gefoltert wurden oder nach ihrer Verurteilung in entlegenen
Gefängnissen schmachteten. Südtirol eignete sich besonders gut für den Brückenschlag zwischen alten Nationalsozialisten, "geläuterten" Deutschnationalen und österreichischen Patrioten, da es nicht mit dem Stigma des Nationalsozialismus belastet war - Hitler hatte die Südtiroler an Mussolini "verraten". Außerdem galten die (damals schon von Schulkindern als "Katzlmacher" verspotteten) Italiener als "Erzfeinde", die Österreich immer wieder in den Rücken gefallen waren. Der österreichische Geschichtsunterricht der sechziger Jahre widmete - wo er sich bereits bis zum Jahr 1918 vortastete - dem Frontwechsel der Italiener im Jahre 1915 breiten Raum. |
Bombenattentate in Südtirol |
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Der eingangs erwähnte, nahezu alle Gesellschaftsbereiche durchdringende reaktionäre
Provinzialismus jener Jahre war Ausdruck eines gesellschaftspolitischen Immobilismus, der
offenbar als Schutzmechanismus gegen die Beschleunigung der sozialen und ökonomischen
Veränderungen funktionierte. Er verband die Verehrung technischer "Modernität" mit einer
kulturfeindlichen Ablehnung jeglicher künstlerischer Reflexion über diese Modernität, war
gekennzeichnet von einer aggressiven Verweigerung des Dialogs mit der nachwachsenden
Generation, der vor allem das Recht abgesprochen wurde, eine Vergangenheit in Frage zu
stellen, die sie nicht erlebt hatte. Die verschiedenen Faktoren dieses Provinzialismus bildeten
eine Allianz, die nicht nur zur Sklerose des politischen Systems der Großen Koalition führte,
sondern auch die Entwicklung von Kultur und Wissenschaft zu ersticken drohte. Über ein
veraltetes Pressegesetz, das die Verhängung von Einfuhr- und Verbreitungsverboten
ermöglichte, über die Bekämpfung von "Schmutz und Schund" und die freiwillige
Selbstkontrolle der Filmindustrie wurde eine wirksame Zensur ausgeübt. Und im Dezember
1960 diskutierten in Reichenau an der Rax Lehrer und Beamte des Unterrichtsministeriums
allen Ernstes darüber, ob man der Schuljugend Zeitgeschichte zumuten könne. Obwohl
Unterrichtsminister Heinrich Drimmel im Vorwort für das Zuschütten von Gräben und das
"heilsame" Vergessen plädierte (34), einigte sich die als "Reichenauer Tagung" in die
Geschichte der österreichischen Pädagogik eingegangene Expertenrunde darauf, dass - auch
wenn die Heldentaten der Wehrmachtssoldaten "nicht verschwiegen werden" (35) sollten -
Österreich ein Opfer des Nationalsozialismus war (was angesichts des oben beschriebenen
gesellschaftlichen Klimas bereits einen Fortsachritt darstellte). Behandelt wird allerdings in
erster Linie der Zweite Weltkrieg, der - wie die Tagungsteilnehmer ihren potenziellen
Adressaten, den Geschichtslehrern, die meist selbst noch in der Wehrmacht gedient hatten, klar
zu machen versuchten - "kein österreichischer Krieg" gewesen sei, sondern Österreich
unermesslichen Schaden zugefügt habe. (36) Von der Vertreibung und Ermordung der
österreichischen Juden war in Reichenau nicht die Rede. Aber Unterrichtsminister Drimmel
berief eine Kommission, bestehend aus Wissenschaftlern, die den drei politischen
Hauptrichtungen des antifaschistischen Widerstandes verpflichtet waren, um Archivdokumente
zum österreichischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zusammen zu tragen: Karl R.
Stadler für den sozialistischen, Georg Jankovic für den katholisch-konservativen und Herbert
Steiner für den kommunistischen Widerstand. Das Projekt scheiterte schließlich daran, dass es
nicht möglich war, die Archivdokumente mit Nennung der Namen zu zitieren, doch publizierte
Karl R. Stadler - teilweise in Zusammenarbeit mit Maria Szécsi - zwei Bände, die sich vor allem
auf Dokumente aus der Justizverwaltung stützten. (37) Georg Jankovic wurde Diplomat,
Herbert Steiner gründete das DÖW. An der Erschließung der Dokumente war auch Ludwig Jedlicka beteiligt, dem es - über die von ihm gegründete Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte - 1963 gelang, an der Universität Wien das erste Institut für Zeitgeschichte einzurichten. Die akademische Geschichtswissenschaft war in Österreich noch zu einer Zeit, als in der Bundesrepublik Deutschland bereits die ersten umfangreichen Arbeiten zur NS-Diktatur erschienen, zeitgeschichtlichen Fragestellungen aus dem Weg gegangen. Zwei Teilbereiche der Zeitgeschichte wurden völlig ignoriert: Die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Widerstandsforschung. Für erstere fand Herbert Steiner einen Verbündeten im damaligen Direktor der Allgemeinen Verwaltungsarchivs (und späteren Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs) Rudolf Neck, der zum ersten Vorsitzenden der ITH wurde. Für die Widerstandsforschung gelang es ihm, die drei "Opferverbände" zu gewinnen; das DÖW hatte sein Büro anfangs in den Räumen des KZ-Verbands. In beiden Bereichen hießen die Aufgaben einerseits Bewahren der Erinnerung durch Sammlung der Dokumente, andererseits Überwindung der provinziellen Enge durch internationale Vernetzung. Herbert Steiner nahm an den ersten europäischen Konferenzen zu Widerstand und Exil teil und blieb durch sein lebhaftes Auftreten vielen TeilnehmerInnen noch Jahrzehnte lang in Erinnerung. Möglich wurde diese neue Vergangenheitspolitik dadurch, dass das mit der einsetzenden ökonomischen Prosperität wachsende Österreichbewusstsein in Widerspruch mit der Deutschtümelei geriet. Anfang der sechziger Jahre wurde der 1956 eingeführte "Tag der Fahne" an den Schulen so populär, dass er 1965 als gesetzlicher "Nationalfeiertag" festgesetzt wurde. Aktivitäten wie die der Gesellschaft für Zeitgeschichte und des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes trugen dazu bei, den Boden aufzubereiten. Entscheidend war aber letztendlich der Schock, den der erste politische Tote der Zweiten Republik auslöste. Hinter dem Sarg Ernst Kirchwegers marschierten, an der Spitze vieler Tausend Menschen, die halbe Bundesregierung und die Spitze des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, die sich des antifaschistischen Gründungsauftrages des ÖGB aus dem Jahre 1945 besonnen hatte. Die Bedeutung des Kirchweger-Begräbnisses für jene Kehrtwendung, die der schleichenden Rechtsentwicklung des gesellschaftlichen Klimas einen Riegel vorgeschoben hatte, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Viele politische Beobachter nahmen diese Trauerkundgebung als einen politischen Neubeginn wahr, der an die besten Traditionen des Jahres 1945 anknüpfte. |
Zeitgeschichte in den sechziger Jahren |
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Die Gedenkkultur, die sich seit den 1970er Jahren in Bezug auf die Geschichte der
Arbeiterbewegung und seit den 1980er Jahren in Bezug auf Österreichs Anteil am
Nationalsozialismus entwickelte, konnte auf dem aufbauen, was in der ersten Hälfte der 1960er
Jahre als Gegenbewegung gegen das trotzige Nichts-gewusst-haben-Wollen, die aggressive
Ignoranz gegenüber Österreichs NS-Vergangenheit, begonnen hatte. Das Verdienst Herbert
Steiners und seiner - damals noch wenigen - MitstreiterInnen war es, dass sie über die Anklage
gegen die Leugner und Verharmloser hinausgingen, und zwar sowohl durch Einbeziehung des
Widerstands gegen die NS-Diktatur als auch die Ausweitung des Blicks auf die
Arbeiterbewegung, als einer denkmöglichen Alternative der österreichischen Geschichte
zwischen 1918 zu 1938. Während diese beiden Jahrzehnte in manchen
populärwissenschaftlichen und journalistischen Abhandlungen als Weg vom Zusammenbruch
der Monarchie über den Bürgerkrieg zum Untergang Österreichs dargestellt wurden, brachte
Herbert Steiner die gestalterische Kraft der Arbeiterbewegung ins Blickfeld - von der
Erzwingung des Wahlrechts über die Sozialreform bis zum Abwehrkampf gegen den (eben nicht
unausweichlichen) Faschismus. Alfred Pfabigan (38) war es, der als Erster auf die seltsamen Lücken im Herrn Karl hingewiesen hat - sowohl in Bezug auf die Aussparung des Holocaust (der Massenmord kommt nicht vor, stellvertretend für ihn steht die Demütigung des straßenwaschenden Juden und die vage angedeutete "Arisierung") als auch in Bezug auf die Biografie des Protagonisten: Der Herr Karl muss im Roten Wien aufgewachsen sein. Die Frage, wie eine Sozialisation, die zumindest im Umfeld der Arbeiterbewegung erfolgte (Qualtinger und Merz zeichnen ihre Figur als Lumpenproletarier), zu solchen - wie die Reaktionen des Publikums auf das Stück zeigten, ja durchaus typischen - Resultaten führen konnte, wird von den Autoren nicht gestellt. Herbert Steiner ging hier einen wesentlichen Schritt weiter als sein persönlicher Freund Helmut Qualtinger, indem er eine Herangehensweise an die österreichische Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts propagierte, die beides "zusammendachte" - Faschismus und Arbeiterbewegung. Die Resultante lautete - angesichts der damaligen Forschungsdefizite - zunächst einmal: Widerstandsforschung. Um gesellschaftspolitisch wirksam zu werden, musste diese vergangenheitpolitische Neuorientierung sich auch um die Überwindung des reaktionären Provinzialismus bemühen. Als Vehikel diente Herbert Steiner die Verdeutlichung des Stellenwerts der österreichischen in der internationalen Arbeiterbewegung und der Aufbau eines internationalen Netzwerks von HistorikerInnen, die inmitten des Kalten Krieges in einem ideologisch so belasteten Bereich wie der Geschichte der Arbeiterbewegung Österreich als neutralen Ort der Begegnung nutzten. Die nahezu gleichzeitige Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung war ein Ausdruck dieses "Zusammendenkens". |
Gedenkkultur ab den siebziger Jahren |
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