Herbert Exenberger


Gefängnis statt Erziehung
Jugendgefängnis Kaiser-Ebersdorf 1940 - 1945
(Der folgende Text wird in den Simmeringer Museumsblättern veröffentlicht.)


Von der Erziehungsanstalt zum Jugendgefängnis

"Da unser Jugendgerichtsgesetz in die reichsdeutsche Gesetzgebung nicht übernommen wurde, hat Kaiser-Ebersdorf die legale Basis verloren und es steht noch nicht fest, wie sich seine Zukunft weiter gestalten wird. Jedenfalls ist die Anstalt gegenwärtig in eine schwere Krise geraten, sie muss dreigleisig geführt werden, da sie nicht nur Zöglinge nach dem österreichischen Jugendgerichtsgesetze, sondern auch Fürsorgezöglinge und Strafgefangene aufnehmen muss. Die Anstalt zeigt daher heute gegenüber der Zeit vor dem Anschluss ein ganz verändertes Bild. Die unmündigen Zöglinge wurden entfernt, die für sie eingerichtete Sonderschule wurde aufgelöst, der Zöglingstand ist auf die Hälfte herabgesunken, das Gruppensystem hat dadurch eine schwere Einbuße erlitten, die Lehrwerkstätten mit der angeschlossenen Berufsschule mussten bedeutend eingeschränkt werden und hochqualifizierte Erzieher sind aus dem Anstaltsdienst geschieden." (1)

Diese Worte, die Oberregierungsrat Richard Seyss-Inquart am 11. März 1941 für sein Referat am Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin zum Thema "Aus der psychotherapeutischen Praxis in der Anstalt für Erziehungsbedürftige Kaiser-Ebersdorf in Wien" wählte, muten fast wie ein Schwanengesang an. Dieses Szenario wiederholte er nochmals in seinen Schlussbemerkungen (2), erweitert - vielleicht als Zugeständnis an die vorherrschende NS-Ideologie - um die neue "kriminalbiologische Station" in Kaiser-Ebersdorf, die vom Anstaltsarzt Friedrich Mras initiiert wurde (3). Genau drei Monate später, am 11. Juni 1941 starb der langjährige Leiter der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiser-Ebersdorf.

Richard Seyss-Inquart (geboren am 3. April 1883), der vom katholischen Priester nach einer Eheschließung zum Direktor des Gefangenenhauses im Wiener Jugendgericht aufstieg, wurde nach dem vom Nationalrat am 18. Juli 1928 beschlossenen Jugendgerichtsgesetz mit 1. Jänner 1929 zum Leiter der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiser-Ebersdorf bestellt (4). Hier versuchte er mit seinem Team durch ein breites Angebot pädagogischer und psychologischer Maßnahmen den Jugendlichen zu helfen. Auf Einladung von Dr. Viktor Matejka beteiligte sich auch Seyss-Inquart im Jahre 1931 an einer Diskussion nach dem Film "Der Weg ins Leben" und einem Vortrag des Volkskommissars für Kultur in der Sowjetunion Anatoli Lunatscharski über Probleme der Jugenderziehung in der Sowjetunion nach dem Ersten Weltkrieg in einem Wiener Kino. Viktor Matejka zählte diese Veranstaltung "zu den schönsten meines Lebens" (5). Dem Diskussionsteilnehmer Richard Seyss-Inquart drohte man jedoch in der Folge mit dem Verlust seines Postens in Kaiser-Ebersdorf (6). Voller Anteilnahme und Bewunderung für dieses in Kaiser-Ebersdorf praktizierte Erziehungsprojekt nach dem Grundsatz: "Ihr sollt nicht strafen, bessern sollt ihr" berichtete Alexander Stern am 17. Juli 1932 in der Arbeiter-Zeitung anlässlich einer Führung für Mitglieder einer sozialistischen Bildungsorganisation durch die Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige (7).

Knapp vor dem so genannten "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, am 2. Jänner 1938, kam es im Wiener Erzbischöflichen Palais nochmals zu einer Begegnung zwischen Viktor Matejka und Richard Seyss-Inquart. Während Matejka Kardinal Theodor Innitzer von einem notwendigen Widerstand gegen die drohende Gefahr aus NS-Deutschland zu überzeugen versuchte, meinte er über den nächsten Audienzbesucher beim Kardinal: "Da kam auch schon der nächste ins Wartezimmer. Es war der Bruder jenes Dr. Seyss-Inquart, der die nationalen Drähte zog und uns bald teils verraten, teils beherrschen sollte. Der Bruder war ein ehemaliger Priester, der im Ersten Weltkrieg die Kinder der Kaiserin Zita seelsorglich zu betreuen hatte und fromme Gedichte schrieb. Nach dem Krieg zog er den Priestertalar aus, heiratete und widmete sich trotz Exkommunikation mit Feuereifer der Erziehung der Jugend. Seither kannte ich ihn, den Schöpfer und erfolgreichen Leiter der modernen Erziehungsanstalt in Kaiser-Ebersdorf. Nun musste ich ihn hier treffen. Wir tauschten aus, was jeder von uns dem Kardinal zu sagen hatte. Es wurde für mich klar, dass Seyss-Inquart den Kardinal von der Unabwendbarkeit des über Österreich kommenden Dritten Reiches überzeugen wollte. Einem so offenherzigen Nazi gegenüber legte ich mir begreiflicherweise entsprechende Zurückhaltung auf." (8)

Viktor Matejka wurde am 1. April 1938 mit anderen Leidensgefährten in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, Richard Seyss-Inquart musste jedoch den abrupten Abbruch seiner pädagogischen Bemühungen in Kaiser-Ebersdorf zur Kenntnis nehmen. Denn der nationalsozialistische Staat zog bei auffallenden, widerspenstigen, mit den Behörden oder dem Gesetz in Konflikt geratenen Jugendlichen die Strafe der Erziehung vor. So meinte etwa der berüchtigte Präsident des nationalsozialistischen Volksgerichtshofes Dr. Roland Freisler:
"Zum Schluss zum Grundsätzlichen der Erziehung im Jugendarrest noch eines: man lasse exzentrische Erziehungsexperimente weg! Wer wirklich glaubt, in wenigen Wochen ausgerechnet dadurch Jugendliche von Pubertätsverirrungen heilen zu können, dass er einen hinzutut, der daran nicht leidet - dem will ich ja seinen aparten Glauben nicht rauben; aber er verschone damit den Jugendarrestvollzug." (9) Friedrich Fexer

Im Jugendgefängnis Kaiser-Ebersdorf waren auch zahlreiche Jugendliche, die Widerstandshandlungen gegen das nationalsozialistische Gewaltregime setzten, inhaftiert. Sie wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie verbotene Äußerungen über Nationalsozialisten oder ihren Staat machten, weil sie die rigorosen Rundfunkverordnungen des NS-Staates missachteten, wegen "Wehrkraftzersetzung", weil sie Umgang mit Kriegsgefangenen pflegten oder es wurde ihnen "Vorbereitung zum Hochverrat" vorgeworfen. Allein im März 1944 mussten sich 54 Jugendliche vor dem Jugendgericht des "Reichsgaues" Wien wegen "Arbeitsvertragsbruchs" verantworten. Insgesamt wurden 73 Wochen Jugendarrest und 19 Monate Jugendgefängnis verhängt. (10) Im Jugendgefängnis selbst gab es dann noch für kleinste Vergehen ein eigenes Hausstrafverfahren. So wurden etwa im Jänner 1944 dem wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilten Gymnasiasten aus dem 2. Wiener Bezirk Friedrich Fexer, weil er verschiedene Schreibbehelfe (Hefte, Bleistifte) ohne ausdrückliche Genehmigung in seinem Besitz hatte, für einen Monat alle Begünstigungen entzogen (11). Als zweites Beispiel soll hier der Metallprüferlehrling Werner Dombrowski aus Friedenshütte bei Kattowitz angeführt werden, der wegen "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" zu fünf Jahren Haft verurteilt und im Jugendgefängnis Kaiser-Ebersdorf am 3. Oktober 1943 mit dem Entzug der Abendkost bestraft wurde, weil ihm ein Briefschmuggel mit Friedrich Fexer nachgewiesen werden konnte. In diesem Brief versprach Dombrowski seinem Freund Fexer "über Aufforderung die Verbringung eines Buches aus der Werkstätte". (12) Ludwig Igálffy-Igály

Die jugendlichen Gefangenen wurden zu verschiedenen Arbeiten innerhalb des Jugendgefängnisses herangezogen, wobei sie in den Werkstätten auch für NSDAP-Dienststellen und für die Wehrmacht arbeiten mussten. So erzeugte man in der Korbflechterei Geschosskörbe für die Wehrmacht, in der Schlosserei und Spenglerei stellten sie Transportkisten für den Rüstungsbetrieb her, in der Schuhmacherei arbeiteten die jugendlichen Häftlinge an der Instandsetzung von "Beuteschuhen" und fertigten diverse Reparaturen für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt an und in der Wäscherei mussten sie die Reinigung der Wäsche für die S.A.-Standarte "Feldherrnhalle" durchführen. Über die Arbeitsbedingungen in diesem Jugendgefängnis erinnert sich der ehemalige politische Gefangene Ludwig Igálffy-Igály: "Ich wurde erst einmal zum Mattenflechten dort eingestellt. Wenn man nicht genug arbeitete, wurde man zum Zopferlflechten verdonnert. Das Unangenehme war, dass das Ding schrecklich staubte. Ich wurde dann von dieser Arbeit befreit, und kam in die Korbflechterei. Der Nachteil der Korbflechterei war, dass im Winter nur ein einziger Ofen drinnen stand und ich gerade im Winter dorthin versetzt wurde, im Jänner, und man jeden Morgen sozusagen die Weidenruten aus dem Becken, das zugefroren war, mit Äxten heraushacken musste." (13)

Am 1. März 1944 waren 388 jugendliche Gefangene in Kaiser-Ebersdorf inhaftiert. Damals waren in eigenen Betrieben 64 Gefangene, für öffentliche Verwaltungen 109 Gefangene, für gewerbliche Unternehmungen und private Betriebe 161 Gefangene und mit Hausarbeiten 19 Gefangene beschäftigt. 18 Jugendliche fielen durch Krankheiten aus und 17 Gefangene waren aus anderen Gründen, sie mussten interne Hausstrafen im Arrest verbüßen, am Arbeitsprozess nicht beteiligt. (14)


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