Gedenkkomplex Judenplatz
Ort des Lernens
Ort der Erinnerung

Seit 1992 arbeitet das DÖW im Rahmen des von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem initiierten und vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebenen Projekts "Namentliche Erfassung" an der Erfassung der biographischen Daten und Todesumstände der österreichischen Holocaustopfer. Ziel der zunächst auf sechs Jahre anberaumten und dann verlängerten Forschungsarbeiten ist es, die jüdischen Opfer sozusagen aus der Anonymität zu befreien, nachvollziehbar zu machen, dass es sich um Zehntausende Einzelschicksale von konkreten Männern, Frauen und Kindern handelte. Gleichzeitig sollte das relevante, großteils im Ausland liegende Quellenmaterial möglichst umfassend im DÖW erfasst und für die österreichische Forschung zugänglich gemacht werden.



Deportationsliste für den Transport XXXIII, 22. 7. 
1942 nach Theresienstadt (Deckblatt)

Die Deportationslisten der Großtransporte aus Wien waren Ausgangspunkt der Arbeiten für das Projekt "Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer".
Ausgangspunkt der Arbeiten waren die Deportationslisten der Großtransporte aus Wien und die Deportationskartei der Israelitischen Kultusgemeinde. Im Laufe des Forschungsarbeiten wurden bereits riesige Bestände von Archivalien, manche davon mit mehr als 100.000 einzelnen Aktenstücken, durchgesehen und ausgewertet; so wurden z. B. die ca. 120.000 Akten der Wiener Opferfürsorge durchgearbeitet. Mittlerweile verfügt das DÖW über mehr als 40 Datenbanken mit rund 400.000 Datensätzen, die - vielfach über mehrere Quellen - Hinweise zum Schicksal von rund 100.000 Personen geben.
Seit Bekanntwerden des Projekts erreichen das DÖW zahlreiche Anfragen zum Schicksal von Angehörigen, von denen ein Großteil beantwortet werden kann. Nicht zuletzt haben viele Überlebende des Holocaust, Angehörige und Nachkommen von Opfern uns mit Informationen und Unterlagen unterstützt.

Als Simon Wiesenthal, Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums, 1994 die Schaffung eines Mahnmals für die Opfer der Shoah anregte, lag es nahe, die Namen der Opfer zu integrieren. Zum damaligen Zeitpunkt - nach erst zweijähriger Laufzeit des Projekts - war dies allerdings nicht realisierbar. Das DÖW, das durch seinen wissenschaftlichen Leiter Wolfgang Neugebauer von Anfang an in die Planungen zur Errichtung des Mahnmals eingebunden war, entwickelte in der Folge Pläne zur musealen Auseinandersetzung mit der Shoah. Im März 1996 erstellte die DÖW-Archivarin Elisabeth Klamper ein Konzept für eine ständige Ausstellung und wies in ihrer Stellungnahme auf das - abgesehen von temporären Ausstellungen - Fehlen einer ausreichenden Dokumentation der Shoah hin: "Anders als zum Beispiel Denkmäler oder Gedenktafeln, die an die Emotionen der Beschauer appellieren, würde in einer ständigen musealen Einrichtung zur Shoah die Vermittlung historischer Fakten mit dem Erinnern eine Symbiose bilden."

Wenige Monate später - im September 1996 - traten das Jüdische Museum der Stadt Wien und das DÖW mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Dauerausstellung zum Thema "Verfolgung und Vernichtung der österreichischen Juden 1938-1945" an die Stadt Wien heran:
"Auf dem neugestalteten Judenplatz bietet sich nun die einmalige Chance, eine museale Einrichtung zu schaffen, welche die Shoah der österreichischen Juden dokumentiert und damit ein seit Jahrzehnten bestehendes Defizit im Ausstellungs- und Museumsbereich Wiens beseitigt. Eine ständige Ausstellung, die das Schicksal der österreichischen Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft darstellt, die vielfältigen Faktoren und Mechanismen beschreibt, die diesen Prozess ermöglichten, und auch die historischen Wurzeln des Antisemitismus erläutert, wäre eine wertvolle Ergänzung zum Mahnmal und den Ausgrabungen, zumal das Denkmal einen Informationsbedarf schafft. Der Platz wäre dann nicht nur ein Ort des historischen Erinnerns, sondern auch des historischen Lernens.
Für eine solche Ausstellung kommt vor allem das Haus der 'Misrachi' (Judenplatz 8) in Frage, über dessen Keller die Ausgrabungen zugänglich gemacht werden sollen. Die Shoah-Ausstellung am Judenplatz wäre auch der gegebene Ort, wo die Namen der 65.000 ermordeten Juden, die derzeit im Rahmen eines DÖW-Projekts erfasst werden, in würdiger Weise sichtbar gemacht werden könnten."

Mit den archäologischen Funden entstand die Idee, Mahnmal und Ausgrabungen zu einem Erinnerungskomplex zu vereinen. Zusätzlich zum Schauraum wurde 1997 die Errichtung eines musealen Sektors im Misrachi-Haus am Judenplatz 8 konzipiert, der als Außenstelle des Jüdischen Museums Wien neben den archäologischen Funden auch Ausstellungen zur Dokumentation des jüdischen Lebens im Mittelalter sowie die vom DÖW erstellte Datenbank mit den Namen und Schicksalen der österreichischen Holocaustopfer beherbergen sollte. Das DÖW verfügt über wichtige Dokumenten- und Fotobestände, die beispielsweise vom US Holocaust Memorial Museum und dem Simon Wiesenthal Centre L. A. verwendet wurden und eine wesentliche Grundlage für eine permanente Ausstellung zur Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der österreichischen Juden darstellen. Nicht nur, aber auch aufgrund der im Misrachi-Haus vorgegebenen räumlichen Enge wurde eine multimediale Dokumentation produziert und damit ein Medium gewählt, das aufgrund seiner flexibeln und vielseitigen Gestaltungsmöglichkeit qualitativ hochwertige Wisensvermittlung bietet. Inhaltlich verknüpfte Verzweigungen, Verästelungen und Sinnzusammenhänge werden dem Betrachter rasch sichtbar bzw. zugänglich gemacht. Ebenso ist es möglich, auf anschauliche, lebendige und - durch die Fülle und Vielfältigkeit des verwendbaren Dokumentationsmaterials (Fotos, Briefe etc., verbunden mit gesprochenen Kommentaren) - sehr persönliche Weise Biographien der österreichischen Opfer der Shoah zu erstellen.

Das Projekt "Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer" ist noch nicht abgeschlossen; die hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Liste der Namen und Daten der Opfer ist provisorisch und wird laufend bearbeitet. Fehler und Ungenauigkeiten sind daher möglich - für Hinweise, Ergänzungen und Korrekturen sind wir dankbar: erfassung@doew.at.


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